Die Komplexität unseres modernen Mediensystems verführt Journalisten und Leser mehr und mehr dazu, in einfache Gut-Böse-Schemata zu verfallen – statt wirklich zu argumentieren.
Auch Faktenchecks sind ein gutes Beispiel dafür, wie Inhalte aus sozialen Medien in etablierten Medien als Information behandelt werden. Offensichtlich sind die Faktenchecks dabei selbst bereits Selektion, denn irgendwie müssen die Faktenchecker entscheiden, zu welchen Aussagen, Argumenten, Themen und Behauptungen sich ein Faktencheck aus ihrer Sicht lohnt und zu welchen nicht.
Hier zeigt sich etwas Interessantes, denn offenbar ist Information nicht gleich Information. Eine Information kann auch eine Falschinformation sein, eine irreführende Behauptung oder eine umstrittene These. Vor allem kann Information für das Mediensystem störend sein, sodass es Strategien braucht, um mit den Inhalten, die sich durch neue Technologien dem Mediensystem aufdrängen, zurechtzukommen. Entscheidend ist, dass es diese Information offenbar nicht einfach ignorieren kann.
Darüber hinaus stehen auch Journalisten und Medien im modernen Mediensystem unter ständigem Druck durch Beobachtung, denn auch sie sind abwechselnd Zuschauer, Empfänger und Produzenten. Alles, was sie sagen (oder nicht sagen), kann direkt rezipiert werden und ist dann im Gegensatz zum klassischen Leserbrief für alle anderen einsehbar. Man denke zum Beispiel an den Vorwurf, dass Zeitung A zu Thema B nicht ausreichend berichtet oder dass Journalist Bob etwas vermeintlich Falsches sagt und Journalistin Alice das als klare politische Positionierung auffasst. Man kann sagen, der Journalismus steht heute unter größerer Kontrolle. Er muss präziser sein, kann nicht mehr so einfach nur mit systeminternem Sinn arbeiten, sondern muss seine Inhalte noch mehr als sonst einem Realitätscheck unterziehen. Er muss besser zuhören, mehr wissen, mit unterschiedlichen Experten sprechen, auf die Zuschauer hören, darf sich nicht im Ton vergreifen und so weiter. Das ist Druck.
Das Ordnen von Debatten ist Reaktion auf Komplexität
Wie eingangs erläutert, benötigt eine funktionierende Debatte nicht viel. Nur ein Thema, eine Frage sowie Argumente, mit denen sich die Frage beantworten lässt. Die Debatte braucht außerdem eine Verankerung in der Realität, also in der Welt, wie sie außerhalb der Debatte tatsächlich ist und funktioniert. Je lockerer diese Verankerung im Fundament der Dinge an sich steckt, desto schwieriger wird die Debatte. Sie hat dann keinen Halt, gegen den sie die Argumente prüfen kann. Deshalb ist es so schwierig, über Weltanschauungen oder Glauben zu debattieren.
Faktenchecks zeigen aber gut, dass das Mediensystem auch ungültige Argumente nicht einfach ignoriert, sondern bereitwillig annimmt und verarbeitet. Es investiert dann viel Energie in ein Unterfangen, das Information ordnet. An die Codierung Information/Nichtinformation schließt also ein weiterer Prozess an: ein Ordnungsunterfangen unter Zuhilfenahme von Deutungen. Dieser Prozess ist nicht auf Faktenchecks beschränkt, sondern findet im gesamten modernen Mediensystem statt. Ein gutes Beispiel liefert die Berichterstattung über die private Seenotrettung durch NGOs im Mittelmeer. Wir haben es hier mit einer Frage in der Migrationsdebatte zu tun, die auf einem drängenden Problem fußt, nämlich dass seit 2016 bei der Überfahrt über das Mittelmeer mehr als 14.000 Menschen ertrunken sind.
Eines der prominentesten Argumente gegen diese Arbeit der NGOs lautet wie folgt: Die Anwesenheit von Rettungsschiffen im Mittelmeer sorgt dafür, dass mehr Menschen die unsichere Überfahrt und damit den Tod riskieren. Das Argument stützt sich natürlich auf eine Prämisse, die lautet: Die private Seenotrettung hat einen Pull-Effekt. Genau hier ließe sich das Argument angreifen. Um das Argument zu entkräften und damit den Standpunkt pro Seenotrettung zu stärken, bräuchte man nur die Prämisse zu widerlegen. Journalismus kann das leisten oder zumindest weitere Fragen stellen.
Entscheidend ist, dass dieses Argument haltungsagnostisch ist. Es steht nicht eindeutig für eine bestimmte Position in der Migrationsdebatte, also pro Migration oder contra Migration. Im Mediensystem wird es aber so behandelt. 2018 veröffentlichte die Zeit einen Artikel, in dem ein Pro und Contra der privaten Seenotrettung gegenübergestellt wurden. Kurz darauf entschuldigte sich die Redaktion für den Beitrag – wohl auch, weil es in Folge des Artikels zu großer Empörung gekommen war. Statt das Argument zu entkräften, reagierten viele Journalisten sowie andere Nutzer in sozialen Netzwerken mit Empörung. Statt also tatsächlich zu debattieren, wurde das Argument einer vermeintlichen Haltung zugeordnet. Die Autorin des Artikels müsse migrationsfeindlich sein oder billige den Tod von unschuldigen Menschen. So als sei das Äußern von Argumenten an sich ein eindeutiger Beweis dafür, auf welcher Seite jemand steht.
Ein anderes Beispiel finden wir in der Klimadebatte. Hier stellt sich die Frage, wie die Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen in Zukunft sichergestellt werden soll, wenn diese Energiequellen abhängig vom Wetter sind und somit schwanken. Der Antwort auf diese Frage ließe sich journalistisch mit weiteren naturwissenschaftlichen und technischen Fragen näherkommen. Eine solche Debatte findet aber kaum statt. Dass es in der Klimadebatte überhaupt eine große Reihe an naturwissenschaftlichen und technischen Fragen zu beantworten gibt, das Thema also äußerst komplex ist, das spiegelt das Mediensystem nicht wider. Stattdessen werden Argumente, die der Debatte zuträglich sind, geordnet und zwar wieder in ein binäres Schema: pro oder contra Klimaschutz.
Sandbox für journalistisch-aktivistisches Wunschdenken
Dieses Ordnungsunterfangen im Mediensystem ist der Versuch, Informationen zu verarbeiten, die störend wirken. Der Prozess verläuft dabei nicht auf der Ebene der Debatte, also mit Argumenten, die sich in der Realität bewähren, sondern auf der Metaebene. Er nutzt Zuordnungen der Form: Aussage A ist gleichbedeutend mit Haltung H. Auf diese Weise kommen auch journalistische Kommentare zustande, deren Argumentation hinausläuft auf die Form: „Aussage A offenbart Haltung H und ist somit abzulehnen.“ Es erklärt außerdem, wie es sein kann, dass im Journalismus mit Begriffen wie „Klimaleugner“ oder „Coronakritiker“ gearbeitet wird:
Die Debatte verlässt den Boden der Realität und verlagert sich auf die Metaebene, die geprägt ist von Form-, Gefühls- und Haltungsfragen. Wichtig ist hier nicht, ob ein Argument eine Frage beantworten kann, sondern wo dieses Argument zu verorten ist, wie es geäußert wird, von wem es (sonst noch) geäußert wird oder aus welchen angeblichen Gründen es geäußert wird. Argumente sind nicht einfach, sondern sie sind, was sie angeblich bedeuten.
Wir beobachten hier etwas, das der Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber als Autopoietisierung des Journalismus bezeichnet, womit der Kreis zur Luhmannschen Systemtheorie wieder geschlossen wäre: Journalismus reproduziert sich selbst, indem er sich zunehmend auf sich selbst bezieht, statt sich mit der Welt da draußen zu befassen. Journalisten schreiben über Journalisten, YouTuber sprechen über Politiker, Politiker twittern über Journalisten, woraufhin Journalisten wieder über twitternde Politiker schreiben oder über Journalisten, die ebenfalls über Politiker schreiben, dabei aber die falschen Worte benutzen.
All das findet statt in einem modernen Mediensystem, das klarzukommen versucht mit Komplexität und Informationen, die störend wirken, da sie an Bekanntes anschließen wollen, aber irgendwie nicht so recht zum Bekannten passen. Möglicherweise erklärt dieser Selbstbezug des Journalismus auch, weshalb so viele Menschen den Eindruck haben, der Journalismus würde lügen oder falsch informieren: Da er sich ständig auf sich selbst bezieht und große Teile der Welt außen vor lässt, erscheint er Zuschauern als Sandbox für journalistisch-aktivistisches Wunschdenken, das mit der Lebensrealität „draußen“ kaum etwas zu tun hat. Und weil diese Zuschauer sich das nicht gefallen lassen, kommentieren sie sich online in Rage, werden damit selbst zu Medienproduzenten, über die sich der Journalismus selbst dann wieder ereifern kann.
Fazit
Es zeichnen sich drei Entwicklungen ab:
- Das moderne Mediensystem ist so vielfältig wie noch nie. Es ist kein abgeschottetes System, sondern durchlässig. Wir alle können Teilnehmer sein und zwar als stille Zuschauer oder aber als produzierende Rezipienten, auf deren Informationen sich klassische Medien beziehen.
- Je besser die Möglichkeiten, uns ausgiebig und wahrheitsgemäß über jedes nur erdenkliche Thema zu informieren, desto komplexer die Aufgabe der Meinungsbildung und desto größer ist unser Drang, Ordnung zu schaffen. Da wir angesichts der Flut der Informationen häufig überfordert sind, schaffen wir Ordnung über die Metaebene. Hier zählen statt Argumenten Haltung, Gefühl, Gruppendenken.
- Ordnung schaffen wir am einfachsten durch ein binäres Schema, also Freund/Feind, gut/böse oder richtig/falsch.
Für die Meinungsvielfalt hat das natürlich Konsequenzen. Wenn ein Argument oder auch nur die Nähe zu einem Argument in ein solches binäres Schema eingeordnet wird, dann ist der Negativwert dieses Schemas (böse/Feind/falsch) unsagbar. Es ist zwar Information, aber es ist falsche oder unerwünschte Information – und zwar selbst dann, wenn das Argument valide ist und einen Beitrag zur Problemlösung leisten könnte. So werden letztlich auch die Träger dieser Argumente zu Trägern negativer Information und damit zu Personen, über die man sich zwar ereifern darf, die aber selbst nicht mitreden sollen.
Teil 1 finden Sie hier.
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus: „Sag, was Du denkst! Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture“ von Thilo Spahl (Hrsg.), 2021, Edition Novo. Hier bestellbar.
Weitere Anmerkung
(1) Stefan Weber: „Was können Systemtheorie und nicht-dualisierende Philosophie zu einer Lösung des medientheoretischen Realismus/Konstruktivismus-Problems beitragen?“ in Siegfried J. Schmidt / Gebhard Rusch (Hg.): „DELFIN – 1997: Konstruktivismus in der Medien- und Kommunikationswissenschaft“, Suhrkamp 1997, S. 212–217.
Beitragsbild: Seth Lemmons Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Unsere Journalisten in den „freien“ Medien erinnern eher an Vertreter der Heiligen Römischen Inquisition als an Journalisten. Es geht ihnen darum, ein Urteil zu sprechen und nicht darum, der Wahrheitssuche mittels ehrlicher, kontroverser Diskussion die Ehre zu erweisen.
Was sagen die Anthropologen dazu? Früher mussten wir sehr schnell erkennen wer Freund und wer Feind ist. Darauf sind wir konditioniert. In der modernen Welt gibt es sicherlich einige Kulturtechniken die diesen Prozess verändert haben. Vor einigen Jahren las man eine Zeitung und schrieb vielleicht einen Leserbrief. Man könnten meinen das die direkten Reaktionsmöglichkeiten heutiger Technologien dazu führen das wir wie früher schnell die Keule schwingen und später darüber nachdenken. Zurückrudern tut niemand gerne aber wenn man die wütende Herde vor sich hat flüchtet man lieber. Der nicht ganz so mutige zieht also seine Aussage zurück. Wer hemmungsloser schreit gewinnt dann. Primaten im Zoo verhalten sich ähnlich, andere Tiere wahrscheinlich auch. Wir leben mit unseren Programmen aus der Steinzeit im 21. Jahrhundert.
Ich verstehe nicht so recht was mir der Autor sagen will. „Medien“ waren noch nie dazu da „Debatten“ zu führen und „Informationen“ bereitzustellen (vom reinen Sachbuch ohne jegliche Wertung mal abgesehen), sondern dienten schon immer dazu vor allem dazu eigene Weltvorstellungen durchzudrücken. Ich habe noch nie einen „Journalisten“ erlebt, der nicht von einem tiefen Sendungsbewusstsein durchdrungen war. Was übrigens auch für die guten Journalisten gilt. Nur früher waren da halt mehr unterschiedliche Truppen unterwegs, während heute nur noch der staatliche Propagandaapparat übrig ist.
Debatten finden nicht deswegen nicht mehr statt, weil es da nur um „Haltung“, richtiger Gesinnung, geht, sondern weil bereits die gestellten Fragen völlig sinnfrei sind. So ist die „Klimadebatte“ keineswegs „äußerst komplex“ sondern schlicht vollkommener Unfug. Und das Wort „Klimaschutz“ ist lediglich eine aussprechbare, aber ansonsten willkürliche Aneinanderreihung von Buchstaben. Von dem sonstigen Stuss will ich gar nicht erst anfangen.
Das ist der eigentlich Punkt. Die „Medienschaffenden“ sind inzwischen in eine vollkommene Wahnwelt (und ich meine das pathologisch) abgerutscht, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Jede Verbindung zur Realität ist sozusagen physisch gekappt. Und da sich solche Systeme durch Selbstreflexivität selbst erhalten ist die einzige Lösung der Untergang dieser „Medien“. Was wiederum nur dann funktioniert wenn das sie tragende System auch untergeht.
„Dieses Ordnungsunterfangen im Mediensystem ist der Versuch, Informationen zu verarbeiten, die störend wirken.“
Nö. Das ist lediglich der Versuch die höchst labile und schizoide Persönlichkeitsstruktur der Protagonisten einigermaßen aufrecht zu erhalten. Denn wenn die Wirklichkeit da eindringt, folgt unweigerlich der Kollaps. Und da die das insgeheim spüren gibt es keinen Ausgang.
Es ist eben unmöglich einem Bekloppten klar zu machen, das er bekloppt ist, wie der Volksmund es so weise ausdrückt.
Abbild oder Arrangement? Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Es ist verführerisch, eine komplexe Wirklichkeit zu einem geordneten Arrangement zu vereinfachen, anstatt sie abzubilden. Wohl dem Lehrer, der auf den Irrweg hinweist --- und gehört wird. Ich hatte so einen im Studium. Von den Kommilitonen war nur Bewunderung gekommen. Eine Lektion, die im Gedächtnis haften bleibt.
Genau so ist es: „Wenn ein Argument oder auch nur die Nähe zu einem Argument in ein solches binäres Schema eingeordnet wird, dann ist der Negativwert dieses Schemas (böse/Feind/falsch) unsagbar. Es ist zwar Information, aber es ist falsche oder unerwünschte Information – und zwar selbst dann, wenn das Argument valide ist und einen Beitrag zur Problemlösung leisten könnte. So werden letztlich auch die Träger dieser Argumente zu Trägern negativer Information und damit zu Personen, über die man sich zwar ereifern darf, die aber selbst nicht mitreden sollen.“
Die Welt war schon immer komplex. Was sich geändert hat, ist unser enorm gestiegenes, aber immer noch unvollkommenes Verständnis der Welt durch die Wissenschaften und die Menge an erzeugten und verfügbaren Informationen. Es galt über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende, seit den alten Griechen als Ausweis geistiger Disziplin, eines ausgebildeten Verstandes und als unabdingbar für wissenschaftliches Arbeiten, Emotionen von Erkenntnisgewinn zu trennen. Rationales Denken galt als Voraussetzung nicht nur in Wissenschaften, sondern auch in Politik. Das haben wir über Bord geworfen. Früher haben wir gedacht, heute fühlen wir. Die Komplexität ist für nichts eine Erklärung. Gerade in den Wissenschaften gehen wir den Weg der Vereinfachung. Hat man einmal als Abstrahierung bezeichnet. Denken Sie an „Ockhams razor.“ Die einfachste Erklärung ist im Regelfall die richtige. Ist halt nur schwierig, die einfache Erklärung zu finden. Erinnern Sie sich an die Planetenbahnbeschreibungen vor Keppler. Naturwissenschaften gehen von Natur aus den populistischen Weg. Die Geisteswissenschaften haben offensichtlich den Anschluß an die Naturwissenschaften verloren. Erkennbar an der fortschreitenden Verblödung der Philosophie. Die ist wirklich einmal vorangeschritten, lange her. Wie hat es mal jemand formuliert: „Wenn ich Heidegger und (zweiter Name vergessen, Sartre würde hier reinpassen, war aber wohl ein Deutscher) lese, habe ich das Gefühl, Geistesgestörte reden zu mir.“ Man muß dazu sagen, ihre Geist- und Ideenlosigkeiten haben sie durch eine komplex hirnlose Sprache verschleiert. Eins haben wir in der Diskussion vergessen, das Interesse die Meinungsbildung und damit die Menschen zu manipulieren. Werbung ist schon eine Wissenschaft. Der Normalfall besteht heute darin, ein Informationsrauschen zu erzeugen, in dem wichtige Informationen untergehen. Dazu baut man einige, offensichtlich unsinnige Thesen auf und kontaminiert jede Kritik damit. Blöden einreden, daß sie klug wären, funktioniert
Viele Worte. Eine immer digitalere Welt bringt eben immer mehr und digitalere Menschen hervor. Diese kennen nur noch 0/1, gut/böse, richtige/falsche Haltung. Sachverhalte interessieren niemand mehr. Keine Debatte, kein Kompromiss, keine rationale Politik. Nur noch moralbesoffenes Gesabbere. 24/7/365.