Staaten haben Chefs, und was diese Chefs tun – und sogar wie sie es tun, das ist für den Lauf der Geschichte entscheidend. Diese Tatsache zu akzeptieren, widerstrebt dem aufgeklärten Denken ein wenig: Wir Heutigen haben uns angewöhnt, Politik als eine Mechanik objektiver Faktoren zu begreifen; wir fragen nach der Logik von Interessen und der Rationalität ihrer Durchsetzung. Absolutistische Gesten sind uns nur vom Theater vertraut: die Herrscherdramen Shakespeares oder Schillers zum Beispiel führen uns die Wirkkraft des Willens oder den katastrophenbringenden Charakter einer mächtigen Persönlichkeit vor Augen. Wie der einzelne Mensch und das große Weltgeschehen miteinander verknüpft sind, das ist überhaupt eines der Dauerthemen von Philosophie und Kunst.
Wenn, wie es jetzt in Polen heißt, „die Elite der Nation“ bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, dann steckt darin die Vorstellung, daß es sich bei den Opfern eben um Persönlichkeiten handelt, auf die es in besonderer Weise ankam, angefangen mit dem Staatschef, der durch sein autoritäres, bis zum Rüpelhaften reichendes Wesen nie einen Zweifel daran ließ, daß er für sich in Anspruch nahm, den Lauf der Geschichte zu lenken. Es gehört zu den Aufgaben der Tragödie, die Hybris dieses Anspruchs auszustellen, indem das konkrete Handeln eines Einzelnen mit seinen Folgen für Viele verbunden wird.
Eine solche Tragödie im klassischen Sinn hat sich vermutlich beim Landeanflug auf Smolensk zugetragen. Allerdings war es der Pilot der Präsidentenmaschine, ein Offizier der polnischen Luftwaffe, der durch sein Handeln eine Katastrophe von historischer Tragweite ausgelöst hat. Doch wie es sich für eine Tragödie gehört, handelte er nicht freiwillig. Er wußte selbstverständlich um das hohe Risiko, das der dichte Nebel über einem Flugplatz ohne Instrumentenlandesystem darstellte; die russischen Fluglotsen hatten ihm dringend geraten, einen anderen Flughafen anzusteuern. Deshalb kreiste er erst eine Weile über der Stadt, von vier Runden ist die Rede.
Dadurch verlor er Zeit. Es ging auf elf Uhr. Um halb zwölf sollten die Gedenkfeiern in Katyn beginnen. Die Autofahrt dahin dauert eine halbe Stunde. Zwischen Cockpit und Kabine entspann sich eine dämonische Dramatik. Der Präsident hatte schon einmal einen Piloten kleingemacht, der ihn aus Sicherheitsgründen nicht zum ursprünglichen Bestimmungsort gebracht hatte. 2008 war das gewesen, als man in Aserbeidschan statt im georgischen Tiflis gelandet war. Der Präsident hatte getobt und von Befehlsverweigerung gesprochen; diesmal saß nicht nur der Kommandeur der Polnischen Luftstreitkräfte, sondern der halbe Generalstab mit in der Maschine.
Sicherheit ist bekanntlich nicht die oberste Maxime beim Militär. Der Voicerecorder gibt vermutlich Antwort auf die Frage, von wem der fatale Landebefehl kam. Die Entscheidung, ob das als Staatsgeheimnis behandelt wird, muß wieder ein Einzelner treffen, allein mit sich und seinem Gewissen.