Tom David Frey, Gastautor / 08.09.2023 / 12:00 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Der Trump-Faktencheck (3): Teufel, Heiland oder… Sexist?

Von Tom David Frey.

Was, wenn Donald Trump weder der Teufel noch der Heiland wäre? Angenommen, er wäre einfach nur ein Politiker mit Vor- und Nachteilen. Tom David Frey wagt in seinem Buch, das wir in Auszügen vorstellen, die Abwägung. Teil 3: „Der antifeministische Präsident“.

Der Begriff „Feminismus“ bezeichnet eine Bewegung, die sich für Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation von Frauen einsetzt. Alternativ wird Feminismus auch als Gleichberechtigungsbestreben zwischen den Geschlechtern definiert. Allerdings hat das hehre Thema im modernen Diskurs einen Haken: Wo Männer schwanger werden und Frauen Penisse haben können, wie definiert man da überhaupt, was eine Frau ist? Die Beantwortung dieser eigentlich einfachen Frage, „Was ist eine Frau?“, fällt Neo-Feministen jeden Geschlechts daher besonders schwer. Zwar hat die Natur dafür gesorgt, dass es etliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, vom typisch männlichen Haarkranz bis hin zur typisch weiblichen, höher klingenden Stimmlage. Aber die Natur, gewitzt und heute wohl transfeindlich gleichermaßen, hat den Menschen einen Streich gespielt und neben den schon genannten möglichen Unterschieden auch andersartige Geschlechtsteile, Knochendichten, Herzgrößen, außerdem durchschnittliche Körperfettanteile an die beiden Geschlechter verteilt.

Und wer sich auch davon nicht beeindrucken lassen möchte, den schockt Mutter Natur schlussendlich mit Chromosomen (obwohl „Mutter Natur“ in diesem Kontext politisch korrekt „Austragendes Elternteil Natur“ heißen müsste). (…) Folgt man aber für einen Moment der Lesart vieler westlicher Neo-Feministen, so wäre Feminismus nicht etwa „eine Bewegung, die sich für Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen von Frauen einsetzt“. Stattdessen müsste man Feminismus eher als „eine Bewegung, die sich für Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen von jedem Menschen einsetzt, der sich als Frau identifiziert“. Wobei auch das nicht aufgeht. Denn wer das Wort „Frau“ nicht definieren kann, der kann sich auch nur schwer als solche begreifen. (…)

Wie dem auch sei, das Thema Transgender ist nicht Teil dieses Buches, allerdings kann es nicht ganz ausgeklammert werden. Ganz einfach deshalb, weil viele der verbalen Wortführer im Kampf um eine mögliche Frauenfeindlichkeit Trumps nicht dazu in der Lage scheinen, das Wort „Frau“ zu definieren und entsprechend den Begriff des Feminismus bis zur Unkenntlichkeit verwässern. Wenn Trump am Ende ein Frauenfeind wäre, wem stünde er dann ablehnend gegenüber? (…)

Trump-Feminismus-Aufreger 1

Kurz vor den Wahlen 2016 passierte, was wie ein Damoklesschwert über den Köpfen aller Kandidaten schwebt und was sie fürchten, wie der Teufel das Weihwasser: Ein wahrer Skandal fand seinen Weg an die Öffentlichkeit. Ein schockierendes Video aus dem Jahr 2005 zeigte Trump im Gespräch mit William Hall „Billy“ Bush, einem bekannten US-Fernsehmoderatoren. Trump, der damals als Unternehmer und Fernsehsternchen bekannt war – allerdings nicht im Traum als politischer Anwärter – war während des Höhepunkts des Videos gar nicht zu sehen.

Stattdessen zeigte das Bild einen Bus mit der Aufschrift „access hollywood“. Allerdings schienen Trump und Bush bereits verkabelt zu sein – und der Ton aufgezeichnet zu werden. Das als „hot mic“ bekannt gewordene Phänomen, das sich mehr als ein Jahrzehnt vor den Präsidentschaftswahlen ereignet hatte, wurde in den wichtigen Tagen im Jahr 2016 zu einem der meistdiskutierten Themen überhaupt. Unter viel Gekicher wurde ein bizarrer wie verstörender Wortwechsel aus dem Inneren des Busses hörbar:

Trump: „Ich nehme besser ein paar Tic Tacs, nur für den Fall, dass ich anfange, sie zu küssen. Weißt du, ich fühle mich automatisch von Schönheit angezogen – ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet. Einfach küssen. Ich warte nicht mal. Und wenn du ein Star ist, dann lassen sie es dich einfach tun. Du kannst alles machen.“

Bush: „Was auch immer man will.“ 

Trump: „Pack’ sie bei der Muschi. Du kannst alles machen.“

Das Video schlug ein wie eine Bombe. Auf einmal suchte man Distanz zum Eskapadenkönig, der Frauen wie eine Ware darzustellen schien, der sich gar mit seinen Worten brüstete. Das Gesagte sprengte den Rahmen jeden guten Geschmacks. Und das, obwohl Trump, streng genommen, nicht direkt von einem Übergriff gesprochen hatte – „dann lassen sie es dich einfach tun“ ist von „dann lassen sie es dich nicht tun und du tust es trotzdem“ bei aller Geschmacklosigkeit dennoch zu unterscheiden. Gleichwohl war selbst die republikanische Basis in weiten Teilen von den Worten verstört. Eine Mischung aus Schweigen, Distanzierungen und Verurteilungen machte sich breit. Ansonsten loyale Verfechter des Präsidentschaftsanwärters posteten bei Facebook Sätze wie: “I’m off the Trump train“ (in etwa “Ich bin runter vom Trump-Zug“).

Bedauern und Beschwichtigen, dann in die Offensive

Unnötig zu erwähnen, dass das Video den Demokraten einerseits in die Hände spielte und andererseits die Ablehnung gegenüber Trump in Zement goss. Nur kurz nachdem das 2005 aufgenommene Video seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hatte, veröffentlichte Trump ein weiteres Video. Für den verbalen Haudrauf untypisch, enthielt die Botschaft eine Entschuldigung. Dem Präsidentschaftsanwärter und seinem Team schien klar zu sein, dass sein Gerede davon, mit einer verheirateten Frau schlafen zu wollen, außerdem mit Frauen machen zu können, was er wollte, nicht nur bei vielen Frauen, sondern gerade auch bei seiner konservativen Basis gar nicht gut angekommen war.

In der von Trump veröffentlichten Videobotschaft sagte der damalige Präsidentschaftskandidat:

„Ich habe nie behauptet, dass ich eine perfekte Person bin, und ich habe auch nie so getan, als wäre ich jemand, der ich nicht bin. Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich bedauere. Und die Worte, die heute auf diesem mehr als zehn Jahre alten Video veröffentlicht wurden, gehören dazu. Jeder, der mich kennt, weiß, dass diese Worte nicht widerspiegeln, wer ich bin. Ich habe es gesagt. Es war falsch und ich entschuldige mich dafür.

Ich bin durch das Land gereist, um über Veränderungen für Amerika zu sprechen, aber meine Reisen haben auch mich verändert. (...) Seien wir ehrlich, wir leben in der realen Welt. Dies ist nichts weiter als eine Ablenkung von den wichtigen Problemen, mit denen wir heute konfrontiert sind. (...) Ich habe einige dumme Dinge gesagt, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen den Worten und den Taten anderer Menschen. Bill Clinton hat tatsächlich Frauen missbraucht und Hillary hat seine Opfer schikaniert, angegriffen, beschämt und eingeschüchtert.“

Einerseits gestand Trump unumwunden die Fehlerhaftigkeit seiner Worte ein. Nicht nur das, er drückte sogar Bedauern aus. Dann allerdings lenkte er ab, indem er versuchte, das Gesagte als Kleinigkeit darzustellen, als Nebensächlichkeit. Schlussendlich ging er sogar zum Angriff über. Nicht, indem er Ausreden oder Erklärungen für seine eigenen Worte fand, sondern indem er auf die schwerwiegenden Vorwürfe gegenüber Bill Clinton, dem Ehemann seiner Gegenkandidatin, hinwies. Whataboutism in Reinform.

Ein offen frauenfeindlicher Affront

Hatte Trump sich einer Straftat schuldig gemacht? Oder hatte er mal wieder nur geprahlt? (…) Entsprechend brannte die Welt auf mehr Informationen, auf eine Aufklärung der Vorwürfe. Der Thematik widmete sich Journalist und CNN-Moderator Anderson Cooper. Nur Tage, nachdem das Video die Öffentlichkeit erreicht hatte, standen sich Trump und Clinton, die beiden Präsidentschaftskandidaten, auf der Bühne gegenüber.

Cooper: „(…) Sie haben damit geprahlt, dass Sie Frauen gegenüber sexuell übergriffig waren. Verstehen Sie das?“

Trump: „Nein, das habe ich überhaupt nicht gesagt. Ich glaube, Sie haben nicht verstanden, was gesagt wurde. Das war ein Umkleide-Gespräch. Ich bin nicht stolz darauf. Ich entschuldige mich bei meiner Familie, ich entschuldige mich beim amerikanischen Volk. Sicherlich bin ich nicht stolz darauf. Aber das ist ein Umkleide-Gespräch. (…)“

Unzweifelhaft war Trumps Aussage, Frauen auch an ihren Genitalien anfassen zu können, ein offen frauenfeindlicher Affront, der nicht nur die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft hart traf, sondern der auch zahllose Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne am Präsidentschaftskandidaten Trump zu Recht zweifeln ließ.

Süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung

Was aber ist dran an Trumps Verteidigung, die Worte seien nichts als ein machohaftes „Umkleide-Gespräch“gewesen? Nun, zu dem Thema wird man wenige Studien und Daten finden. (…) Durchaus vorstellbar aber ist, dass Männer, gerade die, die von Ego-Bestätigungen von außen abhängig sind, derlei Geschichten in die Welt setzen, um Bewunderung zu erfahren.

Um als gefährlich, männlich und dominant dazustehen und sich in der eigenen Peer-Gruppe auf ein Podest zu heben, von dem sie eigentlich nur träumen. Dass diese Art der Kommunikation nicht gerade von einem großen Selbstwertgefühl zeugt, dass sie eigentlich eher abstoßend ist, sei dahingestellt, weil zumindest nach westlichen Maßstäben gänzlich offensichtlich. Aber ja: „Umkleide-Gespräche“ existieren, wobei die Frequenz dankenswerterweise stark nachgelassen hat – ob derlei Gehabe damit aus der Welt geschafft oder nur in noch privatere Sphären verschoben wurde, kann ich nicht beantworten.

Obwohl derlei Kommunikation natürlich schockiert, sei zur Ehrenrettung der meisten Männer gesagt, dass diese sich an dem machoartigen Gehabe nicht in abwertendem Ausmaß zu beteiligen scheinen. Und natürlich sind die allermeisten der Männer, die ständig mit Sex-Geschichten prahlen, eher süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, als dass sie wilde Tiere sind, die Frauen reißen, wie Wölfe es mit Schafen tun. Simplifiziert könnte man es auch als modernes „Große-Klappe-wenig-dahinter-Syndrom“ betiteln.

Hauptsache, niemals Mittelmaß sein

Nun ist Machogehabe in der westlichen Welt eine nicht groß geschätzte Qualität und vor allen Dingen keine, die man im Anführer der freien Welt sucht. Natürlich sollte dieser potent sein – aber eben vor allen Dingen im politischen Sinne. Er sollte intelligent sein, und für das eigene Land und die eigenen Werte einstehen können. Aber auch Stärke sollte im politischen Zirkus nicht unterschätzt werden, ebenso wenig wie Durchsetzungsvermögen. (…)

Allerdings scheint Potenz für Trump der größte Stolperstein überhaupt zu sein. Wieder und wieder bringt er sich um Wählerstimmen aus der Mitte, wenn er sein Ego zu sehr in den Vordergrund drängt. Dabei hat es manchmal den Anschein, als sei Trumps Ego recht fragil, vielleicht sogar sein Selbstwertgefühl. Nach dem Motto: „Wer so prahlen muss, hat meist nicht viel zu bieten“. Denn ist ein Ego einmal wirklich gefestigt, dann reichen Blicke, Gesten und kurze Worte, um Macht auszustrahlen. Und vielleicht Statussymbole, auf die man dann aber auch nicht ständig hinweist, sondern die man einfach für sich sprechen lässt. Ein Gefühl der Überlegenheit wird so durch innere Stärke ausgedrückt, anstatt durch machoartige Prahlerei.

Stattdessen aber scheint Trump darauf angewiesen zu sein, von anderen eine Ego-Bestätigung zu erfahren. Hauptsache, wahrgenommen werden. Hauptsache, niemals Mittelmaß sein. Eventuell hat das aber auch mit seinem Ego nichts zu tun, sondern mit der perversen Medienwelt Amerikas, die so viele Prominente finanziell zwar bereichert, innerlich aber verkommen lässt, so dass man trotz Villen, Privatjets und viel Ansehen eigentlich nicht mit ihnen tauschen will, schaut man sich ihren Gemütszustand und den Zustand ihrer mentalen Gesundheit an. (…)

Worte sind nicht Taten

Nun kann man über die veröffentlichten Worte Trumps denken, was man mag. Man kann Trump berechtigterweise einen „Chauvinisten“ nennen. Man kann ihm auch machoartiges Getue attestieren. Außerdem könnte man die Aussage zum Grund nehmen, Trump abzulehnen oder aber man könnte zu dem Schluss gelangen, dass eine eklige Aussage, im Gegensatz zu einer Tat, auch verziehen werden kann. Man kann hinnehmen, dass jeder Mensch im Privaten schon unpassende Kommentare von sich gegeben hat und sich mit Trump aussöhnen. Oder aber man kann Trump ein schlechtes Vorbild nennen und die Mauer der Ablehnung bestehen lassen.

Wenn allerdings bei Trump ein Vorwurf im Raum steht, wird er nicht selten als Urteil gehandhabt. Im Zweifel gegen den Angeklagten könnte man die Situation beschreiben, die den ehemaligen US-Präsidenten Trump medial bis heute zu porträtieren versucht. Zugegeben agiert Trump selbst nicht anders, wenn er ganze Gruppen über einen Kamm schert, allerdings besteht der Unterschied in der Bewertung darin, dass Trump als Politiker ein anderes Verhältnis zur Neutralität haben darf, als es Journalisten haben sollten. (…)

Fraglos ist, dass Trumps Kommentar geschmacklos und, noch wichtiger, falsch und beleidigend war. Die Obszönität seiner Sprache ebenso wie der Inhalt selbst stellen dem ehemaligen Präsidenten nicht das Zeugnis aus, das ihn menschlich brillieren ließe. Im Gegenteil lassen sie Trump wie einen schlecht erzogenen Macho erscheinen, der nicht zwangsläufig mit einer Vorbildfunktion hätte geadelt werden sollen. Andererseits aber waren es Worte, nicht Taten, die Trump den Vorwurf des Antifeminismus einbrachten. Dieser Unterschied mag für einige zwar nur marginal scheinen, und er macht die Worte auch nicht besser, aber trotzdem ist er riesig. Besonders, wenn man bedenkt, dass Trump die obszönen Worte in einer scheinbar privaten Atmosphäre äußerte und nicht auf einer Wahlkampfbühne oder hinter seinem Schreibtisch im Oval Office.

Die Entschuldigung des damaligen Präsidentschaftskandidaten, der dafür bekannt ist, sich nie zu entschuldigen, hat genau deshalb auch Gewicht. (…) Eine Entschuldigung ist eine feine Sache, allerdings kann niemand anordnen, wie mit ihr umzugehen ist. Die einen verzeihen berechtigterweise, die anderen lehnen sie mit derselben Berechtigung ab. Auch das ist hinzunehmen.

Trump-Feminismus-Aufreger 2

Gegen Trump stehen aber noch andere Vorwürfe im Raum. Gerade auch solche, in denen es um Vergewaltigungsvorwürfe geht. Also um Taten, nicht leere Worte. Am präsentesten sticht der Fall Elizabeth Jean Carroll hervor. Erst im Mai 2023 führte die Anklage der Journalistin und Autorin zu einer ersten Verurteilung Trumps, die weltweit wie eine Sensation in der Berichterstattung Widerhall fand und teilweise gefeiert wurde. (…)

Historisch waren Sex und Macht immer nahe Verwandte. So sorgt es nicht für Verwunderung, dass Sex bei Weitem nicht nur ein Liebes- oder Fortpflanzungsakt, sondern auch ein politisches Werkzeug ist. Mächtige hatten nicht selten einen Harem oder Konkubinen, selbst Loyalität, Tapferkeit und Erfolg wurden mit Präsenten sexueller Natur gewürdigt, neue Bündnisse durch Heirat geschlossen, Feinde mit sexueller Erniedrigung bestraft. In allen Teilen der Welt spielte Sex auch diese wenig romantische, oft gewaltvolle Rolle, indem das eigentliche Grundbedürfnis, je nach Bedarf, zu Zuckerbrot oder Peitsche umgewandelt wurde. Fast immer auf Kosten von Frauen, deren Rechte selten eine Rolle spielten. (…)

Ebenso aber hat Sex und haben gerade auch Vorkommnisse wie Affären, die Macht, Mächtige zu stürzen oder zumindest in Bedrängnis zu bringen. (…) Dass sexuelle Übergriffe eine Realität sind, und das nicht nur in fernen Ländern, ist unbestreitbar. Laut Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC erleben im Laufe ihres Lebens mehr als die Hälfte aller Frauen „sexuelle Gewalt unter Einbeziehung von physischem Kontakt“. (…) Entsprechend ist es wahrscheinlich, dass unter Politikern, die auch nur Menschen sind, Opfer wie Täter ebenfalls vertreten sind.

Was passierte in der Dessous-Abteilung?

Genauso entsetzlich wie sexuelle Verbrechen es sind, ist es abscheulich, eine Tat aus persönlichen, finanziellen oder politischen Gründen zu erfinden. Einen Reputationsschaden fügt man einer Person mit dem Vorwurf des sexuellen Fehlverhaltens zu, selbst wenn keinerlei Beweise vorliegen und es höchst unwahrscheinlich ist, dass sich eine Tat je ereignet hat. Denn alleine der Vorwurf reicht aus, um ein Fragezeichen im Kopf der Menschen zu hinterlassen, dass nicht einfach aufzulösen ist. Politische Schmutzkampagnen waren und sind seither, ebenso wie sexuelle Übergriffe, eine Realität in den höheren Etagen der Macht. Zweifel sind deshalb besonders angebracht, wenn Personen, die hohe öffentliche Ämter bekleiden, auf einmal massenhaft mit Vorwürfen überzogen werden, die vorher nie zur Anzeige gebracht wurden und für die es keinerlei Beweise gibt.

Genau das allerdings trifft auch im Fall E. Jean Carroll vs. Trump zu, dem ersten, der mit einem Urteil gegen den ehemaligen US-Präsidenten endete. Carroll, Autorin und ehemalige Kolumnistin der Frauenzeitschrift Elle, machte ihren Vergewaltigungsvorwurf gegen Trump in ihrem 2019 erschienen Buch "What do we need men for?" öffentlich. Trump reagierte damals auf die Vorwürfe und nannte sie eine Lüge. Im Oval Office stellte er noch einmal klar: „Ich werde es mit großem Respekt sagen: Nummer eins, sie ist nicht mein Typ. Nummer zwei: Es ist nie passiert. Es ist nie passiert, OK?”

Was aber war passiert? Laut Aussage der Autorin seien sich die beiden im Jahr 1996 durch Zufall im New Yorker Warenhaus Bergdorf Goodman begegnet, wo Trump auf der Suche nach einem Geschenk für eine andere Frau gewesen sei. Carroll hätte sich dann bereiterklärt, Trump zu helfen. Irgendwie seien die beiden anschließend in der 5. Etage in der Damenunterwäsche-Abteilung gelandet. Dort habe Trump Carroll gebeten, einen Body anzuprobieren, worauf diese auch einging. In der Umkleide dann habe er versucht, sie zu küssen, er habe ihr sogar seine Finger vaginal eingeführt und sie mit seinem Glied penetriert.

Ein fragwürdiges Urteil

Nun wirft der schmutzige Fall einige Fragen auf.Warum war Carroll, erklärte Feministin, überhaupt freiwillig mit einem Promi in einer Umkleidekabine verschwunden, um für und vor ihm Unterwäsche anzuprobieren? Warum hatte niemand Carroll schreien gehört? Warum existierten keine Aufzeichnungen der beiden aus dem Warenhaus? Warum hatte Carroll den Fall nicht der Polizei gemeldet? Warum erinnerte sich Carroll nicht einmal grob an das Datum des Vorfalls? Warum ging die scharfzüngige Journalistin erst dann mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit, als klar wurde, dass sich mit Trump-Vorwürfen in Buch-Form nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch bares Geld verdienen ließe? Warum ließ sich Carroll ihre Klage gegen Trump vom Technologie-Milliardär und LinkedIn Co-Gründer Reid Hoffmann finanzieren, der die Demokratische Partei unterstützt?

Hinzu kommt, dass die Klage Carrolls überhaupt erst möglich wurde, nachdem der Bundesstaat New York ein Gesetz geändert hatte. Der „Adult Survivor Act“ ermöglichte es Opfern von sexuellen Übergriffen auch nach Ablauf der Verjährungsfrist binnen zwölf Monaten doch noch Klage einzureichen. Besonders interessant am Verfahren war, dass die Schuld des mutmaßlichen Täters nicht „über jeden vernünftigen Zweifel hinaus“ nachgewiesen werden musste, was eine Verurteilung erleichtert.

Roberta Kaplan, Anwältin von Carroll, erinnerte die Jury deshalb auch noch einmal eindringlich daran, dass diese nur darüber entscheiden müssten, ob es „wahrscheinlicher sei als nicht“, dass Trump die ihm vorgeworfene Tat begangen habe. Die Jury urteilte anschließend, dass Trump Carroll zwar nicht vergewaltigt, sich aber an ihr sexuell vergriffen habe. Außerdem befand sie Trump der Verleumdung für schuldig. Carroll sprach die neunköpfige Jury einen Schadenersatz in Höhe von 5 Millionen Dollar zu.

Nun ist das Urteil nicht nur deshalb fragwürdig, weil es nicht auf Beweisen beruht und viele offene Fragen nicht geklärt werden konnten. Es ist zudem höchst problematisch, da Trump an wenigen Orten so verhasst ist, wie in Manhattan, New York, wo das Verfahren stattfand. (…) Das Urteil ist höchst zweifelhaft, weshalb auch davon auszugehen ist, dass Trump es auf einer höheren Instanz anfechten wird – aber die Nachricht, die die Jury mit ihrem Urteil in die Welt sendete, wird auch eine höhere Instanz bei einer möglichen Revision nicht wieder aus der Welt schaffen können (…).

Einschätzung

Eigentlich ist Whataboutism ein schlechtes rhetorisches Werkzeug – oder zumindest ein billiges. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, die ebenfalls Fehler machten, um dadurch die gegen einen selbst gerichteten Vorwürfe zu entkräften, ist meist nicht mehr als eine Ausrede. Allerdings gibt es auch die wenigen Situationen, in denen ein Whataboutism seine Daseinsberechtigung hat. Die hat er nämlich dort, wo mit zweierlei Maß gemessen wird. Und wenn bei Trump eines zutrifft, dann ist es genau das.

Wo normale Politiker mit normalen Maßstäben gemessen und Fehler auch mal verziehen oder sogar gänzlich übersehen werden, wo Zweifel zumindest immer auch Teil einer Anklagedebatte ist, wird bei Trump jeder kleine Erdklumpen zu reinem Skandal-Gold verklärt. Wer Trump für die vielen Anschuldigungen ohne jegliche handfeste Beweise verurteilt, der sollte mit derselben Vehemenz auch Bill Clintons Eskapaden, darunter zahllose Vergewaltigungsvorwürfe, außerdem die bekannt gewordene Affäre mit Monica Lewinsky, ausnahmslos verfolgen, vor allen Dingen aber verurteilen und mit derselben Stringenz zum öffentlichen Thema machen. Wer für frauenfeindliche Vorwürfe nur einen politischen Kandidaten an die Wand stellt, ist kein Verteidiger des Feminismus. Im Gegenteil wäre das sogar ein Ausnutzen des Begriffs für eigene politische Zwecke und damit eine Abwertung der Frauenrechtsbewegung. (…)

Fest steht, im Namen und Interesse aller: Wo kein Beweis für eine Tat erbracht wurde, sollte kein Richterhammer fallen. Nicht im juristischen Sinne, nicht im medialen, auch nicht im gesellschaftlichen. Speziell dann sollte an diesem einfachen wie zeitweise durchaus schwer auszuhaltenden Grundsatz festgehalten werden, wenn es aus etlichen Gründen Zweifel an der Schuld eines Angeklagten gibt. Wenn stattdessen auf Wahrscheinlichkeiten beruhende Urteile gegen unliebsame politische Führungspersönlichkeiten im Wahlkampf zur Norm werden, dann ist ein Erodieren des Vertrauens in Justiz, Regierung und Medien das vorprogrammierte Resultat und langfristig nicht unwahrscheinlich folgenreicher, als das eigentliche Urteil selbst.

 

Auszug aus „Das Donald Trump Buch: Die Hauptvorwürfe im Faktencheck, Independently published“ (27. Juli 2023), 447 Seiten von Tom David Frey. Hier bestellbar.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

 

Tom David Frey, geboren 1992, ist Doppelstaatsbürger, Unternehmer und Kreativschaffender. Dokumentarfilme, Blogposts und Podcasts erscheinen auf hier.

Foto: Pixabay

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Paul Franklin / 08.09.2023

Die USA haben sich spätestens in den 90er Jahren entschieden, wie sie zu sexuellen Eskapaden bis hin zu Straftaten steht. Das Ergebnis war ein “so what?” Clinton wurde nicht nur vom Senat freigesprochen, die Wähler haben ihn auch im Amt bestätigt. Unter JFK gab es im Weißen Haus quasi eine Art Puff, damals ein offenes Geheimnis unter Eingeweihten, heute allgemein bekannt. Trotzdem bleibt JFK unangetastet, trotz all der sexuellen Verfehlungen. Warum verwundert es jetzt noch irgendjemanden, dass Trump all sein Locker Room Talk etc. nichts anhaben konnte? Die USA hatte sich spätestens mit Bill Clinton entschieden, dass das alles nicht so schlimm ist. Und dem kollektiven Gedächtnis eines Landes entfallen solche Dinge eben nicht so schnell. Me too etc. ist high society Gedöns das John und Jane Doe am Allerwertesten vorbei geht.

Rolf Menzen / 08.09.2023

Mal ganz davon abgesehn, dass genügend Frauen sich vom Geruch der Macht sexuell angezogen fühlen. Oder wie sagte der große deutsche Philosoph Mario Barth so richtig: “Männer sind Schweine, Frauen aber auch!”

Ludwig Luhmann / 08.09.2023

Die Säuerlichen, die also nicht by the pussy gegrabbed werden wollen, und die auch nicht wollen, dass andere down there gegrabbed werden, kriegen auch so gut wie never dick.

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