„Täglich das Zusammenleben neu aushandeln“, wie es einst eine Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration forderte, ist weitaus radikaler als die Möglichkeit, einmal im Jahr sein Geschlecht zu wechseln. Beschreibt beides die neue Normalität im Lande?
Es ist schon eine Weile her, aber es ist immer noch ein treffendes Beispiel für die Dekonstruktion all dessen, was man einmal als gegeben, also als normal zu akzeptieren gelernt hat: Aydan Özoguz, damals Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, verkündete in Hinblick auf die dank Migration immer „vielfältiger werdende Gesellschaft“: „Unser Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden.“
Wenn einer sagt: „Der Islam ist Chef hier“, oder „die Straße gehört uns“, dann muss eben verhandelt werden! Wirklich? Und hilft das weiter? Nein, natürlich nicht. Die Bereicherung ist ausgeblieben, die man sich von der Toleranz den Intoleranten gegenüber versprach.
„Täglich neu aushandeln“ ist weitaus radikaler als die Möglichkeit, einmal im Jahr sein Geschlecht zu wechseln. Und es geht am Leben der meisten Menschen völlig vorbei, die schon gar nicht die Zeit dafür hätten, das, was sie bislang für selbstverständlich gehalten haben, infrage zu stellen. „Routinen erfüllen Erwartungen und sparen Energie.“ Menschen, die man im Spontimilieu der 70er Jahre despektierlich „Normalos“ nannte, sind indes heute einem „Zangenangriff“ ausgesetzt, wie Norbert Bolz in seinem neuen Buch schreibt: durch die woken Kulturrevolutionäre einerseits und den Katastrophismus der politmedialen Klasse andererseits.
Alles, was man früher Fetisch oder Neurose genannt hat, gilt heute als selbstbestimmter Lebensentwurf, das Pathologische wird normalisiert – Hand in Hand mit einer radikalen Intoleranz den traditionellen Lebensformen gegenüber. „Modern, snobistisch, verrückt zu sein, ist einfach. Aber gesund und bei klarem Verstand zu sein, ist ein spannendes Abenteuer.“ Ein Abenteuer, dass sich heute nicht mehr jeder leisten kann, es sei denn, er täte es insgeheim.
Verdächtige kleine Fluchten
Der politmediale Alarmismus wiederum droht den Normalos täglich, ja stündlich mit dem selbstverschuldeten Weltuntergang, von Corona bis Klimakatastrophe. Haben Sie heute schon ihren klimaschädlichen Fußabdruck überprüft? Sind Sie etwa Auto gefahren?
Alles steht infrage: Gewohnheit, Üblichkeit, Tradition, Vertrauen, Erfahrung, Bürgerlichkeit. Dabei: „Normal ist, was sich von selbst versteht und nicht erst ausgehandelt oder gerechtfertigt werden muss.“ Und das ist, schreibt Bolz, „die größte zivilisatorische Errungenschaft.“
Gut, Normalität, Alltäglichkeit kann langweilig sein. Doch die Drohung mit dem Klimatod macht auch die unschuldigsten kleinen Fluchten aus der Langeweile verdächtig. Wie kann man da noch seinen Urlaub genießen? Und wie, fragen sich manch fortgeschrittene Woke, kann man in diese Welt noch Kinder setzen? Es sind die Medien, die uns mit Moral und Emotion auf den Leib rücken. Dagegen hilft Skepsis – und Humor, etwas, worüber die rotgrünen woken Ideologen selten verfügen. „Skepsis und Humor schaffen Distanz und ermöglichen es, Spannungen zu ertragen, Widersprüche auszuhalten und Fragen offenzulassen.“
Die rein negative Identität hingegen produziert „Konformisten des Andersseins“, die sich am Zeitgeist orientieren, während nationale Identität negativ konnotiert ist. Krisenstolz und Schuldkult hat sich bei vielen Deutschen bis zum Selbsthass gesteigert. Noch nicht einmal ein ganz klein wenig Patriotismus ertragen sie. Man wähnt sich nicht mehr auf den Schultern von Riesen, sondern als Nachfahre von Schurken und Verbrechern. Und „Auschwitz“ ist längst funktionalisiert worden zur Niederhaltung der deutschen Bürger, denen beim Abweichen vom politmedialen genehmen Kurs „Nazi“ entgegengeschleudert wird. Auch deshalb wagen viele nicht, den Ansprüchen von Einwanderern aus anderen Kulturen, sprich: dem Islam, entgegenzutreten. No borders? Ein Fehlschluss. Grenzen haben eine Schutzfunktion. „Nur indem man sie schließt, kann man sich der Welt öffnen.“
Pech für die Wahrheit
Doch die Zerstörung geht munter voran. Geschlechtsrollen? Abgeschafft. Ehe und Familie? „Nicht mehr zeitgemäß.“ Heimat und Religion? Reaktionär. Und der Mann, vor allem der alte weiße Mann? Toxisch. Alle hingegen, die finden, dass durch die Wahrheit („es gibt nur zwei Geschlechter“) ihre Gefühle verletzt werden, haben recht. Na und? Ist halt Pech für die Wahrheit!
Einfach nur leben? Nicht erlaubt. Wir müssen das Klima retten! Und statt der demokratischen Debatte gibt es jetzt das moralistische Tribunal. Das Moralisieren aber macht jede Verständigung unmöglich, denn wenn es nur Gut und Böse gibt, gibt es nichts zu verhandeln.
Bolz entlässt seine Leser nicht ohne Hoffnung: „Am Ende wird die Wokeness die Provokation gewesen sein, die zu einer Wiedergeburt der Bürgerlichkeit geführt hat. Dazu brauchen wir eigentlich nur den Mut zur Normalität.“
Die Wiederbesinnung aufs Eigene ist weder rückschrittlich noch gleich fremdenfeindlich, sie liegt einfach nur nah. Es ist völlig normal, normal zu sein.
Norbert Bolz, Zurück zur Normalität. Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand, LMV, München 2025, hier bestellbar.
Cora Stephan, Lob des Normalen. Vom Glück des Bewährten, FBV, München 2021, hier bestellbar.
Cora Stephan ist Publizistin und Schriftstellerin. Viele ihrer Romane und Sachbücher wurden Bestseller. Ihr aktueller Roman heißt „Über alle Gräben hinweg. Roman einer Freundschaft“.
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Normal gibt es in der Natur nicht. Normen sind humanistische Konstrukte, um zu ordnen, zu klassifizieren, abzugrenzen bzw. auszugrenzen. Man kann Demokratie als normal bezeichnen. Das heisst nicht, dass Demokratie die einzig richtige und erfolgreiche Norm sei. Besonders jetzt in der Endphase der Demokratie zeigt sich, dass deren Anhänger genug von Demokratie haben, auch wenn sie vordergründig so tun, als seinen sie die Demokratieverteidiger. Wer danach als Erste die Autokratie einführt (links oder rechts) – wir werden sehen.
Die Medien haben Verrückten die Aura von Stars verliehen.
maciste grüßt euch. wer allen ernstes an eine wiedergeburt des traditionellen westlichen bürgertums glaubt, hat politisch und historisch den anschluß an die realitäten verloren. als ich vor jahrzehnten einem akademischen auditorium gegenüber den niedergang des repräsentativen bürgerlichen parlamentarismus und der ihm folgenden demokratischen staatsordnung prognostizierte, wurde das in keiner weise aufgenommen und reflektiert. heute sind die degenerativen politischen prozesse nur noch mit lüge und gewalt zu leugnen, die schreiende offensichtlichkeit des historischen endes der westlichen zivilisation wird von 95% der weltbevölkerung wie auf einer bühne sich abspielend bestaunt, derweil jenes erbärmlich herabgekommene westliche bürgertum, welches das stück aufführt, weiterhin der festen überzeugung ist, in vertretung des gesamten menschengeschlechts zu performen und applaus verdient zu haben – wobei noch nicht ausgemacht ist, ob das stück wenigstens zum drama taugt, oder als tingeltangel abgetan werden muß. das einstige bürgertum ist erledigt, die zukunft gehört dem erdfloh und einigen bestien… ich bin rechts. battle on.
Ich gehe in keine Stadt mehr, sondern sitze lieber angenehm im Garten oder Minipool, wenn die „Hitzepeitsche“ eintrifft. „Täglich das Zusammenleben neu aushandeln“ ist was für andere, nicht mehr für mich. Was ich brauche, hier beim REWE oder Amazon oder Temu. Fertig.
„Die Bereicherung ist ausgeblieben“ nur für die zu lange hier Lebenden – für die Neuen ‚Deutschen trifft die Bereicherung durchaus zu, vorallem monitär.
Es ist mir inzwischen sowas von sch…egal, was die, die denken in der Gesellschaft den Ton angeben für normal halten. Gerade deshalb bin ich, wie ich bin und gerade deshalb geht mir der ganze Wahn des irren Zeitgeistes völlig am A…. vorbei. Ich kann schon fast sagen, dass mich das Gutmenschentum zu mir selbst zurück geführt hat und dass ich heute wesentlich selbstbewusster der bin, der ich sein will. Weiß, alt, aufs Weibsvolk stehend, sich richtigen Frauen gegenüber wie ein Gentleman benehmend, ein Ossi durch und durch und den ganzen Wahnsinn nur noch belächelnd.
Beim „täglich neu aushandeln“ ging es Özoguz darum, Breschen in die deutsche Kultur zu schlagen, um Platz zu schaffen für die islamische (türkische) Kultur. Diese Räume – durchaus wörtlich zu verstehen – werden dann immer mehr erweitert, bis sie dominiert. In diesen Zusammenhang gehört auch ihr Zitat: „Deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Hier geht es ganz real um Umvolkung von Oben, das ist nicht mal verschwörungstheoretisch oder gar zynisch gemeint. Özuguz betrachtet das deutsche Volk als lästiges Hindernis und liegt damit auf Parteilinie. Allerdings denke ich, dass genau diese Haltung ihre Partei die Existenz kostet.