Cigdem Toprak, Gastautor / 13.06.2011 / 10:22 / 0 / Seite ausdrucken

Über die Aleviten

Cigdem Toprak

In Deutschland melden sich immer öfter Muslime zur Wort und behaupten, sie und ihre Religion würden diskriminiert. Eine Muslima gab im Fernsehen zu, sich nach der Veröffentlichung des Buches „Deutschland schafft sich ab“ nicht mehr auf die Straße zu trauen. Die Repräsentanten der Muslime, also Journalisten, Wissenschaftler und Verbandsvertreter, sind der Meinung, dass die islamische Gemeinschaft in Deutschland nicht ihre Religion ausleben könne, man würde ihre demokratischen Rechte beschneiden. So zeigen viele Deutsche gegenüber muslimischen Frauen kein Verständnis, wenn sie sich für das Tragen eines Kopftuches entscheiden. Auch sie würden diskriminiert, ihre Menschenrechte seien in Gefahr. Es herrsche Panik in unserer Gesellschaft, eine unbegründete Angst vor dem Islam. Die westlichen Gesellschaften würden jeden Moslem als Terroristen verdächtigen. Muslime seien heute in einer ähnlichen Situation wie die Juden damals im Dritten Reich. Islamophobie sei der neue Antisemitismus in Deutschland.


Sicherlich, auch Muslime müssen unter der altbekannte Ausländerfeindlichkeit in Deutschland leiden. Wie auch die nicht-muslimischen Migranten. Abgesehen davon, trifft die Fremdenfeindlichkeit eine Türkin ohne Kopftuch ebenso wie eine Türkin mit Kopftuch.

Schließlich sieht man auch der letzteren an ihren dunklen Haaren an, dass sie „fremd“ ist. 

Auch ich möchte über Diskriminierung berichten, wenn auch von einer anderer Art.

Es geht um Eltern, die ihre Kinder nicht über ihre Religion aufklären dürfen, aus Angst, sie könnten in der Schule darüber sprechen und sich selbst in Gefahr begeben. Es geht um Menschen, die jahrzehntelang ihre Identität verstecken müssen, weil sie einer anderen Glaubensgemeinschaft angehören. Dies trifft auf normale Freundschaften, wie auch beim Kennenlernen des anderen Geschlechts zu. Wie oft müssen sie sich noch heute mit einer eigenen Meinung bei Diskussionen über Religion und Politik zurückhalten, wieder aus der Angst, persönlich angegriffen zu werden. Viele von ihnen müssen mitansehen, wie ihre Großeltern ihre Muttersprache verleugnen, da sie in eine andere Kultur zwangsintergriert wurden. Obwohl ihre Sprache vom Aussterben bedroht ist.

All das findet auch in Deutschland statt.

Es ist das Schicksal der 800 000 Aleviten in Deutschland, unter ihnen auch Zazas und Kurden.

Nicht zu vergessen, auch die 30 Millionen Aleviten in der Türkei.

Bisher sprach kein einziger sunnitischer Moslem über die Diskriminierung der Aleviten, wenn er über die Diskriminierung des Islams klagte.

Der Brandanschlag in Sivas von 1993 auf ein Hotel, in dem alevitische und atheistische Intellektuelle und Künstler lebten, hat sich tief in das Gedächtnis der alevitischen Menschen eingebrannt. Während der Gräueltaten stand das Militär tatenlos daneben, die Feuerwehr rückte erst an, als das Hotel bereits abgebrannt war. Mit ihm 37 Menschen, darunter auch Kinder.

Und was ist mit den Erlebnissen in Corum? Radikale Muslime markierten Häuser von Aleviten, um sie anschließend zu verletzen und zu töten. Ihre Läden wurden ausgeraubt und zerstört.

Fragt man nach den Gründen für den Hass und die Abneigung gegenüber der alevitischen Bevölkerung, muss man mit religiösem Fundamentalismus antworten. In den Medien wurden die Taten als ein gewaltsamer Konflikt zwischen Rechten und Linken kleingeredet.

Aleviten werden aufgrund ihres Religionsverständnisses und ihrer Interpretation des Islams seit Jahrhunderten verfolgt und diffamiert.

Es herrscht noch heute das Gerücht, dass Aleviten „mum söndü“ machen; bei ihren religiösen Zeremonien, an denen Männer und Frauen teilnehmen, würden, so heißt es, sexuelle Orgien gefeiert.

Aleviten haben es bisher nicht gewagt, Vergleiche zwischen dem Schicksal der Aleviten und der Juden zu ziehen. Sie wissen,was den Juden von den Nazis angetan wurde.

Wieso aber sprechen Aleviten nicht von Islamophobie, wo sie doch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als ein liberaler Zweig des Islams angesehen werden? Weshalb pochen Aleviten nur in der Türkei auf Religionsfreiheit und prangern die Diskriminierung ihrer Religionsgemeinschaft sowohl von staatlicher als auch von gesellschaftlicher Seite an? Wieso also nicht auch hier in Deutschland?

Weil sich Aleviten hier in Deutschland wohl fühlen, weil Deutschland ihnen genügend Raum für Religionsfreiheit gibt, den sie friedlich für sich nutzen können. Sowohl der deutsche Staat als auch die deutsche Gesellschaft garantieren der alevitischen Bevölkerung Schutz vor jeglicher Diskriminierung. Und dafür sind sie dankbar.

Sie kennen nämlich Diskriminierungen anderer Art. Solche, von denen die muslimische Community niemals wagen würde zu sprechen.

Geschweige denn vom Schicksal der Bahai, der Kopten, der griechisch-orthodoxen Christen und der Juden.

Wieso auch? In Deutschland haben wir doch ein weit größeres Problem: die Islamophobie.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Cigdem Toprak, Gastautor / 18.06.2017 / 18:00 / 5

Muslimische Communities haben ein ernsthaftes Antisemitismus-Problem

Von Cigdem Toprak. Die Auseinandersetzung um die Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ von Joachim Schröder und Sophie Hafner zeigt, dass man die Augen verschließt – vor…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 05.03.2016 / 14:43 / 9

Wir wollten jung sein, wir wollten frei sein

Von Cigdem Toprak. Als wir blutjung waren, wollten wir nur eins: frei sein. Wir liebten unsere türkische, arabische, kurdische Kultur, unsere islamische, alevitische Religion, unsere…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 13.01.2014 / 23:34 / 5

Die Deutschen haben keine Probleme. Das ist ihr Problem

Cigdem Toprak Ja, ja, ich weiß. Es ist ziemlich schwierig, eine genaue Messlatte und angemessene Kriterien zu finden, mit denen man politische und gesellschaftliche Herausforderungen…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 19.04.2012 / 16:04 / 0

Ostereier für Moslems

Cigdem Toprak Im Kindergarten habe ich die deutsche Sprache erlernt, ich durfte die deutsche Kultur spielend kennenlernen und es war der Ort, an dem ich…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 08.03.2012 / 10:14 / 0

Warum ich nichts gesagt habe

Cigdem Toprak Als im November vergangenen Jahres die Hintergründe der Nazimorde aufgedeckt wurden, befand ich mich nicht in Deutschland. Ich absolvierte zu dem Zeitpunkt ein…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 29.07.2011 / 22:05 / 0

Es verschlägt mir die Sprache

Cigdem Toprak Ganz ehrlich. Ich weiß nicht recht, wie ich diesen Artikel beginnen soll. Denn dies ist kein üblicher Blogeintrag. Die schrecklichen Ereignisse in Oslo…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 13.07.2011 / 12:56 / 0

Voll integriert und klar antisemitisch. Oder: Bildung ist nicht alles

Cigdem Toprak Sie sehen eine junge Frau, die orientalisch aussieht und in einer Bar in irgendeiner deutschen Großstadt sitzt. Sie wissen, dass sie in Deutschland…/ mehr

Cigdem Toprak, Gastautor / 16.06.2011 / 15:35 / 0

Migranten und Sexualität

Cigdem Toprak Traurigerweise und zum Leid von vielen in Deutschland lebenden Frauen und Männern blenden einige Bürger mit Migrationshintergrund in öffentlichen Debatten bewusst und auf…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com