Henryk M. Broder / 31.12.2015 / 18:27 / 5 / Seite ausdrucken

Überlebensgroß Herr Kramer

Erinnern Sie sich noch an meinen Lieblingshochstapler, den rumänischen Patienten Reuven Moskowitz und seine Doktorspiele? Keine Ahnung, was aus dem Mann geworden ist. Vielleicht schreibt er an seiner zweiten Doktorarbeit, nachdem die erste bei einem Einbruch verloren gegangen ist. Es würde mich nicht wundern, wenn wir demnächst hören würden, dass er sich um einen Spitzenposten in Thüringen beworben hat. Ja, Thüringen in Mitteldeutschland, das viele mit Sachsen-Anhalt verwechseln. Dabei sind das zwei ganz verschiedene Entitäten. Sachsen-Anhalt ist das “Land der Frühaufsteher”, in Thüringen “hat Zukunft Tradition”, vermutlich weil die Thüringer morgens gerne länger schlafen.

Also bleiben wir in Thüringen, das von Bodo Ramelow (SED/PDS/Die Linke) regiert wird und für seine Rostbratwürste berühmt ist. In Thüringen gibt es auch einen Verfassungsschutz, der die Thüringer Verfassung schützen soll. Der dümpelte führungslos eine Weile vor sich hin, bis ihm ein neuer Kopf verpasst wurde. Und weil man für den Job in ganz Thüringen (2,2 Millionen Einwohner, dazu 1.745.000 Legehennen, 779.034 Schweine, 346.652 Rinder und 216.242 Schafe) niemand finden konnte, wurde ein “Quereinsteiger” berufen. Stephan Kramer, ehemaliger “Generalsekretär” des Zentralrates der Juden in Deutschland, und genau das, was die Wiener einen “Adabei” nennen und auf Jiddisch “Schwitzer” heisst. Ein Mann für alle Fälle. Eloquent, charmant, professionell. Wenn es sein müsste, würde er ein Tofu-Schnitzel davon überzeugen, es stamme von einem Rind ab.

In der FAZ von heute steht eine schöne Geschichte über Kramer, die man leider nicht online findet. Sie wäre als Expose für eine Komödie zu gebrauchen - Schtonk 2 oder: “Überlebensgross Herr Kramer” und fängt mit dieser schönen Szene an:

Stephan Kramer packt aus. Kaum hat der neue Leiter des Thüringer Verfassungsschutzes die Kisten in seinem Dienstzimmer geleert, da scheinen schon alle Wände und Regale gefüllt zu sein mit Bildern und anderen Symbolen, welche die Schaffenskraft dieses Mannes zur Schau stellen. Kramer zeigt, wen er kennt und was er kann. Die Fotos mit und ohne ihn zeigen die Bundeskanzler Schmidt, Kohl und Merkel (lächelnd und jünger), Henry Kissinger und den Papst, Hans-Jochen Vogel in Schwarzweiß und Schimon Peres… Ein Blick auf dieses Stillleben offenbart: Der Kosmos von Kramer sprengt das Dienstzimmer mitsamt dem Amt, das er nun innehat.

Herrlich, nicht wahr? Im Kern der Geschichte geht es um Kramers Qualifikation für das Amt, das ihm aus heiterem Himmel in den Schoß gefallen ist

Laut Gesetz soll der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz die Befähigung zum Richteramt haben. Das hat der 47 Jahre alte Kramer aber nicht.

Aber was spielt das schon für eine Rolle in einem Land, in dem sogar die Kanzlerin Recht und Gesetz bricht, nur um uns “Herausforderungen” zu bescheren, an denen wir über uns “hinauswachsen” sollen? Da kann auch einer Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen werden, über den nicht nur in unklaren Internetquellen, sondern auch in großen Zeitungen unwidersprochen berichtet wurde, er sei Jurist und Volkswirt , wobei sich nun herausgestellt hat, dass er weder das eine noch das andere ist, sondern Diplom-Sozialarbeiter, der jüngst an der Fachhochschule Erfurt einen Masterabschluss in „Soziale Arbeit” erwarb.

Kramer selbst weiß, was über ihn in dem Internetlexikon Wikipedia stand. Aber jeder, der das Nachschlagewerk nutze, müsse doch überprüfen, was dort stehe. Zudem - „Sie wissen es doch selbst” - sei es schwer, was einmal falsch im Netz stehe, dort wieder herauszukriegen. Kramer habe nie öffentlich den Anspruch erhoben, Jurist und Volkswirt zu sein.

Er hat nicht einmal den Anspruch erhoben, Stephan Kramer zu sein, hat dem Gerücht aber auch nie widersprochen. Zumindest nicht öffentlich. Nun aber wollen es plötzlich alle ganz genau wissen. Nicht nur, ob er Jurist und Volkswirt, sondern auch, ob bzw. seit wann er Jude ist.

Auch dass Kramer erst später im Leben zum Judentum konvertierte, wird in Erfurt als Beispiel für dessen Talent zur Selbstdarstellung genannt - so als habe Kramer sich aus taktischen Gründen einen Universitätsabschluss und einen Glauben zugelegt. Kramer entgegnet mit Scharfsinn, er sei kein Konvertit, denn zu konvertieren heiße, sich einem anderen Glauben zuzuwenden. Er aber habe vor seinem Bekenntnis zum jüdischen Glauben keiner Religionsgemeinschaft angehört.

Ist das grossartig! Er ist also nicht übergetreten, er ist eingetreten. Das ist schon mehr als Scharfsinn, das ist schon die Kunst des Haarespaltens auf einer Glatze.

Aber es ist vollkommen Wurscht, ob Kramer Jude, Jurist und Volkswirt ist, oder nur einer, der, wie man heute sagt, mit seinen “hybriden Identitäten” spielt. Und es ist auch Wurscht, ob er den Verfassungsschutz in Thüringen führt oder bei der Schalmeienkapelle Löbichau 1962 e.V. die Alt-Schalmei spielt.

Wir sind in Thüringen, und da schmeckt eine Rostbratwurst wie die andere.


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Leserpost (5)
Mark Neukirchner / 03.01.2016

Henryk M. Broder hat viel geschrieben, gute und weniger gute Bücher. Ich hatte mich in der letzten Zeit verabschiedet. Nun ist er wieder da, endlich und so präzise auf den Punkt gebracht. Hervorragend! Verfassungsschutz, ja man wagt es gar nicht zu formulieren, ist für die Sicherheit des Staates im sensibelsten Verständnis des Alltags verantwortlich. Das bedarf eines klaren Kopfes, mit Nüchternheit, ohne Polemik und nicht nur Gesetzeskenntnis, sondern akademisch gebildeten Verständnisses. Das haben Juristen mit der Befähigung zum Richteramt. Als Thüringer ist man immer noch erschrocken, was in München über Jahre verhandelt wird und vom Verfassungsschutz - nicht nur der von Thüringen -  in den 10 Jahren davor nicht erkannt oder geflissentlich übersehen wurde. Es wäre an der Zeit endlich Ordnung zu schaffen. Mit all dem, was man hört und liest und was auch nicht korrigiert wird, zerrinnt diese Hoffnung und macht Angst.

Corinna Herold / 01.01.2016

Wenn in diesem Artikel schon sorgfältig recherchiert von Rindern und anderen Tieren die Rede ist, bitte , Herr Broder, geben sie den vielfältigen Geschmacksnuancen unserer Bratwurst die Ehre der Berichterstattung. Sie dürfen auch gerne mit mir eine Bratwurst-Sommertour veranstalten, ich organisiere für Sie mindestens 10 Testessen in verschiedenen Regionen des Landes. Mit dunkeldeutsch gut durchgebratenen Grüßen, Corinna Herold

Rainer Hartwich / 01.01.2016

Ich frage mich, wie Stefan J. Kramer eigentlich als neuer Chef des Thüringer Verfassungsschutzes von und zu seinem Arbeitsplatz gelangt? Vor nicht allzu langer Zeit, gefiel sich Stefan J. Kramer, damals noch in seiner ihm irgendwie abhanden gekommenen Eigenschaft als Generalsekretär des Zentralrats der Juden Deutschlands in seinen Medieninterviews, lange vor Joachim Gauck, als Ankläger des Dunkeldeutschland im Osten unseres schönen Landes. Zwanglos findet man noch die Interviews in denen Stefan J.(soviel Zeit muß sein) Kramer damit versuchte zu reüssieren, dass er sich, durch die blanke objektive Realität des deutschen Ostens völlig verängstigt, als Jude in Ostdeutschland nachts nicht allein auf die Straße trauen würde. Meine schriftliche Bitte an ihn, dies doch mit einigen selbsterfahrenen Beispielen für die ewigen Zweifler anschaulich zu untermauern, negierte er - erwartungsgemäß. Jetzt quält mich die Frage: Wie kommt Stefan J. Kramer also gerade in den Wintermonaten zum und vom Arbeitsplatz? Oder arbeitet man im Amt nur von 9.00 bis gegen 16.00 Uhr? Dies wäre natürlich formidabel. Nun war ich auch erstaunt, dass ein solch ängstlicher Mensch gerade im “harten Schlapphutgeschäft” Karriere anstrebt, genauso erstaunt war ich, dass die Thüringer Regierung ihn trotz seiner Ängstlichkeit in ein solch vulnerables Amt berufen hat.

Rainer Hartwich / 01.01.2016

Ich frage mich, wie Stefan J. Kramer eigentlich als neuer Chef des Thüringer Verfassungsschutzes von und zu seinem Arbeitsplatz gelangt? Vor nicht allzu langer Zeit, gefiel sich Stefan J. Kramer, damals noch in seiner Eigenschaft als Generalsekretär des Zentralrats der Juden Deutschlands in seinen Medieninterviews, lange vor Joachim Gauck, als Ankläger des Dunkeldeutschland im Osten unseres schönen Landes. Zwanglos findet man noch die Interviews in denen Stefan J.(soviel Zeit muß sein) Kramer damit versuchte zu reüssieren, dass er sich, durch die blanke objektive Realität des deutschen Ostens völlig verängstigt, als Jude in Ostdeutschland nachts nicht allein auf die Straße trauen würde. Meine schriftliche Bitte an ihn, dies doch mit einigen selbsterfahrenen Beispielen für die ewigen Zweifler anschaulich zu untermauern, negierte er - erwartungsgemäß. Jetzt quält mich die Frage: Wie kommt Stefan J. Kramer also gerade in den Wintermonaten zum und vom Arbeitsplatz? Oder arbeitet man im Amt nur von 9.00 bis gegen 16.00 Uhr? Dies wäre natürlich formidabel. Nun war ich auch erstaunt, dass ein solch ängstlicher Mensch gerade im “harten Schlapphutgeschäft” Karriere anstrebt, genauso erstaunt war ich, dass die Thüringer Regierung ihn trotz seiner Ängstlichkeit in ein solch vulnerables Amt berufen hat.

Gerhard Wruck / 01.01.2016

Dies ist einer der vergnüglichsten Kommentare, die Henryk M. in den letzten Wochen losgelassen hat. Selten so heftig gebogen vor Lachen. Einfach köstlich. Der Sachverhalt, um den es im Kern geht, also die Besetzung des Chefpostens des thüringischen Verfassungsschutze mit einem Blender und Hochstapler, ist aber leider nicht sehr vergnüglich. Denn es ist eine weitere Episode aus der fast unendlichen Geschichte des Niedergangs dieses Staates, der sich BRD nennt. Ein Staat hört auf, ernst genommen zu werden, wenn er seine eigenen Gesetze, Prinzipien und Ansprüche selbst nicht mehr ernst nimmt, sondern sie der völligen Beliebigkeit einzelner Staatsakteure anheim gibt. Jeder kleine oder auch große Staatsmann Mümmelmann ist sein eigener kleiner Napoleon und macht demzufolge, was er will. In diesem Zustand ist das gegenwärtige Deutschland. Und dann verlangen dieser Staat respektive seine machthabenden Protagonisten, dass das veralberte und beschimpfte Publikum auch noch gute Miene zum bösen Spiel macht. Ich behaupte: Man überfordert dieses Publikum bei weitem. Irgendwann macht es böse Miene zum allzu bösen Spiel.

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