Wenn ich mit Türkeistämmigen zusammensitze – den alten Gastarbeitern oder ihren Kindern –, landen wir fast automatisch bei einem einzigen Satz: „Was soll aus diesem Land nur werden?“
Wenn du die Wege und Tricks kennst, kannst du Deutschland ausnutzen – und dafür sorgen, dass am Ende vom Sozialstaat das Wort sozial komplett verschwindet. Im theoretischen Fall natürlich. Doch wer hier lebt, weiß längst: Deutschland hat eine Bonität, die noch immer auf dem Rückgrat der Wirtschaft vergangener Jahrzehnte beruht. Und jede Regierung – egal welcher Couleur – hat ihr Lieblingsinstrument gefunden, um davon zu zehren: das „Sondervermögen“. Ein Wort wie eine Zauberformel. Es klingt nach Sicherheit, nach Rücklage, nach Schatz. In Wahrheit ist es nur ein neuer Kredit, eine Wette auf die Zukunft, ein Griff in den Vorrat, den Fleißige in Jahrzehnten erwirtschaftet haben.
Ich schreibe das, und gleichzeitig muss ich mich selbst bremsen, damit die Wut nicht durch mich schreibt. Eine Wut, die seit 2015 Tag für Tag in mir gärt. Wenn ich mit Türkeistämmigen zusammensitze – den alten Gastarbeitern oder ihren Kindern – landen wir fast automatisch bei einem einzigen Satz: „Was soll aus diesem Land nur werden?“ Oder, auf Türkisch: Bu memleketin hali ne olacak?
Dieser Satz war und ist jahrzehntelang das Mantra in der Türkei. Er fasst Verzweiflung, Misstrauen und das Gefühl zusammen, dass alles in eine Schieflage geraten ist. Heute aber passt er auf Deutschland – wie die Faust aufs Auge. Wenn man die Türken fragt, ob sie sich eher mit der Türkei oder mit Deutschland identifizieren, sagen viele: „Türkei.“ Sie fühlen sich so. Doch in Wahrheit reden sie immer nur über Deutschland. Alles, was sie beklagen, richtet sich auf das Hier und Heute, nicht auf das ferne Anatolien.
„Papa, schreib vielleicht besser nicht darüber.“
Die Alten schütteln resigniert den Kopf. Die Jüngeren sagen trocken: „So kann es doch nicht weitergehen.“ Und wenn es um die Migration nach 2015 geht, um die ungezählten, unkontrollierten Zuwanderer, dann wird es deutlich: „Die müssen weg!“ Interessant ist, wie sich die Sprache verschoben hat. Früher war der „Ausländer“ der Gastarbeiter – einer, der Doppelschichten fuhr, sich krumm machte, ein Arbeitstier, das zum Wohlstand des Landes beitrug. Heute nennt man ihn „Mensch mit Migrationshintergrund“. Und wenn ein deutscher Türke von „Ausländern“ spricht, meint er nicht mehr sich selbst oder seine Familie, sondern jene, die jetzt gekommen sind – und mit Arbeit nichts anfangen wollen.
Genau hier liegt der Nährboden für die AfD. Wenn sie die Sprache der Menschen übernimmt, einfach und direkt, ohne Soziologen-Wortgeklingel, und immer wieder klarstellt: Ihr seid nicht gemeint. Gemeint sind die, die seit 2015 kamen und in den Sozialkassen wohnen. Dann findet sie Gehör, dort, wo man längst die Geduld verloren hat.
Täglich begegnet mir etwas, das meine Wut neu nährt. Gestern rief mein Sohn an. Er macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker, fährt jeden Tag fast 140 Minuten mit dem Zug – das nenne ich Strebsamkeit. Wenn ich dagegen bedenke, dass die von mir betreuten Jugendlichen schon mal sagen: „Das sind aber fast zehn Haltestellen mit dem Bus“ – und die Stelle deshalb ablehnen, dann weiß ich, in welchem Paralleluniversum wir uns bewegen. Während die einen lange Wege, frühes Aufstehen und Disziplin als selbstverständlich hinnehmen, suchen andere Ausreden, um ja nicht aus ihrer Komfortzone herauszumüssen. So baut man ein Land auf – oder lässt es eben verfallen.
Mein Sohn erzählte mir dann, was er erlebt hatte: Eine Frau mit Kopftuch, vier Kinder dabei, versuchte am Automaten ein Ticket zu ziehen. Immer wieder, es klappte nicht. Noch eine Minute bis zur Abfahrt. Viele riefen: „Steigen Sie einfach ein, kaufen Sie im Zug!“ Dann kam der Kontrolleur. Die Frau sprach kein Deutsch, hielt ihm einen Fünfziger hin, gestikulierte, dass der Automat nicht funktionierte. Mein Sohn sprang ein, bestätigte, dass sie es versucht hatte. Der Kontrolleur lächelte: „Diesen Trick kennen Sie wohl noch nicht. Die Automaten nehmen keine 50er. Würden sie das tun, gäbe es ein halbes Kilo Kleingeld zurück.“ Dann bat er die Frau, ihr Portemonnaie zu öffnen – und siehe da: Sie hatte genug Zehner und Zwanziger. Kurz bevor der Zug an der Station hielt, ging der Kontrolleur an meinem Sohn vorbei, lächelte und sagte: „Es gibt noch mehr solcher Tricks. Konnten Sie nicht wissen. Schönen Tag!“
Mein Sohn erzählte mir das und schloss mit: „Papa, schreib vielleicht besser nicht darüber. Ich habe ein schlechtes Gewissen.“ Gerade deshalb bin ich stolz auf ihn. Seit zwei Monaten ist er Deutscher – und stolz wie Oskar. Etwas, das die Linken in diesem Land wohl kaum noch verstehen können. Und wieder bleibt nur dieser eine Satz: Was soll aus diesem Land nur werden?
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.

Ja, so traurig ist es!
Vielen Dank, Herr Dener – ich habe fast alle Ihre (inzwischen zahlreichen) Beiträge gelesen. Und alle mit Gewinn!
Ich glaube nicht, dass ein Kontrolleur befugt ist, den Inhalt einer Geldbörse zu kontrollieren.
Ein sehr bekannter, deutscher Blogger, ein Informatiker, schreibt heute: ,,Es geht nicht mehr darum, was gut und was schlecht ist. Welche Entscheidung zu treffen ist. Es geht nun darum, woran wir sterben und wo es weh tut. Die Zeit des Geredes ist vorbei, jetzt kommt die ,Es-passiert-was-Zeit’. Deshalb nämlich sind Streitigkeiten und politische Auseinandersetzungen erledigt, und deshalb haben sich auch Leute wie Habeck und Baerbock aus dem Staub gemacht. Es gibt eigentlich nichts mehr, worüber man streiten könnte, weil jetzt die Empirie kommt, das Erleben und Beobachten. Der Aufschlag auf dem Boden. Man kann und muss nicht mehr darüber diskutieren, wer recht hat. Man sieht es jetzt.„
Alle herkommen. Hier ist mittlerweile, zumindest aktuell noch, die schönere Türkei. Sonstige Abstriche müssen ja zudem ja an keiner Stelle gemacht werden. Es lässt sich hier auch zielführender über Zustände in der Hauptheimat filosofieren.
Landtag von Baden-Württemberg 12. Wahlperiode 06. 11. 97
Drucksache 12 / 2127
Der folgende Aufruf wurde von einem Koordinationsrat der türkischen Vereine in
Nordrhein-Westfalen im Januar 1997 an die Organisation „Christliche Mitte“
übersandt.
„Wir Muslime protestieren!
Vergessen Sie nicht: Als Deutschland in Schutt und Asche lag, kamen die Auslän-
der und bauten das Land wieder auf. Die Ausländer haben den Deutschen den
Wohlstand gebracht. Ohne die Ausländer ständen die Deutschen heute noch auf
ihren Trümmern. Darum folgende logische Folgerung: Wer das Land aufgebaut
hat, dem gehört es auch. Ausländer sind Inländer. Wir wollen: Hier wählen, hier ar-
beiten, hier mitbestimmen. Darum: Der nächste Bundeskanzler mit seinen Mini-
stern müssen Türken sein!!!! Die Kreuze müssen verschwinden! Der Islam ist die
stärkste Kraft. Der Islam wird siegen.“ (Koordinationsrat der türkischen Vereine
NRW an die CM im Januar 1997)
Ibrahim El-Zayat (Islamisches Jugend-Magazin „TNT“, Ausgabe 1/1996)
Ich glaube nicht, daß es unmöglich ist, daß der Bundeskanzler im Jahre 2020 ein in
Deutschland geborener und aufgewachsener Muslim ist, daß wir im Bundesverfas-
sungsgericht einen muslimischen Richter oder eine muslimische Richterin haben…
Dieses Land ist unser Land und es ist unsere Pflicht, es positiv zu verändern. Mit
der Hilfe Allahs werden wir es zu unserem Paradies auf der Erde machen, um es
der islamischen Ummah (Weltgemeinschaft) und der Menschheit insgesamt zur
Verfügung zu stellen.
„Allah hat euch zu Erben gesetzt über die Ungläubigen, über ihre Äcker und Häu-
ser, überall ihre Güter und alle Lande, in denen ihr Fuß fassen werdet.“
(Koran 33.28)
NOCH FRAGEN?
Also ohne Refi und Oskar, hätten wir den Untergang längst wieder alleine geschafft. Glaubst du nicht? Hol ich Bruder. Der glaubt auch an Fenerbace.
Nun ja, das mag für manche türkischstämmige Einwohner gelten, aber sicher nicht für alle. Erst jüngst zuckte ein Ebensolcher im persönlichen Gespräch über massiv steigende Kriminalität in Westeuropa lediglich die Schultern: dies sei doch normal, vor allem in Grossstädten. Na also, kein Grund zur Aufregung – oder? Er selbst ist übrigens (via deutschem Doppelpass und Personenfreizügigkeitsabkommen) in die Schweiz ausgewandert, wohnt dort in einem sehr kleinen(!) Ort, verdient bestens und ist in der Freizeit Teil einer homogen türkischstämmigen Community…