Rainer Bonhorst / 05.04.2013 / 18:23 / 0 / Seite ausdrucken

Unser Bart

Das Hitlerbärtchen an Angela Merkels Oberlippe ist mehr als eine südländische Modeerscheinung. Es ist ein optischer Evergreen, mit dem wir Deutschen in der einen oder anderen Variante wohl auch in Zukunft leben müssen. Was wechselt, ist allenfalls der Träger, nicht die Rotzbremse.

Warum ist das so? Weil hier zwei Dinge zusammenkommen. Erstens hat Deutschland, indem es Hitler an die Spitze kommen ließ, eine unverwechselbare, ja filmreife Kombination aus extremem Verbrechertum und grotesker Optik in die Geschichte eingeführt. Und zweitens sucht jeder, der sich über einen anderen ärgert, den einfachsten und direktesten Weg, den Ärgerlichen zurück zu ärgern.

Und wir haben jedem, der sich über uns ärgert, mit Hitler und seinem Bärtchen eine Rache-Waffe an die Hand gegeben, wie sie praktischer nicht sein könnte. Auch hier kommen wieder zwei Dinge hilfreich zusammen.

Erstens ist uns Deutschen – sieht man von einer kleinen, blöden Minderheit ab - dieser Mann bis ins Knochenmark peinlich. Sobald uns einer mit ihm in Verbindung bringt, fühlen wir uns so unangenehm berührt, als wäre uns in feiner Gesellschaft eine Blähung entwichen. Man möchte im Erdboden versinken. Mit anderen Worten: Wer uns mit Hitler attackiert, kann sicher sein, uns an unserer verwundbarsten Stelle zu treffen.

Zweitens: Außerhalb unserer Landesgrenzen lauert beim Gedanken an Deutschland der ewige Hitler oder zumindest seine Haartracht immer noch ziemlich dicht unter der Oberfläche des gepflegten Miteinanders. Der Mann hat sich nun mal derart tief in das Gedächtnis unserer Nachbarn eingegraben, dass es auch in friedlichen Zeiten nicht viel braucht, um uns im Geiste mit dem Chaplin-Bärtchen auszustatten.

Da sind Griechen und Zyprioten gar nicht mal führend. Am schwersten fällt es manchen Engländern, die Assoziation von deutsch und Hitler zu vermeiden. Austauschschüler auf der Insel erfahren das zuweilen bis heute. Die Gleichung deutsch und Hitler ist manchen Briten so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich gar nichts Böses mehr dabei denken. Sie sehen es mehr als einen freundschaftlichen Ulk an. So wie man einen Kumpel etwa mit dem Satz begrüßt: „Na, du alter Gauner, haben sie dich immer noch nicht erwischt?“ Herzlich gemeinte Bosheit also. Aber leider hat der deutsche Gesprächspartner bekanntlich keinen Humor.

John Cleese hat die Problematik vor Jahren auf seine Weise in der britischen Fernsehserie „Fawlty Towers“ dargestellt, als eine deutsche Familie sein Hotel besuchte. Er gab an sein Personal strikt die berühmt gewordene Parole aus: „Don’t mention the war.“ Und er war dann selber der erste, der den Krieg erwähnte und schließlich mit einer Hitlerparodie vergeblich versuchte, seinen deutschen Gästen einen Lacher zu entlocken.

Natürlich können auch wir, wenn wir unbedingt wollen, unsere Nachbarn ärgern. Gelegentlich tun wir es ja auch. So wurde in letzter Zeit mehrmals die Arbeitsmoral und die Ehrlichkeit von Südländern, die uns geärgert haben, in Zweifel gezogen. Und ein deutscher Spitzenpolitiker wollte sogar mit der Kavallerie gegen die steuerpolitisch unbotmäßige Schweiz zu Felde ziehen. Aber was sind schon Zweifel an Arbeitsmoral und Ehrlichkeit, und was ist der Vorwurf steuerlicher Unbotmäßigkeit verglichen mit der unschlagbar peinlichen Gestalt des Führers. Schlaffe, abstrakte Gespinste sind das, gegenüber dieser handfesten, stets zum Greifen nahen Horrorfigur mit hochgradigem Schämpotenzial.

Die Waffe Hitler, mit der man uns jederzeit prügeln kann, wird noch sehr, sehr lange scharf bleiben. Zwar stirbt die Hoffnung zuletzt, dass doch einmal Gras über das Hitlerbärtchen wächst. Aber ich würde nicht darauf warten. Bis auf weiteres gilt: Überleben, so gut es geht, unter Bärtchenbeschuss.

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