Rainer Bonhorst / 27.10.2016 / 16:25 / Foto: Peter Fröhlich / 8 / Seite ausdrucken

Uni Augsburg schützt Studenten vorm Selbstdenken

Vor einiger Zeit habe ich über die Eloisierung von Studenten in Amerika und England geschrieben. Also über eine Entwicklung, die politisch korrekte Schutzräume an Universitäten schafft und durch Einladungsverbote die Studenten vor Gedanken bewahrt, die sie unangenehm berühren könnten. Also vor Gedanken überhaupt. Da scheint eine schöne neue universitäre Welt zu entstehen, die eines Tages schöne, glückliche, aber von Gedanken befreite Elois hervorbringen könnte.

Und ich habe die Frage gestellt, ob diese Eloiisierung auch deutsche Universitäten erfassen könnte. Das war natürlich eine naive Frage. Kenner wussten, dass der politisch korrekte Zeitgeist und damit der Schutz vor unangenehmen Gedanken längst dabei ist, heimisch zu werden. Ich habe das jetzt in meiner Heimatstadt Augsburg erlebt, wo der moslemische Islamkritiker und Buch-Autor (und gelegentliche Achse-Autor) Hamed Abdel-Samad an der Augsburger Universität, an der er studiert hat, mit einem Auftrittsgesuch abblitzte. Das gleiche passierte ihm an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, wo Abdel-Samad früher mal gelehrt hat.

Warum durfte er selbst als Ehemaliger nicht sprechen? Na klar. Er analysiert seine Religion so kenntnisreich und so kritisch, dass er damit die reinwaschenden Sphären führender Schöngeister stört, verwirrt, entsetzt.

Extremistische Glaubensgenossen des Deutschen mit ägyptischen Wurzeln bedrohen Abdel-Samad seit langem so sehr, dass er nur unter Polizeischutz auftreten kann. So verbinden sich islamistischer Fanatismus einerseits, politische Überkorrektheit und eine kräftige Portion Angst andererseits zu einer fatalen Mischung. Der Schutz einiger geistig offenbar leicht zu verwirrender Studenten hat Vorrang vor den durch Präzision und Kennerschaft herausfordernden Gedanken eines freien und von Fanatikern verfolgten Geistes.

Schutz vor den Gedanken eines freien und von Fanatikern verfolgten Geistes

Ist also der Islam das heikle Thema, vor dem man die Unterwerfung im Sinne des Roman-Autors Houellebecq probt? Das ist sicher ein Hauptthema. Aber es ist nicht das einzige. Das Ende des freien Geistes erlebte vor einiger Zeit auch die Alt-Feministin Germaine Greer an der Universität von Cardiff. Die Australierin von Weltruf („Der weibliche Eunuch“) hatte in einem Artikel die Feststellung gewagt, dass Männer, die sich zu Frauen umbauen lassen, danach oft nicht wie Frauen aussehen. Auch dies eine durch präzise Beobachtung und optische Korrektheit unerträgliche Herausforderung für eine Universität, die sich dem politisch korrekten, wegschauenden Genderismus verschrieben hat.

Es gibt noch mehr Beispiele aus Amerika und England. In einem ausführlichen Artikel über die neue „Gedankenpolizei“ an amerikanischen Universitäten hat ein Betroffener in der „Zeit“ es nicht gewagt, seinen Namen zu offenbaren, aus Angst vor genau dieser Gedankenpolizei.

Was geschieht da? An Stätten, die eigentlich Horte kritischer geistiger Auseinandersetzung sein sollten, richtet man offenbar Schutzräume für Studenten ein, die sich durch herausfordernde Gedanken nicht herausfordern lassen wollen. Soll diese traurige Verrücktheit tatsächlich auch bei uns um sich greifen? Soll der Eloismus eines Tages wirklich das Humboldtsche Bildungsideal ablösen? Eine Horrorvision ganz im Sinne der Zeitmaschine. Hoffentlich findet dieser finale Absturz – wie bei H.G. Wells – erst in ferner Zukunft statt.

Der gegenwärtiger Lichtblick: Hamed Abdel-Samad durfte in seiner zeitweiligen Heimatstadt Augsburg doch noch auftreten. Die Stadtbücherei hat ihn hereingelassen. Es war eine gute Veranstaltung. Außerhalb des universitären Raums ist die Angst vor geistigen Herausforderungen offenbar geringer.

Zum weiterlesen: Hamed Abdel-Samad / Der Koran: Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses

Foto: Peter Fröhlich CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia

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Leserpost

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Florian Geyer / 29.10.2016

Nutzvieh hat nicht zu denken, es hat zu funktionieren.

Andreas Rochow / 28.10.2016

Man kann diese Form der Zensur und Ideenbereinigung an Universitäten als einen Kniefall der Professoren - oder sagen wir lieber “des Lehrkörpers” - vor wenigen unreifen linksgrünen Eiferern unter den Studenten deuten. Der Lehrkörper fürchtet, schlecht bewertet zu werden. Die Professoren und Professorinnen wagen es nicht, dem Blödsinn der political correctness zu widersprechen, weil das eine wissenschaftliche Universitätskarriere jäh beenden könnte. Heute (noch) gelten angloamerikanische Universitäten als Horte der wissenschaftlichen Exzellenz. Davon möchten deutsche Universitäten sich eine Scheibe abschneiden, ohne sich von dieser dekadent-antiautoritären Studentenmarotte zu distanzieren, die (auch) als spätes Nachbeben der 68-er Studentenbewegung zu deuten sind. Der Wunsch, dass der akademische Betrieb sich davon energisch abwenden möge, ist nach gängigen oberflächlichen Kriterien erstens “rückwärtsgewandt” und zweitens unrealistisch, weil die Professoren von heute die Studenten, von heute so radikal besserwisserisch sie auch sein mögen, tolerieren und gewähren lassen (s.o.) Die peinliche Intoleranz gegen kontroverse Diskurse in München, Augsburg und anderswo hat mit Freiheit der Wissenschaft weniger zu tun als mit der Furcht vor dem Mangel an Argumenten. Dieser Trend führt sich selbst ad adsurdum, weil er kein Wissen schafft.

Hinnerk Albert / 28.10.2016

ob das eines tages auch bei uns stattfinden soll—-ich lade den autor an die hamburger ‘‘uni’’ ein, besser kultur- und wissenschaftsvernichtungsanstalt, um ihm zu dokumentieren wie diese methoden hier schon seit jahrzehnten gepflegt werden-übrigens in hamburg nicht nur an der ‘‘uni’‘

Christoph Behrends / 28.10.2016

Wie gut, dass wir den beeindruckenden Hamed Abdel-Samad hier im Raum Stade noch ungehindert, wenn auch schwer gesichert vor zehn Tagen live erleben durften! Auch das ist m.E. ein Kriterium für den Freiheitsindex: Welche Veranstaltungen können wann und wo noch stattfinden - und welche nicht? Da kommt Bayern mit Augsburg und München offenbar doch schlechter weg, als uns die CSU glauben machen möchte… Wir Wähler sollten das alles sorgsam verfolgen und 2017 nicht vergessen!

Jürgen F. Matthes / 28.10.2016

Ist das nun das Erbe des nationalsozialistischen Reiches oder der sowjetsozialistischen DDR?

B.Kröger / 28.10.2016

Unglaublich! An deutschen Universitäten Redeverbot für einen kritisch denkenden Menschen.

martin mayer / 28.10.2016

Ich kann ihnen versichern dsss auch auf österreichischen universitäten der selbe zeitgeist herrscht .

Ralf Ostner / 28.10.2016

Wenn es nur an den Unis so wäre: Weil er Mohamed als „Massenmörder und krankhaften Tyrann“ bezeichnet hat, wurde Abdel-Samad angezeigt und von der Berliner Staatsanwaltschaft verhört. Vorwurf: Volksverhetzung.Professor Wolfsohn hat in dann in einem Artikel in der WELT verteidigt und dies richtig als Angriff auf die Meinungsfreiheit bezeichnet..Dennoch sollte sich Samad nicht als Redner für die AfD anbiedern, da es diesen Leuten nicht um eine differenzierte Islamkritik, sondern nur um plumpe Hetze geht.Man sollte den Teufel nicht mit Belzebub bekämpfen und Der Feind meines Feindes ist nicht unbedingt mein Freund!

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