in Grönland, lese ich. Der Teufel steckt eben im Detail. Das Detail aber ergibt sich in diesem Fall daraus, das Grönland ungefähr sechs mal so groß ist wie Deutschland und dass in diesen Weiten bloß 57.000 Menschen leben. Das sind etwas weniger als in Kempten, im Allgäu. Und darauf kommt es an. Die Linkspartei hat 43,7% der Stimmen erhalten. Insgesamt wurden 30.000 abgegeben. Was ist daran überwältigend?
Die massiven Verluste für die bisherige Koalition aus Sozialdemokraten und Konservativen - Achtung Große Koalition! – gelten, so die Nachrichtenlage, als Wählerreaktion auf Vetternwirtschaft, Korruption und Passivität gegenüber massiven sozialen Problemen.
Sie sehen: Gleich zweimal massiv, und das in einem einzigen Satz. Mangels Masse greift man offensichtlich zur Wiederholung. Davon aber wird das Dorf nicht größer, und die Verlegenheit, die in der Agenturmeldung steckt, nicht geringer.
Grönland werde als Teil einer „Reichsgemeinschaft“ mit Dänemark teilautonom regiert, heißt es weiter. Warum hier „Reichsgemeinschaft“ in Anführungszeichen steht? Das ist wohl für den deutschen Leser gedacht, man wird ja so leicht missverstanden. Neben all den anderen Bußfertigkeiten erfordert die deutsche Vergangenheit offensichtlich auch ein Plus an Anführungszeichen.
Die Parteien streben weitgehend übereinstimmend die völlige staatliche Selbständigkeit an, die EU hat man schon vor längerem verlassen, vor allem wegen Meinungsunterschieden in Fischfangangelegenheiten. Ende Juni überträgt die einstige Kolonialmacht der Regierung in Nuuk, was in der Inuit-Amtssprache Kap bedeutet, weitere Kompetenzen. Auf dänisch heißt die Stadt übrigens Godthab, gute Hoffnung. Das aber ist, wie die Diskursregelung besagt, die Sprache der Kolonialmacht. Sollen wir jetzt fragen, was im Falle Dänemark und Grönland die Begriffe Kolonialmacht und Kolonie bedeuten? Nein, wir fragen es nicht.
Wir fragen auch nicht, ob Vetternwirtschaft, Korruption und Passivität gegenüber den sozialen Problemen von der Kolonialmacht zu verantworten seien oder ob sie nicht doch ein Problem des ehemaligen Kolonie darstellen, und die Linkspartei nicht zutreffender linksnationalistisch oder linkspopulistisch genannt werden sollte.
Und sonst? Das Land setzt auf den Kreuzfahrt-Tourismus, also zwischen Eisbergen Schippern mit Titanic-Gefühl und Moschus-Ochsen-Gucken, quasi ein Muss für das europäische Mittelstands-Frührentner-Paar.
Und falls Europa früher als erwartet untergehen sollte, hat man ja noch das Weihnachtspostamt. In Grönland wohnt nämlich der Weihnachtsmann. Das jedenfalls glauben die Kinder. Und zwar in aller Welt.