Susanne Baumstark / 29.06.2017 / 09:59 / Foto: Gary Dee / 0 / Seite ausdrucken

Todkrank, aber unbesiegt: China lässt Dissident Liu Xiaobo frei

Von Susanne Baumstark.

Seit ein paar Tagen ist bekannt: Das chinesische Regime hat den seit vielen Jahren inhaftierten Menschenrechtler Liu Xiaobo bereits Ende Mai auf Bewährung freigelassen. „Wenige Tage zuvor hatten die Ärzte bei Liu eine unheilbare Leberkrebserkrankung festgestellt“, berichtet die Wiener Zeitung. Er wird im Krankenhaus behandelt. 

Xiaobo war bei diversen Kämpfen für bürgerliche Freiheiten aktiv. Schon 1991 wurde der frühere Hochschuldozent mit Berufsverbot belegt und später für drei Jahre zur „Umerziehung“ ins Arbeitslager geschickt. Die geplante Umerziehung ist krachend gescheitert, denn der Schriftsteller beteiligte sich 2008 als einer der führenden Autoren an der Charta 08, die sich der Abschaffung der chinesischen Parteidiktatur widmet. Xiaobo wurde daraufhin wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ festgenommen und ein Jahr später zu elf Jahren Haft verurteilt. 2010 vergab das norwegische Nobelkomitee den Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo für seinen beharrlichen und gewaltlosen Kampf für Menschenrechte in China. Der leere Stuhl bei der Preisverleihung in Oslo hinterließ einen bleibenden Eindruck. „Auch die Absage von 19 Staaten ist nicht der diplomatische Triumph, den chinesische Medien jetzt behaupten“, schrieb damals Deutschlandfunk Kultur.

Überhaupt kann von einem Triumph autoritärer Regime keine Rede sein. Die Autorin verweist an dieser Stelle gern auf ihren Leserbrief zum Thema im Tagesspiegel (2010): „Ein Regime schlägt zurück und hat doch schon längst verloren. Was auch immer dem neuen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo noch angetan wird, mindestens seine Liebeserklärung ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen: ‚Auch wenn man mich zu Pulver zermahlt, meine Asche wird dich umarmen‘ ist ein Satz, der sich nicht bekämpfen lässt. Machthabende, die ihr Leben damit verbringen, gegen kreative Freigeister in der Luft zu fechten, haben verloren gegen die Gedankenfreiheit, gegen das Gewissen, gegen die Poesie, gegen die Spiritualität. Niemals wollte ich diese Lebensqualitäten eintauschen gegen die Möglichkeit, Andersdenkende zu unterdrücken und Geld zu horten. Verlierer sind dort an der Macht. Die Gewinner sind anderswo.“ 

Susanne Baumstark, Jahrgang 1967, ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin. Dieser Beitrag erschien zuerst auf ihrem Blog Luftwurzel.

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