
Der Begriff Terror beschreibt einen Zustand, in dem Angst und Schrecken verbreitet werden. Das kann durch direkte Gewaltausübung geschehen, es kann aber auch erzeugt werden durch eine Vision über eine Gefahr, die real noch gar nicht oder überhaupt nicht existiert. Das sind die trivialen Zustände von Terror. Komplexer wird es, wenn das Agieren bestimmter Kräfte zu Spekulationen über zukünftige Zustände führen, die in ihrer ungeheuerlichen Dimension gar nicht konturierbar sind. Allein die Ahnung davon, wohin ein solches Verhalten führen könnte, löst bereits Angst und Schrecken aus. Und, ob durch die Akteure beabsichtigt oder nicht, wenn Angst und Schrecken sich verbreiten, dann ist der Terror allgegenwärtig. Ein Verhalten, das momentan derartige Reaktionen auslöst, ist das der Massenmedien. Im Falle des Absturzes einer Airbus-Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen, bei dem 157 Menschen ums Leben kamen, hat die Medienbranche bis auf wenige Ausnahmen gezeigt, wozu sie fähig ist und vor allem, was von ihr nicht mehr erwartet werden kann. Dass bei diesem Ereignis Menschen ums Leben kamen und dadurch eine emotionale Spannung existiert, ist für die Vertreter des Boulevards wie der öffentlich-rechtlichen Anbieter genug Energie, um die Opfer als Geisel zu nehmen und die Bevölkerung mit Informationsfragmenten, Halbwahrheiten, Verdächtigungen, Volksverhetzung, Schuldzuweisungen und potenzierter Spekulation zu terrorisieren. Nichts von dem, was da in Kübeln in die Verbreitungskanäle gekippt wird, dient der Wahrheitsfindung, nichts von dem hat den Charakter von verantwortungsvollem Umgang mit Information. Alles, was die Branche produziert, entspringt der Mentalität von Quoten-Strichern. Da verwundert es nicht, dass nahezu alle politischen Funktionsträger das Spiel mitmachen und ihre Betroffenheit zu vermarkten suchen, was billig ist, im Vergleich zu der Agenda, die zur gleichen Zeit außerhalb des öffentlichen Fokus gefahren wird. Denn wie passend ist es, dass alle politisch tatsächlich interessanten Themen aus den Kanälen der Verbreitung verbannt wurden. Während die Polit-Puppen allenfalls vor Trümmerteilen in den Bergen mit betroffenen Mienen gezeigt wurden, beschlossen sie im Berliner Parlament, diesmal im Off, doch ganz agil ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine und band die Republik nun auch offiziell an die Eskalationslogik im ukrainischen Konflikt mit Russland. Natürlich ist das so gewollt, aber da wäre doch angesichts der potenziellen Betroffenheit der ganzen Bevölkerung ein bisschen mehr Information am Platz gewesen. Zu viele Fragen sind eben nicht beantwortet, wie z.B. wer sind denn die dortigen Partner, was sind eigentlich Oligarchen und bekommen US-Konzerne jetzt die Fracking-Rechte in der Ukraine? Aber da tappt das deutsche Kollektiv ganz unbekümmert im Dunkeln, das Herz schlägt nun in Haltern am See. Und weil das alles so schön flutschte, wurden gleich noch ebensolche Abkommen für Moldau und Georgien beschlossen. Deutschland, wir weben dein Leichentuch, so dumm waren die schlesischen Weber wahrlich nicht. Zwei Dinge, die verstören müssen und die nicht hingenommen werden können, sollten angesichts der Situation zu bedenken sein: 1. Hat die Staatsanwaltschaft noch eine Vorstellung von Aufgabe, Rolle und Unabhängigkeit, wenn sie das Springer-Blatt mit seiner, auch im Falle des Co-Piloten an den Tag gelegten Volksverhetzung walten lässt? und 2. da die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten ihrem Auftrag nicht mehr nachkommen, als demokratisches Kontrollorgan Informationen für die Bevölkerung aufzubereiten, sondern gezielt Meinungsmache betreiben, ist es an der Zeit, das Monopol zu zerschlagen. Kein Mensch braucht diese aus Zwangsgebühren alimentierten Quacksalber, die nichts als Unrat produzieren.
Die Empörung über diesen Kommentar von Herrn Broder verstehe ich nicht. Denn er hat einen wichtigen Hinweis gegeben auf die zeitgenössische Massenpsychologie und es ist durchaus der Mühe wert, sich die Frage zu stellen, inwiefern in unserer, in das ewige Leben verliebten Gesellschaft amoklaufende Todessehnsüchte sprießen. “In einer Gesellschaft, in der niemand “zurückgelassen” wird, in der jeder eine “zweite Chance” bekommt, egal, was er angestellt hat, in der Noten und Zensuren abgeschafft werden, damit keiner bevorzugt oder benachteiligt wird, in der das Leistungsprinzip praktisch nur noch im Fußball und im Rennsport gilt, in einer solchen Gesellschaft verlieren immer mehr Menschen den Sinn für Realitäten und suchen ihr Heil in der Selbstüberschätzung…. Diese Gesellschaft hat nicht nur den Unterschied von tauglich und untauglich, begabt und unbegabt weitgehend aufgehoben, sie unterscheidet auch nicht mehr zwischen Gut und Böse.” Das ist zentral. Das Böse ist abgeschafft, es zählt nur noch die Selbstverwirklichung und die ist tendenziell maßlos, wobei dieser Begriff seine Nähe zur Selbsttötung verschleiert. Selbstverwirklichung bedeutet in seinem Kern die Fokussierung auf das Hier und Jetzt, die Erkenntnis, das jedes Leben einzigartig ist und wenn es nicht richtig gelebt wird, ein verlorenes Leben ist. Nicht gelebt zu haben heißt, gescheitert zu sein. Und noch mehr: Gelebt zu haben heißt, zu Lebzeiten dem Tode entronnen zu sein. Die Bestätigung dafür leisten die Mitmenschen. Selbstverwirklichung ist eine verschleiernde Worthülse, die im Gegenteil nicht Selbstzufriedenheit, Genügsamkeit im Hier und Jetzt meint, sondern gesellschaftlichen Erfolg, Aufmerksamkeit, die permanente soziale Bestätigung, daß man noch lebt und vor allem, daß man richtig lebt. Wer hat uns in grauer Vorzeit bis heute vor dem Tod geschützt? Die Gemeinschaft. Allein ist man innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden tot. Der soziale Tod bedingt den körperlichen. Das steckt tief im Menschen drin. Deshalb die Sucht nach Aufmerksamkeit, deshalb melden sich die alternden Politiker immer wieder zu Wort, lassen Universitäten ihren Namen führen, deshalb erregte ein Dichter kurz vorm Exitus auf Teufel komm raus nochmal gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf Kosten Israels. “Er lebt ewig in uns weiter” sagen die Pfarrer über die dann doch verstorbenen und spielen damit auf diesen mächtigen Wunsch nach Unsterblichkeit an, den man sich in dieser Gesellschaft durch unendliches Gutsein zu erfüllen hofft. Gutsein heißt sozial zu sein heißt von der Gemeinschaft geliebt zu werden heißt heilig und damit unsterblich zu sein. Und der Pilot? Warum brachte er sich nicht einfach mit Tabletten um? Über seine Persönlichkeit weiß ich wenig und will es auch nicht wissen, denn mir tun seine Angehörigen leid, die seine Ruchlosigkeit ausbaden müssen und ihn als Individuum möchte ich lieber vergessen. Doch der Gedanke ist erlaubt: Warum diese spektakuläre Massentötung? Und die Antwort ist auch erlaubt und keine unziemliche Spekulation mit dem Leid anderer: Um im Gedächnis zu bleiben, und sei es als Bösewicht, um nicht einfach als verwelkte Blume auf dem Kompost der Geschichte zu landen.
Ich halte es für denkbar, leider für wahrscheinlich, dass wir in Zukunft öfter Zuschauer einer grandiosen, wenn auch verheerenden Selbstinszenierung werden müssen. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen nehmen rasant zu. Es wäre sinnvoll zu erkunden, ob sich die Persönlichkeitsprofile des Kapitäns der Costa Concordia und des Co-Piloten Andres L. im Hinblick auf ihre narzisstischen Anteile gleichen. Der Kreuzfahrtkapitän wollte niemanden umbringen, aber er verschwendete keinen Gedanken an die Sicherheit seiner Passagiere, als es um seine Selbstdarstellung als toller Kapitän ging. Andreas L. ging es wohl kaum darum, einen anderen Menschen als sich selbst zu töten. Er konnte die übrige Besatzung und die Passagiere aber so wunderbar verwenden, um seinen Tod zu einem großartigen Spektakel zu machen. Nicht seine Depression machte ihn zum Mörder, sondern seine schwere narzisstische Störung.
Ich verabschiede mich nun von diesem Blog - für immer. Ich habe genug. Ich schäme mich, hier jemals kommentiert zu haben. Angelika Eberl
Wie kann man so einen Kommentar schreiben, wenn die Blackbox noch nicht gefunden und die Schuld des Co-Piloten juristisch immer noch nicht einwandfrei geklärt ist?
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