Stefan Frank / 25.05.2022 / 16:00 / 15 / Seite ausdrucken

Die Schuldzuweisungen nach dem Tod von Shireen Abu Akleh

Wer alles im Westen die Schuld an diesem Tod den israelischen Sicherheitskräften zuschreiben würde, war zu erwarten.  Aufmerken ließ, welche muslimischen Staaten Israel nicht verantwortlich machten.

Jedes Jahr gibt es in Jordanien im Schnitt 300 Tote durch Schüsse in die Luft, die etwa bei Beerdigungen, Hochzeiten oder an islamischen Feiertagen abgegeben werden. Auch in den arabischen Teilen Israels führt die Ballerei – eine Tradition, die bis ins Osmanische Reich zurückreicht – regelmäßig zu Toten und Verletzten. Menschen müssen sterben, weil einige Irre glauben, vor Freude oder Trauer schießen zu müssen. Wohin die Kugeln fliegen, überlassen sie dem Zufall. Nicht so in Dschenin.

Schießereien, die Al Jazeera gefallen

In Dschenin wird geschossen, um zu töten. In einem Propagandabeitrag lobte der Nachrichtensender Al Jazeera Ende April Dschenin als „Hochburg des Widerstands“. Nicht weniger als 15-mal kam das Wort „Widerstand“ in dem kurzen Text vor. Der Begriff „Terror“ hingegen nur in Anführungszeichen. Zu dem von Dschenin ausgehenden Widerstand zählte Al Jazeera in jenem Beitrag etwa folgende beiden Fälle: „Am 7. April eröffnete der 28-jährige Raad Hazem aus dem Flüchtlingslager Dschenin in einer überfüllten Bar in Tel Aviv das Feuer, tötete drei Israelis und verletzte zehn weitere.“

Dieser Mordanschlag wurde übrigens von Dschenins Gouverneur Akram Rajoub öffentlich gepriesen. Der Täter sei „kein Terrorist, sondern ein Fatah-Kämpfer“. Weiter heißt es in dem Al-Jazeera-Text: „Nur eine Woche zuvor, am 29. März, hatte Diaa Hamarsheh aus dem Dorf Ya’bad, wenige Kilometer außerhalb von Dschenin, fünf Menschen in der ultraorthodoxen Stadt Bnei Brak östlich von Tel Aviv getötet.“ Na, wenn das kein heldenhafter Widerstand ist, dem jedes Kind nacheifern sollte. Der Al Jazeera-Autor gibt also zu, dass von Dschenin aus immer wieder Massaker an Zivilisten vorbereitet werden, nennt es nur anders, nämlich „Widerstand“. Und auch dieser zitierte Abschnitt, der die relevanten Fakten über den Terror nennt, ist tief im Text vergraben.

An dessen Beginn steht die Schilderung eines „groß angelegten israelischen Angriffs“ auf Dschenin, auf den „palästinensische Kämpfer geantwortet“ hätten. Es habe dann ein Feuergefecht gegeben, das zwei Stunden angedauert habe. Angaben dazu, wie viele „Kämpfer“ es in Dschenin gibt, finden sich in dem Beitrag nicht, doch wird erwähnt, dass „maskierte Männer, die zur Fatah und dem Islamischen Dschihad gehören“, immer wieder durch die Straßen „paradieren“, wenn es „Spannungen“ gibt und „ihre Bereitschaft, zu kämpfen“ zeigten.

Auf Fremde wird aus allen Rohren gefeuert

Dschenin ist also offenbar keine Quäker- oder Mennonitensiedlung. Auf Fremde wird aus allen Rohren geschossen. Selbst für die Polizei der Palästinensischen Autonomiebehörde, die die Stadt ja eigentlich kontrollieren soll, ist Dschenin eine No-go-Area: Wenn die palästinensischen Polizisten die Stadt betreten wollen, werden sie sofort unter Gewehrfeuer genommen.

Am Morgen des 11. Mai 2022 wurde in Dschenin wieder einmal aus zahlreichen Häusern geschossen. Dabei starb die Al-Jazeera-Korrespondentin Shireen Abu Akleh. Angesichts der zahlreichen schießfreudigen Bewohner hätte sie ebenso gut bei einem palästinensischen Polizeieinsatz sterben könne. Bis heute ist nicht geklärt, aus wessen Lauf die tödliche Kugel stammte.

Drei Tage nach Shireen Abu Akleh starb nur wenige hundert Meter entfernt der israelische Soldat Noam Raz (46) bei einem Antiterroreinsatz. Er hinterlässt seine Frau und sechs Kinder. Natürlich feiern die Terroristen dessen Tod und rufen nicht „Wir waren das nicht, das waren die Israelis“. Aber wenn während einer der alltäglichen, von den Terroristen in Dschenin veranstalteten Kanonaden eine Al-Jazeera-Journalistin getötet wird, dann soll, ohne jede Untersuchung, klar sein, dass sie nur „von Israel“ getötet worden sein könnte.

Die Juden sind schuld – immer

Die Frage, für welche Verbrechen und Missstände dieser Welt die Juden die Verantwortung tragen, ist für den Antisemiten leicht zu beantworten: für alle. Die Juden sind von Natur aus schuldig. Es gibt daher auch keinerlei Grund für zeitraubende Untersuchungen. Was sagen die üblichen Verdächtigen? Die demokratische US-Abgeordnete Ilhan Omar sagt: „Sie (Abu Akleh) wurde vom israelischen Militär getötet, nachdem sie ihre Anwesenheit als Journalistin klar zum Ausdruck gebracht hatte.“ Ihre Verbündete Rashida Tlaib wünscht auch keine Untersuchung: „Wir können Menschen, die Kriegsverbrechen begehen, nicht erlauben, diese selbst zu untersuchen. Das ist nicht gerecht.“ Sie wisse nämlich, so Tlaib, „dass eine solche Untersuchung völlig voreingenommen wäre“, schließlich habe Israel ja eine „Apartheidregierung“.

Laut MEMRI nahm Tlaib an einer Demonstration dieser Tage in Dearborn (Michigan) teil, auf der gefordert wurde, den Palästinensern zum „Sieg“ zu verhelfen, „mit Steinen, Gewehren, Flugzeugen, Drohnen, Raketen und unseren Stimmen“. Außerdem brachte sie eine Resolution ins US-Repräsentantenhaus ein, nach der die Staatsgründung Israel als „Katastrophe“ bezeichnet werden soll.

Und dann ist da noch der britische Labour-Abgeordnete Bambos Charalambous, seit 2021 „Schattenminister für Nordafrika und den Nahen Osten“ (davor „Schattenminister für Verbrechensreduzierung und Gerichte“). Charalambous ist Mitglied der Gruppe Labour Friends of Palestine & the Middle East (LFPME) und war bei der von Labour beantragten Parlamentsdebatte über Abu Aklehs Tod schnell mit einem abschließenden Vorurteil zur Stelle:

„Die Ermordung von Shireen Abu Akleh war nicht nur eine empörende Tat, sondern ein Angriff auf die Freiheit der Medien und die Unabhängigkeit von Journalisten, die weltweit arbeiten und eine entscheidende Rolle bei der Berichterstattung über Konflikte, der Suche nach der Wahrheit und dem Erzählen der Geschichten der Betroffenen spielen. Die Labour-Partei verurteilt die Gewalt der israelischen Streitkräfte unmissverständlich.“

Warum sollte man eine Untersuchung abwarten oder dem Beschuldigten die Gelegenheit geben, sich zu verteidigen? Würde das nicht auf Kosten der Unmissverständlichkeit der Verurteilung gehen? Es ist wie in Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie (1914), in der ein Offizier zum Forschungsreisenden sagt: „Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos.“ Was würde passieren, wenn ein Angeklagter Gelegenheit zur Verteidigung bekäme? Bei Kafka erklärt der Offizier: „Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt, so wäre nur Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr.“

Keine jordanische Beschuldigung

Es gibt auch Lichtblicke. Wie die Times of Israel berichtet, hätten Regierungsvertreter etlicher mehrheitlich muslimischer Staaten den Tod Abu Aklehs verurteilt, ohne aber Israel die Schuld zu geben, darunter die Türkei, Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Jordanien. Jordanien ist sicherlich das Land, das über seine Geheimdienste am besten darüber Bescheid weiß, was im Westjordanland vor sich geht.

Das Außenministerium des Hamas-Verbündeten Katar – wo Al Jazeera seinen Sitz hat – sprach hingegen, wie zu erwarten, davon, dass „israelische Okkupationskräfte“ die Journalistin „ermordet“ hätten. Daran, dass sie schon beim Eintreffen einer Nachricht ohne jede Prüfung die Juden für schuldig erklären, erkennt man diejenigen, für die die Schuld der Juden ohnehin stets der Dreh- und Angelpunkt ihrer Weltanschauung ist, egal ob es um Kriege, Revolutionen, Börsencrashs, Wirtschaftskrisen, Angriffe von Haien oder eben den Tod einer Reporterin geht.

Die erste Reaktion wird bei ihnen auch die bleibende sein: Wurde in der Vergangenheit Israel die Schuld an dem gewaltsamen Tod von Palästinensern gegeben und es sich später herausstellte, dass die Opfer in Wahrheit von Raketen oder Kugeln der Hamas getötet worden waren, war Letzteres kaum jemandem eine Nachricht wert. Es geht nicht um die Wahrheit, sondern um die Verurteilung der Juden. Wer es wie Ilhan Omar oder Rashida Tlaib zu seinem Lebensinhalt gemacht hat, auf Juden zu schimpfen, wird sich von Fakten nicht beirren lassen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

Foto: קנדלר CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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Manfred Knake / 25.05.2022

CNN veröffentlichte am 24. Mai Video-Material, dass nahelegt, dass es Israelische Soldaten waren, die die Schüsse abgaben: “New evidence suggests Shireen Abu Akleh was killed in targeted attack by Israeli forces”. Unverhältnismäßiger Schusswaffengebrauch der IDF sogar gegen Kinder wurde in der Vergangenheit ebenfalls bekannt, das kann man nicht schönschreiben oder verharmlosen.

Klaus Keller / 25.05.2022

Alles eine Frage der Betrachtung: Zitat von heute: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ordnete am Mittwoch das Ende der Visumfreiheit für russische Bürger an. „Vor dem Hintergrund der russischen Aggression in vollem Umfang ist das angesprochene Thema wichtig und entscheidend. Ich unterstütze die Notwendigkeit, die Einreisekontrollen für russische Bürger zu verstärken“, erklärte Selenskyj. Der ukrainische Präsident forderte Premierminister Denys Schmyhal auf, Maßnahmen zur Durchsetzung des Beschlusses zu ergreifen.—Das bedeutet ja das die Russen mit ihren Panzern gar nicht rechtswidrig eingereist sind. Aber warum hat man dann auf sie geschossen?

Caroline Neufert / 25.05.2022

Sie unterscheiden sich nicht vom von Ihnen verurteilte Al-Jazeera Autor. Auch wenn nicht geklärt ist von welcher Kugel die Journalistin starb, würde Ihrem Artikel es guttun, wenn Sie weniger polemisch, Antisemitismus vermuten, sondern objektiver berichten würden, dass die Israelis sich in der Zone A bewegten, was unter 100% Hoheit der Palästinenser ist. Just fyi - falls Sie Jenin noch nicht besucht haben ... Sooft ich (als Fremde) in Jenin war, wurde nicht wild umhergeschossen, auch die PA-Polizei wurde nicht beschossen ...

Albert Pelka / 25.05.2022

@Wolf Hagen / 25.05.2022 “Muslime sind nicht integrierbar. Sie sind ein Fall für sich.  .....” Der Islam ist nicht nur Ein Fall für sich. Denn: Je mehr man den Koran “studiert”, z.B. jetzt das neue Buch v. Robert Spencer “The Critical Qur’an: Explained from Key Islamic Commentaries and Contemporary Historical Research (English Edition:  https://www.amazon.de/dp/B09Y68H3SB/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&btkr=1), und/oder unsere Muslimbruderschafts- und Diyanet-Hot-spots durchleuchet nach Wort und Tat,  mit heißen Bemüh’n und selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen , um so mehr gelangt man zu der Erkenntnis, das die sogenannte Religion Islam seinem ganzen Wesen nach etwas für den Knast ist. schlicht und ergreifend. Und dass er darüber hinaus nichts eigentlich Religiöses hat, was man nicht finstersten Aberglauben und Obskurantismus nennen müsste: Teufel wo man auch hinschaut, Hexenkünste, Kamelurin als Heilmittel und Schutz vor Bösem Zauber, Geieteskranke gelten als von Teufeln bessessen, welche Imame dann austreiben oder eben Kamelurin ausschwitzen lässt. ect.pp. Den ganzen andern Zinnober, weswegen er eine Sache für den verpflichtenden Knast im Wesentlichen ist, mal ganz beiseite geschoben wohlgemerkt.

Klaus Keller / 25.05.2022

Mit schnellen Urteilen machen es sich andere auch leicht. Außenministerin Baerbock hatte auch eine bestimmte Vorstellung wer für die Vorgänge in Butscha verantwortlich war. Wer klärt so etwas auf? Ich erinnere an die Bombardierung eines Tank-LKW bei Kundus mit vielen getöteten Zivilisten. Wenn ich deutschen Medien glauben soll, waren die Ankläger in den USA für den Piloten der die Bombe warf zuständig und deutsche Ankläger für den Offizier der den Einsatz anordnete. Für einige ist das ganz selbstverständlich. Weshalb keine Anklage durch die Staatsanwaltschaft in Kundus? Für Butscha wäre dann die Staatsanwaltschaft in ??? zuständig. Also jene in der Region oder eine ganz andere? Gar nicht so einfach das alles. z.B. Massaker von My Lai 1968 (ca 500 Tote Zivilisten) in Vietnam. Zitat: Nur vier Soldaten wurden vor ein Militärgericht (in der USA!) gestellt. Lediglich Calley wurde von einem Gericht am 31. März 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt, die aber durch den US-Präsidenten Richard Nixon bereits am darauffolgenden Tag in Hausarrest umgewandelt wurde, ehe er ihn 1974 vollends begnadigte. schreibt Wikipedia. Ich würde im oben beschrieben Fall nicht an Antisemitismus denken. Schuld wird idR dem politischen* Gegner zugewiesen. *man könnte auch eine andere Kategorie verwenden. Was im beschrieben Fall gar nicht in Frage kommt ist so etwas wie Zufall oder ein versehen. Mehrere Verkehrsflugzeuge wurden schon versehentlich abgeschossen. Aber wer gibt so etwas schon gerne freiwillig zu. Einen dem man Schuld zuweisen kann wird man trotzdem finden. Gerichte fragen noch nach der schwere der Schuld. Also Vorsatz, Fahrlässigkeit usw. Bei Vorsatz fragt man noch nach Details wie Heimtücke usw. Gar kein so schlechter Ansatz. Könnte es sein das sich die Journalistin Shireen Abu Akleheinem einem hohen Risiko aussetzte und einfach Pech hatte? Das ließe sich nur schlecht instrumentalisieren und taugt so gar nicht für eine Heldinnenverehrung.

Gert Friederichs / 25.05.2022

Israel - Palästinenser: Ich weiss da wirklich nicht, wo es da mehr stinkt! Es kann doch nicht sein, dass die Israelis deswegen völlig unschuldig und exculpiert sind, weil die ‘nen höheren IQ haben, militärstrategisch denken können und statt Kalaschnikov und Katjuschkaraketen halt Drohnen und Panzer einsetzen. Allerdings werde ich da nicht hinfahren, um mir von der einen Seite dies und von der anderen Seite das erzählen zu lassen. Die müssen sich selber irgendwann mal einigen. Und je länger die das verschleppen, umso mehr wachsen Hass und Todeszahlen.

Jürgen Rhode / 25.05.2022

Palästinsischer Terrorismus ist gut, israelische Selbstverteidigung ist schlecht. Antifa-Terrorismus ist gut, regierungskritische Coronademos sind rechtsextrem. Prof. Dr. Bhakdi ist laut Anklage ein Antisemit, tausende islamische Antisemiten beim al-Quds-Tag in Berlin sind gut. So könnte man weiter fortfahren. Wir sind schon längst über Orwells “Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!” hinaus.

Albert Pelka / 25.05.2022

Als Helmut Kohl dereinst über seine Spender mannhaft schwieg wie ein Grab, gab es recht nachvollziehbare Presseenthüllungen , dass die quasistaatliche ELF darin involviert sein könnte: Nun bedeutete das Kürzel ELF nicht anderes als: Essences et Lubrifications Francaises. Französische Kraftstoffe und Schmiermittel. Sie schreiben im Text: ” ..... der britische Labour-Abgeordnete Bambos Charalambous, seit 2021 „Schattenminister für Nordafrika und den Nahen Osten“ (davor „Schattenminister für Verbrechensreduzierung und Gerichte“). Charalambous ist Mitglied der Gruppe Labour Friends of Palestine & the Middle East (LFPME) und war bei der von Labour beantragten Parlamentsdebatte über Abu Aklehs Tod schnell mit einem abschließenden Vorurteil zur Stelle:....” Er hätte sich schon und erst recht nach 2021 als ‘Imaginationsminister für Verbrechenserfindung und Gerüchte’ bezeichnen sollen, dass würde nämlich die Essenz seiner Tätigkeiten noch etwas korrekter bezeichnen.

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