Swipe, wisch, weg – Liebe? Auf der Dating-Plattform Tinder sucht man sie vergeblich. Statt echter Gefühle gibt’s Selbstinzenierung, Kinks und das uralte Spiel des Ghostings.
Swipen fühlt sich an wie das Durchblättern eines Katalogs – doch kein Modell überzeugt mich. Menschen werden wie Waren behandelt und einfach aussortiert, wenn sie nicht den Kriterien entsprechen. Es erinnert mich an meine Single-Zeit, als ich tatsächlich dachte, eine Dating-App würde meine Partnersuche beenden. Ich habe mir Tinder noch einmal angesehen – nicht, weil ich suche, sondern weil ich mich erinnere, wie es war. Während ich scrollte, fielen mir fünf Männerkategorien immer wieder auf, die auf Tinder rumgeisterten:
Kategorie 1: Der „Nice Guy“
Er ist die moralisch optimierte Version des Simps. Bevorzugt mit einem Happy-Pride-Symbol oder einem Ally-Herz am oberen Bildrand. Er will nicht nur meine Nummer – er will mein Genderverständnis validieren und seine Incel-Angst mithilfe feministischer Buzzwords überspielen. Allein an seinem Blick erkannte ich: Er versucht, sich mit Nettigkeit durchs Leben zu mogeln – und so irgendwann einmal im Bett mit einer Frau zu landen. Spoiler: Funktioniert eher selten.
Kategorie 2: Der Kinky-Typ
Er nennt in seiner Beschreibung direkt seine Vorlieben: BDSM, Dreier und polyamoröse Beziehungen. Ein Typ zum Davonlaufen, solange mein Verstand noch online war.
Kategorie 3: Der geläuterte Partylöwe
Mitte dreißig bis Anfang vierzig. Einer, der langsam merkt, dass exzessives Feiern weder Körper noch Seele gut tut. Er präsentiert sich im Anzug als Business-Man oder als Naturbursche im Wald. Dazu Profiltexte wie: „Wenn du Wasser magst, magst du schon mal 70 Prozent an mir.“ Oder: „Für alle, die behaupten, sie wüssten, wie der Hase läuft: Er hoppelt!“ So peinlich, dass ich mich am liebsten ins Koma wünschen würde.
Kategorie 4: Der Algorithmus-Favorit mit Migrationshintergrund
Tinder dachte offenbar: „Das gefällt ihr!“ – und schlug mir in Dauerschleife Ali, Kemal und Serhat vor. Innerhalb von drei Tagen war ich genervter als bei jeder Familienfeier. Der Algorithmus hielt mich offenbar für integrationsbereit und wollte mich zum interkulturellen Happy-Meal degradieren. Ein Lichtblick: Einer schrieb in seinem Profil: „JA, ich bin Single & NEIN, ich muss auch nicht irgendwann meine Cousine aus dem Ausland heiraten…“ Ich musste lachen. Und habe – zum ersten (und einzigen) Mal – nach rechts gewischt.
Und die 5. und seltenste Kategorie: Der Normalo
Ein Mann mit normalem Job, normalen Fotos, normalen Werten. So unaufgeregt, dass er beinahe unterging. Dieser wurde ebenfalls konsequent nach links gewischt. Schließlich war ich nicht hier, um mich zu verlieben, sondern um Beweise für das Aussterben der gesunden Kennenlernphasen zu sichern.
Ansprüche im Orbit
Die Pappnasen der anderen Kategorien hatten eine Sache gemeinsam: Sie wollten fast alle keine ernsthafte Bindung. Und das wusste ich, bevor sie mich anschrieben. Ein Blick auf die Profile genügt. Und mit dieser Erkenntnis war mein dezent schlechtes Gewissen beruhigt.
Ich möchte den Herren auch aus ihrer Selbstpräsentation keinen Strick drehen. Denn Männer haben es im Online-Datingleben noch schwerer als wir Frauen. Während wir Frauen innerhalb einer Stunde ungefähr vier neue Matches bekommen, dauert es bei manchen Männern mehrere Tage, bis sie dieses „Erfolgserlebnis“ haben. Und das liegt nicht zwangsläufig daran, dass wir Frauen so umwerfend attraktiv sind, sondern dass unsere Ansprüche irgendwo im Orbit parken.
Oder – Möglichkeit zwei – wir sind in unserem Leben schon zu häufig mit den besagten Fuckboys virtuell oder in Realität zusammengestoßen und haben deswegen beschlossen, erst recht wählerisch zu sein. So viel Selbstkritik darf an dieser Stelle erlaubt sein. Tatsächlich schrieben mich einige Kandidaten sogar zweimal oder dreimal an, wenn ich nicht mehr antwortete. Das hatte ich, wie im ersten Teil geschildert, so nicht erwartet. Aber alles der Reihe nach.
Veraltete Frauenbilder und flotte Dreier
Mein erstes Interesse galt einem Herrn, der laut seiner Selbstbeschreibung ein besonders prächtiges Exemplar der Gattung „Fuckboy“ war. Nennen wir ihn Paul. Paul posierte, wie jeder anständige Aufreißer, oberkörperfrei vor dem Spiegel mit der üblichen Grimasse. Stirn in Falten, bedeutungsschwerer Blick und angespannter Bizeps. Ein Pantoffelheld de luxe, bei dem ich gerannt wäre, hätte ich ernstere Absichten. Aber dies war eine Mission im Dienste des Journalismus.
Und siehe da, wir matchten, und kurz darauf begann schon die tiefsinnige Unterhaltung. Paul hatte in seiner Selbstbeschreibung schon angegeben, dass er „nix Ernstes sucht“, er will lieber Spaß und ist offen für Freundschaft Plus, One night stands und auch für flotte Dreier zu haben. Er bot mir zwei Männer an, während mein Zweier mit Frauen offensichtlich nicht ins Programm passte. Vielleicht zweifelte diese wandelnde Red Flag an seiner eigenen Perfomance. Auf seine Frage, was mich denn beim Sex anmachen würde, antwortete ich nicht mehr. Ein Keks und ne Pause vom Wahnsinn waren wichtiger – kurze Zeit später löschte Paul unser Match.
Der nächste Kandidat, den ich nicht unerwähnt lassen kann, hieß Konstantin. Dieser erklärte mir im Laufe unseres Gespräches, dass viele Komödien aus den Neunzigern heutzutage oft ein bisschen schwierig seien – „wegen veralteter Frauenbilder“. Ich antwortete etwas frech, dass ich es gut fände, dass Frauen heutzutage nicht mehr so stereotyp dargestellt würden und wir mehr in Richtung Gleichberechtigung und Inklusion rücken und empfahl ihm die Bridgerton Serie, insbesondere wegen der schwarzen Darsteller.
Ja, ich weiß, das war vielleicht einer zu viel, aber eine linke Lady zu spielen, hat einfach zu viel Spaß gemacht. Ich ging mehr in der Rolle auf, als ich wollte. Was man den Nice Guys zugutehalten muss: Mit ihnen kann man wenigstens Gespräche führen, die über ein „Was machst du auf Tinder“ und „Wie geht’s“ hinausführten. Mein Fazit nach einer Woche Tinder: Mein Kopf dröhnt. Ich habe irgendwann aufgehört, auf alle Matches zu reagieren oder nur noch halbherzig geantwortet. Und vielleicht, nur vielleicht, hätte ich Kategorie 5 eine Chance geben sollen – aber wie langweilig wäre das denn gewesen, ohne Drama, Red Flags und journalistische Feldarbeit? Wobei… auch diese Kategorie ist manchmal nur ein getarnter Herzensbrecher mit Unschuldsmine.
Kauft lieber einen Goldfisch
Tinder ist nicht schuld an dieser Misere – es ist nur der Spiegel. Wenn alle Optionen offenstehen, man überall und ständig verfügbar ist, wird’s langweilig. Jeder zeigt sich ein bisschen, aber keiner zeigt sich ganz. Und statt den anderen wirklich zu wählen, hält man sich lieber noch ein paar Türen offen. Es könnte jemand Besseres kommen. Für mich bleibt eine eigenartige Leere, nachdem ich immer wieder ein Stück meiner (erfundenen) Persönlichkeit offenbarte.
Außerdem bin ich bei meiner Recherche schon über zwei bekannte Gesichter gestolpert, die mich hoffentlich nicht erkannt haben. Und wenn das Swipe-Verhalten der Männer entgegengesetzt dem der Frauen ist, haben sie das vermutlich nicht. Ich verabschiede mich in die echte Welt – mit echten Gesprächen, ohne woke Weltbilder und Emoji-Blumensträuße aus Herz, Flammen und Aubergine.
Wer heute noch ernsthaft glaubt, zwischen Swipes und Selfies Liebe zu finden, der sollte sich besser einen Goldfisch kaufen. Der glotzt auch stumm – aber wenigstens will er nicht deine Mutter kennenlernen oder dir ein Dickpic schicken. Vielleicht ist das das Tragische an Tinder: Dass es uns die Illusion von Nähe gibt, während wir alle auf Abstand bleiben. Tinder ist kein Ort für Liebe. Es ist ein digitaler Jahrmarkt, auf dem man sich selbst wie Müll verkauft – und sich am Ende wundert, dass niemand bleibt. Zum Glück war das nur ein Experiment. Wer das alles ernsthaft durchstehen muss – mein Beileid. Ich verabschiede mich – in die echte Welt. Mit echten Gesprächen. Und vielleicht… einem Goldfisch.
Der erste Teil dieses Beitrages erschien gestern hier.
Marie Wiesner, Jahrgang 1999, arbeitet in der Redaktion der Achse des Guten.

Hach, wenn da nicht all diese Anglizismen wären! Was ist zum Beispiel ein Dickpic? Kann mir Landpomeranze das mal jemand sagen?
Tatsächlich gibt es schon Studien über Menschen auf den dating-Seiten. Aber eigene Erfahrungen sind auch nicht schlecht; eine Freundin erzählte mal von einem Mann, der eigentlich nichts Festes suchte. Sie bot ihm ihre Oberschenkel an…
Ich habe das erst am nächsten Tag begriffen, womit wir wieder bei der Landpomeranze wären…..
Ich glaube, ich mache hier jetzt Schluß!
Es ist nicht schlimm, auch ein wenig weiter zu denken und ein wenig weiter bedeutet Kinder. Dann kümmert man sich liebevoll um die Kinder, damit sie später die besten Chancen im Leben haben und sobald sie in die Grundschule kommen, sind sie unter lauter anderen Kindern, die überwiegend nicht wissen, was „Bach“ oder „Hecke“ bedeutet (Bild oder Focus von heute). Meine Kinder wüssten das ganz sicher und wären damit von vornherein Außenseiter und Streber.
Wenn der Staat in seiner grenzenlosen Dummheit solche Zustände schafft, dann bin ich froh und glücklich, dass ich mir diese Sorgen, wie man in dem Chaos noch vernünftig Kinder aufziehen soll, nicht auch noch machen muss! Und wenn man sich dieser Herausforderung doch stellt und sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzieht, dann nur damit ein unzurechnungsfähiger Staat sie später wie Nutzvieh ausbeuten wird. Oder soll ich sie so erziehen, dass sie jede Chance mitnehmen und dabei immer an die Grenzen gehen oder sich einen warmen und weichen Job beim Staat suchen, um den Steuerzahlern Haus und BMW aus der Brust zu nuckeln? Nein Danke!
Würde ich mal hier Nachschauen..:-)
Universe 25
Calhouns berühmtestes Experiment, das sogenannte „Universe 25“, begann im Juli 1968 in seinem Labor am National Institute of Mental Health (NIMH). Es dauerte insgesamt etwa 4 Jahre und endete 1972. Während dieser Zeit dokumentierte Calhoun den Aufstieg und den Kollaps einer Mäuse-Population in einer künstlich geschaffenen, idealisierten Umgebung. Er untersuchte die Auswirkungen von Überbevölkerung und sozialen Bedingungen auf eine Mauspopulation. In ihrem idealisierten Habitat erhielten die Mäuse unbegrenzten Zugang zu Nahrung und Wasser, es gab keine Raubtiere oder Krankheiten, die klimatisierte Umgebung wurde regelmäßig gereinigt und zu Beginn des Experiments war genügend Platz vorhanden. Die Population begann mit vier Mäusepaaren und verdoppelte sich alle 55 Tage. Nach etwa 315 Tagen und maximal 2.200 Mäusen verlangsamte sich ihr Wachstum, zeigte aber eine Vielzahl von abnormen, oft zerstörerischen Verhaltensweisen. Die räumliche Überfüllung führte zu sozialem Stress. Aggressionen und asoziales Verhalten nahmen zu, während die Geburtenrate abnahm. Es kam zu einem kompletten Zusammenbruch der sozialen Strukturen. Die Mäuse verhielten sich apathisch oder aggressiv. Die Fortpflanzung wurde fast vollständig eingestellt,[4] und brach anschließend zusammen. Am 600. Tag war die Population auf dem Weg in das Aussterben.[5]
Aber nach meinem Kenntnisstand.. war der Platz / Raumbedarf auf über 6.000 ausgelegt..:-)
Aber darf ja nicht Sein.. was nicht Sein darf..:-)
..künstlich geschaffenen, idealisierten Umgebung…
KI.. ChaptGPT 4.o..
???? Der Kernpunkt bei Calhoun:
Das Problem war nicht der absolute Platzmangel, sondern die soziologische Strukturierung des Raums.
Mäuse sind territorial und benötigen Kontrollräume und Rückzugsorte.
Wenn soziale Interaktionen nicht mehr kontrolliert oder vermeidbar sind, entsteht sozialer Stress – auch bei scheinbar „genug“ Raum.
Weis noch, was technische Fakten sind..:-)
Baujahr 1966