Rainer Bonhorst / 16.01.2021 / 16:30 / 7 / Seite ausdrucken

Unbürokratische Hilfe – das eigentliche Unwort

Der deutsche Unwortverein hat sich diesmal der politischen Mode angeschlossen, keinen Einzelkämpfer sondern ein Pärchen aufzustellen. Politisch üblich ist Geschlechterparität, beim Unwort des Jahres 2020 ist diese einleuchtende Form der Zweisamkeit nicht festzustellen. Die „Rückführungspatenschaften“ und die „Corona-Diktatur“ sind geschlechtsneutral, könnten aber auch divers sein, also durchaus zeitgeistig. Aber wahrscheinlich konnte man sich einfach nicht entscheiden, was ja in den besten Organisationen vorkommt.

Ich hätte, wenn man mich fragen würde, keine Entscheidungshemmung. Mein Unwort des Jahres heißt: „Unbürokratische Hilfe“. Das könnte man zwar jedes Jahr als groteske Fehlbeschreibung einer Realität nehmen. Im abgelaufenen Jahr aber hat die „unbürokratische Hilfe“ einen Höhepunkt der Realitätsferne erreicht.

Die unbürokratische Hilfe für kleine lockdowngeschädigte Unternehmen und Unternehmer hat sich irgendwo im Labyrinth der Bürokratie verirrt. Die unbürokratische Hilfe mit Impfstoff ist, kaum hat sie die Startlöcher verlassen, schon ins Straucheln geraten. Die unbürokratische Hilfe für die Pflegerinnen und Pfleger an der vordersten Corona-Front hat sich als Fata Morgana entpuppt.

Das ist keine Überraschung. Denn die unbürokratische Hilfe ist ein Kind der Bürokratie. Die Politiker, die sie versprechen, können das Versprechen ja nicht selber in die Tat umsetzen. Sie brauchen jemanden, der das macht. Und wer macht das? Die Bürokratie natürlich.

Und wie macht die Bürokratie das? Sie folgt exakt den Vorgaben, die sie von den Entscheidern geliefert bekommt. Das ist ja ihre Stärke. Die Bürokratie, wenn sie etwas taugt, folgt dem Buchstaben der Gesetze und Verordnungen, damit jeder zu seinem Recht kommt. Das Gegenteil ist Rechtsunsicherheit. Ein offenes Tor für Gaunereien.

Ein unbürokratischer Bürokrat ist kein verlässlicher Bürokrat

Mit anderen Worten: Die Vorgaben für die Bürokratie müssten unbürokratisch sein, damit sie unbürokratisch umgesetzt werden können. Wer aber macht die Vorgaben? Auch 'ne Bürokratie, nämlich die vorgesetzte Bürokratie. Und die kann vieles. Nur eines kann sie nicht: unbürokratisch.

Genaus so gut könnte man von einem Schiedsrichter verlangen, selber die Tore zu schießen. Oder von einer Sängerin, die Tour de France zu radeln. Oder von einem Schäferhundzüchter Katzen zu züchten. Was nicht geht, geht nicht. 

Im Falle der Bürokratie ist das auch gut so. Ein unbürokratischer Bürokrat ist kein verlässlicher Bürokrat. Seine Kunden beziehungsweise Bittsteller können ihm nicht trauen. Er könnte mal so, mal so. Nein, der bürokratische Bürokrat ist das Rückgrat eines verlässlichen Gemeinwesens.

Warum also ausgerechnet ihn mit der Bürde der unbürokratischen Hilfe belasten? Das ist ungerecht und gedankenlos. Ein Politiker, der den Bürgern, denen er dient, helfen will, sollte gar nicht erst damit anfangen, ihnen unbürokratische Hilfe zu versprechen. Wenn er oder sie den Mut zur Wahrheit besäße, würde er oder sie etwas ganz anderes versprechen: nämlich „bürokratische Hilfe“. Warum tut das keine(r)? Weil das Versprechen bürokratischer Hilfe so langsam und frustrierend klingt wie sie dann tatsächlich sein wird.

Und weil keine(r) sich traut, bürokratische Hilfe zu versprechen, ist für mich die „unbürokratische Hilfe“ das Unwort des Jahres. Und all der anderen Jahre. 

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Leserpost

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Hans-Peter Dollhopf / 16.01.2021

Herr Bonhorst, wollen Sie damit andeuten, die Büros der Staatsministerien wären besetzt von Ex-Teilnehmern des Langen Marsches, die nun der Anarchie klammheimlich die Hintertür des Apparates geöffnet hätten? Was kommt danach? Das Absterben des Staates? Zustellung von Wirtschaftsflüchtlingen durch Carola Rackete nach Deutschland per Amazon?

Hjalmar Kreutzer / 16.01.2021

Meine Unwörter des Jahres: Platz 1 Söder,  Platz 2 Merkel, Platz 3 teilt sich Drosten mit Spahn, Platz 4 Covidioten.

R. Kuth / 16.01.2021

Oh ja, “unbürokratische Hilfe” habe ich im letzten Jahr auch erhalten, dann möchte man sie jetzt aber wohl doch zurück haben. Eher fackele ich meinen Laden ab, als mir so etwas noch einmal anzutun. Dann gehen die Jobs halt mit den Bach runter,

g.schilling / 16.01.2021

Mein Unwort des Jahres heißt: Bundesregierung. Das könnte man auch jedes Jahr nominieren. Nur 2020 haben die Spitzenleistungen der m/w/d Mitgliedernteninnen alle Grenzen gesprengt. Happy new year. Nachträglich.

Detlef Dechant / 16.01.2021

Volle Zustimmung! Aber als Endlosschleife.

Jürgen Fischer / 16.01.2021

Unbürokratische Hilfe, ist das sowas wie 2002, nach der Hochwasserkatastrophe? Wo manch Betroffener heute noch darauf wartet?

H. Merx / 16.01.2021

Besser kann man es nicht beschreiben. Politik (gleich Gesetz- und folgend Verordnungsgeber) verspricht über Medien die tollsten Sachen. Die Exekutive (Verwaltungen) wartet dann Wochen oder gar Monate bis sie rechtsverbindliche, also umsetzungsfähige Richtlinien bekommt (Vermeidung von Willkürentscheidungen, Erstellung gerichtsfester Entscheidungen). Zwischenzeitlich ärgert sich der Bürger über die unfähige Verwaltung (schuld sind immer diese Bürokraten), die Presse unterstützt dies durch entsprechende Berichterstattung, fragt auch in der Politik nach warum das so ist, und die Politik wundert sich dann öffentlich und lautstark über die unfähigen Behörden. So geht halt Politik.

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