Gastautor / 28.05.2012 / 20:29 / 0 / Seite ausdrucken

Über Täuschung und Selbsttäuschung

Eran Yardeni

Wer an Pfingstfeiertagen den Klausenerplatz in Berlin besuchte, konnte neben dem schönen Wetter auch die herrliche Stimmung des von dem Moschee-Verein Ensar Camii, einem offiziellen Mitglied der Islamischen Föderation Berlin, veranstalteten Kinder und Familienfestes miterleben. Im Geiste Brechts, der sein Publikum nicht nur amüsieren sondern auch belehren wollte, waren am Eingang große gerahmte Plakate aufgestellt, die den Gästen des Festivals die einmalige Gelegenheit boten, ihre Kenntnisse über die humanistische und aufgeklärte Grundeinstellung des Islams zu vertiefen. Für wen genau sie gedacht waren, ob für die nicht-muslimischen Besucher des Festivals oder für die Gläubigen des Islams, ist schwer zu sagen. Eins ist aber sicher: Wenn man den Inhalt dieser Plakate liest, bekommt man sehr schnell den Eindruck, dass der Koran und der Islam als die reine Verkörperung der Aufklärung verstanden werden müssen, während die heutige Radikalisierung in der islamischen Welt nicht mehr als ein harmloser Betriebsunfall der Geschichte betrachtet werden soll.

Der Laie konnte z.B. erfahren, dass der Islam, als aufgeklärte Religion, ein mutiger Förderer der Menschenrechte sei. Auf einem Plakat mit dem vielversprechenden Titel „Wie garantiert der Islam die Menschenrechte?“ war unter anderem zu lesen, dass „das Leben, die Ehre und der Besitz aller Bürger einer islamischen Gesellschaft unantastbar sind“ und zwar „unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen“. Weiterhin stand dort, dass der Islam sowohl Rassismus als auch Sexismus strikt ablehnt.

Ich rieb mir die Augen, als ich das las, und wusste nicht, was ich als erstes tun sollte, weinen oder lachen. Nach ein paar Überlegungen entschied ich mich für weinen. Egal wie man diesen Inhalt auslegt, das Ergebnis ist unbedingt tragisch, vor allem deswegen, weil das oben erwähnte Zitat den Tatsachen völlig entspricht. Die Ehre in der islamischen Gesellschaft ist tatsächlich unantastbar. So unantastbar, dass, wenn man sie doch antastet oder aus Versehen an ihr kratzt, man nicht selten mit seinem unantastbaren Leben dafür bezahlen muss. In seinem Buch Richter ohne Gesetz, welches von der islamischen Paralleljustiz in Deutschland handelt, betrachtet der Journalist und Kriminologe Joachim Wagner den Ehrbegriff als einen „zentralen Schlüssel für das Verständnis der muslemischen Parallelgesellschaft in Deutschland“ und definiert ihn als „die Achtung einer Person durch die Öffentlichkeit als jemand, der die tradierten Regeln einhält und dafür sorgt, dass dies auch seine Familienmitglieder tun“. 

Dieser Begriff ist der deutschen bürgerlichen Gesellschaft völlig fremd.  Genau so fremd sind den Deutschen auch die Konsequenzen, die Ehrverletzungen mit sich bringen. Ehrenmorde, Blutrache, Unterdrückung von Frauen und Kindern sowie Schlichtung durch sogenannte Friedensrichter im Rahmen einer Paralleljustiz, die das Gewaltmonopol des Staates ständig unterminieren, sind Folgen dieser kulturell bedingten Wahrnehmung des Ehrbegriffs. Was noch zu beachten ist, ist der Titel des Plakats: „Wie garantiert der Islam die Menschenrechte“. Es ist nicht zu übersehen, dass der Islam, nur in einem positiven Zusammenhang existiert. Versucht man den Islam als eine kulturelle, religiöse, gesellschaftliche und politische Erscheinung zu kritisieren, wird einem vorgehalten, dass es den einen Islam nicht gäbe. 

Nicht minder interessant war das Plakat zum Thema religiöse Toleranz. Als hörte man hier nichts von der Vertreibung der Christen aus Bethlehem oder von dem elenden Zustand der Kopten in Ägypten, als lebte die christliche Minderheit in Pakistan in Sicherheit wie ein Diamant im gepanzerten Tresor, stand auf diesem Plakat das folgende Zitat aus dem Koran: „Kein Zwang in der Religion…“. Wie tolerant der Islam ist, konnte man von dem hinzugefügten Foto lernen: Nicht Mekka oder Medina, die zwei heiligsten Städte des Islams, waren da neben dem Text zu sehen, sondern ausgerechnet der Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem. Dass nicht-muslimische Besucher und Andersgläubige auf dem Tempelberg nicht beten und am Freitag das Gelände überhaupt nicht betreten dürfen, dass erst 1967, dank der Israelischen Eroberung, der Zutritt auch für den Rest der Menschheit erlaubt wurde, stand auf dem Plakat nicht. Wie Mutter Courage immer zu sagen pflegte: “Sagen Sie mir nicht, dass Friede ausgebrochen ist.”

Der TV Sender N-TV berichtete am 7.1.2010 auf seiner Internetseite, dass „weltweit derzeit mehr als 100 Millionen Christen unterdrückt und teils grausam verfolgt werden“. Das passiert vor allem in islamischen Ländern. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 1.03.2011 über die Situation der Christen im Irak. Nach diesem Bericht haben die Christen dort nur zwei Möglichkeiten: fliehen oder sterben. Alle Formen von Verfolgung, wie z.B. Enteignung, Vertreibung, Entführung und Ermordung von Andersdenkenden und Andersgläubigen, gehören zum Alltag auch in vielen islamischen Ländern. Der Weltverfolgungsindex 2012 der OPENDOORS Organisation erzählt die ganze Geschichte: 9 der ersten 10 Plätzen der Weltverfolgungstabelle werden von islamischen Ländern belegt.
 
Ohne Geleichberechtigung von Mann und Frau geht es aber nicht. Auch diesem Thema wurde ein Plakat gewidmet. Mit dem Titel „Wie fördert der Islam Frauen und Eherecht?“ weist uns der Plakat darauf hin, dass wir völlig falsch liegen, wenn wir denken, dass die Situation der Frauen in der westlichen Welt auf einer stabilen Basis steht: „Nach dem Koran sind Frauen und Männer gleich vor Gott. (…) Im Islam ist Eva, stellvertretend für die Frauen, nicht die Verführerin Adams gewesen, sondern mit ihm gleichermaßen für den Ungehorsam gegenüber Gott verantwortlich. Der Islam betrachtet die Frau als Individuum mit eigenen Rechten und vor allem mit dem Recht, frei über ihr Eigentum zu verfügen“.

Hier spricht Simon de Beauvoir des Morgenlands. Wir, Juden und Christen, haben Eva als Verführerin gebrandmarkt, während sie im Islam als eine stolze emanzipierte Frau dargestellt wird. Wie kann man aber erklären, dass nach dem kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, 60,4% (!) der sich als „sehr religiös“ oder „religiös“ definierenden islamischen Männer im Betrug durch die Ehefrau einen legitimen Anlass für Gewalt gegen Frauen erblicken? 

Schlimmer als die Täuschung kann nur die Selbsttaüschung sein. Bei Selbsttäuschung verliert man völlig den moralischen Orientierungsinn. Verloren in der Wüste der vergessenen Werte kann man die Wahrheit von der Lüge nicht mehr unterscheiden. Der Lügner hingegen weiß wenigstens, wo die Wahrheit liegt. Er ignoriert sie absichtlich und glaubt auch nicht für einen kurzen Moment sie dadurch loszuwerden. Natürlich könnte man diese Plakate auch anders auslegen, und zwar als Selbstbelehrung. Das macht die ganze Situation aber nicht besser. Wo Selbstverständlichkeiten gelehrt werden müssen, da läuft etwas schief.       

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