Klaus Leciejewski, Gastautor / 13.01.2019 / 12:00 / Foto: Pixabay / 1 / Seite ausdrucken

Kuba-Show mit Systemfehler

Jeder Tourist, der Havanna besucht, will auch die Tropicana-Show erleben. Diese Show als legendär zu bezeichnen, wäre eine missliebige Untertreibung. Tropicana ist der Inbegriff von Karibik. Nichts geht darüber! Allerdings kann nicht jeder Tourist so einfach und beliebig diese einzigartige Sensation besuchen, schließlich will das Tropicana eine Rarität bleiben, und bekanntlich sind Raritäten teuer. Die Anzahl der Touristen ist begrenzt, die in der Lage sind, mal so eben auf die Schnelle 110 Euro auf den Tresen des Kassierers am Eingang dieses Etablissement hinzublättern, um dafür auf den hinteren Reihen Platz zu nehmen. Demgegenüber sind die oberen Ränge eines Bundesligastadions deutlich günstiger. Zwar wird in den deutschen Fußballstadien auch viel Musik gemacht, aber bei weitem nicht so viel Haut gezeigt wie im Tropicana. Schließlich war das Besondere schon immer nur Auserwählten vorbehalten. 

Zudem kann das Tropicana gegenüber den Fußballstadien mit einem weiteren Trumpf aufwarten. 1939 wurde es als Nachtclub eröffnet, ist also erst 80 Jahre alt, kaum zu glauben, denn bei seinem sagenhaften Ruf müsste es eigentlich schon ewig existieren. Der Trumpf ist jedoch sogar noch etliche Jahre jünger. 1951 gestaltete ein kubanischer Architekt (mal kein Amerikaner in Havanna) den Nachtclub zu einer architektonischen Weihestätte um. Im einzigen deutschsprachigen Architekturführer Havannas wird die Anmut der Anlage auf einer ganzen Seite beschrieben. Schade nur, dass die Touristen davon kaum etwas mitbekommen, denn zumeist beginnt die Show erst mit anbrechender Dunkelheit, und außerdem wollen sie keine eleganten Rundbögen betrachten, sondern vor allem die Rundungen nackter Haut, was indessen auch naheliegt, schließlich ist das eine alt und das andere lebendig, meinen sie jedenfalls. 

Kein Wunder, dass das Tropicana oft beschrieben wurde. Seine markanteste literarische Beschreibung stammt von Philip Roth, selbstverständlich einem Amerikaner, kein deutscher Poet würde sich an dem Monument eines sozialistischen Staates versündigen. In seinem Kurzroman „Das sterbende Tier“ beschreibt er die Show als „eine einbalsamierte Polizeistaatversion jener heißen karibischen Shows (…) Die Showgirls sehen aus wie langbeinige, beleidigt herumstelzende Latino-Transvestiten aus dem West Village (in New York). Auf den Köpfen tragen sie überdimensionale Lampenschirme – einen Meter hoch (…) und wallende Mähnen aus weißen Rüschen auf dem Rücken.“

Allerdings hat Roth die Show nur im amerikanischen Fernsehen gesehen, mit der gegenwärtigen Realität konfrontiert, hätte er wohl nicht so zugeknöpfte Worte gefunden: eingerissene Netzstrümpfe und verschlissene Kostüme, Tränensäcke und zugeschminkte Falten, heisere Instrumente und ausgelaugte Stimmen, billige Weine und warmes Wasser, unbequeme Sitze und mieses Essen, zappelnde Tänzerinnen und Tänzer nicht mehr so ganz frischer Jahrgänge, die Sängerinnen und Sänger liegen noch ein wenig darüber.

Sozialismus schafft Originale

In etlichen weiteren kubanischen Städten werden Kopien des Tropicana angeboten, vor allem in Varadero/Matanzas, in Santiago und in Pinar del Río. Wenn man sich diese anschaut, was ich mir in jenen drei Städten angetan habe, kommt unwillkürlich die Frage auf, ob eine gute Kopie besser als ein schlechtes Original ist, oder gerät die Kopie eines schlechten Originals zu einem Desaster? Kann ein Tourist das Original nicht in Havanna erleben, kann er Nacht für Nacht in seinem Hotel eine verkleinerte Kopie genießen. Tropicana ist in Kuba überall, wo Touristen sind. 

Der große Philip Roth war aus der Ferne entsetzt. Die Touristen würden ihm nicht zustimmen. Die Mehrheit von ihnen kommt aus Kanada, und die Kanadier sind begeistert von diesen Shows, weshalb sie allabendlich auch nicht mit Beifall geizen. Was für ein trauriges Land muss wohl Kanada sein, angesichts der Freude, die ihren Touristen bei einer derartig banalen Show aufkommt. Aber keiner von ihnen wird an einen Polizeistaat denken, schließlich unterscheiden sich ihre kubanischen Ressorts nicht von hunderten in aller der Welt. Und „einbalsamiert“?

Der Sozialismus versteht sich als Endzustand der Gesellschaft, wozu also sollen sich die Choreographen ausgerechnet für eine Cabaret-Show um etwas Neues bemühen! Zudem müssten sie eine neue Version von den Funktionären im Kulturministerium genehmigen lassen, und die sind argwöhnisch bei neuen Ideen, könnten diese doch an der Vorstellung des Endzustandes rütteln! Zudem würde der Choreograph mit einer neuen Version keinen Peso mehr verdienen als mit der alten, auch gibt es keine Stoffe für neue Kostüme, weil die sowieso umgehend auf dem Schwarzmarkt auftauchen würden, schließlich wollen die Tänzerinnen nicht immer nur von der aufwändigen Suche nach neuen ausländischen Liebhabern leben. Gute Komponisten, unabänderlich für eine neue Show, finden in Miami ein weites Feld, nicht unbedingt ein leichteres als in Havanna, aber im Erfolgsfall ein ertragreicheres. 

Da macht es sich der große Dichter mit der „Polizeistaatversion“ zu einfach, aber „einbalsamiert“ durchaus, wenngleich zu bedenken ist, dass die Touristen keine Wahl mit einer anderen Version haben, vielleicht sind sie dem kubanischen Staat dafür sogar noch dankbar, weil sie gerade im Urlaub die mit einer Wahl verbundene Qual nicht unbedingt schätzen würden.

Eine Show, die Touristen ruhigstellt

Das „Tropicana“ ist das Original, das wollen die Touristen erleben, und keine neumodisch aufgeschmückte Show, denn die könnten sie in der Dom Rep oder in Cancun reichlich haben, indessen das Original eben nur in Havanna, und seine Kopien, wo immer sie sich in Kuba aufhalten. Sie empfinden dabei nicht, dass diese Show ein getreues Abbild der Erstarrung eines Systems in seiner eigenen Ideologie ist, denn endlich müssen sie sich nicht auf ausgefallene neue Kreationen einstellen, die ihre Auffassungsgrenzen strapazieren, das „Tropicana“ ist perfekt durchchoreographiert und hält am Bewährten fest. Mit dem Tropicana geht die kubanische Regierung gegenüber den Touristen kein Risiko ein, sie bekommen, was sie erfreut und zugleich ruhigstellt, sie werden nicht erregt, weder durch zu viel Sex noch durch zu viel karibischen Rausch. Genau dies war bereits das Erfolgsgeheimnis des früheren sowjetischen Staatsballetts, wenn es durch den Westen tourte.

Was würde eine nichteinbalsamierte und Nichtpolizeistaatsversion zur Folge haben? Das Tropicana wäre nicht mehr allein, es hätte Wettbewerber, es wäre nicht mehr einzigartig. Würde der Glamour von Beständigkeit dem Wechsel standhalten können? Hemingway hatte nicht nur eine Bar, er zog von Floridita zur Bodeguito del Medio zum Sloppy Joe, alle schmücken sich heute mit ihm. Heute gibt es in Havanna keine gemütliche Kaschemme mehr, nur noch Touristenattraktionen. Wehmut kommt in Havanna auf. Einzig das Tropicana ist übriggeblieben. Havanna wird nie mehr Havanna sein.

Es wird einbalsamiert werden, wenn nicht von einem Polizeistaat, dann von einer Tourismusindustrie. Nur wenn sich das Tropicana nicht ändert, wird es einzigartig bleiben. Der Tourist ist kein Literat. Im Urlaub will er sich ausruhen vom ständigen Wechsel zu Hause. Er sehnt sich nach Beständigkeit, nach Sonne, Strand, Drinks, Büffets und nach einer Show à la Tropicana. Auch die Vergangenheit kann man genießen, allerdings benötigt man dafür Ruhe, die heute nur ein Urlaub auf Kuba bietet. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, der nächste Hurrikan kommt gewiss.  

Und am Ende? Am Ende trifft die Behauptung von Roth, dass keine Kubaner mehr diese Show besuchen, nicht zu. Am Rande des Clubs halten sich stets kubanische Damen auf, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit alleinstehender betuchter männlicher Touristen auf sich zu ziehen. Diesen bietet das Tropicana einen versöhnlichen Abschluss der Show.

Foto: Pixabay

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E.W.U.Putzer / 13.01.2019

Das Ballett des Tropicana trat Ende 1987 im Friedrichstadtpalast/Ost-Berlin auf, eine Karte kostete 12 Mark der DDR. Vielleicht eine Kopie, aber eine sehr gute, sicher nicht so prüde, wie heute getanzt wird.

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