Philosophie ist das einsame und freie Denken. Aber sie war natürlich immer auch schon institutionalisiert, eingebettet in Paradigmen, gebunden an Denkstile. Heute präsentiert sie sich zumeist universitär, d.h. als Sache von Beamten und ein Departement der Wissenschaften. Dazu passt die antiphilosophische Signatur unserer Bildungsanstalten, die gar nicht mehr bilden, sondern unterweisen wollen. Studienpläne sanieren den Geist und bringen das Denken in Stromlinienform. Gerade an Universitäten bekommt man den Eindruck, dass Philosophie genau das ist, was die europäischen Strategen der Bildungsproduktion als Flausen aus den Köpfen der Studenten auszutreiben versuchen.
Max Scheler hat recht behalten: Die heutige Universität ist keine „universitas“ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen. Sie bietet uns eine Philosophie ohne Geist, eine Psychologie ohne Seele und eine Soziologie ohne Menschen. Einsamkeit und Freiheit – beides wird heute bekämpft. Der Humboldt-Universität macht der Fortschritt den Bologna-Prozess. Ganz selbstverständlich und unverfroren tituliert man die Studentenschaft als „Generation Praktikum“, weil es niemand mehr wagt, die rigorose Berufsbezogenheit des Studiums in Frage zu stellen. Das verwaltete Studium findet eifrige Verfechter mittlerweile auch bei den Studenten, um deren Zurichtung es den Bildungsplanern geht. Die Angst um den Job ruft nach handfestem, abfragbarem Wissen.
Es war niemand geringeres als Jürgen Habermas, der für die Universitäten einmal die Institutionalisierung der Unzeitgemäßheit forderte: „Freiheit ist etwas Altmodisches“. Doch damals, vor gut einem halben Jahrhundert, erinnerten sich eben noch einige daran, dass der Gelehrte einmal in einer Art bürgerlicher Askese den Dienst an der Wissenschaft leistete – Helmut Schelsky zum Beispiel. Für seinen Helden Wilhelm von Humboldt war die Universität der Schauplatz, auf dem der Mensch – durch und in sich selbst – Einsicht in die reine Wissenschaft findet. „Zu diesem SelbstActus im eigentlichsten Verstand ist nothwendig Freiheit, und hülfereich Einsamkeit.“ Freiheit ist notwendig, Einsamkeit ist hilfreich. Das kann man als zweite Urszene des freien Geistes neben Kants Aufklärungsmodell des Höhlenausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit stellen.
Zwei gut gemeinte Utopien haben die europäische Universität zerstört. Da gab es zunächst die erstmals durch die Studentenbewegung vorgetragene Utopie von innen, nämlich die Demokratisierung von Lehre und Forschung durch Mitbestimmung und Gruppenuniversität. Es zeigte sich aber sehr rasch: Mehr Demokratie wagen heißt, mehr Bürokratie in Kauf zu nehmen. In allen Lebensbereichen erzeugt mehr Demokratie mehr Bürokratie, weil sich die Leute über ihre Ansprüche definieren, die der Staat als Rechte schützen soll.
Die europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung
Die Universität ist heute von dem geprägt, was Franz Ronneberger einmal „die emanzipierte Verwaltung“ genannt hat. Selbstverwaltung hatte das Ziel der Autonomie, aber das Ergebnis der Bürokratie. Dem politischen System ist das durchaus recht. Denn die Ministerialbürokratie hat sich in den Universitäten mit der „Selbstverwaltung“ einen Ansprechpartner geschaffen, mit dem man flüssig kommunizieren kann. Der einzelne Professor mit seinem Eigensinn kann hier nicht mehr störend dazwischenkommen. So wurden aus Dekanaten „Service-Center“. Dabei übersieht man geflissentlich, dass sich der enorme Arbeitsaufwand einer kompetenten Selbstverwaltung nicht mit seriöser theoretischer Arbeit verträgt. Jeder engagierte Dekan kann ein Lied davon singen.
Die zweite gut gemeinte Utopie, die die deutsche Universität zerstört hat, ist eine Utopie von außen und heute an den schönen Namen Bologna geknüpft. Gemeint ist die europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung durch Module und Projekte. An der Idee Humboldts gemessen handelt es sich hier ganz schlicht um eine Verstaatlichung des Geistes. Und da sich die Forschung zumal eines Geisteswissenschaftlers nicht so gut organisieren und überwachen lässt wie die Lehre, erklingt überall die Einschüchterungsvokabel „Drittmittel“. In der Tat verwandelt sich die Universität immer deutlicher in eine Welt der Drittmittel und der Gefälligkeitsgutachten.
Von den verantwortlichen Politikern erfährt man, dass es sich bei den Kritikern dieses Prozesses um „ewig Gestrige“ handelt. Die Euphorie des Studiums, die Freude am „psychosozialen Moratorium“, zu Deutsch: das Leuchten in den Augen der Studenten – das gehört einer längst vergangenen Zeit an. Wer nicht blind und gefühllos ist, spürt an den Bologna-Universitäten eine Atmosphäre der Freudlosigkeit und geistige Sterilität.
Von dem Lateiner Bert Brecht haben wir gelernt, zu fragen: Cui bono? Wer sind die Gewinner des Bologna-Prozesses? Zu den Gewinnern gehören die Verwaltung, deren Bedeutung ins Groteske angewachsen ist, und die Wissenschaftsfunktionäre in den Gremien. Was Dietrich Schwanitz vor Jahrzehnten darüber in seinem Roman „Campus“ schrieb, ist nach wie vor die reine Wahrheit – nur fällt es heute schwer, die Sache mit Humor zu nehmen. Gewinner sind aber auch die Professoren, die lieber Lehrer sein möchten, und die Studenten, die lieber Schüler bleiben wollen. Verklärt wird das Ganze durch die konsumistische Rhetorik vom Studenten als Kunden.
Man muss nicht mehr erwachsen werden, man wird emanzipiert
Den Hauptgewinn aber streichen die Politisch Korrekten ein. Sie haben den Politikern erfolgreich eingeredet, Universitäten seien pluralistische Institutionen, die nach Proporz und Quote besetzt werden müssten. Das neue Stichwort „Diversity“ heißt nämlich nichts anderes als: Bevorzugung bestimmter politisch organisierter Gruppen, die Erhöhung von Gruppenanteilen. Die ideologische Färbung eines Bewerbers wiegt viel schwerer als seine Qualität.
Studenten und Professoren haben vor allem an geisteswissenschaftlichen Fakultäten heute eine gute Chance, in ein Treibhaus der Weltfremdheit hineinzugeraten. Man muss nicht mehr erwachsen werden, man wird emanzipiert. Das ist vielleicht die schwerste Folgelast der Studentenbewegung. Sie wiederholt sich heute als die Farce der Politischen Korrektheit. Ihr „Diskurs“ setzt sich zusammen aus „Demobürokratie“ (Niklas Luhmann) und Sprachhygiene, aus Moralismus und Heuchelei, aus Sozialkitsch und einer politisch gefährlichen Perversion der Toleranz. Der Ton wird übrigens immer schärfer. Denn man wird politisch aggressiv, wenn man theoretisch nicht mehr weiter weiß.
Eine Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird. Man darf ihn übrigens nicht offiziell als Politische Korrektheit ansprechen – das wäre politisch unkorrekt. Alan Charles Kors und Harvey A. Silverglate haben in ihrem eindrucksvollen, beklemmenden Report über den akademischen Verrat an der Freiheit, „The Shadow University“, die heutige Universität als den größten Feind der freien Gesellschaft bezeichnet, weil sie die Studenten nicht mehr als Individuen sondern als Verkörperungen von Gruppenidentitäten behandelt und sie entsprechend in Gruppenrechten unterrichtet.
Die neuen Ingenieure der Seele arbeiten mit Sprachcodes, Gruppenidentitätszuschreibungen und Trainingscamps für „sensitivity“ und „awareness“. Wer das Wort „Individuum“ benutzt, weckt den Verdacht, gegen den heiligen Geist der Gruppe zu sündigen. In dieser „Schattenuniversität“ der Politischen Korrektheit ist die offene Diskussion freier Individuen längst durch Zensur, Einschüchterung und Indoktrination ersetzt worden. In der Vergangenheit diskriminierte Gruppen sollen durch positive Gegendiskriminierung Wiedergutmachung erfahren. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Das ist der Sieg von Herbert Marcuse über John Stuart Mill.
Wissenschaft im Dienst des Gruppenkults
Der Ungeist der Gruppe breitet sich vor allem in den Bildungsanstalten aus. An die Stelle von Humboldts „Einsamkeit und Freiheit“ ist dort längst das „soziale Lernen“ getreten. Systematisch betreibt die Gruppe an Schulen und Universitäten die Austreibung der Einsamkeitsfähigkeit. Unsere moderne Massendemokratie scheint prinzipiell schutzlos gegen diesen Konformismus zu sein. Sie überbetont die sozialen Tugenden der Kooperation und zerstört die nur im Privatleben entfaltbare Kultur der Einsamkeit dessen, der alleine für eine Sache kämpft. Einsamkeit ist nämlich der Preis der Freiheit und Einsamkeitsfähigkeit deshalb die Bedingung der Freiheit.
Die Wissenschaft ist längst in den Dienst des Gruppenkults getreten. Und an dem typischen Campus-Phänomen der Politischen Korrektheit kann man sehen, dass heute nicht mehr die Wissenschaft verfolgt wird, sondern sie selbst die Verfolgung des häretischen Geistes organisiert. Auch an Universitäten darf man heute dumm sein, aber man darf nicht von der Parteilinie abweichen. Viele Professoren reagieren darauf mit innerer Emigration und/oder einer Flucht in die außeruniversitäre Reputation. Zumeist verwirklicht der Professor dann seine akademische Freiheit als Bockigkeit.
„Der Staat als Leitstern der Bildung!“ – das war Nietzsches höhnische Formel für den Hass auf den Geist, für die Angst vor der Philosophie. Die Formel ist aktueller denn je; nur dass der Leitstern heute nicht mehr Preußen sondern Brüssel heißt. Dort werden die Direktiven eines neuen Konformismus ausgegeben, der sich kurioserweise mit seinem Antonym benennt: Diversität. Für einen guten Europäer gibt es ja nichts Wertvolleres als die Meinungsfreiheit. Das Recht auf Meinungsfreiheit und Redefreiheit stellt aber gerade die abweichende Meinung, den Dissens, ins Zentrum der Freiheitsidee. Von dieser Einsicht ist die Elite der europäischen Politik unendlich weit entfernt. Abweichende Meinungen werden heute schärfer sanktioniert als abweichendes Verhalten. Diese Sanktionen laufen zumeist nicht über Diskussionen, sondern über Ausschluss.
Nun könnte man denken, dass ja immerhin noch die Gedanken frei sind. Aber es ist ein Irrtum, zu glauben, dass derjenige, dem man das Sprechen und Schreiben beschneidet, noch frei denken könne. Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten. Und das gilt nicht nur für die wenigen Schreiber, sondern gerade auch für die vielen Leser. Gedankenfreiheit bedeutet für die meisten Menschen nämlich nur die Möglichkeit, zwischen einigen wenigen Ansichten zu wählen, die von einer kleinen Minderheit öffentlich Redender und Schreibender verbreitet worden sind. Deshalb zerstört das Zum-schweigen-bringen abweichender Meinungen die Gedankenfreiheit selbst.
Den abweichend Meinenden als unmoralisch verurteilen
Die neuen Jakobiner berufen sich darauf, dass viele Meinungsäußerungen Ehre, Scham und Anstand verletzen. Mit dem Vorwurf der Volksverhetzung ist man in Deutschland sehr rasch bei der Hand. Doch auch die Immoralität einer Meinung ist kein Grund dafür, ihr Bekenntnis und ihre Diskussion zu beschneiden. Auch wenn nur ein einziger eine abweichende Meinung hat, gibt das der überwältigenden Mehrheit nicht das Recht, ihn zum Schweigen zu bringen.
Wer eine Diskussion zum Schweigen bringt, beansprucht für sich selbst Unfehlbarkeit. Im Anspruch der Unfehlbarkeit steckt aber die Unfähigkeit, einen Irrtum zu korrigieren – und irren ist menschlich. Zur Korrektur eines Irrtums reicht Erfahrung nicht aus; man muss die Erfahrung auch interpretieren, und dazu braucht man die Diskussion. Deshalb darf es keine Einschränkung der Freiheit zum Widerspruch und zur abweichenden Meinung geben.
Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Silencing nennt man das im angelsächsischen Sprachraum. Die Passage über das Zum-Schweigen-bringen der abweichenden Meinung gehört zu den großartigsten und aktuellsten in John St. Mills Freiheits-Essay.
Nonkonformismus ist kein kognitives Problem. Es geht um Mut und Angst. Und hier ist es in der Moderne zu einer charakteristischen Verschiebung gekommen. Früher fürchteten sich die Menschen, das Unwahre zu sagen, also die unrichtige Meinung zu haben. Heute fürchten sie sich nur noch davor, mit ihrer Meinung allein zu bleiben. Kierkegaard nennt das die Angst davor, ein Einzelner zu sein. Sie ist für die moderne Massendemokratie charakteristisch; ihr Thema ist die Gruppe, das Team; ihr Anathema ist der Einzelne, der Eigensinnige.
Der Gruppe und den Medien zu trotzen – nur wenigen ist heute die Freiheit wichtig genug, um dieses Wagnis einzugehen. Ein Einzelner zu sein, ist die Häresie unserer Zeit. Der Berliner Philosoph Peter Furth, der die linke Szene wie kein zweiter kennt, hat in seiner brillanten Abschiedsvorlesung den hier entscheidenden Zusammenhang benannt: Politische Korrektheit ist die Macht des Konformismus, die andere zum Heucheln zwingt. Sich diesem Zwang zur Heuchelei zu entziehen, erfordert heute den Mut, den man Zivilcourage nennt.
Beitragsbild: Goldlocki CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Ich, Sarah Matuschak, selbst Mitarbeiterin im Hamsterrad der Humboldt-Universität, danke Ihnen, Herr Bolz. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Scharfsinnig, auf den Punkt. In der Tat wurden die Studenten, die wir vor uns haben, schon in der Schule zum geistigen Konformismus und zur Binarität ihres Weltbilds erzogen. Das Ergebnis: Erschreckende Geistlosigkeit. Desinteresse. Leere Augen. Auf der Seite der akademischen Mittelbauern dasselbe Trauerspiel. Bloß nicht anstoßen, bloß alles bedienen, was der Zeitgeist fordert. Das Ergebnis hier: Ebenfalls erschreckende Geistlosigkeit. Die Vorträge, die wir hören haben keine Fragen mehr an das Leben, stellen nichts infrage, sehen kein Problem, haben keine These, keine Aussage. Stattdessen: Forschungsdesiderat als Rechtfertigung, warum wieder hunderte Bäume für ein überflüssiges Buch sterben müssen. Und die Professoren? Nun, mir steht es nicht zu, mich dazu zu äußern. Denn sieh an: Die alte Hierarchie, die lebt sehr wohl. Gut so. Und dennoch ein Stich: Bei vielen Professoren bin ich immer wieder erstaunt ob des fast naiven Gleichmuts und der Ignoranz. Oder sie jammern (Die Gremien!!!), schreiben nichts, ist ja auch nicht wichtig, als Wissenschaftler ein Buch zu schreiben, sitzen da als kleine Funktionärshasen und jammern, dass die Studentenzahlen im Fach so bleiben müssen, sonst streicht man Professuren. Also alle durchkommen lassen. Der Hamster läuft. Und oben an der Spitze eine Präsidentin, die etwas von "Lehre über alles" , "Forschung ist unwichtig" , quakt, und dabei selbst nicht der hellste Stern am Firmament ist. So. Ausgewütet.
Soso, "Philosophie ist das einsame und freie Denken". Nope, das würde Sokrates so nicht unterschreiben. Zugleich: "Es gibt keine Freiheit des Denkens ohne die Möglichkeit einer öffentlichen Mitteilung des Gedachten." Als ob sich Kant jeden Sonntag auf dem Marktplatz seine Gedanken aus dem Leib schreien musste. Da muss man dann schon konsequent bleiben mit der Einsamkeit. Ich gehöre einer jüngeren Generation an (nehme ich mal an) und glaube nicht mehr an das stille Kämmerlein, das sich übrigens immer mit dem Austausch, dem Gespräch abgewechselt hat, genau dafür waren Universitäten ja da. Und sind es noch - auch wenn entsprechend unserer Zeit kommunikative Denk- und Arbeitsformen ausgebaut wurden. Gerade das Schreiben ist aber immer noch die ultimative Einsamkeit. Allerdings nur dann, wenn man sich dabei eben nicht unmittelbar an eine Öffentlichkeit richtet, sondern Gedanken für sich selbst entwickelt. Das Denken ist das nämlich das Eine, das Handeln das Andere. Denken ist denken, öffentlich Sprechen ist Handeln. Darauf basiert der Tat(!)bestand Volksverhetzung. Denken können wir alle was wir wollen (siehe: Freiheit), erwartet wird nur die Fähigkeit, mit Sprache verantwortungsvoll umzugehen. "Gedankenfreiheit bedeutet für die meisten Menschen nämlich nur die Möglichkeit, zwischen einigen wenigen Ansichten zu wählen, die von einer kleinen Minderheit öffentlich Redender und Schreibender verbreitet worden sind."
Während meines Studiums Anfang der 90er Jahre in Frankfurt gehörte ich an dieser Massenuniversität bereits zu den einsamsten Menschen, den man sich vorstellen kann. Meine wenigen Freunde waren dieselben, mit denen ich bereits auf die Schule gegangen war und die habe ich so nach und nach aus allerlei Gründen verloren, neue kamen keine hinzu, allenfalls Bekannte, die, wenn ich heute drüber nachdenke, auch nur einsame Studenten waren. Ansonsten war mir von jeher suspekt, dass die "Wissensvermittlung" an einer Massenuniversität so eine verfluchte Ähnlichkeit mit der Fütterung der Studenten in der "Mensa" hatte. Was wir machten, taten wir in Strömen. Wir strömten in die Hörsäle, wir strömten in die Mensa, wir strömten in die Busse und U-Bahnen. Am wenigsten wurde übrigens in die Bibliotheken geströmt und wenn doch, war es das Ziel des gewöhnlichen Studenten, die Inhalte der Bücher sich mittels des Fotokopierers anzueignen und schnell wieder heraus zu kommen, ohne auch nur versehentlich vielleicht mit einem Thema oder einem Gedanken konfrontiert zu werden, der "einfach so" bereichert und nicht beim Abfassen des Referats oder der Hausarbeit nützlich war. Schon damals, vor Bologna, zeichnete sich ab, dass die Universität zu einer Fachidiotenschule wird, in der aus den Studentenmassen für die Volkswirtschaft fabrikmäßig nützliche, aber eindimensionale, gut funktionierende Mensch-Maschinen produziert werden. Das ist eben auch - um es mit Jünger zu sagen - ein Fall der Beschleunigung, der heute damit beginnt, dass man kleine Kinder dazu anhält, fremde Sprachen zu erlernen, um sie "fit zu machen" für die Arbeitswelt. Größte Ironie der Geschichte: Während die Utopie Jüngers in "Der Arbeiter" immer mehr zur Realität wird, verschwindet der Arbeiter aus dieser Welt - und mit ihm notwendig sein Gegenpart: der Gebildete. Das ist genau das, was die Nazis wollten: alle nur Arbeiter, alle nützlich für das Gemeinwohl und nur daran misst man ihren Wert.
Lieber Herr Bolz, dies war auch schon in den achtziger Jahren an meiner Uni so. Immer hatte ich ein unspezifisches schlechtes Gewissen, dass ich auf den ganzen Gruppenklimbim keine rechte Lust hatte. Lieber machte ich mir mehr Arbeit mit Hausarbeiten als dass ich mich in Gruppenseminaren einbrachte. Ich dachte natürlich, dies liege an mir. Lag es ja auch. Immer lauerte in mir der Selbstverdacht, ich wäre irgendwie soziopathisch. Andererseits machte mir die geisteswissenschaftliche Arbeit Freude. Aber dann meist nur, wenn ich sie selbst organisiert habe. Was nicht ganz einfach war, da ich zwar ein guter Autodidakt, aber leider auch ein Chaot war. Für Leute wie mich war die Uni schon damals nicht vorbereitet. Die Bedingung war immer die Unterordnung in die Gruppe. Und das war nie mein Ding, obwohl ich sonst ein sehr geselliger Mensch bin. Mein Glück war nur, dass ich nicht so ganz blöd war und ich einen introvertierten Professor fand, der selbst die Vorteile akademischer Einsamkeit zu schätzen wusste.
Dafür liebe ich die Achse: für Ihre freien Geister, unter den Autoren ebenso wie unter den Lesern. Man spürt förmlich ihren Atem, die Leidenschaft, gepaart mit Wissen und der Freude am Diskurs. Man muss nicht jede Ansicht teilen, aber dieses Forum lebt; wo trifft man so etwas sonst noch an? Bestimmt nicht an den Universitäten. Das ist der ganze Jammer: ausgerechnet dort, wo ein lebhafter Gedankenaustausch stattfinden sollte, ein Gedankenaustausch, der die Geistesgrößen dieses Landes gegenseitig befruchten und beflügeln sollte, herrscht ein Klima der Einschüchterung und Angst gegenüber allen, die aus der beengenden Konformität ausbrechen wollen. Das Gros gibt sich daher lieber anpasst und schweigt. Frau Lengsfeld hat hier auf der Achse am 21.10.2018 über die Republik der freien Geister in Jena um 1800 geschrieben; ein solches Klima leidenschaftlicher, aber respektvoller Auseinandersetzungen zu verschiedenen Themen erscheint heute undenkbar. Was sagt dies nicht nur über die im Grundgesetz verbriefte Meinungsfreiheit, sondern auch über die geistige Verfasstheit unseres Landes aus?
Ja, so ist es, meine abweichende Meinung zu Womans Lib in der Abiarbeit hat mir Anfang der 70-er die Englischnote ziemlich versaut. Das polnische Wort für selbständig ist somodzielnie, samo='einsam', selbst, dzielnie=tapfer. Selbständiges Denken macht einsam und erfordert Tapferkeit. "Nur tote Fische und Müll müssen immer mit dem Strom schwimmen", so G. K. Chesterton. Nichts Neues unter der Sonne.
@ Rudi Knoth - Ach das Ding mit der Demokratie! Die Suche nach Mehrheiten bei anstehenden Entscheidungen der Legislative und Exekutive ist in der Demokratie verpflichtend. Auch Wahlen folgen demokratischen Regularien. Schwierig wird es aber in der Wissenschaft: Die Addition von 4 und 2 ergibt 6, selbst wenn überwältigende Mehrheiten für 5 plädieren. Albert Einstein war eine singuläre Minderheit mit seiner eigenartigen Theorie von der Relativität und hätte damit jede "demokratische" Abstimmung verloren, wäre man damals auf den irren Gedanken gekommen, darübere demokratisch abstimmen zu lassen. Dass das heute anders gesehen wird, sieht man an dem Missbrauch des Wörtchens Konsens, der gern gebraucht wird, gegen unbestrittene oder für bestrittene Annahmen eine Einmütigkeit zu zelebrieren und den Zweifel den verachteten Skeptikern zu lassen. Erst war es der "Klimakonsens", jetzt heißt es unbewiesen: "Wir sind mehr". Wissenschaft geht anders, muss ergebnisoffen sein und frei vom dem Druck, schnell einen Zweck zu erfüllen. Die Bürokratisierung im vermeintlichen Namen der Demokratie ist der Tod der freien Wissenschaft. Kein noch so erlauchtes Gremium besitzt die Kompetenz, "Exzellenzcluster" - ein schreckliches Bürokratenwort! - zu gründen. Mit Exzellenz kann man gleichwohl seiner Universität dazu verhelfen, für "Elite" erklärt zu werden. Keine noch so demokratische Casting Show ist dazu befähigt.