Die Türkei ist Deutschland in Sachen Digitalisierung weit voraus. Bürger finden in ihrer elektronischen Akte sämtliche Daten, von Allergietest bis Anwaltsdiplom. Betrüger leider auch.
Als ich vor Jahren in der Türkei lebte, fragte ich mich oft, ob so etwas in Deutschland mit seinen strengen Datenschutzgesetzen je möglich wäre: E-Devlet – der E-Staat der Türkei. Seit über einem Jahrzehnt hochdigitalisiert, funktional, blitzschnell. Wer glaubt, in der Türkei läuft nichts – sollte einmal den E-Government-Zugang nutzen. Das funktioniert. Und zwar erschreckend gut. In wenigen Klicks erfährt man dort alles über sich selbst – oder besser gesagt: über die digitale Version von sich selbst. Was genau?
- Ausweisdaten und Meldeadresse
- Krankenversicherung (SGK) und Beitragsnachweise
- Alle Laborberichte, die vom Arzt veranlasst wurden (Blutwerte, Röntgen- und MRT-Aufnahmen)
- Steuerbescheide und Schulden
- Rentenansprüche und Dienstzeiten
- Immobilien- und Fahrzeugbesitz
- Gerichtsverfahren (auch solche, von denen man nichts ahnte)
- Mahnverfahren, Bußgelder, polizeiliche Vorgänge
- Prüfungsergebnisse, Diplome, Immatrikulationsnachweise
- Geburten, Todesfälle, Ehe- und Scheidungsdaten
- Daten von Ehepartnern, Kindern, Eltern – bis hin zu ihren Versicherungen
- Ahnentafel
Transparenz, wie sie Orwell nicht besser hätte designen können. Was in Deutschland Tage, Anträge und Termine kostet, ist dort binnen Sekunden sichtbar. Ein Paradies für Bürokratiemüde – und für Datenhändler.
Willkommen im digitalen Basar
Denn natürlich hat die Medaille eine Rückseite. Dass der türkische Staat in den letzten Jahren mehr und mehr zum digitalen Überwachungsstaat mutiert ist, überrascht niemand. Überraschender ist, wie professionell diese Überwachung organisiert ist. E-Devlet funktioniert. Zu gut. Der Bürger ist längst gläsern – nur dass das Glas inzwischen Risse hat.
In den vergangenen Wochen flogen gleich mehrere Datenskandale auf: Es gibt gefälschte Diplome in staatlichen Systemen, Identitäten Verstorbener, mit denen elektronische Signaturen erstellt wurden sowie E-Signaturen, mit denen Dritte in fremdem Namen Verträge, Rezepte oder juristische Dokumente unterschreiben konnten.
Faruk Çayır, türkischer IT-Rechtsexperte und Präsident der „Alternative Informatics Association“, warnte im Interview mit der Deutschen Welle: Die Sicherheitslücken im System seien eklatant. Besonders brisant: Auch nach Bekanntwerden der Fälschungen blieben viele dieser digitalen Signaturen weiterhin aktiv. Und dann wird es grotesk.
Tote unterschreiben, Lebende staunen
Unter den aufgedeckten Fällen fanden sich elektronische Signaturen von Anwälten, die beim Erdbeben vom 6. Februar 2023 ums Leben kamen – posthum im System weiteraktiv. Laut Çayır wurden die USB-Sticks mit den Signaturen samt Passwörtern einfach weiterverwendet. In Behörden. In Kanzleien. In Krankenhäusern. Besonders beliebt: Der digitale Rezeptbetrug mit teuren Krebsmedikamenten. Was nach Hacker-Fiction klingt, ist Realität. In der Türkei kann man mit einem USB-Stick und dem passenden Passwort offiziell unterschreiben – alles, was das Amt begehrt. Wer das Gerät besitzt, ist der Staat. Zumindest im Moment der Transaktion.
Mittlerweile wird öffentlich darüber spekuliert, dass tausende Fake-Diplome im Umlauf sind – in den Reihen von Professoren, Ärzten, Richtern, Beamten, ja sogar Ministern. Und man fragt sich: Wenn in so einem Umfeld alles gefälscht wird – warum eigentlich nicht auch Erdogans vierjähriges Universitätsdiplom? Die Echtheit dieses Dokumentes gilt als höchst umstritten.
Stattdessen aber wurde dem Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu – wohlgemerkt 30 Jahre nach dessen Abschluss – das Diplom aberkannt. Der Mann, der Erdogan gefährlich werden könnte. Eine Art rückdatierte Entziehung der akademischen Daseinsberechtigung. Die Fake-Doktoren blieben bislang im Amt. Wer will schon Ärger riskieren?
Währenddessen in Deutschland: Wir vereinbaren einen Online-Termin beim Bürgeramt – in sechs Wochen. Wir faxen Unterlagen. Wir bringen Originale persönlich vorbei. Und wir sprechen vom „digitalen Aufbruch“. Ich gebe zu: Als ich in der Türkei lebte, bewunderte ich heimlich die Effizienz des E-Staats. Heute weiß ich: Digitalisierung ohne Rechtsstaat ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug ohne Bremsen. Beeindruckend – bis zur ersten Kurve.
Was bleibt aus der Türkei zu berichten? Vielleicht die Erinnerung an den Gouverneur von Alanya, der laut Diplom in England promoviert hatte, aber bei einer öffentlichen Rede mit den Worten begann: „Woman and Man“ – statt „Ladies and Gentlemen“. In dem Moment, so schien es mir, fiel im Hintergrund sein Diplom von der Wand.
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.
Beitragsbild: FaceMePLS Flickr, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Wunderbarer Artikel. Danke für die Informationen, Herr Dener. In der Tendenz ist das auch bei uns in Deutschland schon absehbar. An „digital“ ist nicht nur nichts sicher, auch nicht rechtssicher, es lädt zum Missbrauch geradezu ein, wenn man denn ein wenig Fachkenntnis besitzt und selbst im Behördenapparat arbeitet und ein anderes Parteibuch hat als derjenige, den man da gerade bearbeitet. In den USA sehen wir das ja auch. Man denke an den „Deep State“, der keineswegs eine rechte Verschwörungstheorie ist, sondern genau das beschreibt, was Sie im obigen Artikel über die Türkei schreiben. Und ich wiederhole: Deutschland ist dank „mangelnder“ ;-) Digitalisierung zwar noch nicht ganz so weit, aber mit Hilfe der Amis auf dem besten Wege dorthin. Das alles gehört gestoppt, weil es sonst jedes Land weltweit überkreuz in ein totalitäres und unkontrollierbares Scheißhaus verwandelt. So wie ich das gerade vernehmen konnte, scheint man in Deutschland zumindest beim BND das Problem schon verstanden zu haben.
Das Problem heißt „Smartphone“. Weder die Politik, noch die Industrie sind daran interessiert, das Daten-Gestrüpp einzuhegen. Und die meisten Menschen besitzen mindestens ein Smartphone und benutzen das als Allzweckwaffe. Zugausfall. Näheres erfahren Sie in der App. Und alle glotzen auf die App. Da gibt es immer noch Typen, die dir erklären, daß man Zugverbindungen in der App nachgucken kann und dann halten die sich für einen ganz Großen. Und ohne die Frauen hätte sich das Telefonbrikett nie durchgesetzt, das hat ja auch was Mädchenhaftes. Weil das so praktisch ist! Und das muß ja wohl jeder selber entscheiden! – Noch geht das, das ist lustig, aber morgen wird das zur Pflicht. Man kommt daran nicht vorbei, das Gerät gehört in den Mülleimer und die Benutzer müssen diskriminiert werden. / Das Internet ist bloß ein neues Kriminalitätsfeld. Um das einzurichten, mußten die meisten Persönlichkeitsrechte abgeschafft werden. Goldgräberstimmung in den Datenbergen. Kameras, Fotos, das fällt unters Persönlichkeitsrecht, das ist alles verboten. Gespräche können heimlich mitgeschnitten werden. Private E-Mails auf alle Mitarbeiter verteilt werden. Das kann peinlich werden. Das können auch Kinder. Die photographieren das ganze Haus ab, Papa in Unterhose, und stellen das ins Netz.
Die steuerliche Identifikationsnummer (IdNr. oder Steuer-ID) gibt es in Deutschland auch. Lebenslang unverändert gültig. Man muss diese IdNr nur kombinieren mit dem Perso, und „Rest“ der Daten. Die Türken haben das offensichtlich gemacht, Vorbild dürfte hier Asien/Singapur gewesen sein. Dann ist Orwells Flaschengeist draussen, und wie man das wieder eingrenzen will, ist unbekannt. In Deutschland hat (bisher) nur der Staat Zugriff, aber das kann sich ja ändern. Was daran positiv sein soll, erschliesst sich mir nicht. Insbesondere wenn dann noch „social scoring“ dazukommt, wie in China. Dann kriegst du keine Wohnung mehr, wenn du nicht kommunistisch genug bist (bzw islamisch genug in der Erdogan-Türkei). Nein Danke.
@ Schönfeldt: „Politiker, die (angeblich) in England einen Abschluss gemacht aber große Probleme mit dem Englischen haben. Irgendwie kommt mir das bekannt vor.“ Vorsicht! Die Dame, die nun im 100.000 km entfernten New York gegen fotzile Energien und für den Beacon of Hope kämpft, mag solche Andeutungen nicht.
Ohne genaue Hinweise, Name und Gesicht vergessen. Bürger eines EU Landes hat von 4 oder 5 verschiedenen EU Staaten Führerscheine. Kein BND Mitarbeiter oder so etwas. Nicht irgendwelche Papierlappen. Nein! Alles Plastikkarten. Mit einem Führerschein sogar für Busse. Und ich stelle mich überall brav an. Seit 3 Jahren bemühe ich mich für einen EU Bürger dem vor 6 Jahren die Erlaubnis zur Führung eines Fahrzeuges in DE entzogen wurde, zu Recht entzogen wurde, dass er diese Erlaubnis wieder erhält. Bestrafung etc. alles erledigt. Geht nicht einfach, aber geht…wenn man nicht auf Unwissenheit, Unfähigkeit, jede Menge Fehler der Behörden und der Umgang mit diesen Fehlern, blogging zum Behördenschutz, Widersprüche zwischen den Behörden usw. stößt. „Sie haben die Frist überschritten.“, „Sie wissen schon, dass die vorherige Behörde den Vorgang nicht schneller bearbeitet?“, „Ja. Aber Sie haben die Frist überschritten.“
Ein schöner Beitrag. Wie nennt man es, wenn man üble Zustände oder Aussichten auf amüssierende Weise darstellt? Ironie? Schon viele Jahre her, da war es in den Nachrichten, jeder Bürger der Türkei solle vom Staat eine lebenslang gültige eMail-Adresse erhalten, wobei es damals die heute geläufigen Soziale Medien-Angebote noch nicht gab. Ja, auch eMaildienste werden veralten und ebenso elektronische Akten. So wie ISDN-Dienste, faxen,Fotographie, die Druckkunst. Die „Optimierung“ der Information namens Menschlein wird dann selbst vom Tierreich nicht Halt machen. Sprache, Schrift, in sinnliche Wahrnehmbarkeit gefüllte Grammatiken, menschliche wie tierische,werden zunächst von quantenoptimierten Nanoimplantaten in Kontinuen aufgelöst sein. Selbst ein Sandkorn, ja Nichts, werden aufgelöst und gerinnen zu zeitloser Unendlichkeit.
Ich sehe auf dem Bild Betrug. Sollte man nicht gleich die Hundert-Euro-Scheine aus dem Verkehr ziehen! Um dem Verbrechen mit deutscher Art entgegen zu wirken. Die Hütchenschieber werden dann für eine Fuffi wohl nicht mehr wollen.