Vera Lengsfeld / 24.05.2023 / 10:30 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 5 / Seite ausdrucken

Über alle Gräben hinweg

Cora Stephan legt mit „Über alle Gräben hinweg“ den dritten Roman vor, der sich mit der alles entscheidenden Frage befasst, was im schrecklichen 20. Jahrhundert zu Krieg und Totalitarismus geführt hat.

In „Ab heute heiße ich Margo“ und „Margos Töchter“ nahm sie die Zeit des Nationalsozialismus und des Totalitarismus stalinistischer Prägung im SED-Staat DDR in den Blick. Nun hat Cora Stephan ihre Spurensuche auf die Zeit vor dem ersten Weltkrieg ausgeweitet.

„Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht“, ist ein allzu wahres Statement des berühmten Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec. Nach dem Ersten und dem Zeiten Weltkrieg haben die Sieger die Geschichte umgeschrieben, um ihre Mitschuld an den historischen Katastrophen zu tilgen. Es sind vor allem britische Historiker, auf die sich Stephan bezieht, die angefangen haben, unter dem Berg an interessegeleiteten geschichtlichen „Erzählungen“ die wahren, aber vergessenen Fakten auszugraben.

Ich bin schon lange der festen Überzeugung, dass die Welt erst zur Ruhe kommt, wenn die historischen Lügen den Fakten und damit der Wahrheit Platz machen müssen. Weil es Autoren, wie Stephan gibt, könnte es vielleicht gelingen. 

Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, um die, wie der Grünenpolitiker Cem Özdemir in aller Einfalt behauptet hat, uns angeblich alle Welt beneidet, hat einen fatalen Fehler: Sie hat die Familiengeschichten, vor allem der Täter, ausgeklammert und ist nicht der Frage nachgegangen, was Menschen befähigt, den totalitären Versuchungen zu widerstehen. Die Widerstandsbiografien sind sowohl, was den Nationalsozialismus, als auch den Stalinismus und Sozialismus betrifft, vernachlässigt worden. Die These vom Tätervolk nützt vor allem den Tätern und ihren Nachkommen. Wenn alle schuldig sind, verschwindet die eigene Schuld, wird das begangene Verbrechen aufgelöst. 

Aus dem Blick der Familien erzählt

Stephan erzählt die Geschichte zweier Familien, einer deutschen und einer schottischen. Die Väter Ludwig und Alex haben gemeinsam in Heidelberg studiert und der Kontakt zwischen ihnen ist nie angebrochen, die Söhne Alard und Liam verbrachten ein Jahr gemeinsam in Cambridge. 

Die deutsche Familie lebt in Mondsee. einem Gut in der Schlesischen Provinz, die schottische auf ihrer schon etwas verfallenden Burg in den Highlands. Beide Väter dienten ihren Regierungen, der Schotte dem britischen Geheimdienst, der deutsche dem Kaiser. 

Aus dem Blick dieser Familien werden die geschichtlichen Ereignisse erzählt. Wie der deutsche Kaiser maßgeblich dazu beitrug, dass das Königreich Polen wieder erstand, die Okkupation Oberschlesiens durch die Polen, mit Hilfe der Deutschen, die den Willen der Oberschlesier, bei Deutschland zu bleiben, missachteten. Was der Versailler Vertrag, der, anders als der Westfälische Frieden nach dem 30jährigen Krieg, nicht auf Versöhnung, sondern auf Rache aus war für die Bevölkerung bedeutete.

Die jungen Leute, sofern sie nicht auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, der eigentlich Urkatastrophe, verheizt worden sind, waren der festen Meinung, dass es nie wieder so einen Krieg geben wird. Die Politiker sahen das anders, allen voran Hitler, aber auch Churchill.

Alard und Liam, beide für ihre Regierungen tätig, Alard für das Auswärtige Amt, Liam für den britischen Geheimdienst, versuchen beide mit ihren Möglichkeiten, einen neuen Krieg zu verhindern. Alard steht in Verbindung mit der Opposition im AA, Liam gehört beim Geheimdienst zu den Churchill-Gegnern, die versuchten, den Krieg zu beenden. 

Spannungsbogen über 400 Seiten

Stephan schildert den Machtkampf im britischen Geheimdienst, als wäre sie dabei gewesen. Dank ihrer Schreibkunst erlebt der Leser den Spanischen Bürgerkrieg in seiner alltäglichen Scheußlichkeit. Sie schildert die Verwüstungen Hamburgs, dem noch Jahre nach den Bombenangriffen der Leichengeruch anhaftete. Sie führt das ländliche Leben in Schlesien in einer Meisterschaft vor Augen, dass man die versunkene Welt vor sich sieht. 

Am Ende des Buches begegnet man einigen Figuren aus den beiden früheren Romanen wieder. Vor allem Helene, aus „Margos Töchter“, die von Liam in Spanien vor den marodierenden marokkanischen Franco-Söldnern gerettet wird. Alard bringt sie mit einem Diplomatenpass aus Spanien heraus und nach Deutschland, wo Helene in Stendal in dem Fotoatelier untergebracht wird, in dem Margo als Geschäftsführerin arbeitet. Stephan, die als Anne Chaplet auch zahlreiche Kriminalgeschichten geschrieben hat, versteht es nicht nur, Spannungsbögen aufzubauen, sondern über mehr als 400 Seiten zu halten. Da sie Autorin mehrerer Sachbücher ist, kann man sich auf die Genauigkeit der von ihr beschriebenen historischen Fakten verlassen, auch wenn sie weitgehend unbekannt sind oder unwahrscheinlich erscheinen.

Wer das Buch in die Hand nimmt, legt es nicht wieder weg. Nach der Lektüre weiß man mit Sicherheit mehr, vor allem fühlt man sich bereichert und angeregt. Mehr kann man von einem Buch nicht erwarten.

Cora Stephan: „Über alle Gräben hinweg“ erschienen bei Kiepeneuer & Witsch.

Dieser Beitrag erschien auch auf  Vera Lengsfeld.de.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

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Gerd Maar / 24.05.2023

Der Versailler Vertrag diente dazu Deutschland zu bestrafen, das ist richtig. Dies war vor allem von Frankreich gewünscht. Wenn man sich aber die deutschen Kriegsziele von 1917 vor Augen hält, die Leiden der französischen und belgischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten, und außerdem den noch viel radikaleren Vertrag von Brest Litowsk den das Deutsche Reich den Russen abverlangte, kann man nicht allen Ernstes Deutschland als unschuldiges Opfer betrachten. Und dass dieser vergleichsweise milde Vertrag die Deutschen zum zweiten Weltkrieg quasi gezwungen habe ist nichts als eine die deutsche Schuld verharmlosende Legende.

Dr. med. Jesko Matthes / 24.05.2023

Es gibt durchaus einige ganz gute Bücher über die Täter; “Opa war kein Nazi” von Harald Welzer et. al. fand ich gut, “Ganz normale Männer” von Christopher Browning auch. Die glänzende Eichmann-Biographie von David Cesarani wäre zu nennen, auch Bettina Stangneths “Eichmann vor Jerusalem” und Gaby Webers “Interessen um Eichmann”, das als Verschwörungstheorie geschmäht wurde, aber einige ziemlich suspekte Zusammenhänge auch mit den Alliierten offen legt. John Maynard Keynes hat Versailles praktisch sofort als die Keimzelle des nächsten Krieges erkannt; Hans Habe nannte den Zweiten Weltkrieg die letzte Schlacht des Ersten, und anfänglich hat Churchill England in der Not einen Hitler gewünscht, sich aber immerhin schnell eines Besseren besonnen. Über das “Appeasement” des Chamberlain und Daladier wird seit Jahrzehnten diskutiert, der Hitler-Stalin-Pakt ist immer wieder ein Thema, der “Sitzkrieg” ohne echtes Eingreifen von Seiten Frankreichs und Englands trotz des Überfalls auf Polen auch; die Kriegsverbrechen des Arthur Harris sind inzwischen Gegenstand gemeinsamer Trauer, und selbst polnische Repressalien gegen dort damals lebende Deutschstämmige kommen zuweilen zur Sprache. Hannah Arendts Totalitarismustheorie ist diskutabel und unvergessen. Das alles ist allerdings nur der wissenschaftliche Diskurs nebst den Versuchen einer Aussöhnung, wovon hinter dem immer noch nachhallenden ideologischen Getöse des “Historikerstreits” und dem Tamtam der offizösen “antifaschistischen” Gelernthabens-Selbstgerechtigkeit in diesem Land hier wenig zu hören ist. Ich denke, das ist aus der Sicht des Auslands nicht “beneidenswert”, sondern eine kollektive Neurose, eine Bigotterie, ein Kokettieren mit dem Entsetzlichen. Ich halte es da lieber gegen Heiko Maas: Es sind sehr deutlich mehr Menschen wegen der Politik nach Auschwitz gegangen als umgekehrt. - Und werde mir Cora Stephans Buch kaufen.

Max Müller / 24.05.2023

Nach Versailles war vielen klar, dass es wieder zum Krieg kommen würde, vor allem wenn Deutschland wieder hochkommt, was nicht vorgesehen war. Auch ohne Hitler wäre jede erfolgreiche Gesundung der dt. Wirtschaft nicht ohne Folgen geblieben, da der Grund für WK1 vor allem in drohenden wirtschaftlichen Übermacht Ds. lag. Deswegen sehen viele vor allem englische Hitoriker ja auch WK1 und 2 als eines.  

Stephan Bujnoch / 24.05.2023

Wiener Kongress nach dem 30-jährigen Krieg ???????????????????? (Anm. d. Red.: nicht der Wiener Kongress, sondern der Westfäliche Frieden. ... ist im Text korrigiert. Danke für den Hinweis.)

Xaver Huber / 24.05.2023

Dem Wunsch der Rezensentin, die Welt komme erst dann zur Ruhe, wenn die historischen Lügen den Fakten und der Wahrheit weichen, was wohl verklausuliert bedeutet, letzteres möge nicht nur irgendwann, sondern möglichst bald eintreten, ist uneingeschränkt beizupflichten. Allerdings ist dies mehr als einhundert Jahre nach dem Ersten und 84 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg weder bei optimistischer noch realistischer Einschätzung auch nur ansatzweise wahrscheinlich. Die Geschichtsschreibung der Sieger hat nicht nur sakrosankten Charakter, sondern ist vollständig in die Schulbücher der Besiegten eingedrungen (siehe Walter Lippmann). Davon abweichende Erzählungen werden nahezu pathologisiert. Wer dies für überzogen hält, möge das Experiment wagen, allein im privaten Kreis bei gegebener Thematik zu verkünden, Kaiser Wilhelm II. sei 1912 wegen seiner 25-jährigen friedlichen Regentschaft für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Die Gesichtsausdrücke hierauf dürften unzweifelhaft wert sein, in Bildform festgehalten zu werden. \\\ Vor einem zeitlichen Abstand einiger(!) Jahrhunderte werden selbst Historiker nicht den Schleier von dem lüften dürfen, was gegenwärtig als Wahrheit gilt.

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