Bernhard Lassahn / 06.09.2011 / 23:07 / 0 / Seite ausdrucken

Und überhaupt

Die SPD wirbt diesmal mit den Slogan „Kinder und Arbeit“, „Mieter und Schutz“ und „Bildung und gebührenfrei“. Graphisch herausgehoben - kursiv und fett - ist jedes Mal das kleine Wörtchen „und“, das den gemeinsamen Nenner dieser Reihe bildet. Der Hinkefuß des letzten Beispiels zeigt allerdings die Schwäche der Serie: die Glieder der Aufzählung sind nicht gleichwertig. „Bildung“ ist ein Substantiv, „gebührenfrei“ nicht. Wir empfinden das als linkisch, wenn nicht gar als falsch. Ein strenger Lehrer gäbe dafür mindestens einen halben Fehler. Und gerade den an Bildung interessierten Wählern fällt so ein sprachlicher Schnitzer sofort auf. Wenn schon, dann müsste es „Bildung und Gebührenfreiheit“ heißen.

Mit dieser Stilfigur greift die SPD tief in die Kiste des europäischen Kulturgutes und lässt den berühmten Mystiker Jacob Böhme zu unverhofften Ehren kommen. Jacob Böhme, den man auch den Begründer einer „Philosophie der Liebe“ nannte, hatte bekanntlich großen Einfluss auf die Geistesgeschichte mit dem von ihm formulierten Prinzip des „genialen Und“, mit dem er sich gegen die seit dem Altertum gültige Alternative des „Entweder - Oder“ wendete. Also: „inneres und äußeres Auge“.

Und? Was macht die SPD aus dieser Steilvorlage? Einen Reigen mit Rohrkrepierer. Gut, man kann sagen: „Kinder und Beruf“, „Mieter und Schutz“, man könnte auch noch „Hennes und Mauritz“ oder „Hase und Igel“ anfügen, „Doktor Jekyll und Mister Hyde“, aber nicht „Bildung und gebührenfrei“. Wir sagen ja auch nicht „Haus und bewohnbar“, „Auto und fahrtüchtig“, oder „Armut und sexy“. Es sei denn, wir hätten uns schon meilenweit von jeglichem Sprachempfinden und sensibel entfernt. Ist es so? Gehören wir inzwischen zu denen, die jeden guten Geschmack und lecker-lecker vermissen lassen und die längst verlassen sind von allen guten Geistern und blöd?

Als Werbemaßnahme ist es vielleicht gerade deshalb erfolgreich. Es hat einen hohen Wiedererkennungswert und aufgepasst. Ein guter Pädagoge weiß, dass er sich hüten sollte, etwas Falsches an die Tafel zu schreiben, weil sich erfahrungsgemäß gerade das einprägt. Bockmist sitzt, heißt es in Lehrerkreisen und faul. So hat womöglich auch die Werbeagentur gedacht: guter Trick und reingelegt.

Doch mir gefällt das nicht. Ich finde, es ist ein Eigentor und vergeigt. Eine Politparole und blabla. Diesmal in der Form einer sprachlichen Unbeholfenheit und anspruchslos.

Vielleicht nimmt die SPD meine Kritik als Anregung und nachdenklich. Ich erwarte jedenfalls keinen Dank und mindestens. Man merkt es mir an: Ich hege für diese Partei immer noch eine gewisse Sympathie und gut gemeint. Andere Plakate sind sogar von noch größerer Scheußlichkeit und kotz! Doch irgendwann erreichen die Zumutungen des Wahlkampfes das Ende der Fahnenstange und Tschüss.

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