Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 25.04.2021 / 11:30 / 12 / Seite ausdrucken

Tukur der Grausame

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Als junger Mensch habe ich dieses Rilke-Gedicht bewundert. Es war von einer grausamen Eleganz, die ich sonst nur von Museumsstücken kannte: knapp, salopp, ein wenig verrückt und vor allem: überflüssig, denn ein weinender Tod war in meiner Welt nicht vorgesehen, jetzt nicht, morgen nicht und für alle Zeit: Der Tod, das war das Abschneidende, das Unrecht am Leben, das nicht weggeht, überdies ein Meister aus Deutschland. Nicht dass Rilkes Gedicht gegen diese Sicht der Dinge rebellierte, erregte mein Erstaunen –: nein, dass es überhaupt nicht rebellierte, dass es, gleichsam im Vorbeigehen, einen saloppen Tod dem monumentalen vorzog, darin lag, um ein damals beliebtes Wort zu benützen, das Skandalon dieser Verse. Zweifellos gehörten sie zu denen, die durch das Adorno-Diktum "nach Auschwitz keine Gedichte" gerichtet wurden.

"Wir sind die Seinen", sagt Tukur der Schauspieler, er sagt es mit seidigem, kaum vernehmlichem Spott in der Stimme und einem Heben der Augenbraue, das andeutet, dass er zu diesem Punkt eindeutig mehr zu sagen hätte, forderte nicht der "lachende Mund" bereits seinen Tribut, was ja, aus der Schauspieler-Perspektive, vollkommen richtig gesehen ist. Und nicht nur aus seiner. Gerade an dieser Stelle werden Schauspieler und Hörer eins, Komplizen geradezu, bereit, sich den Nonsens des Lebens nach dieser Verständigung von Grund auf anzutun – was dann ja auch geschieht. Die Frage, ob eine Tankstelle als systemrelevant offen bleibt oder ein Wirtshaus als systemirrelevant geschlossen wird, erscheint vielleicht nicht geeignet, dem weinenden Tod "mitten in uns" Trost zu spenden. Aber ohne Zweifel ist sie ein gutes Mittel, den Abgrund an Bequemlichkeit auszuleuchten, in dem die 1a-Front derer, die uns schon länger regieren, im Laufe eines bereits allzu lang gedehnten Jahres versunken ist.

Und nicht nur sie: Man hört aus dem Off die Stimmen der berufenen Ausleger alteuropäischen Kulturguts, sie wispern und hüsteln und radebrechen, sie wollen es wieder einmal nicht gewesen sein und vertrauen auf die unverbrüchliche Kraft des Schweigens… Denn eigentlich – eigentlich! – sind sie im Großen und Ganzen einverstanden mit dem, was um sie herum geschieht. Ob der Tod dabei weint oder sich in die Hippe lacht, geht ihnen am A… vorbei, Hauptsache, die Scheuklappen sitzen und das Rilke-Seminar bleibt erst einmal ausgesetzt. Im Großen und Ganzen einverstanden – ich komme immer wieder auf das Ungeheuerliche dieser Phrase zurück, weil sie für alles steht, was meine Generation ein für allemal hinter sich lassen wollte: das ungenaue Hinsehen, das a priori für gerechtfertigt Halten dessen, was nun so einmal verfügt wird, nachdem es nun einmal verfügt wird, wie es nun einmal verfügt wird, das schnelle Fortwedeln der Gesichter, deren Nasen sich draußen an der Scheibe plattdrücken, weil ihre Besitzer nicht fassen können, was hier geschieht, das ganze hanebüchene Angstregime gerade bei den Verwaltern des Wortes, deren gewichtigstes lautet: dem Tod keine Gewalt über uns geben.

Sie haben dem Tod alle Gewalt über die Lebenden gegeben: Germanisten, Anglisten, Romanisten, Slawisten, Komparatisten (von Philosophen nicht zu reden), Theologen, Pastoren, Bischöfe, Prälaten und Kardinäle samt ihren Dampfgeschwadern vom Großen Reset, sie allesamt haben wie die armseligsten ihrer Seminar- und Kirchenmäuse der erlösenden Spritze entgegengefiebert und warten nun ergebenst, dass die versprochene Wirkung eintritt, sie sind nicht nur, wie der menschenfreundliche Schauspieler mutmaßt, an der Seele verhungert, sondern sie lassen verhungern, kalten Herzens und aller Vernunft bar, denn sie haben nichts zu sagen, übersehen aber dabei geflissentlich den Umstand, dass sie eben deshalb auch in Zukunft nichts mehr zu sagen haben werden. Warum auch?

Alles hat seine Zeit. Nur der Tod nimmt sich seine.

Dieser Beitrag erschienm zuerst auf Ulrich Schödlbauers Blog hier.

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Leserpost

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Sabine Heinrich / 25.04.2021

@Rudolf Dietze: Ihre wenigen Worte lassen mich ahnen, was Sie erleiden mussten - und wie Sie noch jetzt leiden. Alles Gute für Sie und großes Mitgefühl! S.H.

Harald Unger / 25.04.2021

In den Jahrzehnten der wohlfeilen “nie wieder” Betroffenheits-Pornografie der - wie Ulrich Schödlbauer richtig bemerkt - Schlechtestenelite, hatte der Kalte Krieg im Westen dafür gesorgt, daß weder sie sich noch sonst wer (auch ich nicht), je bewähren musste. - - - Jetzt, wo es gälte, kuscht die Bürgergesellschaft vor einer Riege zynischer, wichtigtuerischer Chargen und Schranzen und lässt sich, lallend vor Verblödung, abdecken. - - - Die bisherige, gnadenlose Weigerung der Achse, die auslösende, globale Mechanik zu thematisieren, wird zusehends löchriger. Kein Wunder, denn diese Mechanik zeigt sich ja in aller Offenheit und drängt durch alle Ritzen der bisherigen Abwehrhaltung. - - - Es ist für uns alle (im Westen) Neuland. Gegen Despotie und Totalitarismus aufzustehen. Und dabei Gefahr zu laufen, vom entfesselten Gewaltregime der gelernten DDR-Marxistin, vernichtet zu werden. Das nach bisherdeutschen ‘Tätern’ giert. - - - Noch gestehen wir uns nicht ein, daß ein Vernichtungskrieg gegen uns geführt wird. Uns, d.h. die bürgerlichen Gesellschaften Nordamerikas und Westeuropas.

Gisela Fimiani / 25.04.2021

Mit Nichts läßt es sich vortrefflicher d u r c h r e g i e r e n, als mit dem Totschlagargument des Todes, zumal wir der Unsterblichkeit auf Erden entgegen zu existieren gedenken…........unlebendig lebend….....

Sirius Bellt / 25.04.2021

Ich kannte bis jetzt nur das Liefer Video. Das Video von Tukur ist genauso großartig. Die beiden Künstler wirken auf mich wie eine plötzlich auftauchende Oase mit klarem, frischem Wasser in einer endlos scheinenden Geröllwüste.

Florian Bode / 25.04.2021

Mitten im Leben sind wir des Todes. Alle. Diese erhabene Wahrheit halten die Verweser des kleinen Glückes nicht aus. Wo sie doch sonst so für Gerechtigkeit reden.

Rudolf Dietze / 25.04.2021

“dem Tod keine Gewalt über uns geben.” aber frei über unser Leben verfügen (Stinkefinger). Am 5. Februar haben wir Bernd (Krebs) beerdigt. Am ersten Advent war er noch so Fit, das er noch an der Innungsweihnachtsfeier hätte teilnehmen können. Wie vielen wurde die letzte Lebensfreude vorenthalten? Wie viele sind einsam und lieblos ohne Berührung ohne letztes Wort gestorben. Der Tod ist allgegenwärtig. Das leben währet 70 Jahre und wenn es hochkommt 80. Gottvertrauen? Diese Almachtsfantasien, das wenn noch 14 Tage, 2 Monate oder ewiges Wegsperren etwas helfen würde, erweist sich immer klarer als böswilliger Irrweg.

Sabine Schönfelder / 25.04.2021

Eine Art selbstgerechte und selbstverliebte Reflexion, werter Autor,  über eine interpretationsfreudige und hermeneutisch gern anvisierte Begrifflichkeit von der philosophischen „Resterampe“: DEN TOD. Was wollen sie der rezipierenden Meute mitteilen? Der Tod trifft uns alle. Die einzige „Gerechtigkeit“ der Welt. Unbestechlich, kaum manipulierbar, wenn wir von der natürlichen Lebenserwartung ausgehen. Zwischen Geburt und dem Ende liegen Illusionen, subjektive Empfindungen, Mythen, Märchen und Selbstbetrug. Und weiter? Bei Tukur geht es um ANGST. Der Tod wird ungerechtfertigt utilisiert. Hier geht es um b e w u ß t e Täuschung. Der Tod gehört zum „Gescherr“, ist aber nicht der „Herr“ des Ganzen. Das, glaube ich, will Tukur ausdrücken.

Uta Buhr / 25.04.2021

Eine wunderbare Wiedergabe dieser Zeilen eines meiner Lieblingsdichter durch den Ausnahmeschauspieler Ulrich Tukur. Obwohl nicht am Wasser gebaut, kamen mir bei seinem Vortrag die Tränen. Eine Art Befreiung in diesem tristen, von sinnlosen Verboten vergifteten Land. Tausend Dank!

A. Ostrovsky / 25.04.2021

Im Deutschen ist der Tod etwas Großes, hohl Tönendes mit drei großen O in der Mitte und dann aprupt das Ende im kleinen d. Da haben es die Serbokroaten schwieriger. Smrt, da klingt nichts, es ist ohne Ruhm, ohne Hoffnung in der Mitte, dass es doch noch gut endet. Man bekommt keine Angst und statt die Augen weit aufzureißen, ist der Sprecher damit beschäftigt, den Knoten in der Zugne wieder zu lösen. Und erst danach sieht er, dass das Ende bereits eingetreten ist. Was macht der Coronavirus eigentlich in Serbien und Kroatien? Ich frage mal aus reiner Neigier. Weil er doch dort so gar keine linguistische Unterstützung bekommt. Oder sind die Leute dort ganz anders gestrickt und der Schrecken geht gerade davon aus, dass die drei großen O in der Mitte fehlen?

Bechlenberg Archi W. / 25.04.2021

“Wir nähern uns nicht dem Tod. Wir fliehen vor unserer Geburt.” (E. M. Cioran)

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