Gil Yaron
Für 63 Sekunden heulten gestern im Gazastreifen und im israelisch besetzten Westjordanland die Luftschutzsirenen auf. So begeht Palästina jedes Jahr das Andenken an die „Naqba“ – also jene „Katastrophe“ aus palästinensischer Sicht, die für die Staatsgründung Israels 1948 steht. Fünf arabische Staaten erklärten dem Judenstaat damals den Krieg und verloren, rund 800.000 Palästinenser flüchteten oder wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Doch in diesem Jahr, in dem Massenproteste in ganz Nahost arabische Diktatoren stürzten, wollten palästinensische Aktivisten sich nicht mehr mit passiven Gedenkminuten begnügen und organisierten Massenproteste. Bei Zusammenstößen wurden am Wochenende mindestens sieben Menschen getötet, Israels Grenzen durchbrochen, zig Demonstranten verhaftet oder verletzt.
Noch Sonntagmorgen waren Israels Behörden optimistisch, dass der Tag ruhig verlaufen könnte. Zehntausend Polizisten und tausende Soldaten waren aber vorsichtshalber im Einsatz. In Ägypten und in Jordanien war es am Freitag und am Samstag zu Israel-feindlichen Kundgebungen mit tausenden Teilnehmern gekommen. In Kairo forderten die Demonstranten die Annullierung des Friedensvertrags mit Israel, ein Ende der Belagerung des Gazastreifens und die Öffnung der Grenze dorthin. Sie planten einen Marsch durch den Sinai bis zum Grenzzaun iN rafah. Ägyptische Behörden vereitelten diesen Plan jedoch und sperrten alle Zufahrten in die Halbinsel. Auch in Jordanien hielt die Polizei Demonstranten vom Grenzübergang nach Israel fern.
Andernorts hingegen kam es zu Gewalt. In Gaza betete Hamasführer Ismail Haniyah am Vormittag mit rund 10.000 Gläubigen für „ein baldiges Ende des zionistischen Projekts“, also den Untergang Israels. Später marschierten Hunderte zum Grenzübergang Eres. Israels Armee, die das Gebiet um den Übergang zu einer militärischen Sperrzone erklärt hat, eröffnete das Feuer. Dabei wurden laut palästinensischen Angaben zig Menschen verletzt. Im ganzen Westjordanland kam es zu Protesten, bei denen zig Menschen verletzt oder verhaftet wurden. In ganz Ostjerusalem brachen seit Freitag immer wieder spontane Demonstrationen aus, Steine und Brandsätze flogen auf israelische Fahrzeuge und Häuser, die Polizei verhaftete mehr als 60 Personen. Ein 17 Jahre alter Palästinenser kam unter ungeklärten Umständen ums Leben. Laut palästinensischen Quellen wurde er von einem Siedler erschossen, als Jugendliche ein jüdisches Haus in einem arabischen Stadtviertel mit Steinen bewarfen. In Tel Aviv ereignete sich wahrscheinlich ein Attentat, als ein israelischer Araber in einem Amoklauf mit einem Sattelschlepper eine 800 Meter lange Schneise der Zerstörung hinterließ. Dabei wurde ein Israeli getötet und 17 verletzt. Noch ist unklar, was ihn zur Tat bewegte.
Schwere Zwischenfälle ereigneten sich an Israels Grenzen zum Libanon und zu Syrien. Im libanesischen Maroun A Ras reisten Tausende mit Bussen zu Demonstrationen an. Anfangs versuchten libanesische Soldaten die Masse davon abzuhalten, zum Grenzzaun mit Israel zu marschieren. Als Demonstranten dennoch den Zaun erreichten und angriffen, eröffneten israelische Soldaten das Feuer und töteten laut libanesischen Angaben mindestens fünf Personen. Auf den Golanhöhen griffen syrische Sicherheitskräfte nicht ein als hunderte Palästinenser aus einem Flüchtlingslager den Grenzzaun niederrissen und in die Stadt Madschd Al Schams marschierten. Durch Schüsse israelischer Soldaten sollen mindestens drei Menschen getötet und 20 verletzt worden sein. Zig syrische Palästinenser demonstrierten später triumphierend durch die israelisch besetzte Stadt.
Es ist das erste Mal seit dem Jahr 1967, dass es zu einem schweren Zwischenfall an der israelisch-syrischen Grenze gekommen ist. Damaskus hatte Israel davor gewarnt, dass „es in Israel nicht ruhig bleiben wird, wenn es Syrien nicht ruhig ist“. So sah man in Israel das Stillhalten der Syrer als Warnung, dass die Lage an der Grenze weiter eskalieren könnte, wenn das Regime des Präsidenten Baschar Assads sich bedroht sieht. Der ging im eigenen Land auch am Sonntag weiter hart gegen Regimegegner vor. Tausende Syrer flüchteten vor der Armee in den Libanon. Die Dorf Wadi Khaled und Tal Kalack sollen mit Panzern angegriffen worden sein, nachdem es dort zu Protesten gegen die Herrschaft des Präsidenten Baschar Assad gekommen war.
Siehe auch:
http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-13405438
http://mobil.n-tv.de/politik/Tote-bei-Sturm-auf-Israels-Grenzen-article3339631.html
http://www.sueddeutsche.de/politik/neue-eskalation-in-nahost-tote-bei-sturm-auf-israels-grenzen-1.1097656