Deborah Ryszka, Gastautorin / 09.02.2021 / 08:00 / Foto: Monozigote / 9 / Seite ausdrucken

Thomas Bernhard zum 90. Geburtstag: Der Letzte seiner Art

Man nehme die deutschen Schriftsteller Heinrich Böll und Rolf Hochhuth, vermenge die moralische Empörung Bölls mit der Scharfzüngigkeit und Bissigkeit Hochhuths, und füge zuletzt die österreichische Mentalität hinzu. Voilá! Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard schaut einem just entgegen. Am 9. Februar 2021 wäre der stets polarisierende Bernhard 90 Jahre alt geworden.

Bernhard war vermutlich der größte Skeptiker Österreichs. Er erhob den moralischen Zeigefinger, als Moral noch ein intellektuelles und kein „grünes“ Werkzeug war. So wetterte er gegen die menschliche Dummheit, die sich wie eine Krankheit in jeden Bereich des Lebens ausbreitete: in den Redaktionen, in den Verlagen, in den Universitäten. Das tat er auf seine ganz eigenwillige und spezifische Weise.

Nicht umsonst erlangte Bernhard Weltruhm. Bis heute werden seine Dramen, nebst Bertolt Brecht, über den ganzen Globus verteilt, auf den Brettern der Welt gespielt. Keinen anderen deutschsprachigen Schriftstellern gelang dies in solchem Ausmaß wie Brecht und Bernhard. Das gilt auch für die Übersetzungen der Werke Bernhards. In rund fünfzig Sprachen wurden diese bis heute übersetzt. Vom Spanischen über das Chinesische bis hin zum Norwegischen. Sogar „Wittgensteins Neffe“ erschien erstmals 2019 auf arabisch.

Schmerz verfolgte Bernhard sein ganzes Leben

Doch wer war der Mann, der sein Schreiben mit so viel Wut und Verzweiflung, Zynismus und Polemik würzte? Bernhard war ein in sich gekehrter, schüchterner, jedoch menschenfreundlicher und herzlicher Mensch. Mancher mag sich wundern, wie das zusammenpasse: Misanthrop in den Werken, Philanthrop im Leben.

Dabei steckt hier kein Widerspruch. Gerade weil Bernhard ein Menschenfreund war, konnte er den menschlichen Stumpfsinn nur schwer ertragen. Diesem musste er Paroli bieten. Einerseits. Andererseits war es vermutlich seine Art, konstruktiv mit seinem Schmerz und Kummer hierüber umzugehen. Schmerz verfolgte Bernhard sein ganzes Leben.

Der österreichische Schriftsteller wurde am 9. Februar 1931 als nichteheliches Kind im niederländischen Exil, der Stadt Heerlen, geboren. Für damalige Verhältnisse ein Skandal, ein lebenslanger Stempel für das Außenseitertum. Seine Mutter, die dort als Haushaltshilfe tätig war, schickte den Kleinen recht früh in die großelterliche Obhut, zurück nach Österreich. Dort beeinflusste und unterstütztze besonders der Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, den Buben.

Bevor Bernhard jedoch am Salzburger Mozarteum ein Studium der Dramaturgie und Schauspielkunst aufnahm, musste er einige Schicksalsschläge erleiden. So verbrachte er das Jahr 1941 in einem nationalsozialistischen Erziehungsheim und besuchte zwischen 1943 und 1945 ein NS-Internat. 1949, Bernhard war erst 18 Jahre alt, erkrankte er an einer Rippenfellentzündung. Sogar die letzte Ölung erhielt er. Doch der junge Mann erholte sich. 1950 diagnostizierte man ihm die Lungenkrankheit Morbus Boeck.

Eine wahre Welle des Skandals rollte über Österreich hinweg

Diese lebenslange „Begleiterin“ behinderte ihn jedoch nicht, weiterhin seiner Kunst nachzugehen. Obwohl Bernhard anfangs Sänger werden wollte, veranlassten ihn insbesondere seine frühen Erlebnisse in der Lungenfachanstalt, sich mehr und mehr dem Schreiben zu widmen. Bevor er seinen literarischen Durchbruch 1963 mit seinem Roman „Frost“ schaffte, für den er den Literaturpreis der Stadt Bremen erhielt, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Journalist. Dort war es auch, wo Bernhard die Kunst des Übertreibens lernte, wie er selbst retrospektiv bekannte.

In den folgenden Jahren erschienen verschiedene Romane. Unter anderem „Amras“ (1964) und „Verstörung“ (1967). Auch die Auszeichnungen nahmen zu. So erhielt Bernhard 1970 den Georg-Büchner-Preis, 1972 den Adolf-Grimme-Preis. Diese Anerkennungen förderten Bernhards Schriftstellerei. So versuchte er sich ab 1970 zusätzlich als Dramatiker – und das durchaus erfolgreich.

„Heldenplatz“, sein letztes Theaterstück aus dem Jahre 1988, gehört wohl zu seinen kontroversesten Stücken. Das eigentlich auf etwa zwei Stunden angesetzte Stück dauerte, bei der Uraufführung im Wiener Burgtheater, wegen unzähliger Unterbrechungen, ganze drei Stunden. Eine wahre Welle des Skandals rollte über Österreich hinweg, die mehrere Wochen das ganze Land in Atem hielt.

Verwunderlich ist dies kaum, hört man sich einige Aussagen der Figuren dort an, allen voran Professor Robert: „alle dieser Parteien/ aber im Grunde alle Österreicher zusammen/ sind heute die Totengräber ihres Landes/ alles hier ist der Niedrigkeit ausgeliefert“. Oder Professor Liebig: „Und die Zeitungen schreiben Unrat/ in den Zeitungen wird auch eine Sprache geschrieben/ die einem den Magen umdreht/ auf jeder Zeitungsseite garantiere ich ihnen/ abgesehen von den Lügen die da abgedruckt sind/ hundert Fehler/ (...)“.

In Zeiten von Sprachpolizei und Schneeflöckchen wäre das Phänomen Bernhard vermutlich nicht mehr möglich. Als Rüpel, Rechter und Rassist würde er beschimpft. Dabei besaß insbesondere Bernhard jene Fähigkeit, die vielen heutzutage abhanden kommt: die Fähigkeit, Distanz zu bewahren. Zu sich selbst, zu den anderen und zur Welt. Ebendiese Distanz ermöglicht es, sich nicht überall und von jedem beleidigt zu fühlen. Ebendiese Distanz ermöglicht es, sich verbal auszutoben und gleichzeitig dem Leben mit einem lachenden Auge zu begegnen.

Bernhard starb am 12. Februar 1989 mit nur 58 Jahren an einer schweren Lungeninfektion. Seine Werke leben weiter. Es sind Rezepte für das Leben.

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Leserpost

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Dirk Jürgens / 09.02.2021

Bernhard war bereits 1984 (!) Opfer der Cancel Culture, als es das Wort noch gar nicht gab. Der Roman “Holzfällen” beschreibt grandios die verlogene, korrupte Literatur-Schickeria, die sich schon damals lieber der Macht andiente als sie zu kritisieren. Machgeile Dummköpfe wie Sascha Lobo und Margarete Stokowski wären heute Figuren in seinen Romanen. Der Suhrkamp Verlag würde seine Werke heute nicht mehr drucken. Schlimmer als Tellkamp und Maron zusammen. Bernhard lesen!

Burkhard Goldstein / 09.02.2021

@ Andreas Rühl. Auch für mich ist Bernhard ein mehr als humorvoller Schriftsteller, dessen Schreibstil mit seinen bis zum Abwinken sich wiederholenden und immer und wieder wieder neu aufgewärmten Gedankengängen einzigartig ist. Ich kannte seinen Schreibstil bereits, ohne Bernhard zu kennen: Der leider “völlig zu Unrecht verstorbene” (J. Malmsheimer) Hanns-Dieter Hüsch war ein gnadenloser Anhänger der Bernhardschen Sprachkunst und verarbeitete diese in seinen, Hüschs, legendären Hagenbuch-Geschichten, so Prager und Kretschmer in der Anstalt Bless Hohenstein. Ich sehe die beiden Billigesser, Hagenbuch und Bernhard, verstört bei Frost aus dem Kalkwerk treten, um, wie jeden Tag, so Holzer zu Wiesner, naturgemäß in den Hochwald zu gehen, um Holz zu fällen. Die Macht der Gewohnheit halt…

Andreas Spata / 09.02.2021

Danke @Andreas Rühl. Ihr Kommentar hat mich neugierig gemacht! T. Bernhard kannte ich bisher überhaupt nicht. Vermutlich weil ich lieber lese als in das Theater zu gehen. Der östereicher Stefan Zweig ist mein Favorit. Die Stadtgeschichten insbesonder Augsburg bieten sich anscheinend geradezu an, um die aktuelle Lage deutlich aufzubessern. Werde mir einen schönen Abend machen, hoffe es irgendwo im web zu finden. Danke nochmals!

Thomas Taterka / 09.02.2021

Durchaus denkbar, daß er im heraufkommenden Zeitalter des Internets Charaktere entwickelt hätte , die sich gegen das alles erdrückende Geschwätz vor dem Verstummen retten wollen . Dann wäre er immer noch einer meiner Dichter.

Mathias Rudek / 09.02.2021

Bei ihrer erwähnten “Distanz” Frau Ryszka, die verbales Austoben und “dem Leben mit einem lachenden Auge zu begegnen” pflichte ich ihnen vollends bei, denn das geht ja in der ewigen Betroffenheitsschleife und Beleidigtsein-Modus der Schneeflöckchen-Generation völlig ab. Ihre Einleitung aber stellt zwei Antipoden dar, Heinrich Böll als link-engagierten Haltungsschriftsteller und Thomas Bernhard, als völlig ideologiefreier und -kritischer Zeitgenosse. Sprache als musikalische Strophen und bebendes Mantra, der grobe Klotz, der zeitweilig geschlagen wird, löst sich meist fein ziseliert wieder auf. Er ist immer noch ein dramatischer Dichter und läßt so viel Raum für Neues.

Andreas Rühl / 09.02.2021

Der Vergleich mit Böll hinkt in der Tat gewaltig. Stellen Sie sich Th. Bernhard vor, der sich der Lächerlichkeit preisgibt, indem er sich in Mutlangen von der Polizei forttragen lässt. Aber, anderseits, ist die Autorin 1989, im Todesjahr Bernhards, geboren, da kann man derartige schräge Vergleiche entschuldigen. Gut, dass Bernhard immer noch Freunde und Anhänger findet in den jüngeren Generationen. Allerdings sollte meiner Meinung nach durchaus darauf hingewiesen werden, dass Bernhard in den Augen vieler - vor allem in meinen - mehr Humorist als Moralist war, mehr Hoffnarr als Ankläger. Das unterscheidet ihn ganz maßgeblich von der deutschen Nachkriegsliteraturgarde (bis heute! Und zunehmend!). Ich habe - und lese - Bernhard auch heute noch zu 90% unter humoristischen Gesichtspunkten (vom ersten bis zum letzten Satz schreiend komisch: “Holzfällen” oder “Alte Meister”) und aus Freude an diesen absurden Übertreibungen, die allesamt ja nichts als Verzweiflungsakte der jeweiligen “Sprecher” sind, diesen hoffnungslos gegen alle Widerstände ankämpfenden, sich unablässig in Widersprüche verstrickenden Außenseitern. Deren Außenseitertum (sei es als Musiker, Philosoph, Musikwissenschaftler, Arzt, ja Tierpräparator) wird ja nicht von der Mainstream-Gesellschaft dazu erklärt, nein, diese Außenseiter finden in ihrem gesuchten und gefeierten und erlittenen Außenseitertum gerade die Existenzrechtfertigung, die die Verzweiflung und die inneren Widersprüche und das Leiden an der Welt und den Menschen sie erst ertragen lässt. Für Interessierte empfehle ich das Hörbuch “Städtebeschimpfungen” mit einer breiten, äußerst witzigen Darstellung des “Morgen Augsburg!” Skandals aus dem “Theatermacher” (Diese Lech-Kloake). Die Stadt Augsburg wollte Bernhard mundtot machen - und erhielt u.a. eine denkwürdige Abfuhr von Unseld. Das ist der Unterschied zu heute. Auch ein netter Gruß an der Stelle an einen Achse-Macher, der sich in der Lech-Kloake offenbar sauwohl fühlt ;-)

Bernd Schreller / 09.02.2021

Entschuldigung, aber Böll mit Bernhard zu vergleichen, ist wie Anja Reschke mit Günter Gaus. An dem Vergleich stimmt gar nichts, weder qualitativ noch inhaltlich, zumal sich Bernhard niemals, niemals mit irgendwelchen Ideologien, politischen Bewegungen gemein gemacht hätte wie der Katholik Böll. Der Anfang ist schon mal völlig daneben.

Robert Krischik / 09.02.2021

Schön, dass hier auch mal an Thomas Bernhard, meinen Lieblingsschriftsteller, erinnert wird. Was ich noch hinzufügen möchte, ist die hohe Musikalität seiner Sprache, die im Roman Holzfällen ihren Höhepunkt erreicht.

Peter Sticherling / 09.02.2021

„Eben diese Distanz ermöglicht es, sich verbal auszutoben und gleichzeitig dem Leben mit einem lachenden Auge zu begegnen“, Super!

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