Unsere Sprache: Über die Gelassenheit einer alten Dame

In der Debatte um korrekte Sprache fehlt die Meinung einer wichtigen Teilnehmerin: die der Sprache. Während mit der Sprache Gefühle angemessen ausgedrückt werden sollen, drücken sich die Sprecher um den angemessenen Umgang mit den Gefühlen der Sprache. Darum kommt hier einmal eine Leisetreterin zu Wort, die manchmal der Schuh drückt.

Welche Konflikte sie aushalten muss, zeigt dieses Beispiel: Einer spricht zum anderen: „Das sprachliche Gendern konterkariert sein Ziel und stellt das Geschlecht erst recht in den Vordergrund!“ Dem widerspricht der Widersacher vehement. Er betont, dass die Sprache rücksichtslos die Gefühle von nicht Mitgemeinten übergeht und darum geschliffen werden muss.

Die Sprache möchte schlichten, doch sie weiß nicht wie: „Ist es diskriminierend, das generische Maskulinum zu empfehlen? Oder ist das Sternchen schlimmer? Wie nehme ich Rücksicht auf Gefühle, die es gibt, und auf solche, die es geben könnte?“ Hier ist die Sprachlose Opfer der wohlgemeinten Politik. Das Wohlmeinende ist wieder einmal Zaungast in der Sache und Blockwart in der Haltung.

Sprache kann sich von ihrer eigenen Vagheit kaum befreien

Das Logikproblem ist zwingend. Wäre die Sprache ein Betriebssystem, säßen die Sprecher jetzt vor einem Bluescreen. Nun ist die Sprache hier eine Person und darf daher vage sein. Wenn jetzt die Logik fragt, wo die vage Dame sei, kann sie sagen: Hier und dort zugleich. Die Vagheit führt dazu, dass das Missverstehen der Normalfall der Kommunikation ist. Wer das weiß, kann es mit Würde und Humor ertragen. Wer das nicht wissen will, bemüht den Streit, um zu entscheiden, was voneinander nicht zu scheiden ist.

Es ist redlich, Verletzungen zu vermeiden, die unbedachte Worte verursachen könnten. Ja. Doch wenn einer etwas zu sagen sein lässt, weil das nur einer sagt, der Sachen sagt, die man nicht sagen sollte, ist das unsäglich. Und es ist in der Folge auch unredlich, weil Menschen vor Möglichkeiten beschützt werden sollen, nicht vor Tatsachen. Eine mögliche Verletzung ist wie eine Mine im Feld. Doch kein Mensch kann eine Mine entschärfen, wenn er das Feld nicht betreten darf, in dem sie liegen könnte. Damit wird nicht die Mine zum Problem, sondern das Feld.

Die Sprache kann sich von ihrer eigenen Vagheit kaum befreien, denn so wie erst Dornen eine Blüte reizvoll machen, so ist die Sprache mit historischen Begriffen gewachsen, an denen sich ihre Begreifer stören. Besonders dann, wenn sie von den Dornen gar nicht selbst gestochen werden, sondern die Gestochenen stellvertreten. Wie viele Gutmeinende gehen stellvertretend ins Feld, um die Würde anderer zu verteidigen, die darum gar nicht gebeten haben? Dieselbe Problematik erleben wir bei Corona. Was, wenn die, die gerettet werden sollen, gar nicht gerettet werden wollen? Sie werden gar nicht gefragt. In der Sprache und in der Gesundheit erleben wir die gutmeinende Grobheit der Unbedachten.

„Nehmt mich mit Humor, so nehme ich euch auch.“

Das ist der Kern der Genderei: stellvertretend empört sein, das Denkbare über das Faktische stellen und egozentrisch sein ohne Frage nach der angemessenen Verhältnismäßigkeit. Während es in Diskussionen um verletzungsfreie Sprache oft darum geht, wie man die Sprache so beschneidet, dass jeder sie sorglos anfassen kann, verwelkt ihre Blüte. Bis sie zu Boden fällt und neu gehoben werden muss. Sie wird es ertragen. Aber bis dahin, bis sie sich wieder gesund geschrumpft hat, wird sie uns den Dienst in Teilen versagen und das ist unsere Schuld.

Die Sprache ist unser Sisyphos, den wir unablässig nötigen, uns anzuschieben. Sie sieht uns wieder und wieder den Berg herunterrollen und folgt uns nach, wie tief wir auch fallen. Bei jedem neuen Anstieg erklären wir ihr dann, wie sie es besser machen könnte. Zum Trost für die Sprache schreibt Albert Camus über den Moment, an dem sich wieder einmal das Begriffene vom Begreifer trennt und entgleitet: „In diesen Augenblicken ist Sisyphos seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels.“ Und die Sprache erträgt es mit Humor. Der Art Humor, die Gelassenheit gegen das Schicksal bedeutet.

Wäre die Sprache eine Person, würden wir sie wohl bedauern, weil sie uns so schicksalhaft erdulden muss. Aber dann würde sie uns vielleicht sagen: „Nehmt mich mit Humor, so nehme ich euch auch.“ Tröstend ist: Die Sprache denkt in Zeiträumen, die wir Agitatoren der verletzungsfreien Wunschvorstellung von Wirklichkeit nicht überblicken. Sie wird sich auch vom Gendern erholen. Und uns überdauern.

Foto: Bundesarchiv CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia

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Leserpost

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Karla Kuhn / 03.03.2021

Der ganze Genderquatsch, der uns UNGEFRAGT aufgedrückt wird,  kann mir gestohlen bleiben, ich fange einen Brief an eine Behörde nach wie vor mit “Sehr geehrte Damen und Herren an” Ob die “DIVERS” sind oder nicht, können sie sich dann selber rauspicken, BASTA!  WER das mitmacht, kann sich nicht aufregen aber offenbar ist das wie bei dem “Gefängnis” viele Deutsche wollen oder sind nicht in der Lage, dagegen aufzubegehren. Wenn ich sehe, bei youtube, daß viele Händler “STILLE” Proteste machen, dann sind sie selber schuld, wenn sie pleite gehen. Diese Sparte hätte eine ENORME MACHT, wenn sich ALLE in ganz Deutschland zusammenschließen würden. Sind sie zu feig dazu ? Oder WARUM machen sie es nicht??  Es war eine FREUDE zu sehen, wie ca. 100000 HÄNDLER und Gastonome in ITALIEN mit Töpfen, großen Deckeln, Schöpfkellen und vielen anderen Utensilien mit einem ohrenbetäubendem Krach durch die Straßen gezogen sind. Es war HERRLICH!  SO einen Protest sollten DEUTSCHE HÄNDLER endlich auch machen aber die paar “Hanseln” die still mit ihren Schildern rumstehen, werden doch gar nicht für voll genommen. Im Unrechtsstaat gab es (übertrieben) eine MILLION VERBOTE, 999 999 wurden von den allermeisten ignoriert. Keiner hat sich drum geschert. Stellen Sie sich vor, es wird gegendert aber KEINER macht mit ! DAS wäre die OPTIMALE LÖSUNG aber auch hier kommt offenbar das Sprichwort “Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen ” VOLL zum tragen. Wenn die Zeiten in Bälde vielleicht wieder schlechter werden,  habem die Menschen ganz andere Sorgen als den Genderquatsch. Davon wird nämlich NIEMAND SATT !

Peter Petronius / 03.03.2021

Ich habe eher ein Problem mit den Angliszismen. Heute große Sclagzeile in unserem Wochen-/Amtsblatt: “Gender Pay Gap - 17 %”. Was soll das heißen ..., “Geschlechtsspaltebezahlung mit 17% (MwSt)”? Honi soit qui mal y pense!

F. Auerbacher / 03.03.2021

Vielen Dank Herr Schäfer, dass Sie mit Ihrer glasklaren Ansage: “Samenspender*innen” den Defätismus der aus Konstruktionen wie “Samenspendende” oder sowas spricht,  die Basis entziehen. Biologisch Gebildete verhüllen angesichts dieses Flachsinns sowieso ihr Haupt, aber wenn schon doof, dann richtig!

Wolfgang Schäfer / 03.03.2021

Vor fast 50 Jahren saß ich biertrinkenderweise mit Freunden im Heidelberger “Seppl”. Einer von ihnen wurde von einem Burschenschafter verbal attackiert; er sagte daraufhin. “Laß uns rausgehen, dann hau ich dir die Fresse ein”. Der Bursche war schockiert, nicht ob des Angebots, sondern weil er mit “Du” angesprochen wurde. Wie man sieht, ist der Wunsch nach korrekter Sprache nicht so neu. Zum Thema noch drei Schmankerl: Der Mannheimer Morgen stellt anläßlich des Wahlkampfes in Ba-Wü die “Kandidierenden” vor. Die Heidelberger “Rhein-Neckar-Zeitung” berichtet über ein Mobilitätskonzept für “Pendelnde”. Meine eigene Wortschöpfung zur Darstellung des ganzen Irrsinns: “Samenspender*innen”.

Gerhard Keller / 03.03.2021

Vor mehr als 50 Jahren kamen wir auf der Heimfahrt nach einem Fußballspiel an eine Unfallstelle, bei der ein offensichtlich schwer Verletzter am Straßenrand lag. Zum Glück hielt hinter uns gleich ein weiteres Auto, aus dem eine Frau ausstieg und sagte: “Ich bin Arzt.” Klar, dachte ich: Sie sagt “Arzt” und nicht “Ärztin”, weil es ja hier nur auf ihren Beruf ankommt und nicht auf ihr Geschlecht. - Um 1990 zeigte sich eine Westberliner Linksfeministin empört darüber, dass eine bekannte Ostberliner Bürgerrechtlerin gesagt hatte: “Ich bin Christ.” Im ersten Moment dachte ich natürlich, die Empörung hätte den Grund darin, dass man als stramme Feministin nicht christlich zu sein hatte. Aber dann merkte ich ziemlich erstaunt, dass das Wort “Christ” anstelle von “Christin” gemeint war. - Ebenfalls um 1990 haben einige Frauen auf einem Gartenfest in Berlin von “Soziologinnen” und “Politologinnen” gesprochen, obwohl der Inhalt der Gespräche mit dem Geschlecht eigentlich nichts zu tun hatte.  Dann ging mir ein Licht auf: “Die sprechen das große I.” Das hatte ich bis dahin nur in schriftlicher Form gekannt. Ein befreundetes SPD-Mitglied, das bis heute sozial engagiert und viel in der Welt herumgekommen ist - allerdings offensichtlich in der falschen - hatte das große I bis zu einem Hinweis von mir für einen Druckfehler gehalten. - Sprachliche Stinkbomben legt man natürlich nicht versehentlich. Gerade die größten und lächerlichsten Widersprüche werden einem mit voller Absicht serviert. Wer kritisiert, hat schon verloren. Wie gern z.B. die TAZ die Leser “zur Weißglut” bringt, können wir dort lesen: “Allein die Anzahl von Leser_innenzuschriften, die in der taz-Redaktion eingehen und über die Verwendung von Unterstrich, Sternchen und Doppelpunkt in manchen Texten entzürnt [sic] sind, bringen das E-Mail-Postfach regelmäßig an die Grenzen seiner Kapazitäten.” So sieht also Gendersprache als eine “Bewegung von unten” aus.

Dieter Weiß / 03.03.2021

Bei uns an der Uni gibt es jetzt auch keine Studenten mehr sondern nur noch Studierende. Das ist so ein typisches Beispiel wie das Präzise und Genaue aus der deutschen Sprache herausoperiert wird. Meine Schwiegermutter studiert jede Woche die “Apothekenrundschau” und die “Bunte”. Demzufolge ist sie eine Studierende aber doch kein Student, dafür müsste sie an einer entsprechenden Bildungseinrichtung eingeschrieben sein. Man muss die Sache mit Humor ertragen und die Gender_innen mit den eigenen Waffen schlagen. Ich verwende z. B. das Wort Mücke nicht mehr denn das ist nicht geschlechtsneutral. Gestochen werden wir ausschließlich von den Mückinnen, die männlichen Tiere sind harmlos werden aber mit den weiblichen Blutsaugern in einen Topf geworfen. Ganz analog werden wir auch nur von den Zeckinnen gepiesakt. Also, liebe achgut Leser, lasst Euch etwas einfallen und treibt den Genderwahnsinn auf die Spitze bis den Leuten ihre eigene Dummheit klar wird.

Bernhard Maxara / 03.03.2021

Herr Harmsen, Sie haben in allem recht, aber seien Sie nicht böse: Nicht Ihnen drückt der Schuh sondern Sie! Mich drückt er übrigens auch, aber nicht mir. - Mit der Vernachlässigung des Grammatikunterrichts hat alles angefangen.

Manni Meier / 03.03.2021

Ein gar löblicher Artikel auf der Achse   über die Schönheit und Abgeklärtheit der deutschen Sprache. Aber vielleicht sollte man die “alte Dame” dann doch in ihrer Gelassenheit nicht überfordern. Ich setze mich jetzt mal korinthenkackermäßig für sie ein und fordere hier den den Akkusativ: “Darum kommt hier einmal eine Leisetreterin zu Wort, der manchmal der Schuh drückt.”

Wiebke Lenz / 03.03.2021

Herzlichen Dank, Herr Harmsen. Ich liebe die deutsche Sprache, da ich damit sehr genau ausdrücken kann, was ich denke und fühle. Es ist ein Unterschied, ob ich betroffen oder traurig bin. Es ist ein Unterschied, ob mir etwas leid tut oder ich es bedauere. Und vor allem kann ich mich nicht selbst entschulden, in dem ich lapidar “Entschuldigung” sage - ich muss um Entschuldigung bitten. Was das Gendern betrifft: Wenn Personen nicht in der Lage sind, den Kontext zu erfassen, liegt es an eben diesen Personen, nicht an der Sprache. Zumindest vom Polnischen und Hebräischen weiß ich, dass für gemischte Gruppen die männliche Form gewählt wird. Mir ist nicht bekannt, dass jemand sich darüber erregt oder darunter leidet. Ich selbst durfte übrigens einmal einen Gesetzestext für Kirchenmusiker gegenlesen, als die Mecklenburgische und Pommersche Kirche schon im Vorfeld auf die Nordkirchenfusion in dem Bereich enger zusammenarbeiteten. Wenn dann in einem Satz von “Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern sowie Kantorinnen und Kantoren” geredet wird (und dies, da diese Texte ja Gesetzescharakter haben, nicht nur einmal), fällt es sehr schwer, überhaupt zu erfassen, was in eben diesem oder jenen Paragraphen unter welchen Umständen geregelt werden soll. Dieses geht dann wohl am Sinn sehr vorbei.

N. Szczepanski / 03.03.2021

Sprache dient der präzisen Darstellung des Denkens. In dieser Präzision und Vielfalt von Beschreibungsmöglichkeiten und der damit verbundenen Tiefenschärfe gleicht sie einem Skalpell. Deshalb war bis Mitte des letzten Jahrhunderts Deutsch die Wissenschaftssprache schlechthin und diesbezüglich unerreicht. Basierten doch ein Großteil der Erfindungen und Erkenntnisse in allen möglichen Sparten (Physik, Chemie, Medizin etc.) im deutschen Sprachraum. Aus rein politischen Gründen wurde zwanghaft ein Ersatz in Englisch gesucht, aber nicht gefunden. Texte wurden nur länger. Wegen endloser Umschreibung dessen, was in Deutsch in einem gut formulierten Satz beschrieben werden kann. Nur für den Historiker - egal wo er herkommt - ist Deutsch noch eine verpflichtende Sprache. Ohne die ist die Erschließung von Forschung und Quellen nicht gut möglich. Die Nachfahren der “Dichter und Denker” bilden heute die Avantgarde derer, die diese präzise und trennscharfe Sprache zu einem formlosen Geblubber degradieren und zerstören. Im Englischen und Französischen kaum vorstellbar. Die Sprachlosigkeit und damit Arktitulierunfähigkeit ist das Ziel. Jede Zerstörung fordert den Wiederaufbau heraus. Auch, wenn von den 100 Millionen Muttersprachler nur noch 3 Millionen übrig bleiben. Die Friesen haben das vorgemacht.

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