Der Lyriker, Essayist und gelegentliche Volksredner Peter Rühmkorf (1929 – 2008) empfand sich zeitlebens als Linker, wenn auch als ein sehr freischwebendes Teilchen dieser Kraft. Das hinderte den Künstler – chronischer Fremdgeher in jeder Beziehung – keineswegs an publizistischen Auftritten in anderen Beritten. So schrieb er, immerhin Mitgründer und langjähriger Autor des linken Politmagazins „Konkret“, ab 1974 immer wieder für die FAZ, unter Linken weiland als Flaggschiff der Reaktion verschrien. Dessen Feuilletonchef Marcel Reich-Ranicki hatte an Rühmkorf einen Narren gefressen.
Einen Hofnarren, wie manche von Rühmkorfs Freunden und Bewunderern irritiert befanden. Was war einer wie Rühmkorf im Frankfurter Kapitalistenpflichtanzeiger denn anderes als ein rotes Feigenblättchen? Seine dort für ihn reservierte Bütt, war sie nicht bloß eine Spielart der repressiven Toleranz, gegen die schon der Philosoph Herbert Marcuse die Studentenbewegung impfen wollte? Diente ein Rühmkorf-Stück in der FAZ nicht objektiv bloß dazu, Herrschaftsstrukturen zu verschleiern, Verblendungszusammenhänge aufrechtzuerhalten?
Rühmkorf selber scherten derlei Vorbehalte wenig. Es nütze nichts, immer nur in der eigenen Kirche zu predigen, pflegte er leichthin zu verkünden. Wer die Möglichkeit habe, die andere Seite argumentativ zu erreichen, solle, ja müsse das tun. Nebenbei verhielt es sich natürlich auch so, dass die FAZ generöse Honorare zahlte, im Gegensatz zu der in linken Kreisen angesagten „Frankfurter Rundschau“. Etwas Geld konnte ein einkommensschwacher Poet ganz gut gebrauchen. Denn nicht nur Galilei aß gern gut.
Die verblichene Debatte um publizistische Seitensprünge eines großartigen linken Dichters, dem es erfreulicherweise immer an Linientreue gebrach, erinnert ein wenig an aktuelle, allerdings seitenverkehrte Diskussionen. In konservativen Stammrunden kommt öfters die Frage auf, welche Redakteure und Autoren der etablierten Medien nicht oder wenigstens nicht völlig auf Mainstreamkurs fahren. Wen kann man noch lesen, hören, sehen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen? Gibt es Oasen in der Wüste linkspopulistischen Geschrammels? Dissonanzen im Chor der gleichgestimmten Haltungsjournos?
Das letzte konservative Polit-Magazin wurde 1988 beerdigt
Der Cast, stellt sich rasch heraus, ist überschaubar. Geheimtipps sind rar. Der riesige Bereich der öffentlich-rechtlichen Sender ist für regierungskritische Geister praktisch ein Totalausfall, die Beschreibung als Staatsfunk hochverdient. Das letzte konservative Polit-Magazin (Gerhard Löwenthals zweiwöchentlich ausgestrahltes „ZDF-Magazin“) wurde anno 1988 beerdigt.
In Reportagen, Features und sogenannten Nachrichtenjournalen werden die großen, das Land auf unabsehbare Zeit prägenden Komplexe wie Migration, Europapolitik und „Energiewende“ nie grundsätzlich in Frage gestellt. Kritische Töne und Einwendungen sind von der Art, mit welcher frühe Autotester ihren Affirmationen einen Hauch von professioneller Strenge verliehen: Eigentlich ein toller Wagen, nur der Aschenbecher an der Fahrerseite ist ungünstig platziert.
Auch der „Deutschlandfunk“, lange die einzige Möglichkeit, auch mal ausgeruhte, nicht komplett voreingenommene Politikberichterstattung zu vernehmen, ist nur mehr schwer erträglich. Einer wie Christoph Heinemann, der Interviewpartner regelrecht grillte, auch scheinbare Lichtgestalten keineswegs schonend: nicht mehr oft auf Sendung. Jetzt brabbelt es staatstragend aus den meisten DLF-Formaten. Und ein Tag, an dem Donald T. dort nicht fünfmal mit der Latte auf die Platte gehauen wird, muss sich erst noch einstellen.
Letzteres gilt selbstredend auch für die Druck- und Interneterzeugnisse der privaten Mainstreammedienwelt. Hier gibt es aber immerhin noch ein paar Querschläger, sogar in weithin von Fundamentalkritik ausgenommenen Themenfeldern wie Klimaforschung oder Energiepolitik. Daniel Wetzel von der „Welt“ oder Axel Bojanowski vom „Spiegel“ paddeln immer wieder beherzt gegen die Konsensfluten an. Jasper von Altenbockum leitartikelt öfters mal so, wie es in der FAZ Standard war, bevor Frank Schirrmacher sie auf zeitgeisty trimmte. Auch dem selbstverliebten Alan Posener („Welt“) fällt ab und an ein Gedanke zu, den die Kollegenherde nicht bereits wiedergekäut hat.
Eher geht ein Prantl durch ein Nadelöhr
Klar, in der „Süddeutschen Zeitung“ harren keine Überraschungen auf den Leser. Eher geht ein Prantl durch ein Nadelöhr.
Aber was ist mit Jan Fleischhauer („Spiegel“) und Harald Martenstein („Zeit“, „Tagesspiegel“)? Das Dissidenten-Doppelpack wärmte schon manch wertkonservative Seele mit hübschen Kolumnen, welche zu beweisen schienen: Ein bisschen Ketzertum ist machbar, Herr Nachbar. Mein Eindruck aus Gesprächen ist nun, dass manchen der Fans ganz allmählich die Freudepuste an fein gesponnenem Abweichlergarn ausgeht.
Die Rede ist hier von Konservativen, nicht von radikalen Rechten. Bei „Politically incorrect“ & Konsorten gelten beide Schreiber längst als „Meinungsmimen“. Mit reichlich Kohle bestallt, um „linksgrün versiffte“ Strukturen in den „Medienkartellen“ zu vertuschen. Meinungspluralität vorzugaukeln, die in Wahrheit ausgemerzt wurde. Das ist der Rühmkorf-Verdacht, den die heutige Hartrechte von der Altlinken gelernt hat.
Nun könnte man ja mit Blick auf das Umfeld von Fleischhauer und Martenstein tatsächlich ein wenig argwöhnisch werden. „Fleischi“, wie ihn Anhänger und Verächter nennen (sie halten sich in Leserkommentaren auf „SpOn“ manchmal die Waage) und der „weiße alte Mann“ (Selbstbild Martenstein) schreiben für Medien, in denen immer mehr politische Borderliner unterwegs sind.
Die Namen Sascha Lobo, Margarete Stokowski, Vanessa Vu oder Mely Kiyak stehen für eine Reihe anderer an Hamburgs Ericusspitze oder am Speersort. Wer es sich antun will, kann ihre Darbietungen googeln. Verlinken möchte ich exemplarisch den kürzlich erschienenen, nun ja, Artikel von Georg Diez, der aus dem eigentlich fest verschlossenen Inneren einer Gummizelle irgendwie geschleust worden sein könnte.
Bitteschön, Fleischi! Hallo Martenstein! Wie fühlt man sich denn in so einer Gesellschaft?
Endlich die Reißleine ziehen?
Kann es überhaupt ein richtiges Medienleben im falschen geben? Müssten die beiden „Quoten-Konservativen“, wie sie immer öfter veräppelt werden, nicht endlich die Reißleine ziehen? Ihren Auftraggebern bescheiden:
Sorry, ich kann nicht länger mit meinem guten Namen für ein runtergerammeltes Magazin und seinen hysterisierten Online-Ableger einstehen, die statt Journalismus hauptsächlich Tendenzquark, linkes Strammstehen und apokalyptische Wahnvorstellungen in Umlauf bringen.
Oder:
Tut mir leid, ich möchte nicht mehr für eine Wochenschrift launige Texte liefern, die ein Pro & Contra zur „Flüchtlingsrettung“ druckt, dann vor dem erwartbaren Fäkaliensturm aus der Bestmenschenszene einknickt und anschließend meiner Kollegin Mariam Lau auch noch öffentlich in den Wertesten tritt.
Für diese Haltung hätte ich Verständnis. Finde trotzdem, dass sie falsch wäre. Erstens, weil die Möglichkeiten gering geworden sind, traditionelle Medienkonsumenten überhaupt noch mit Sichtweisen in Kontakt zu bringen, welche von der veröffentlichten Meinung abweichen. Ist nämlich so: Die verbliebenen Spiegel- und Zeit-Käufer lesen selten den „Cicero“, den „European“, „Novo Argumente“, „Tichys Einblick“ oder „Die Achse des Guten“, um nur ein paar Hausnummern zu nennen.
Mag sich ändern. Kann aber dauern.
Den Staatsfunk, nach wie vor wirkungsvollster Einflüsterer der Republik, wird niemand reformieren. Eine Wende hin zur Aufklärung ist ausgeschlossen; sie könnte nicht einmal durch Konsumverzicht erzwungen werden. Selbst wenn kein Schwein mehr Tagesschau oder Heute Journal oder Monitor oder ttt guckte, es änderte sich nichts. In den Anstalten herrscht die Diktatur des Apparats. Sie ist sich, dank Zwangsalimentierung, selber vollkommen genug.
Zweitens finde ich, dass ein Hofnarr unbedingt die Stellung zu halten hat, solange es eben geht. Lesen Sie mal Daniel Kehlmanns fabelhaften Roman „Tyll“. Da wird einem der Gaukler sui generis sympathisch. Und sei es nur als Chronist des zeitgenössischen Irrsinns.
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"Auch der „Deutschlandfunk“ [...] ist nur mehr schwer erträglich." In der Tat. Der DLF geriert sich zunehmend als Hofberichtorgan der "Grünen". Immer häufiger kommen in den Sendungen grüne Politiker wie z.B. Frau Roth, Herr Habeck und Frau Baerbeck enorm ausführlich zu Wort (wobei die DLF-Leute sehr zahme und wohlmeinende Gesprächspartner sind), aber kein einziger Politiker anderer Parteien.
Mich erinnern diese Leute, vielleicht mit Ausnahme von Martenstein, an die Kaberettisten und andere Künstler in der DDR, die immer mal wieder gegen den Stachel tanzten, aber stets die Schmerzgrenze der SED im Blick behielten. Lachen befreit, sagt man, aber in diesen Fällen leider fast nie zum Handeln. Wer sich mit anderen auf die Schenkel klopft und sagt, ja genauso ist es, der steht nicht gegen Mißstände auf, sondern richtet sich drin ein. Der fühlt sich geborgen in einer "schweigenden Mehrheit", aber nicht genötigt, Teil einer aktiven Minderheit zu werden. Dieses Bedürfnis sieht man auch ganz gut in den Kommentaren auf Achgut oder Tichys. Das ist genau die Funktion von Hofnarren. Möglicher helfen sie langfristig, das Faß zum Überlaufen zu bringen, möglicherweise. Aber in der DDR lief das Faß erst über, als die ersten Hofnarren überliefen, d.h. die Seite wechselten und sich bekannten. Insofern können sie mal eine wichtige Rolle spielen, können ... Wo ist heute die andere Seite? Der Name ist auch bei achgut oder tichys fast ein Tabu
Die Frage ist: Kann es ein richtiges Leben im Falschen geben? Adorno meinte damit: „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben.“ Vor allem wenn man öffentlich nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden kann, kann man es privat auch nicht. DANN kann man auch nicht die Reißleine ziehen.
Den medialen Alternativen gegen den täglichen Wahnsinn wären aus meiner Sicht - eine gewisse Neigung zu quer stehender Intellektualität voraus setzend - noch hinzuzufügen die Magazine CATO und Tumult. Sicher keine "Massenblätter" (aber wer will so was schon?), eher wie Sahnehäubchen auf Zwetschgenkuchen. Die Reconquista nimmt ihren Lauf … sie hält weder Ochs noch Esel auf.
Am lautesten verkünden jene ihre Meinung, die am wenigsten Verantwortung tragen. Und finden Resonanz im intellektuellen Prekariat. Keine Kinder, kein Job, keine Ahnung, aber im Brustton der Überzeugung für moralischen Rigorismus auftreten. Ponyhof und Pippi Langstrumpf. – Und wenn es schiefgeht? Dann muss eben Vater Staat Gelder locker machen, dann muss man die bösen reichen Männer stärker besteuern. Und wenn alles nichts hilft, unterwerfen wir uns eben; echte Weiblichkeit ist sowieso viel erfüllender. Mal rein mechanisch betrachtet.
Oh FAZ, wie konntest Du so verkommen? Aus dem etwas steifen Philologenblatt ist eine leichte Postille für Referendare geworden. Es wechseln sich Geruchsbeschreibungen der Merkelfürze ("wie Rosenwasser") ab mit banalen Alltagsratschlägen, als Produktests getarnter Werbung, Verherrlichung schwarzgrüner Regierungsträume, Klimaapokalyptik und unverständlichen Rezensionen im Feuilleton ab. Online bitte immer mit Klickbait. Wem gehört der Laden wigentlich wirklich, wer steht hinter der Stiftung? Wäre das das Werk Schirrmachers, würde es mein Vorurteil bestärken, dass er sicher ein netter Mensch war, aber publizistisch doch kei Übertitan.
Zu SPON fällt mir noch eine Lichtgestalt aus Zürich ein, welche gelegentlich durch wirre Pamphlete auf sich aufmerksam macht. Die Dame heißt Sybille Berg und ist laut Wikipedia eine herausragende Dramatikerin aus der ehemaligen DDR.