Henryk M. Broder / 30.06.2011 / 12:47 / 0 / Seite ausdrucken

Um zwei Uhr in Zweibrücken und anderswo im Westen

Wir kommen ja bei den Dreharbeiten für die zweite Staffel der “Deutschland-Safari” ( ab 12.9. in der ARD) ziemlich rum. Und dabei stellen wir immer wieder fest:
Wenn es irgendwo so aussieht wie in Bitterfeld oder Zwickau Ende der 80er Jahre, dann sind wir im Westen. Zu sagen, der Osten habe den Westen überholt, wäre eine Schmeichelei, er hat ihn abgehängt - wie ein Porsche einen Trabant auf einer Rennbahn. Verlassene Innenstädte, verwahrloste Stadtränder, Nachtschattengewächse, die ihr Leergut gegen Zigaretten tauschen, Nagelstudios und Second-Hand-Läden, das ist die westdeutsche Provinz im Jahre 22 n.d.F.d.M. Vor ein paar Tagen waren wir in Zweibrücken, “der Rosen- und Pferdestadt in Deutschlands Südwesten”. Uns wäre es schon recht gewesen, wenn wir ein Restaurant gefunden hätten, das nach zwei Uhr mittags noch geöffnet gewesen wäre. “Machen Sie sich keine Mühe, es gibt keines”, hatte uns unser Interviewpartner gewarnt. Wir wollten es nicht glauben, fuhren Straße um Straße ab und landeten schliesslich bei McDonald’s, einer Oase der Kultur und Zivilisation mit freiem W-Lan-Anschluss.

Zwei Tage später die gleiche Versuchsanordnung in Marl, wo alljährlich der Grimme-Preis vergeben wird, wobei “Marl zum Treffpunkt von Stars und Prominenten des Fernsehens wird”. Mit Wilma an Bord folgen wir den Zeichen “Zentrum” bzw. Stadtmitte, ohne zu ahnen, dass damit die Zentrale Bus Station gemeint ist, von der Busse in alle Welt aufbrechen, u.a. nach Recklinghausen, Datteln und Oer-Erkenschwick. Hier tobt das Leben im Zehn-Minuten-Takt, im Rest der Stadt geht es eher bedächtig zu. Nach längerem Suchen finden wir schliesslich ein türkisches Restaurant, “Istanbul”, in der Bergstraße 107. Und das ist nicht nicht nur eine Entdeckung, es ist die Rettung: frische Salate, feines Fleisch, heißer Tee aus dem Samowar und ein netter Wirt, der den Ayran selber herstellt. Allein dafür hat sich die weite Reise nach Marl schon gelohnt.

Auf der Heimreise dann eine traumatische Situation. An der Raststätte Buckautal Süd bei Ziesar will unser Volvo nicht wieder anspringen. Im Winter läuft er wie ein Elch, ab 30 Grad Celsius aber setzt er schon mal aus. Wir bräuchten jemand, der uns anschiebt oder beim “Überbrücken” hilft. Früher hätten sich die Ossis darum geprügelt, heute tun die so, als ob sie einen nicht kennen würden, nur weil man aus dem zurückgebliebenen Westen kommt. Doch was sehen wir da? Einen ADAC-Wagen mit einem Gelben Engel hinterm Steuer! Das muss die Vorsehung sein. Ob er uns helfen könnte, fragen wir höflich und zeigen unsere ADAC-Mitgliedskarten vor. “Tut mir leid”, sagt der Gebe Engel, “ich mache hier nur Werbung für den ADAC, rufen Sie den Pannendienst an”.

Wir schauen uns an, als hätte er uns der Fahrer einer Ambulanz gesagt, er könne bei einem Unfall nicht helfen, er mache nur Werbung für das Rote Kreuz. Ich schlage dem Volvo mit der Faust auf die Motorhaube und schreie: “Wir werden dich nach Zweibrücken verkaufen!” Das hilft, beim nächsten Versuch springt der alte Schwede an.

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