Die Lage sah für die Feinde Napoleons Anfang des Jahres 1809 nicht so schlecht aus: Der große Kaiser, der gehofft hatte, Spanien in einem kurzen, aber knackigen Feldzug zu unterwerfen, sah sich dort mit einem unnachgiebigen Guerillakrieg konfrontiert. Spanien sog seine französischen und deutschen Hilfstruppen wie ein Schwamm auf.
In Deutschland, das damals noch nicht so hieß, hatte Napoleon lediglich zweitrangige Truppen zurückgelassen, die vom Grunde her nicht mehr taten, als die zappeligen „Verbündeten“ in Schach zu halten und den alten Feind Österreich sowie das arg zerrupfte, geplünderte und zur Mittelmacht herabgewürdigte Preußen zu bewachen. Beide Staaten wiederum waren seit ihren Niederlagen 1806 und 1807 nicht untätig gewesen. In Preußen bemühten sich die Reformer um Friedrich Wilhelm III. nicht nur um zivile und gesellschaftliche Reformen (die dem unwilligen preußischen König so gar nicht passten), sondern bemühten sich auch um eine Heeresreform.
Die Österreicher wiederum hatten aus ihrer krachenden Niederlage bei Austerlitz im Dezember 1805 und der ersten Besetzung Wiens durch Napoleon gelernt. Der Bruder des (ehemals deutschen und jetzt österreichischen) Kaisers Franz I., Erzherzog Karl, hatte mit Militärreformen das österreichische Heer nicht nur strategisch, sondern auch taktisch nach dem Vorbild der dauernd siegreichen Franzosen umgestaltet und zu einer schlagkräftigen Truppe umgebaut und englische Hilfsgelder flossen so schön wie die Brunnen in Schönbrunn. Außerdem hatte sich der kaiserliche Bruder um die Aufstellung von „Volksarmeen“ bemüht.
Man fühlte sich also in Wien stark genug, dem französischen Eroberer entgegenzutreten und vielleicht sogar die Verluste an Land und Menschen seit dem Auftauchen Napoleons wieder zu restaurieren, ja, mit etwas Glück, eventuell sogar die deutschen Verbündeten und das traurige Preußen zum Abfall und Eintritt in einen Krieg gegen den französischen Kaiser zu motivieren.
Eine nicht kriegsentscheidende Episode hatte etwa 10.000 Menschenleben gefordert
9. April: Kriegserklärung der Österreicher an Napoleon. 10. April: Einmarsch in Bayern. Am Anfang lief es für die Österreicher auch ganz gut: Die Tiroler um Andreas Hofer erhoben sich gegen die von ihnen verhassten Bayern, die Tirol als Kriegsbeute von Napoleon erhalten hatten, die Österreicher konnten einige kleinere Siege in Italien gegen die Franzosen erringen und Erzherzog Karl war mit 150.000 Soldaten in das verschreckte Bayern eingefallen.
Natürlich waren derart große Truppenbewegungen damals wie heute nicht unentdeckt geblieben und Napoleon, durch Spione bestens informiert, war aus Spanien herangehastet, um den Oberbefehl über die – ja – deutsch-französischen Truppen, also Westfalen, Hessen, Badener, Württemberger, Bayern und andere Rheinbundkontingente zu übernehmen. Durch Eilmärsche hatte Napoleon in Bayern zwischen Augsburg und Amberg tatsächlich rund 200.000 Mann mit soliden 330 Kanonen zur Verfügung.
Bei Regensburg prallten die beiden Hauptarmeen bereits am 18. April eher zufällig aufeinander und fochten auf verschiedenen Orten rund um die Stadt und in der Stadt selbst die in die Geschichte als „Schlacht von Regensburg“ eingegangene Metzelei, an deren Ende Napoleon die eigentlich seinem Verbündeten Karl Theodor von Dalberg als „Fürstentum Regensburg“ gehörende Stadt sehr unsensibel zur Plünderung freigab und nahezu abfackeln ließ. Während sich die Franzosen damit amüsierten, Regensburg zur Hölle auf Erden zu machen, zogen sich die Österreicher, die brennende Stadt im Rücken, „shaken, but not beaten“ in guter Ordnung Richtung Wien zurück. Napoleon bekam noch einen Schuss in den Fuß und sein Marschall Davout den Titel „Fürst von Eggmühl“. Ende dieser Geschichte.
Die Österreicher hatten sich wacker geschlagen, die Franzosen aber auch, wobei die Verluste der Österreicher mit rund 9.000 Toten und Verwundeten einen sehr viel höheren Verlust als die Franzosen nebst Verbündeten mit etwa 1.500 „Ausfällen“ zu beklagen hatten. Insgesamt hatte diese nicht kriegsentscheidende Episode also etwa 10.000 Menschenleben gefordert, aber was zählen schon Einzelschicksale im Vergleich zu dem unsterblichen Ruhm eines Feldherrn?
Wenn Napoleon seinen Erzfeind und Erzherzog packen wollte, musste er über die Donau
Die Situation sah wie folgt aus: Die Österreicher zogen sich durch Böhmen auf dem linken Donauufer Richtung Wien zurück, die Franzosen hasteten ihnen auf dem rechten Donauufer hinterher. Napoleon war begierig, nicht nur Wien ein weiteres Mal zu besetzen, sondern auch, wichtiger, die Armee des Erzherzogs vernichtend zu schlagen, bevor diese sich wieder sammeln und ausrüsten konnte. Behalten Sie dabei bitte im Auge, dass die Donau im Jahr 1809 nicht der hübsche, breite und ausgebaggerte Strom war, der sie heute ist, sondern ein breit mäanderndes Gewässer mit jeder Menge Flussauen, Flussarmen, Inselchen und Rinnsalen, durch das sich beide Armeen kämpfen mussten.
Die Franzosen waren schneller als die Österreicher: Bereits am 13. Mai schlugen sie einen ersten Brückenkopf bei dem Fischerdörfchen Jedlesee (heute ein Stadtteil Wiens) über den Strom, den ein irischstämmiger Facharbeiter in habsburgischen Diensten namens Major John O´Brian aber rechtzeitig beseitigen konnte, um dem Erzherzog die Sammlung seiner Truppen nordöstlich von Wien zu ermöglichen. Napoleon, der die Bildung eines ersten zarten Brückenkopfpflänzchens vielleicht schlicht übersehen hatte, hatte am gleichen Tag Wien nach kurzem Artilleriebeschuss nahezu kampflos eingenommen. Mal wieder. Mittlerweile dürfte Napoleon die Straßen Wiens besser als die von Paris gekannt haben. Er bezog mit seiner Entourage sein Quartier und das Bett in der Wohnung des geflüchteten Kaisers Franz in Schloss Schönbrunn. Er dürfte gut geschlafen haben.
Die Herausforderung war diese: Die Österreicher standen also links der Donau, etwas nördlich ihrer Hauptstadt und verlegten so dem französischen Kaiser den Weg nach Böhmen, Mähren und Ungarn. Wenn Napoleon seinen Erzfeind und Erzherzog packen wollte, musste er über die Donau. Irgendwie.
Nachdem das Mitführen eines Trosses nebst Verpflegung und Pontonbrücken bei den Franzosen als „unnötiger Tand“ galt, der sowieso nur aufhielt, musste er improvisieren: Französische Pioniere bauten also die Häuser an der Donau ab und schlugen wackelige Schiffsbrücken, zunächst auf die Lobau-Insel, wo sie sich sammelten, von dort dann wieder über die Donau zwischen Aspern und Essling. Erzherzog Karl stand etwas weiter nördlich und wartete dort auf seinen Gegner, der sich bemühte, einen Pudding aus Männern, Pferden und Kanonen durch gleich zwei Flaschenhälse zu quetschen. Das dauerte.
Es war eine Patt-Situation entstanden
Am Morgen des 21. Mai war es so weit: Immerhin hatten 24.000 Mann und etwa 5.500 Kavalleristen die Donau überquert und die Dörfer Aspern und Essling, sozusagen als „Säulen“ und Flankenschutz des französischen Aufmarschs besetzt. Um die Lobau möglichst komplett vor den Österreichern und ihren Geschützen abzuschirmen, machten sich zwei französische Divisionen von Essling aus auf, um noch vor dem zweiten Frühstück das Örtchen Groß-Enzersdorf als weitere Säule des Brückenkopfs auf dem ganz rechten Flügel zu nehmen. Marschall Massenas 4. Korps und Marschall Lannes 2. Korps bauten unterdessen bei Aspern und Essling Schanzwerke auf, um möglichen österreichischen Angriffen entgegenzutreten. Bis zum Nachmittag hatten die Franzosen über 30.000 Mann auf das nördliche Donauufer gebracht.
Die Österreicher tasteten sich jetzt vor. Auf der französischen linken Flanke erfolgte gegen 11:30 Uhr ein erster zarter Angriff der österreichischen Vorhut auf Aspern, den die Franzosen noch abweisen konnten. Aber die österreichischen Truppen unter Feldmarschallleutnant Hiller setzten nach und verwickelten sich in Aspern in stundenlange Häuser- und Nahkämpfe mit den Franzosen. Es schien, als wolle Erzherzog Karl mit seiner kompletten Überlegenheit die Franzosen in die Donau treiben.
Unterdessen waren die Österreicher auf der linken Seite schneller als die Franzosen gewesen und hatten Groß-Enzersdorf genommen, von wo aus sie nun auf Essling marschierten. Die Franzosen saßen also in der Falle in einem Halbkreis rund um ihre Pseudobrücken vor der Lobau und wurden von den österreichischen Truppen in beiden Flanken und in der Front bedroht, während auf und von der Lobau immer weitere Franzosen nachdrängten, um ihre Kameraden auf dem nördlichen Donauufer zu unterstützen. Allein: Napoleons geplante Offensive konnte sich aufgrund des Platzmangels und der Flaschenhälse der beiden improvisierten Brücken nicht entfalten. Für eine breite Offensive fehlten Napoleon noch die Truppenmassen, die sich noch vor und auf der Lobau tummelten, aber das, was bereits über die Hochwasser führende Donau gekommen war, quetschte sich nun zwischen Aspern und Essling zusammen und war ein dankbares Ziel für die mittlerweile durchaus geübte österreichische Artillerie und wurde übel zusammengeschossen.
Aber auch bei den Österreichern lief nicht alles rund: Die Österreicher blieben vor Essling im verzweifelten Abwehrfeuer der Franzosen liegen, das brennende Aspern, überfüllt mit Toten und Verwundeten beider Seiten, wechselte mehrmals den Besitzer und die österreichische Kavallerie bildete aufgrund unklarer Befehle zwischen Aspern und Essling mit ihren beiden „Treffen“ ein unentwirrbares Knäuel und war für Angriffe nicht zu gebrauchen. Immerhin hatten die Österreicher den französischen Brückenkopf gegen 17.00 Uhr umzingelt und letztlich doch wenigstens Aspern eingenommen, kamen aber aufgrund von Erschöpfung und Munitionsmangel nicht weiter vorwärts. Essling hingegen hatten die Franzosen gegen mehrmalige Angriffe hartnäckig verteidigt, hier hielt die französische Flanke stand. Als gegen 22:00 Uhr die letzten Schüsse zu hören waren, war eine Patt-Situation entstanden. Die Franzosen waren zwar nicht in die Donau getrieben worden – die Österreicher aber auch nicht vertrieben worden.
Hohe Offiziere exponierten sich vor dem Feind
In der Nacht gelang es Napoleon, weitere 35.000 Mann und Pferde über die Donau zu bringen. Beide Seiten machten genau da weiter, wo sie am Abend vorher aufgehört hatten: Die Österreicher bemühten sich tapfer darum, Essling einzunehmen, die Deutsch-Franzosen versuchten ebenso tapfer, Aspern wieder von den Österreichern zurückzuerobern. Napoleon hatte nicht viel Wahl und versuchte es mit dem Prinzip „Kopf durch die Wand“. Die Hauptmasse seiner Truppen – oder das, was nach den erbitterten Kämpfen des Vortags noch übrig war oder neu über die Donau gekommen war – griff nun zwischen Aspern und Essling das Zentrum der Österreicher an. In dichten Kolonnen marschierten die französischen Truppen den österreichischen Linien entgegen, in der Hoffnung, diese mögen durch den Ansturm wie Glas zerbrechen. Und es gelang – also fast: Als die österreichischen Linien zu wanken begannen, ergriff Erzherzog Karl wie seinerzeit sein Gegner (angeblich) bei der „Brücke von Arcole“ die Fahne des weichenden Bataillons Zach und motivierte so als persönliches Vorbild in vorderster Front seine Soldaten in den hübschen weißen Uniformen, die mittlerweile braun vom Dreck, schwarz vom Pulver und rot vom Blut waren, die Linie zu halten. Dabei erhielt sein sich in der Nähe befindender Generaladjutant, Oberst Graf Colloredo, einen Kopfschuss und war augenblicklich tot.
Auf der anderen Seite, bei den Franzosen, fing sich Napoleons Divisionsführer General Saint-Hilaire bei den heftigen Artillerieduellen eine Kanonenkugel und löste sich in einer Wolke aus Blut und Körperteilen auf. Erwähnenswert sind die beiden Episoden deshalb, weil es schon damals nicht mehr unbedingt üblich war, dass sich hohe Offiziere derart vor dem Feind exponierten. Ein klares Zeichen dafür, wie heftig und verzweifelt diese Schlacht hüben wie drüben ausgefochten wurde.
Zwischendurch und währenddessen brachen die improvisierten Brücken auf und von der Lobau zusammen, was Napoleon von seinen Verstärkungen abschnitt. Aber Essling unter dem tapferen Marschall Lannes hielt. Und zehrte das, was an französischen Reserven da war, immer weiter auf, schützte aber die in der Mitte zusammengedrängten Franzosen davor, von gleich zwei Seiten in die Zange genommen zu werden. Gegen 16.00 Uhr gaben die Österreicher das wiederholte, sinnlose und blutige Anstürmen gegen Essling schließlich auf und zogen sich zurück. Lannes übergab die Verteidigung von Essling an seinen Generals-Kollegen Oudinot und machte sich auf, seine weiteren Truppen am rechten Flügel zu motivieren. Auch er wurde von einer Kanonenkugel getroffen, er erlag seinen Verletzungen eine Woche später.
Ein kühner und überraschender Handstreich
Gegen etwa 18.00 Uhr versuchten die Österreicher mit frischen Kräften erneut ihr Glück vor Essling und diesmal gelang es ihnen – zur Überraschung beider Seiten – in einem kühnen und überraschenden Handstreich mit Unterstützung der Kavallerie den Ort zu nehmen. Und zu halten. Die beiden Eckpfeiler des französischen Brückenkopfs waren nun in österreichischer Hand.
Anders als viele anderen sturen und stolzen Befehlshaber kam Napoleon zur der gar nicht so schwierigen Erkenntnis, dass sein Brückenkopf nicht mehr zu halten war und es sinnlos wäre, weitere Menschenleben zu verschwenden. Er ließ seine erschöpfte Kavallerie noch eine letzte Attacke gegen Erzherzog Karls Mitte reiten, um diese zu beschäftigen, während sich seine völlig ausgelaugten Truppen in leidlich guter Ordnung und unter Beibehaltung fast aller Geschütze auf die Lobau und von da weiter Richtung Wien zurückzogen.
Der österreichische Generalissimus, ebenfalls knapp an Munition und Motivation und unsicher über die Gesamtlage, schwankte, ob er den weichenden Franzosen nachsetzen sollte. Er beließ es letztlich dabei, mit der Beseitigung des französischen Brückenkopfs zufrieden zu sein. Was ihn zum Gewinner des Gemetzels machte. Und damit zum allerersten General und allerersten Mal zum Sieger über den genialsten Feldherrn seiner Zeit, Napoleon. Das „Monster“ war also eben nicht unbesiegbar. Napoleons Nimbus als strahlender Feldherr und Titan des Schlachtfelds hatte einen empfindlichen Schlag erlitten und Erzherzog Karl zum Helden gemacht. Für den Preis von 23.000 toten oder verwundeten Österreichern und 27.000 toten oder verwundeten Franzosen, die schreiend und brüllend zwischen Aspern und Essling im Dreck lagen. Dies war die eigentliche Besonderheit dieser Schlacht.
Napoleons „Rache“ für seine taktische Niederlage erfolgte am 5. und 6. Juli 1809 in der Schlacht bei Wagram, in der die ungeheure Masse von rund 300.000 Soldaten aufeinandertreffen sollte und die Erzherzog Karl im Ergebnis dazu zwang, eigeninitiativ den Waffenstillstand von Znaim – ohne Absprache mit seinem Bruder und Kaiser Franz I. – zu schließen. Was dieser ihm derart übel nahm, dass er den „Helden von Aspern und Essling“ achtkantig aus der Armee schmiss. Aber das ist eine andere Geschichte.
(Weitere Berichte des Autors, oben in der Fotomontage bei der Arbeit, unter www.politticker.de)
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