Wolfgang Röhl / 28.05.2009 / 13:04 / 0 / Seite ausdrucken

Umweltschutz im Hinterwald. Postkarte aus Washington

Ein paar Tage in den Wäldern von Washington, dem nordwestlichsten US-Bundesstaat, herum zu turnen, ist nicht bloß eine gute Leibesübung. Sondern auch ganz aufschlussreich, was klugen Umweltschutz angeht. Wir waren über den Memorial Day da, ein langes Wochenende von Freitag bis Montag. Außer uns hatte sich ganz Seattle aufgemacht, die Hinterwälder in Beschlag zu nehmen. Die Amis, man kennt das von Donald Duck nebst Tick, Trick und Track, sind Frischluftfanatiker und nutzen jede Gelegenheit, mit Kind, Hund, Boot und Bike - ja sogar mit Pferd! - in die Nationalparks zu fahren und den Grill anzuschmeißen. Ungezählte Camps mit Stellplätzen, Tischen und Feuerstellen stehen in den staatlichen Parks bereit…

Wir wanderten im Gebiet der Cascade- und Wenatchee-Berge westlich von Seattle. Alle Trailheads – Parkplätze, an denen die Wanderwege durch die National Parks und National Forests beginnen – waren gut besetzt. In einem Kästchen hinterlässt man fünf Dollar Gebühr; Stammausflügler haben am Auto eine Nutzerplakette für das ganze Jahr. Dafür stellt die Parkverwaltung zum Beispiel ein sauberes Plumpsklo am Parkeingang zur Verfügung, das sogar behindertentauglich ist. Anschlagtafeln erklären, wie die Trails verlaufen, was auf ihnen gestattet ist und was nicht. Man kann seine Ausrüstung im Backpack mitnehmen und abends irgendwo ein Lager aufschlagen, vorzugsweise an einem rauschenden Bach oder Wasserfall.

Zugelassen sind nur Gruppen bis maximal 12 Personen. Die große Karawane nach Outdoor soll sich verteilen. Müll zu hinterlassen gilt als Sakrileg. Tatsächlich sahen wir nirgendwo auch nur eine leere Bierdose. Feuer machen dagegen ist keineswegs durchweg verboten, es kommt auf die konkrete Gegend und die aktuelle Feuergefahrstufe an, welche auf einer Farbtafel angezeigt wird. Von vielen Lagerplätzen stieg Rauch auf, überall war Stimmung im Gehölz.

Kurz, was sie da oben veranstalten, ist das genaue Gegenteil vom deutschen Verbotsnaturschutz. Während bei uns so genannte „Ranger“ (Menschen, welche die Natur gerne privilegiert und ungestört von lästigen Mitmenschen genießen) jeden Erholung suchenden Eindringling brachial aus den vielen, nach undurchsichtigen Kriterien errichteten Menschenverbotszonen scheuchen und so die Akzeptanz von Naturschutzgebieten nachhaltig unterhöhlen, wird in Washington die Natur ausdrücklich zur Benutzung vorgehalten. Beschäftigt sich die Umweltpolizei bei uns vornehmlich damit, allerorten Zäune und Verbotsschilder in die Botanik zu rammen, auf dass kein Vögelein sich womöglich in seinem Brutvorgang inkommodiert fühle, so rekrutieren sie drüben beherzte Freiwillige, welche das weit verzweigte Trail-System mit Schaufel und Motorsäge in Schuss halten.

Wirklich, sie sind erfreulich pragmatisch im „Evergreen-State“, wie Washington auf den Nummernschildern heißt. Als wir uns in der Timber Lodge von Cle Elum abends eine Cola für unseren Whisky zogen und hernach das Licht in dem Kabuff löschten, wo der Getränke-Automat stand, entfuhr es der Frau an der Rezeption: „Oh! You´re really european!“

Bin nicht sicher, ob das ein Kompliment sein sollte.

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