Meine Zweifel an der Evolutionstheorie erwachen jeden Morgen mit sanften drei Stupsern auf meinem Arm, was „Aufwachen“ heißt.
Affen sind intelligenter, als viele Menschen glauben. Man sollte sie nicht durch die beliebte Legende beleidigen, der Mensch stamme vom Affen ab. Tut er nicht, wir sind höchstens Cousins. Und nicht der Affe ist schuld daran, wenn einer den aufrechten Gang nicht beherrscht. Oder mit seiner Intelligenz nichts anfangen kann. Und dass sich alles weiter und zum Besseren entwickele, wird niemand glauben, der Zeuge wird, wie eine wenig entwickelte Politkaste ein Land in den Ruin treibt. Na gut, deren Wähler scheinen auch nicht vernünftiger zu sein.
Vielleicht liegt es ja daran, dass Mensch wie Affe vor unvordenklicher Zeit aus Mikroorganismen entstanden sind, die sich zu Gliederfüßern entwickelten, die den Landgang wagten. Irgendwie sind aus Flossen Füße geworden – et voilà. Man sieht die Verwandtschaft sofort.
Doch Scherz beiseite. Das mag alles so oder so ähnlich gewesen sein, was weiß ich denn schon, ich habe ja nur Geschwätzwissenschaften studiert. Doch meine Zweifel an der Evolutionstheorie erwachen jeden Morgen mit sanften drei Stupsern auf meinem Arm, was „Aufwachen“ heißt. Und wenn ich die Augen öffne, sehe ich etwas, das nie und niemals aus einem Gliederfüßer entstanden sein kann. Bernsteinfarbene Augen mit einem langgezogenen schwarzen Lidstrich am Unterlid. Halb geöffnet. Ich werde also angelächelt. Keine Wimpern, aber über den Augen je vier lange weiße Haare, angeordnet wie ein Fächer. Tasthaare. Sie reichen hoch bis an die Ohren, auch sie bewegliche Wunderwerke, die in alle Himmelsrichtungen lauschen können. Lange weiße Tasthaare weiter unten, Schnurrbart genannt, rechts und links von einem herzförmigen rosa Schnäuzchen.
Sie ist dominant. Aber ich unterwerfe mich ihr bereits seit 22 Jahren.
Wenn ich die Hand nach ihr ausstrecke, legt sich ein weiches warmes Polster auf meinen Daumen, zieht sich zusammen, öffnet sich wieder, und manchmal packt die Katzenpfote so fest zu, dass ich die Krallen zu spüren bekomme. Wenn ihre Pfote mich lässt, fasse ich in seidenweiches weißes Fell, nur über Augen und Ohren trägt sie eine graue Maske.
Das Tier ist für alles ausgerüstet, was man in der freien Wildbahn braucht, wenn man überleben will: sehen, hören, fühlen, anspringen und umbringen. Was für eine Verschwendung! Bei mir braucht sie das alles nicht. Sie ist dominant. Aber ich unterwerfe mich ihr bereits seit 22 Jahren.
Und sie ist der Grund, warum ich den urtümlichen Knochenfisch Tiktaalik ums Verrecken nicht mit meiner Katze zusammenbringe. Da muss einfach mehr gewesen sein. Gut, dass Hühner Abkömmlinge der Flugsaurier sind, kann ich nachvollziehen, sie haben diesen Blick und können fliegen. Meine Katze aber konnte höchstens die Wände hochlaufen, als sie noch jung war.
Wie bitte sollen Rosen entstanden sein?
Ja, nennt mich gaga. Aber mein heidnisches Herz denkt beim Anblick von Madame an all unsere Vorfahren, die sich auch keinen Reim machen konnten auf all die Wunder und Schrecken der Welt. So kam der Glaube an erhabene Wesen in die Welt. Da muss doch jemand im Olymp sitzen und spielerisch ausprobieren, was man aus Aminosäuren so alles basteln kann!
Manche der vielen Götter sind Ästheten, sie erarbeiten wohlklingende Amseln und Pferde mit Passgang. Andere haben Spaß an Stechmücken und Giftschlangen. Und dann die Herren und Herrinnen über Bäume! Bärlapp-, Farn- und Schachtelhalmbäume, die das freilaufende Kohlendoxid als ihre Nahrung speicherten! Genau das, was heute irgendwie schuld an allem ist.
Wie bitte sollen Rosen entstanden sein? Aus dem Urschlamm? Woher kommen die Wolken. Die Steine. Die Katzen? Die Erdbeeren und die Äpfel und all die berauschenden Getränke? Der Gläubige weiß. Alle anderen staunen. Eine Welt voller Wunder. Und voller Schrecken. Weil manche Menschen dümmer als Affen sind.
Cora Stephan ist Publizistin und Schriftstellerin. Viele ihrer Romane und Sachbücher wurden Bestseller. Ihr aktueller Roman heißt „Über alle Gräben hinweg. Roman einer Freundschaft“.
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Sind das Gedanken, die einem erst in vorgerücktem Alter in den Sinn kommen? Sie ähneln meinen und ich bin vom gleichen Jahrgang ;-). Auch ich werde morgens wachgestupst – allerdings von zweien im Jahr 2019 von mir vor Hundefängern geretteten reinrassigen Straßenkötern. Die mich aber schon 1/2 Jahr bzw. 2 Jahre vorher „adoptiert“ hatten. # Mein Tag beginnt, auch aus alter Gewohnheit, um 6 Uhr morgens. Mein erster Weg führt mich dann direkt auf den Balkon meines Schlafzimmers, wo ich ehrfürchtig den Sonnenaufgang bewundere. Täglich von Neuem und ich werde dessen nicht müde. Die Schöpfung, egal wer dahinter stecken mag, ist einfach nur grandios. # Und, das muß einfach mal gesagt werden: auch Ihren Werdegang, Ihre Disziplin, Ihre Schaffenskraft halte ich ebenfalls für bemerkenswert, um nicht schon wieder das Wort „grandios“ zu bemühen. Ihre Texte gefielen mir schon immer gut. Der heutige regte mich dazu an „Sie“ zu googeln. Wow. Ich neige mein Haupt. Bleiben Sie gesund. Ich möchte noch viel von Ihnen lesen. # Warum ich das schreibe? Allzu schnell bin ich immer mit Kritik bei der Hand. Dabei ist es so unendlich viel wichtiger, anderen Menschen gegenüber Anerkennung auszudrücken.
Abgesehen davon, dass man angesichts der relativ kurzen Zeitspanne noch nicht zuverlässig feststellen kann, ob der homo „ sapiens“, bekanntlich eine nicht untypische anthropozentrische Selbstzuschreibung, ein narzisstisches Aufflackern, ein bioevolutionaeres Erfolgsmodell ist, oder als Irrtum nach einem eher kurzfristigen Versuch endet, sollte man mit der Evolution nicht nur „ richtig“, sondern auch nicht zu kritisch umgehen. Manche Neuros bezeichnen, argumentativ begruendet, das menschliche Gehirn als Unfall der Natur. Eine These, der man durchaus etwas abgewinnen kann. Aktuell scheinen sich mir 2 „ Konzepte“ ins Gehege zu kommen. Das eine betrifft das Gehirn als Ueberlebensorgan, beim anderen geht es um so Dinge wie Erkenntnis und Denken, das „ langsame“ Denken des Herrn Kahnemann. Offensichtlich gewinnt kulturevolutionaer das „ schnelle“ Denken, eigentlich kein „richtiges“ Denken, im Wertewesten eine von „Eliten“ gewollte, machttaktisch motivierte Dominanz der manipulativ zugaenglichen, limbischen Bereiche. Zu Lasten anderer, z. B. derer fuer Erkenntnis und rationale Prüfung, dem wegen Irrelevanz und Laestigkeit obsoleten praefro.Cortex. Dummerweise ging aber auch die Wahrnehmung der existentiellen Gefahr, die instinktiv richtige Feinderkennung, flöten. Der postmoderne Mensch hat, pathetisch formuliert, alles „ verloren“, was fuer ihn wichtig waere. Seinen Verstand, aber auch sein „ Gefuehl“. Sein Gehirn ist fuer die kulturevolutionaeren Konditionierungen hoechst anfällig. Die Schamanen wirken immer noch, sie verbinden die alten „Bedrohungen“ nur mit neuen Geschichten und Taetern und triggern die Amygdala mit den immergleichen Spruechen, nun ueber die AfD, Putin und Trump. Und das Gehirn liefert, evolutionär so eingerichtet, den Autoren die „Begruendung dazu. Waehrenddessen wirkt der posthumanist. Feind immer weiter. Auf die Evolution wird man nicht hoffen duerfen, denn sie laeuft zu langsam und sie ist beim homo technisch passend gestaltbar.
„(…) Oder mit seiner Intelligenz nichts anfangen kann. Und dass sich alles weiter und zum Besseren entwickele, wird niemand glauben, der Zeuge wird, wie eine wenig entwickelte Politkaste ein Land in den Ruin treibt. (…)“ --- Wie wird man eine kleptokratische Politiker:Innenbande los, die mächtig und reich ist und skrupellos über Leichen geht?