Ulrike Stockmann, Gastautorin / 02.08.2019 / 06:00 / Foto: Pixabay / 44 / Seite ausdrucken

Tod einer Bloggerin im Zeichen politischer Korrektheit

Die Bloggerin und promovierte Historikerin Marie Sophie Hingst wurde am 17. Juli im Alter von 31 Jahren tot in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden. Es handelt sich wohl um einen Selbstmord. Hingst war im Juni durch eine Enthüllungsgeschichte im Spiegel in die Schlagzeilen geraten: Ihre angebliche jüdische Familiengeschichte, über die sie auf ihrem erfolgreichen Blog „Read on my dear, read on“ (mittlerweile offline) geschrieben hatte, erwies sich als frei erfunden. Sie hatte behauptet, dass 22 Mitglieder ihrer Familie der Judenverfolgung der Nazis zum Opfer gefallen wären. Diese hatte sie der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gemeldet. Wie sich herausstellte, existierten lediglich drei der angegebenen Familienmitglieder, die jedoch allesamt nicht jüdisch waren und nicht ermordet wurden.

Auch ihr soziales Engagement, über das Hingst berichtete, erwies sich als ausgedacht: Sie gab an, bereits mit 19 Jahren in Neu-Delhi ein Slum-Krankenhaus gegründet zu haben, in dem sie unter anderem Sexualaufklärung für junge indische Männer betrieben hätte. 2017 schrieb sie auf ihrem Blog, diese Hilfe nun auch in einer kleinen deutschen Stadt für Flüchtlinge anzubieten. Durch letzteres wurden große deutsche Medien auf sie aufmerksam, bei Zeit Online veröffentlichte sie einen Artikel über ihre Arbeit unter dem Pseudonym „Sophie Roznblatt“. Die „Frankfurter Allgemeine“ führte ein interview mit ihr, nannte jedoch ihren Namen nicht, um „sie und die Kursteilnehmer vor Drohungen zu schützen“. Die ARD-Radioprogramme Bayern 2 und SWR 3 berichteten ebenfalls. 2018 trat sie in der "Storytelling"-Sendung „Einhundert“ von Deutschlandfunk Nova auf und erzählte, wie sie „Sexualaufklärung in Indien geleistet habe“.

Diese und ähnliche Geschichten bescherten ihrem Blog schließlich „fast 240.000 regelmäßige Leser“, 2017 wurde sie von den „Goldenen Bloggern“ zur „Bloggerin des Jahres“ gewählt (mittlerweile wurde ihr diese Ehrung wieder aberkannt). Doch trotz aller Begeisterung lasen sich einige ihrer Darstellungen eine Spur zu abenteuerlich und riefen Kritiker auf den Plan. Als Reaktion auf ihren Zeit-Artikel von 2017 trudelten bereits Lesermeldungen in der Redaktion ein, „mit der Vermutung, dass Teile des Artikels und der Vita der Autorin nicht stimmten“, heißt es in einer Stellungnahme der Zeit. Doch erst nach einem Spiegel-Hinweis vom 27. Mai 2019 sah sich das Blatt gezwungen, noch einmal nähere Nachforschungen zur Autorin anzustellen, welche sie nach eigenen Angaben zuvor nicht erreicht hatten.

Ein besonders schmerzliches Tabu

„Im Blog nimmt ihre Familiengeschichte ohnehin märchenhafte Züge an“, schreibt Spiegel-Autor Martin Doerry. Bei der Lektüre fielen der Historikerin Gabriele Bergner aus Teltow bei Berlin zunächst einige Unstimmigkeiten auf. „Bald bildete sich um sie ein kleines Team von Rechercheuren, darunter eine Anwältin, ein Genealoge und ein Archivar, die sich per Mail über die jeweils neuesten Hirngespinste von Marie Sophie Hingst austauschten“, heißt es im Spiegel. Anfang 2018 versuchte die Gruppe, die Bloggerin zu konfrontieren, was von dieser jedoch abgewehrt wurde. Nachdem Gabriele Bergner auch noch die Slum-Krankenhaus-Geschichte mehr als verdächtig erschien, wandte sie sich im Dezember 2018 schließlich an den Spiegel. Entscheidende Nachweise aus dem Stadtarchiv Stralsund (woher die väterlichen Vorfahren der gebürtigen Wittenbergerin stammen) bestätigten schließlich die Haltlosigkeit der von Hingst behaupteten jüdischen Vergangenheit ihrer Familie.

Der Spiegel traf sich daraufhin im Mai dieses Jahres mit Marie Sophie Hingst in Dublin, wo sie mittlerweile für den IT-Konzern Intel arbeitete. Redakteur Doerry gab vor, dass es um ihr Buch „Kunstgeschichte als Brotbelag“ gehen solle, das im März erschienen war. Als sie im persönlichen Gespräch auf ihre angeblich jüdische Familiengeschichte angesprochen wurde, reagierte sie ungehalten. „Nach einer Stunde verließ sie zornig den Raum, ohne sich zu verabschieden.“ Das Magazin war ratlos. 24 Stunden nach dem Treffen wurde Hingsts Mutter telefonisch vom Spiegel über die Realitätsverdrehungen ihrer Tochter informiert. Diese erwies sich als ahnungslos und fiel aus allen Wolken. Im Anschluss meldete sich in der Redaktion eine „kleinlaute“ Marie Sophie Hingst und entschuldigte sich für ihren Auftritt beim Treffen. Zwei Tage später – wenige Tage vor Veröffentlichung des Spiegel-Beitrags – ließ sie dem Magazin über ihren Anwalt mitteilen, „dass die Texte in ihrem Blog ‚ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch‘ nähmen. ‚Es handelt sich hier um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung.‘“ Gleichzeitig beharrte sie darauf, Informationen ihrer verstorbenen, angeblich jüdischen Großmutter verwendet zu haben.

In jedem Fall hatte der Spiegel nun eine Skandal-Geschichte und zeigte in seinem Beitrag auf, wie sehr andere Medien sich von Hingst täuschen ließen und es versäumt hätten, die ihnen präsentierten Fakten gründlich zu überprüfen. Auf manchen Leser mag diese Geschichte wie eine Art Wiedergutmachung nach dem Claas-Relotius-Fall gewirkt haben. Die Reaktion der Öffentlichkeit fiel bei Hingst dann auch ähnlich aus wie beim Spiegel-Betrüger: Empört, naserümpfend und auch angewidert wandte man sich von der Hochstaplerin ab und grollte ihr wegen ihrer Arglist und Unverschämtheit. Es entstand sogar der Hashtag #readonmyfake als Reaktion auf das Ärgernis. Und in der Tat haben sich sowohl Relotius als auch Hingst schwer am Vertrauen ihrer Leser sowie an ihrer journalistischen Verantwortung vergangen. Hingst hat darüber hinaus mit der Aneignung der Biografie einer Nachfahrin Holocaust-Überlebender ein besonders schmerzliches Tabu überschritten.

„Stichpunktartig“ ist gut, ausführlich jedoch besser

Nicht vergessen werden sollte jedoch, dass es auf der einen Seite die gibt, die betrügen und auf der anderen Seite jene, die sich betrügen lassen. Wie schon Claas Relotius hat auch Marie Sophie Hingst mit ihren erfundenen Geschichten den politisch-korrekten Nerv des Zeitgeistes getroffen. Damit begeisterte sie viele Leser und nicht zuletzt einige Medien, die lieber ein Auge zudrückten, als ausreichend kritisch zu sein. Nicht zuletzt verdankte auch der Spiegel den Anstoß zu den Enthüllungen der besonders aufmerksamen Historikerin Gabriele Bergner und nicht etwa einer eigenen Initiative zur Aufklärung.

Zeit Online äußerte sich rückblickend in Bezug auf Hingsts Fake-Artikel über ihre Sexual-Sprechstunde für Flüchtlinge wie folgt: „Nach dem Gespräch prüften wir die Existenz jener Praxis, in der die Sprechstunde stattfinden sollte. Wir überprüften die Beschreibungen der von ihr angegebenen Stadt, die im Beitrag selbst nicht genannt wird. Wir überprüften persönliche Angaben aus dem Gespräch, ebenso ihre behaupteten, ungewöhnlichen Sprachkenntnisse. Unsere stichpunktartigen Überprüfungen ergaben keine Zweifel, dass die Aussagen der Autorin sowohl zu ihrer Person als auch zu der beschriebenen Aufklärungsstunde auf der Wahrheit beruhen.“ „Stichpunktartig“ ist gut, ausführlich jedoch besser. Beim Deutschlandfunk Nova erklärte Online-Redaktionsleiterin Lena Stärk, man „müsse sich (als) Redaktion auch kritisch hinterfragen, ob sie sich zu sehr darauf verlassen haben, dass Hingst ihre Erfahrungen schon in anderen Medien geschildert hat.“ Und: „'Das höhere Gut ist natürlich die Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit‘“, räumte sie schließlich noch ein.

Etwas, das noch bedenklicher stimmt, ist, dass Medien, die sich mit Hingst trafen, ihre nun bekannt gewordene psychische Labilität nicht aufgefallen sein will. Zeit Online: „Die Autorin beantwortete alle unsere Fragen präzise und plausibel und machte insgesamt einen glaubwürdigen Eindruck auf uns.“ Und selbst der Spiegel bekräftigt, beim gemeinsamen Treffen in Dublin habe Hingst „einen konzentrierten, souveränen und keineswegs psychisch angegriffenen Eindruck gemacht.“ Inwiefern dieses Statement aufrichtig gemeint ist, bleibt jedoch dahingestellt, schließlich warf Hingsts Mutter laut Tagesspiegel dem „Spiegel-Reporter vor, er habe ‚hinter den Fakten die Person nicht gesehen‘“.

„Die Botschaft muss da sein“

Natürlich ist man hinterher immer klüger, aber: Sieht man sich auf Marie Sophie Hingsts Blog um, der in Resten noch hier abrufbar ist, ist das Ergebnis bereits bezeichnend. Man findet naive Geschichten, die in einer nahezu alarmierend süßlichen Sprache und noch dazu sehr beliebig erzählt werden. Außerdem in totalem Gegensatz zu dem stehen, was man von einer promovierten Historikerin bei der Auseinandersetzung mit Geschichte erwarten würde, selbst wenn es die eigene Familiengeschichte sein sollte.

Noch eklatanter ist die Bilanz, die nach der Sicht von Videos, in denen Hingst auftritt, gezogen werden kann. Hier sieht man sie im April 2018 auf einer Konferenz als Doktorandin des Trinity Colleges in Dublin sprechen. Titel der Veranstaltung: „Brexit, Ireland & the Future of Europe. Emerging Voices on the Future of the EU in 2050“, ausgerichtet von der irischen EU-Lobbygruppe „Institute of International and European Affairs“ (IIEA) sowie der Dubliner Anwaltskanzlei „McCann FitzGerald“. Hingst referiert über „embracing difference“, indem sie Pro-EU-Plattitüden aneinander reiht – ähnlich anekdotenhaft wie auf ihrem Blog. Selbst wenn man die Nervosität eines schüchternen Bücherwurms anlässlich einer derartigen Rede berücksichtigt: Ihr Vortrag wirkt verhuscht und gleichzeitig unverhältnismäßig beschwörend – in jedem Fall sehr seltsam.

Noch merkwürdiger erscheint sie in einem Interview auf der Preisverleihung der „Goldenen Blogger“, die sie 2017 zur „Bloggerin des Jahres“ kürten. Auch hier gilt: Im Nachhinein lässt sich immer viel reden und spekulieren. Trotzdem scheint mir, dass man kein besonderer Menschenkenner sein muss, um zu bemerken, dass die Frau in diesem Video keinen Preis, sondern Hilfe dringend nötig gehabt hätte. Im Verlauf des Interviews verriet sie sich zudem im Grunde selbst. Wichtig für heutige Blogger sei nicht die Größe der Reichweite oder die Anzahl der Follower, sondern „dass wir uns Geschichten erzählen (…) die Botschaft muss da sein (…).“

Mal wieder die Botschaft. Mit der richtigen Botschaft schaffte es auch Claas Relotius, Vorgesetzte, Preisverleiher und Leser zu täuschen. Einen weiteren Höhepunkt erfuhr Hingst 2017, als sie mit einem Essay einen Schreib-Wettbewerb gewann, den die Financial Times für Studenten ausgerichtet hatte. Insgesamt gab es sechs studentische Preisträger. Der Aufsatz Hingsts mit dem Titel „Europeans Should not Abandon a Collective Identity“ ist bei der Financial Times nicht mehr einsehbar, jedoch noch in diesem PDF zugänglich. Bei der dazugehörigen Preisverleihung 2018 in Dublin soll sie in einer Rede auf ihre jüdische Familiengeschichte hingewiesen und sie mit dem Schicksal heutiger, übers Mittelmeer kommender Flüchtlinge verglichen haben, weiß der Spiegel. Ein Belegvideo hierzu soll im Internet verfügbar sein, ich konnte jedoch nichts Entsprechendes finden. Möglicherweise hat es die Financial Times, genau wie Hingsts Text, bereits entfernt.

Ein denkwürdiger Auftritt

Aus meiner Sicht ging der irische Journalist und Berlin-Korrespondent Derek Scally in diesem Beitrag, der am 27. Juli in der Irish Times erschien und Hingsts Tod bekannt gab, am souveränsten mit der Geschichte um. Als Bekannter des Spiegel-Reporters Martin Doerry erfuhr er kurz vor dem Erscheinen des Enthüllungs-Artikels vom Skandal um Marie Sophie Hingst. Was tat Scally daraufhin? Er erkundigte sich beim Bergen-Belsen-Überlebenden Tomi Reichental, wie es ihm angesichts derartiger Hochstapelei ginge. „So etwas schadet authentischen Menschen wie mir, denn die Leute beginnen sofort zu denken: ‚Sagt er die Wahrheit?‘“, erklärte ihm dieser.

Scally schrieb nun an einem eigenen Artikel zum Thema und nahm hierzu Kontakt mit Marie Sophie Hingst auf. Die Irish Times entschied sich jedoch gegen seinen News-Beitrag, der ursprünglich im Zuge der Spiegel-Enthüllungen erscheinen sollte. Anfang Juni, ein paar Tage später, traf sich Scally mit Hingst am Berliner Wannsee, wo sie drei Stunden umherwanderten, saßen und sprachen. Hingst lieferte ihm einen denkwürdigen Auftritt: Verstört berichtete sie, der Spiegel habe sie „lebendig gehäutet“ und zum „Trocknen über den Zaun gehängt“.

Hingst bekräftigte ihre Lügen, Scally hakte nach. „Ihre Stimme wanderte vom verspielten Mädchen zur wütenden Erwachsenen und wieder zurück, unterbrochen von abruptem Gekicher. Ihr Gesicht errötete, dann wurde es blass. Ihre Hände flatterten auf ihrem Schoß herum wie zwei unruhige Vögel.“ Unvermittelt drückte sie Scally schließlich einen gelben Judenstern in die Hand. Das einzige, was ihrer Großmutter neben einer zerbrochenen Brille nach Auschwitz geblieben sei. „Zuerst dachte ich an den Holocaust, dann dachte ich an Ebay“, schrieb Scally konsterniert. Ihm verschlug es schließlich die Sprache.

Gleich zu Beginn des Spaziergangs hatte sie ihn zum Kleist-Denkmal am Kleinen Wannsee geführt, wo sich ihr Lieblingsdichter Heinrich von Kleist im Alter von 34 Jahren mit einer Freundin erschossen hatte. Scally wurde endgültig klar, dass er es hier nicht mit seiner nächsten Story, sondern mit einer psychisch kranken Frau zu tun hatte. Bevor sie sich trennten, beschwor er sie noch, den Abend nicht allein zu bleiben.

Vom Selbstmord ihrer Tochter überzeugt

Besorgt kontaktierte nun auch Derek Scally Marie Sophies Mutter Cornelia Hingst. „Meine Tochter hat viele Realitäten, ich habe nur Zugang zu einer“, vertraute sie ihm an. Seit Jahren kämpfe Marie Sophie mit psychischen Problemen, erst ihr Leben in Irland hätte ihr eine neue Stabilität gegeben. Scally nahm nun Abstand davon, über Hingst zu schreiben. Dies geschah in Übereinstimmung mit Tomi Reichental, jenem Holocaust-Überlebenden, den er für den geplanten Beitrag interviewt hatte und der nun ebenfalls befürchtete, eine große Enthüllung könnte dem „armen Mädchen“ schaden. Kurz darauf traf Scally auch Spiegel-Reporter Martin Doerry. Als er diesen fragte, warum die Geschichte publik gemacht wurde, gab er sich seinerseits als tatsächlicher Enkel eines Holocaustopfers zu erkennen. Als Historiker fühlte er sich zudem berufen, die Lügen Hingsts zu stoppen. Scally deutet an, dass auch die Affäre um Claas Relotius eine Rolle gespielt habe.

Offenbar hatte Hingsts Mutter Cornelia zum Iren Derek Scally nachhaltig Vertrauen gefasst, denn sie rief ihn noch ein paarmal an. Ganz im Gegensatz zum Spiegel, der sie in seinem Artikel nicht einmal zitieren durfte. Scally teilte sie schließlich auch mit, dass die Polizei Marie Sophie Hingst am 17. Juli tot in ihrer Dubliner Wohnung aufgefunden hätte. Die Polizei schlösse ein Fremdeinwirken aus, die Autopsie bliebe noch abzuwarten. Scally schreibt, Cornelia Hingst sei vom Selbstmord ihrer Tochter überzeugt.

Was lässt sich aus diesem tragischen und komplizierten Fall schließen? Er ist letztlich ein Appell an unser aller Aufmerksamkeit, Wahrheitsliebe und Sorgfalt. Wir als Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit und Medien müssen unsere Verantwortung zur Selbstreflexion wahrnehmen. Wir müssen schonungslos unseren Erwartungen auf die Schliche kommen, uns eingestehen, dass das, was wir gerne hören wollen, bei weitem nicht das sein muss, was ist. Gerade in Zeiten, in denen „Haltung“ leicht vor Wahrheit kommt. Mit dieser Einstellung lassen sich Lügen und Wunschdenken gewiss um ein Erhebliches schneller entlarven, sodass es am Ende keine dramatische Enthüllungsgeschichte braucht. 

Foto: Pixabay

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Annette Mueller / 02.08.2019

Ich weiss es nicht Frau Stockmann, gebe aber zu Bedenken das psychische Erkrankungen heutzutage gern festgestellt werden, wenn es ins politische Konzept passt um als “Entschuldigung” zu dienen. Niemand (Familie, Kollegen, Mitstudenten usw.) will über 10 Jahre bemerkt haben, dass die Dame ein gewaltiges psychische Problem hat? Das Sie im Interview, wo Sie mit ihrer Hochstapelei konfrontiert wurde, nervös und fahrig reagierte, verständlich. Sie spürte wohl genau das die bildliche “Schlinge um den Hals” immer enger wurde. Als Vermutung, vielleicht hat auch die Entdeckung ihres Tuns und das diese Sache/Tat Konsequenzen für Sie hat, die Würfel in diese Richtung fallen lassen.

Martin Lederer / 02.08.2019

Ich weiß nicht, ob das veröffentlicht wird. Aber wenn man als Jugendlicher aufwächst und Bestätigung haben will, und das glaubt, was einem die vorhandene “Gesellschaft” vermittelt, ... Sagen wir, ein Jugendlicher wächst im Dritten Reich auf, und er glaubt das, was damals politisch korrekt war. Wenn er dann “besonders gut” sein will, macht er halt etwas, von dem er glaubt, es kommt, bei den moralischen Autoritäten besonders gut an. Das kann dann alles mögliche sein. Die entscheidende Frage ist: Glaubt man den Sch…, den die “moralische Gesellschaft” erzählt, oder glaubt man ihn nicht mehr.

Dr. Ralph Buitoni / 02.08.2019

Es hat überhaupt nichts mit Häme zu tun, wenn nach einem solchen tragischen, aber durchaus selbstverschuldeten Ende einer ruinierten Biographie auf die Eigenverantwortung der Person verwiesen und nach ihren Motiven gefragt wird. Ja, Frau Hingst hat ganz offensichtlich gerade in Deutschland grassierende Lieblingsphantasien vor allem des weiblichen Anteils eines sich als juste-milieu verstehenden Bevölkerungsteils zum Ausdruck gebracht. Zu diesen Phantasien gehört nicht nur die - schon etwas altbackene - Selbstzuschreibung einer jüdischen Familiengeschichte, sondern, viel aktueller, die ganz unverhohlen rasssitische Sexualphantasie bezüglich außereuropäischer, in diesem Fall ostasiatischer Männer. Dass Frau Hingst in gleich zwei ihrer Lügengeschichten die Idee von “Sexualtherapien” an indischen Männern ausbreitet, ist nicht nur für sie selbst entlarvend. Sondern auch für die Medienvertreter(innen), die sofort auf diese Geschichten ansprangen. Denn es war ja die Geschichte von den angeblichen “Sexualtherapien” in Flüchtlingsheimen, die Frau Hingst überhaupt erst in die Schlagzeilen - vor allem der ZEIT - katapultierten. Hier triggerte Frau Hingst ganz deutlich einen größeren Kreis. Was angesichts des grassierenden Helfersyndroms von Frauen gegenüber Männern aus Kulturkreisen, in denen Frauen ganz offen mehr oder weniger verachtet werden, schon länger gemunkelt wird, nämlich dass das Motiv wesentlich in den unerfüllten sexuellen Bedürfnissen von Frauen zu suchen ist, die an einer verheuchelten Scheinemanzipation irre gegangen sind, erhält hier eindrückliche empirische Bestätigung. Das ausgeprägt rassistische in dieser Phantasie wird auch in der Geschichte von der angeblichen Gründung eines “Slumkrankenhauses” durch eine 19Jährige (!) in Indien deutlich. Welcher vernünftige Mensch hätte auch nur eine Minute daran glauben können, dass indische Behörden dazu die Zustimmung erteilt hätten? Offensichtlich nur, wer Inder für Kinder hält und Indien für TakaTuka-Land…

Michael Hoffmann / 02.08.2019

Karl May wurde ja bereits erwähnt. In Philipp Schwenkes lesenswertem Buch “Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste” wird u.a. eindrucksvoll geschildert, wie selbst gestandene, hochgebildetete Frauen und Männer die Geschichten von May für Realität genommen haben. May hat später einmal geäußert, daß er das selbst nicht verstanden habe, angesichts der ins Auge springenden Fiktion der Geschichten. Die nicht überraschende, aber gleichwohl erschreckende Erkenntnis daraus ist, wie leicht Menschen beeinflußbar sind bzw. sich beeinflussen lassen.

Gudrun Dietzel / 02.08.2019

Abstrahierend von diesem und dem Relotius-Fall, lassen mich, Journalistin in der Rente, zwei Fragen nicht los: Was geht in jungen Menschen vor und mit welcher Verantwortung, auch gegenüber sich selbst (?), sind solche Märchen überhaupt produzierbar? Eine Erklärung kann ich mir geben: wenn die Fantasiegeschichten für sehr private Zwecke geschrieben werden. Und nur dafür. Und die zweite Frage meines Problems ist viel gravierender: Welche journalistische Kultur wird in einer Redaktion gepflegt, wenn solche Machwerke durch alle Instanzen gehen und gedruckt werden? Die Antwort auch hier: Führen wir uns nur die moralische Verderbtheit bei den Hitlertagebüchern im Stern vor Augen. Dann wissen wir, woran es liegt. Nur scheint der Wahnsinn heute Methode zu haben.

B.Klingemann / 02.08.2019

Relotuis schrieb Lügen über andere. Frau Hingst schrieb Lügen über sich selbst und ihre Vergangenheit. Daran ist sie zerbrochen.

Lars Schweitzer / 02.08.2019

Hingst und Relotius (was ist eigentlich aus ihm geworden?) sind letztlich Opfer des Zeitgeistes. Sie wollten es mit der Schreiberei zu etwas bringen - und das in einer Zeit des Überangebotes an Journalisten. In diesem harten Wettbewerb kann man nur hervortreten, wenn man Aufsehen erregt und die am Markt gefragten “Narrative” (wie es heute so schön heißt) bedient. “Geschichten erzählen” kann man jedoch in einem Roman, das ist kein Journalismus. Woher sollen sie das aber auch wissen? Zudem belohnt unsere Gesellschaft Narzissmus in jeder Form, das fängt mit den allgegenwärtigen Selfies an und hört bei Berufseinsteigern, die meinen, zu reüssieren, wenn sie allwissend-herablassend in der neuen Firma aufschlagen, noch nicht auf. In Wirklichkeit sind viele dieser Selbstdarsteller jedoch von einer tiefen Unsicherheit geprägt, die sie hinter ihrem Gehabe, das oft geradezu in Richtung Cargo Cult abdriftet, zu verstecken versuchen. Bloß keine Schwäche zeigen. Trotzdem gilt in der Berufswelt Lebenserfahrung immer weniger, jugendliche Unbedarftheit trifft so immer häufiger auf Aufgaben, die noch einige Nummern zu groß sind. Im Netz kommt dann noch hinzu, dass es sehr viele Leute mitbekommen, wenn man sich exponiert. Wie man eine junge Frau wie Hingst vor sich selbst schützen kann, weiß ich nicht, dafür sind die individuellen Fälle zu verschieden. Aber das Internet ist voll von Leuten, die sich durch erfundene Geschichten ein wenig bedeutsamer machen wollen (man denke z.B. an #metoo), ohne über die Folgen (auch für andere) nachzudenken. Das sollten auch Redaktionen und Preisjurys immer bedenken.

Thomas Taterka / 02.08.2019

Jemand, der sich das Schrecklichste andichtet, um seiner Stimme mehr Autorität zu verleihen, hat in seiner letzten Stunde keinen Gott mehr, den er noch um Aufschub anflehen könnte. Das wünscht man niemand.

Dr. Müller / 02.08.2019

Das war ein sehr guter, sachlicher Artikel, ohne das kleinste bisschen Häme. Mein Kompliment und Dank dafür!

Alex Müller / 02.08.2019

Ende 2016 kam ich auf den Blog und war anfangs fasziniert. Fräulein ReadOn, das jüdisch-deutsche Mädchen, aufgewachsen zwischen Afrika, Südfrankreich und Ostdeutschland, gelebt in Israel, Indien, China, Hilfseinsätze im Südsudan, Algerien, Afghanistan. Geschichten, in opulenter, altmodischer Sprachgewalt, der Wortschatz eines Hermann Hesse. Schnell jedoch wurde klar, hier schrieb Karla Ben Nemsi. Die Großmutter in feudalistischer Manier mit Hausangestellter in der sozialistischen DDR? Der jüdische Arzt mit der Kippa im Dienst am arabischen Patienten? Tumbe Flüchtlinge, die die Vagina auf Höhe des Bauchnabels verorten? Sächsische Nazis, die Juden, kaum aus dem Zug ausgestiegen, sofort anpöbeln? Usw… Einige Wochen fand ich das recht amüsant, bis es mir zu kitschig wurde und ich den Blog wieder aus den Augen verlor. Auch andere vermuteten Fiktion, in Kommentaren des Blogs wurde sie z.T. heftig angegriffen, z.B.: Wie behandelt man indische Patienten mit 19 Jahren ohne medizinische Ausbildung? Die Zweifel waren öffentlich, und jeder konnte es nachlesen. Umso erstaunter las ich von ihr später in der Zeit, gierig aufgegriffen vom BR, dem DLF, etc… Eine widerliche Journaille, allen voran “Die Zeit”, sprang ohne nachzudenken nur zu gern auf die dem Zeitgeist huldigenden Geschichten an. Nicht der Unsensibilität des Spiegel ist der Tod von Frau Hingst anzulasten (denn imaginierte Holocaust-Opfer bei Yad Vashem einzureichen hat mehr als nur Geschmäckle und ist schon berichtenswert), sondern all denen, die Frl. ReadOn aus der Nische ihres Blogs in die Öffentlichkeit zerrten, weil hier so passend das Bild der Welt bedient wurde, in der sie gut und gerne leben würden. Und die damit die ausweglose Situation schufen aus etwas, das ursprünglich nur ein fantasivoller, kleiner Blog war. Ohne das wäre aus Frau Hingsts Fantasie und Schreibtalent vielleicht ein neuer Karl May oder eine neue Joanne K. Rowling erstanden. Danke, Fräulein ReadOn, für eine paar nette Lesestunden. RIP.

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