Wolfgang Röhl / 16.08.2010 / 16:43 / 0 / Seite ausdrucken

Über den Wolken. Eine Giftdampfmoritat

Beim Geschäft mit Panikmache, Problem-Aufbauschung und Klimakatastrophenmalerei sind die Kollegen von Spiegel Online von jeher Spitze. Eine täglich liebevoll neu inszenierte Rocky Horror News & Picture Show ist nun mal Voraussetzung, wenn man klickzahlenmäßig in der ersten Liga bleiben will. Doch selbst SpOn-Redakteuren ging der Hype um die „Giftdämpfe im Flugzeug“, der vergangene Woche wieder mal durch die Medien waberte, offenkundig auf den Senkel. Oder ärgerte sie nur die Tatsache, dass das Schauerstück um ein so genanntes „Aerotoxisches Syndrom“ (Syndrom nennt man bekanntlich alles, worüber man nix weiß) von einem konkurrierenden Alarmisten- und Hysteriker-Schnellschussmedium, nämlich dem Radiosender NDR-Info, aufgetischt worden war?...

Auf jeden Fall ging es im NDR-Bericht um angeblich vergiftete Kabinenluft, die nach zu lange getragenen Socken riecht und sowohl Fluggästen als auch der Crew viel Harm bereitet oder doch bereiten kann. Oder möglicherweise-man-weiß-es-nicht Harm bereiten könnte, sofern man 50 Jahre lang täglich nach Tokio und zurück fliegt.

Gerüchte über die Existenz eines solch teuflischen Parfüms, das durch die in Triebwerksnähe angesaugte Kabinenluft zustande kommen soll, hatte auch ich schon mal gehört. Eine gestandene Purserin berichtete mir vom Hörensagen, das Phänomen käme aber wohl nur bei einem einzigen Flugzeugtyp vor, der Boeing 757. Vielleicht sei es so, ganz genau wusste sie es auch nicht. Sie selbst ist nach jahrzehntelanger Fliegerei immer noch putzmunter, hat allerdings eine ganz schön giftige Zunge.

Nachdem ein vertrauliches Dokument des Bundesverbandes deutscher Fluggesellschaften öffentlich geworden war, in dem darüber diskutiert wurde, wie man mit den seit etlichen Jahren herumgeisternden, wissenschaftlich niemals nachgewiesenen Giftluftgerüchten umgehen sollte, nahm das Ganze durch den hoch investigativen NDR Schwung auf. Eine Flugbegleiterin wurde vom Sender als - selbsternanntes - Opfer von Kopfschmerzen, Herzrasen, Übelkeit und Schwindel präsentiert. Sie wollte auch eine Entzündung ihres Nervensystems festgestellt haben; meinte, das käme von vergifteter Kabinenluft. Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit gab prompt zu Protokoll, das Problem betreffe „tausende von Flugzeugen weltweit.“ Die Airlines weigerten sich aber aus Geiz, es zu beheben. Dabei führe bei manchen Menschen schon das einmalige Einatmen zu „gesundheitlichen Beeinträchtigungen“.

Die SpOn-Leute fragten ungläubig nach, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen seine Aussage fuße. Der Cockpit-Mann räumte ein, solche Erkenntnisse gäbe es nicht: „Deshalb fordern wir, sie zu beschaffen.“

Das ist ein Satz zur Erklärung unserer Zeit, den man sich in Bronze gießen lassen und übers Bett hängen sollte. Weil er die Erklärung für so vieles umschließt, was man einfach im Kopp nicht aushält.

Nein, Handystrahlen lassen das Gehirn, so vorhanden, keinesfalls bruzzeln! Das haben viele unverdächtige Studien ergeben. Aber geschworene Handyphobe wittern darin nur eine Verschwörung und fordern nach wie vor, es müsse so lange untersucht und geforscht werden, bis die Fatalität des Handytelefonierens endgültig erwiesen sei. Nein, es gibt keine auffällige Häufung der Kinderleukämie in der Elbmarsch, die auf die Strahlung von Atomkraftwerken zurückzuführen ist! Xmal ist der von Atomkraftgegnern behauptete Zusammenhang untersucht und jedes Mal verworfen worden. Aber die Anhänger dieser Hypothese fordern weitere Untersuchungen. Nein verdammt, homöopathische Mittelchen enthalten überhaupt keine Wirkstoffe. Null! Aber Anhänger der Homöopathie verlangen, man müsse sich so lange den Kopf zerbrechen, bis die Wirksamkeit des Hokuspokus erwiesen sei.

Kaum zu glauben: Afterwissenschaft, Spökenkiekerei und Realitätsverweigerung erzielen 130 Jahre nach Beginn des naturwissenschaftlichen Zeitalters die erstaunlichsten Landgewinne. Ist unsere Welt zu wahr, um schön zu sein? Ach, es ist ja nicht nur das menschliche Verlangen nach etwas Voodoo, Humbug und Verschwörungstheorie, das jedem normalen Hypochonder innewohnt („Die Mächtigen wollen verhindern, dass bekannt wird, dass…“). Es ist alles viel profaner, glanzloser. Neuneinhalb von zehn Behauptungen werden heutzutage einzig zu dem Zweck in die Welt gepustet, um damit Geld oder Politik zu machen.

Manche Menschen fühlen sich manchmal nicht wohl? Liegt todsicher daran, dass noch nicht alle Krankenkassen die Kügelchen aus dem Hause Hahnemann bezahlen. Atomkraft ist für die meisten Menschen – entgegen dem Wunschdenken von Greenpeace - kein großes Thema? Dann muss eben eine Studie her, damit´s zum Thema wird. Am besten irgendwas mit Kindern. Toxische Dämpfe im Flugzeug? Feine Sache, das, wenn bei den nächsten Tarifrunden über die Arbeitszeiten verhandelt wird! Wie, die Erde will einfach nicht wärmer werden? Dann wird eben so lange gerechnet, bis sie es tut!

Wo hinter jeder Aussage ein Zweck vermutet werden muss, verdunstet jede Glaubwürdigkeit des Aussagenden. Was beispielsweise aus der Sicherheit in unseren Städten wird, wer kann das beurteilen? Statistiken sind geduldig, und was der Chef der Polizeigewerkschaft sagt, muss durchaus nicht stimmen. Der wird im Zweifelsfall immer die Einstellung von weiteren Polizeibeamten fordern, damit diese in seine Gewerkschaft eintreten und Beiträge zahlen. So einfach ist das.

Was also tun? Eigentlich hilft nur eines: sich selber trauen. Wenn Sie, lieber Leser, öfters in ihrem Leben geflogen sind, womöglich auch auf langen Strecken, erinnern Sie sich doch einfach mal. Ist Ihnen an Bord jemals schlecht geworden (Alkoholexzesse ausgenommen)? Hatten Sie je Schädelsausen, nachdem Sie den ganzen Tag am Handy hingen? Ist ihr Fieber runter gegangen, nachdem sie Globuli eingeworfen hatten? Na sehen Sie!

Ob Ihre Stadt mehr Polizisten auf der Straße braucht? Oder eher ein paar konsequente Richter? Auch das testen Sie am besten selber. Spazieren Sie mal nächtens durch bestimmte Viertel. Wenn Sie heil zurückkommen, Glückwunsch. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Dann hat Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln, einen neuen Anhänger.

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