Von Rocco Burggraf.
Enttäuschung links wie rechts, beim Versuch Deutschland, aus dem Koma zu holen. Das Land scheint von einer kollektiven, lähmenden Depression befallen. Die planvolle, ansteckende Aufbruchstimmung einer Meloni oder eines Milei ist weit weg.
War Corona eine Erfindung der Pharmaindustrie? Natürlich! Natürlich nicht! Ist Trump ein Segen für den Westen? Selbstverständlich! Selbstverständlich nicht! Ist von einer Regierungsbeteiligung der AfD ein Aufschwung in Deutschland zu erwarten. Keinesfalls! In jedem Fall! Kann Deutschland auf Migration verzichten? Natürlich können wir das! Können wir mit unserer Demografie nicht! Kann ein Europa als Verbund eigenständiger Nationalstaaten ökonomisch bestehen? Kann es! Kann es nicht! Gibt es den großen Zerstörungsplan des Tiefen Staates? Nein, zuviel an Verschwörungstheorie! Ja, noch jede noch so absurde Verschwörungstheorie wurde bisher zur Gewissheit! Wird Putin sich nach der Ukraine weitere Territorien einverleiben? Sicher! Ganz sicher nicht!
Wollen die Mullahs die Bombe bauen? Davon sind sie weit weg! Wozu sollten 400 kg hochangereichertes Uran 235 sonst dienen? Die Atomanlagen in 60 Meter Tiefe sind zerstört, es winkt nun eine neue Ära im Nahen Osten! Quatsch, woher will man das wissen? Zerstört wurden ein paar Zugänge! Ist Israels Vorgehen in Gaza zu rechtfertigen? Es handelt sich um Selbstverteidigung und Überlebenswillen! Es handelt sich um zionistische Kriegsverbrechen, ethnische Säuberung, Genozid! Ändern kritische Beiträge in sozialen Netzwerken irgendetwas? Tun sie! Tun sie nicht!
Die gegebenen Antworten werden immer apodiktischer. Selten ist Abwägendes zu finden. Komplizierte Wahrheiten sind out. Kaum jemand interessiert sich im allgemeinen Geschrei noch für ein erörterndes entweder-oder. Es gibt saftige Ansagen! Gern auch persönlich vergiftet. Kommentatoren scheinen in ihren Wohnzimmern reihenweise über direkte Zugänge zu geheimen Informationen und mannigfaltige seherische Fähigkeiten zu verfügen.
In Laberdeutschland kaum Köpfe, die verlässlich liefern
Minuten nach gemeldeten Geschehnissen glänzt man mit intimen Kenntnissen militärischer Operationen und präsentiert die einzig wahrhaftigen Einordnungen. Einerseits verständlich – nichtssagendes, „niemanden verunsicherndes“ öffentlich-rechtliches Gewäsch gab es genug. Andererseits – die Kakophonie der absoluten Gewissheiten wirkt auf die Dauer nicht nur hilflos, sie birgt auch das Risiko, dass die Verkünder von heute schon morgen durch die tatsächlichen Entwicklungen desavouiert sind, ihre mühsam aufgebaute Reputation verlieren und am Ende nichts und niemand mehr bleibt, hinter dem man sich versammeln mag.
Dabei braucht es – freilich nach einer sorgfältigen Abwägung der Argumente – durchaus die klaren, unmissverständlichen, nach hierarchischen Interessen sortierten Antworten. Aber sie schälen sich nicht heraus. Vor allem, weil es im Laberdeutschland kaum Köpfe gibt, die hierzu verlässlich liefern. Und falls es sie gibt, wird ihnen mit verschiedensten Mitteln die Sichtbarkeit entzogen.
Die planvolle, ansteckende Aufbruchstimmung einer Meloni oder eines Milei wird den Deutschen jedenfalls nicht zuteil. An der Diskursfront wünscht man sich den alten, polternden Holzmichel zurück, der ein paar saftige Sprüche drückt und damit den Nagel unmissverständlich auf den Kopf trifft. Haben wir nicht. Unsere Hoffnungsträger in und außerhalb der Parteienlandschaften – linke und rechte übrigens – sind verbrannt. Aus Meuthen wurde ein taktierendes Weichei. Petry schmiss die Brocken hin. Weidel scheint in vielen entscheidenden Momenten zu orientierungslos. Alpha und Blaue wurden Blindgänger. Kurz, Le Pen, Salvini verschwanden als Vorbilder aus dem Rampenlicht in die Bedeutungslosigkeit.
Etliche der politisch engagierten aufrührerischen Coronahelden verstrickten sich – verschuldet oder unverschuldet ist schwer zu beurteilen – in esoterischen und finanziellen Zwielichtigkeiten. Herr Maaßen und Herr Otte mit ihrer Werteunion erwiesen sich als veritable politische Fehlzünder. Aus dem gefeierten Tiktok-Phänomen Krah wurde über Nacht ein Remigrationsrelativierer. Auf Facebook verschwinden jetzt jeden Tag streitbare Geister auf Nimmerwiedersehen. Die Bilanz ist angesichts der statistischen Abstürze Deutschlands ernüchternd.
Aktivistische Girlgroups haben schon lange an Zugkraft verloren
Auch die gegnerische Seite blieb von diesen Abstürzen nicht verschont. Mit Trumps Einzug ins Weiße Haus war der Lack bei den ärgsten Linksextremisten rund um die Grünen ab. Baerbock und Habeck salbadern sich jetzt vorzugsweise außerhalb Deutschlands ihrer Rente entgegen. Faeser scheint (aus Gründen) wie vom Erdboden verschluckt. Aus der Umweltgretel wurde ein medial heruntergedimmtes Fremdschämobjekt.
Aktivistische Girlgroups um Rackete, Reemtsma, Neubauer haben schon lange an Zugkraft verloren. Die schöne Sahra mit ihrem Bündnis erwies sich auch im zweiten Sturmlauf aufs Parlament als das erwartbare sozialistische Strohfeuer. Und ob sich die Wiederaufserstehung der Linken dauerhaft als kompensierende Sammlungsbewegung erweist, wird sich zeigen. Das Personal taugt nach menschlichem Ermessen eher zu einer extrem primitiven Neuauflage der RAF.
Enttäuschung also links wie rechts beim Versuch Deutschland aus dem Koma zurückzuholen. Es scheint, als ob die Aufmerksamkeitsökonomie immer neue Gesichter fordert, nur um sie kurz darauf zu entsorgen. Aufbruch sucht man vergebens – die Republik kehrt nun zum leisen Trott einer linksliberalen Parteienallianz der behaupteten Mitte, allerdings mit nach wie vor totalitären Zensurgelüsten, zurück. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Mit gravierenden Folgen. Wer wie ich, des Sonntags mit dem Auto einmal quer durch die Republik und zurück fährt, erlebt heute Verkehrsteilnehmer, die sich auf den Straßen wie Untote bewegen. Zombies, denen eine Fahrschule nie die Fahrtauglichkeit hätte bescheinigen dürfen. Das Land scheint auf vielen Ebenen von einer kollektiven, lähmenden Depression befallen.
Man diskutiert um des Diskutierens willen
Von einer halbwegs brauchbaren Problemanalyse sind die Deutschen (was immer dieser Begriff auch heute noch meint) jedenfalls Lichtjahre entfernt. Zu dicht ist das über Jahrzehnte gewobene Netz der Abhängigkeiten von staatlichen Transfers. Zu erfolgreich die Geschäftsmodelle mit Waffen, Wunderheilmitteln, Erneuerbaren und Migration. Zu duldsam, zu schläfrig die preußische Kleinstaatenseele. Man diskutiert zwar. Aber im Wesentlichen um des Diskutierens willen. Ein jeder ist sich dabei selbst der Nächste.
Glücklicherweise für den Parteienstaat paralysieren sich so in nahezu allen wesentlichen Fragen die Meinungen. Viel Staat, wenig Staat? Staatsfunk abschaffen oder nicht? Mehr oder weniger Umverteilung? Mehr Europa oder nicht? Auf- oder Abrüstung? Trump oder Putin? Schulden ja, Schulden nein? Kapitalismus/Sozialismus? Ukraine beliefern bis zum bitteren Ende oder nicht? Bedingungslose Handlungsfreiheit für Gottesstaatsverfechter im Namen der Religionsfreiheit durchsetzen oder nicht?
Lediglich das Gendern und die Klimapanik verlieren nun Höhenluft. Die Hardcorejünger werden davon nichts wissen wollen, aber das müssen sie auch nicht. Die per Dauerauftrag vorgenommenen Abbuchungen von den Konten werden den deutschen Durchschnittsbürger noch Jahrzehnte begleiten. Die Bundesrepublik dieser Tage gleicht der Dresdner Carolabrücke, von der alle wussten, dass sie eines Tages versagen würde, und doch wurde abgewartet, bis die normative Kraft des Faktischen Tatsachen schuf. Um einen Ersatz hatte sich aus unerfindlichen Gründen zuvor niemand gekümmert.
Die Pleitewelle marschiert
Und so wird in diesem Land jetzt wie vorhergesagt täglich und routinemäßig hundertfach gemessert. Die Innenstädte verfallen und verdrecken. In nicht wenigen ruft laut der Muezzin. Lehrerinnen tragen in der Hauptstadt "endlich" Koptücher. "Nicht staatszielkonform", will heißen "nicht klimagerecht" investierende Konzerne dürfen dort künftig verstaatlicht werden. Die Pleitewelle marschiert ohnedies.
Die sozialen Netze lässt die Politik derweil von Vorfeld-NGOs nach wie vor systematisch nach von der Mehrheitsmeinung abweichenden Kommentaren "unterhalb der Strafbarkeitsschwelle" durchforsten, die dann doch irgendwie in die Strafbarkeit hineininterpretiert und nicht selten exemplarisch bestraft werden. Die Verfasser können noch hoffen, vor Gericht auf einen der wenigen Richter mit Rückgrat zu treffen. Nicht alle haben dieses Glück. Diese von einem nimmersatten Staatsmonstrum geschaffenen, strukturellen Probleme Deutschlands werden wir so schnell nicht los.
Aufbegehren ist nicht in Sicht. Zu leistungsavers, gefühlig und nabelschauend die gebliebenen Jungen. Zu müde und desinteressiert die meisten der gebliebenen Alten. Digital wird geschimpft und entfreundet. Ich versuche mich gelegentlich in gemässigtem Ton zu äußern. Aber das Meiste ist gesagt. Die Blockierliste ist angewachsen. Der mentalen Gesundheit wegen.
Dipl.-Ing. arch Rocco Burggraf, Jahrgang 1963, ist freier Architekt und Stadtplaner. Er lebt und arbeitet in Dresden. Diesen Beitrag veröffentlichte er zuerst auf seinem Facebook-Account.
Beitragsbild: Susanne Nilsson - Smoke, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Die Euphorie des Überraschungsangriffs der Grünen von 2015, angeführt von der grünen Merkel, ist verpufft. Der Widerstand der Deutschen ist größer als von den grünen Antideutschen erwartet. „Die AfD wird bald weg sein und die alternativen Medien haben keine Chance“ hieß es noch vor 10 Jahren. Keineswegs! Trotzdem sind die Deutschen nicht stark genug, um die Antideutschen zu besiegen. Deutsche und Antideutsche befindet sich in einem Stellungskrieg, solange keine Hilfe von Außen kommt oder ein Blackout oder Staatsbankrott die Lage dramatisch ändert.
Wie schön. Ein weiterer Zustandsbericht über deutsches Gebaren. Die sind Legion. Immer wieder gern geäussert und gern gelesen. Denen kann Jeder zustimmen. Von links über die Mitte nach rechts. # Wo bleibt der Hoffnungsstreifen? Wo das Lichtlein am Ende des Tunnels? Wo bleibt der Hinweis auf mögliche Veränderungen? Wenn Alles als „gottgegeben“ angesehen wird und auch der einzigen Opposition das Vermögen zur Veränderung abgesprochen wird? Dann ist das hier ein einziges Plädoyer für „weiter so“. Kommt, ihr Lemminge. Immer weiter vorwärts, mutig, oder auch gleichgültig, auf die Klippe zu. Ist ja nicht mehr weit. # Artikel, wie diesen hier, empfinde ich so überflüssig wie einen Kropf oder wie Zahnschmerzen am späten Samstag Abend. Der bringt uns nicht weiter. Der läßt uns nur zustimmend nicken und verhindert, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Denn: Schuld am Ungemach sind immer „die Anderen“. # Das können Sie mir jetzt übel nehmen oder auch nicht.
Zwar mag die hiesige Polit-„Elite“ teilweise auch schlechte Stimmung im „Volk“ wahrzunehmen, aber in ihrer Perspektive sind dafür nur AfD-Wähler verantwortlich, also entweder irrelevant oder mit BKA, Staatsanwalt und Richter zu „bekämpfen“. Außerdem legt die hiesige Polit-„Elite“ ja gerade ein 1 Bio Teuronen Sondervermögen-Investitionsprogramm auf. Davon kommen bestimmt ca. 10% in der Wirtschaft und beim „Volk“ an, ganz bestimmt. In ihrer Perspektive wird dann alles gut. Dass es in Wahrheit nur der Kaufpreis für Merzels Kanzlersessel ist, ggf. sogar nur eine Rate davon, und die seit Jahren fehl- bis irregeleitete „Politik“ mit ihren schwerwiegenden negativen Folgen unverändert fortgeführt wird, das wird das ´(Wahl-) Volk hoffentlich bald durchschaut haben und 2029 in „Rechnung“ stellen…
Vieles im Beitrag trifft zu, keine Frage. Er wird allerdings entwertet durch lächerliche, versuchte Schuldzuweisung an Personen, die nie in Regierungsauftrag standen. Und um Habeck, Baerbock, Faeser und Konsorten mache sich der Autor keine Sorgen, deren Anspruch auf üppige Pensionen (von wegen „Rente“, da bestehen gewaltige Unterschiede) wird das Letzte sein, was in diesem Land noch gesichert sein wird. Und letztlich hat die Mehrheit der deutschen Wähler ein „Weiter so“ erst jüngst bestätigt, nicht wahr?
Die Zustandsbeschreibung stimmt schon mal. Aber wie geht es weiter?
Nach dem Krieg erhielten durch die Entnazifizierung Menschen die Möglichkeit, in Verantwortungspositionen zu gelangen, die es in Friedenszeiten nie dorthin geschafft hätten. Das Ergebnis war eine außergewöhnliche Qualität der politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträger in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Wir hielten es als junge Menschen für normal, daß die Vernünftigen und Klugen an der Macht sind – und erkannten nicht, daß dies eine Anomalie der Nachkriegszeit war. Normal ist für Deutschland, daß die Filtermechanismen auf dem Weg zur Macht Narzissmus und Psychopathie begünstigen und daß der Wähler bei der Aufgabe versagt, dies konsequent abzuwählen. Würde der Wähler konsequent das kleinste Übel wählen und konsequent bei Wahlen Qualität wählen, dann würde es auch qualitativ hochwertige Angebote geben. Die Nachfrage würde das Angebot generieren. Die Mehrheit der Wähler wählt aber mit unreifem Gefühl statt mit reifem Verstand – und entsprechend wird geliefert wie bestellt.
Der BRD ist 1989 ihr Korrektiv abhanden gekommen.