Vera Lengsfeld / 11.08.2007 / 12:31 / 0 / Seite ausdrucken

Ulrich Plenzdorf ist tot, Charly ist schwer krank, aber die Rolling-Stones geben noch Konzerte

In diesem für die Klimaerwärmung untauglichem Sommer sterben auffällig viele Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller. Nun auch Ulrich Plenzdorf, der erste Ost-West-Autor.  Berühmt wurde er mit „Die Neuen Leiden des jungen W.“, das als Buch und Theaterstück in beiden Hälften Deutschlands Furore machte, weil es den Gefühlen der Jugendlichen in beiden deutschen Teilstaaten gleichermaßen entsprach. Damit widerlegte Plenzdorf schon 1973 nebenbei die Legende, das deutsche Volk rechts und links der Mauer hätte sich durch die Trennung so auseinander entwickelt, dass es geradezu verschiedene Sprachen spräche. Mit den „Neuen Leiden des jungen W.“, das in dreißig Sprachen übersetzt wurde, landete Plenzdorf einen der wenigen Welterfolge der DDR-Literatur. Sein Drehbuch zum Film „Paul und Paula“ konnte an diesen Ost-West-Erfolg anknüpfen. Das von Heiner Carow gedrehte Meisterwerk ist noch heute, nach über dreißig Jahren, in den Programmkinos zu sehen.
Sein DDR-kritischstes Buch, „Kein runter kein fern“ gewann zwar den Ingeborg-Bachmann-Preis, blieb aber weitgehend unbekannt, wie die erstaunliche Episode, die es beschreibt.
Plenzdorfs Held, ein zehjähriger, geistig behinderter Schüler, versucht wie tausende andere Jugendliche der DDR am zwanzigsten Jahrestag der Republik ein Live-Konzert der Rolling-Stones-Konzert auf dem Dach des Springer-Hochhaus in Berlin zu verfolgen. Er wird wie alle anderen von der Volkspolizei, zu der sein eigener Bruder gehört, in die Ruine der Berliner Klosterkirche eingesperrt und verprügelt. Plenzdorf hatte lange recherchiert, um heraus zu bekommen , wer das Gerücht verbreitet hatte, dem tausende Jugendliche der DDR Glauben schenkten, so dass sie versuchten, nach Berlin-Mitte zu gelangen, wo sie ihre Idole wenigstens aus der Ferne zu sehen und zu hören hofften. Ohne Erfolg. Bis heute ist nicht klar, wie es entstanden ist. Genauso unklar ist, ob die Rolling- Stones jemals von diesem Ereignis erfuhren. Einer dieser Jugendlichen war mein Haftkamerad Charly Rau, der damals als Sechszehnjähriger erstmals verhaftet wurde und dem diese Haft später als „Besserungsunwilliger Rückfalltäter“ siebzehn Jahre DDR-Knast einbrachte. Charly leidet heute unter seinen Haftfolgeschäden und muß sich demnächst einer schweren Operation unterziehen. Die Rolling- Stones sind vorher am 15. August in Hamburg. Sie sollten endlich mal erfahren, welchen Aufruhr sie in der DDR der sechziger Jahre ausgelöst haben und welche Folgen das hatte. Und Charly sollte einmal in seinem Leben ein Rolling-Stones –Konzert besuchen.

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