Für die Dänen, die heute unter anderem ihren Anspruch auf Grönland verteidigen müssen, ist dies nicht der erste Territorial-Konflikt. Vor 150 Jahren dachten sie gar nicht daran, Schleswig kampflos aufzugeben.
Wenn Sie heute die dänische Insel Sonderburg vom Festland aus besuchen, dann kommen Sie durch ein sehr hübsches kleines Örtchen namens Düppel mit gerade mal 4.400 Einwohnern. Heute dürfte Ihnen dieser Name kaum etwas sagen, wenn Sie nicht zu den Geschichtsinteressierten zählen, vor rund 150 Jahren war jedoch der Name des Fleckens in aller Deutschen Munde, fand dort doch das entscheidende Gefecht im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 statt: Die Erstürmung der Düppeler Schanzen (18. April 1864) durch die Preußen, literarisch verewigt durch Theodor Fontane in seinem Gedicht „Der Tag von Düppel“.
Die Schlacht, wenn man sie so nennen möchte – tatsächlich waren die Verluste auf beiden Seiten im Vergleich zu den zehntausenden Toten anderer, früherer und späterer Schlachten recht gering – ist jedoch in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Aber der Reihe nach:
Der dänische König Friedrich VII. und gleichzeitig Herzog von Schleswig und sein Parlament waren durchaus nicht der Meinung, dass Schleswig-Holstein „auf ewig ungedeelt“ sein mögen und betrieb eine Dänifizierung des deutsch-dänisch-friesischen Schleswigs, indem er beispielsweise versuchte, die deutsche Sprache dort zurückzudrängen. Das passte den Schleswig-Holsteinern nicht, und sie probten 1848 den Aufstand – den Friedrich der VII. niederschlagen ließ. Ein Schiedsgericht in London beließ Schleswig als dänisches Lehen, es durfte in den Gesamtstaat Dänemark jedoch nicht stärker als das deutsche Holstein eingebunden werden.
Friedrich, hin- und hergerissen
In Schleswig gab es daher zwei Parteien: Eine, die für einen Anschluss an Dänemark votierte und eine größere, deutsche Partei, die gerne Schleswig-Holstein an das so noch nicht existierende Deutschland angebunden hätte. Friedrich VII., hin- und hergerissen zwischen der patriotischen Stimmung in seinem Parlament und der Angst, sich deswegen mit Preußen anzulegen, entschied sich schließlich, in der sogenannten „Novemberverfassung“, Schleswig Dänemark einzuverleiben. Er starb zwar, bevor diese Verfassung ratifiziert war, aber sein Nachfolger, Christian XI., unterzeichnete – auch aus Angst, von einer dänischen Revolution hinweggefegt zu werden und die möglicherweise Dänemark dann an Schweden angliedern würde. Christian unterschrieb also und hoffte ansonsten auf das Beste und die Diplomatie.
Die kam auch tatsächlich zum Einsatz: Bismarck rief den Deutschen Bund und damit die Österreicher auf, die Dänen aus dem formal dänisch annektierten Schleswig hinauszuwerfen. Während der Deutsche Bund noch diskutierte, ob und was zu tun sein, marschierten Preußen und Österreicher einfach los, völlig ungeachtet dem Ergebnis, zu dem es im deutschen Bund kommen würde. Oder: Egal was, Österreicher und Preußen würden die Sache schon regeln, so oder so. Und so setzten sich auf deutsch-preußisch-österreichischer Seite etwa 36.000 Mann in Bewegung, um den Dänen mit etwa 35.000 Mann Gesamtstärke gegenüberzutreten.
Was auf dem Papier „gleich groß“ aussah, war in Wahrheit nur die Mannzahl. Das preußische Heer war bereits mit den fortschrittlichen Hinterladern ausgerüstet und eine gut geölte Militärmaschine, während die Dänen sich noch mit Vorderladern und Wehrpflichtigen abmühen mussten. Dafür aber hatten die Dänen sozusagen noch eine „Wunderwaffe“, die zur Überraschung der Preußen auch zum Einsatz kam.
Von den Dänen leidenschaftlich geführten Gefechte
Der Einmarsch nach Holstein und Dänemark verlief für Preußen und Österreich alles andere als reibungslos. Die Dänen dachten gar nicht daran, Schleswig kampflos aufzugeben. Bei scheußlichem und kaltem Winterwetter marschierten die Alliierten in Schleswig ein. Die von den Dänen leidenschaftlich geführten Gefechte waren schwer. Nichtsdestotrotz: Die dänischen Generäle, im Bewusstsein ihrer militärischen Unterlegenheit, zogen ihre Truppen langsam vom Festland zurück und bildeten unter der Auftürmung von zehn massiv mit Artillerie bestückten Schanzen einen Verteidigungsriegel vor dem Übergang zur Insel Sonderborg. Wollten die Alliierten also die dänische Armee auf die dänischen Inseln verfolgen und vernichten, würden sie diesen Sperrriegel knacken müssen. Besetzt waren die Düppeler Schanzen mit 11.000 Dänen, etwa einem Drittel der dänischen Armee. Tatsächlich rechnete der dänische Generalstab allerdings nicht mit einem Frontalangriff auf die stark gesicherte Stellung. Er sollte sich täuschen.
Einschub: Was ist eigentlich eine Schanze? Die Dänen hatten Erdwälle aufgehoben, vor die sie einen Graben gezogen hatten, der wiederum mit einer Palisade gesichert war. Um aber überhaupt an diesen Graben zu kommen, musste zuerst ein weiterer Erdwall, sozusagen als „erstes Hindernis“ genommen werden. Ein Angriff begann also mit der Überwindung des ersten Walls, danach der Palisade, dann mit Durchquerung des Grabens und endete schließlich mit dem „Bergauf-Stürmen“ – sofern ein Soldat dann noch Luft und Lust hatte – der eigentlichen Schanze. Während all dieser Aktionen konnten die Schützen auf den Wällen die Angreifer mit gezieltem Gewehr- und Kartätschenfeuer massiv dezimieren. Es gibt schönere Freizeitbeschäftigungen als das Anrennen gegen Gewehrsalven und Kanonenrohre.
Am 28. März, dem Ostermontag, überrannten die ersten Preußen die dänischen Vorpostenstellungen bei Düppel und begannen nun ihrerseits, in Matsch und Dreck Belagerungsgräben zu ziehen. Ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Grabenkriege. Maßgeblich gestört wurden die Preußen durch den Beschuss der dänischen Wunderwaffe, des „Turmschiffs“ „Rolf Krake“, dem tatsächlich ersten Panzerschiff mit drehbaren Artillerietürmen überhaupt. Die „Rolf Krake“ konnte ferner aufgrund ihres geringen Tiefgangs gut in Küstennähe operieren, was sie für die anstürmenden Preußen, deren kleine Flotte sich auf die Küstenverteidigung konzentrieren musste, extrem unangenehm war. Die gut gezielten Salven der „Rolf Krake“ sorgten auf dem rechten preußischen Flügel für permanente Verluste an Menschenleben.
Vier Musikkorps unter Leitung des Musikdirektors Piefke
Trotz des dauernden Beschusses von See her schafften es die Preußen, bis zum 18. April immerhin eine komplette Division vor den dänischen Schanzen zu versammeln. Was raffinierte und filigrane Kriegstaktiken anging, blieb vor Düppel, wie es der dänsiche Generalstab vorausgesagt hatte, im wahrsten Wortsinn kein Platz: Die Schanzen würden nur in einem Frontalangriff genommen werden können. Insgesamt 37.000 Mann hatten die Angreifer am 18. April bis nachts um 2.00 Uhr vor den zehn dänischen Verteidigungswerken versammelt, tatsächlich „inculding the kitchen sink“, wie man in England sagt: Als nach der Vorbereitung durch die preußische Artillerie mit ihren funkelnagelneuen Krupp-Geschützen um 10.00 Uhr morgens der Sturmangriff begann, spielten volle vier Musikkorps unter Leitung des Musikdirektors Piefke (jetzt wissen Sie, woher die spöttische österreichische Bezeichnung für ihre nördlichen Nachbarn kommt) frisch und munter flotte Märsche auf, während die preußische Infanterie in den Tod stürmte.
Der Legende nach wurde Herrn Musikdirektor Piefke durch eine dänische Kanonenkugel der Taktstock weggeschossen, worauf der heroische Dirigent mit dem Säbel weiter dirigierte. Eine Story, die den Lesern der einschlägigen Berliner Postillen sehr gefiel! Machen wir uns aber nichts vor, und „Old Fake-News“ stehen vielleicht ja auch unter Strafe: Eine Kanonenkugel, die so knapp am Dirigenten vorbeiflutscht, hätte ihm durch den Druck wenigstens den Arm, wenn nicht sogar den Kopf weggerissen. Aber das nur am Rande der Fantasie. Wenn überhaupt, dann hat wohl eher eine verirrte Musketenkugel das Stöckchen springen lassen.
Nichtsdestotrotz: Tatsächlich lief der Angriff (fast) wie am Schnürchen: Innerhalb von 10 Minuten konnten die Preußen die Schanzen I, III, V und VI der ersten Linie einnehmen, bevor sich der dänische Widerstand versteifte und es ekelhaft wurde. Vor allem um Schanze II gab es ein widerwärtiges Gezerre: Der dänische Leutnant Ancker hatte hier einige Geschütze postiert, die die Preußen, die immerhin über eine Distanz von 400 Metern anstürmen mussten, permanent mit Kartätschen – eine Munition, die aus Eisen, Schrauben und sonstigen Kleinteilen bestand und wie eine Schrotflinte wirkte – beschossen. Der Angriff blieb also vor Schanze II liegen. Auch hierzu gibt es, durch Theodor Fontane, der als eine Art „Kriegsberichterstatter“ dabei war, die schöne Mär vom Pionier Klinke, der sich einen Pulversack umschnallt und mit den Worten: „Ich heiße Klinke, ich öffne das Tor!“ auf die Schanze II zustürmt und sich in die Luft jagt, um seinen Kameraden den Weg buchstäblich freizusprengen.
Aber auch hier: Die Hauptstadt-Presse…
Die Realität war profaner: Den Pionier Klinke gab es zwar – aber der wurde an der besagten Schanze später halbverbrannt und mit einer Schusswunde gefunden: Er hatte augenscheinlich beim Laufen die Lunte für die Ladung verloren oder vergessen und versucht, den Pulversack mit einem Streichholz zu zünden, was angesichts des damals schon hochwertigen Schwarzpulvers zu fix ging, als dass er sich hätte retten können. Schätzungsweise gab es nur ein kurzes „Wuff“, Klinke verbrannte sich erbärmlich und wurde dann von einer Kugel getroffen. Also eher ein Fall von „dumm gelaufen“. Aber auch hier: Die Hauptstadt-Presse… Immerhin wurde Klinke bis zum Ende des Kaiserreichs zum Helden hochgejazzt und wurde im Schulunterricht als heroisch leuchtendes Beispiel behandelt, bis jeder Heroismus in den schlammigen Schützengräben Belgiens sein Ende fand.
Für die ersten beiden Beobachter des Roten Kreuzes der Weltgeschichte gab es an Verwundungen jedenfalls viel zu sehen – sowohl auf preußischer als auch auf dänischer Seite gab es entsprechendes Personal mit dem neuen Zeichen für Barmherzigkeit. Ausgleichende Gerechtigkeit für die Mannschaften: Sowohl der preußische Generalmajor als auch der dänische Oberbefehlshaber fielen in der Schlacht.
Gegen 10:30 Uhr allerdings versteifte sich der dänische Widerstand, und es wurde ekelhaft. Die Preußen mussten die dänischen Verteidiger in grauenhaften Nahkämpfen mit dem Bajonett aus ihren Stellungen regelrecht heraushacken, während sich über den Köpfe beider Parteien die Artillerie beider Seiten ein Duell lieferte. Und doch: Gegen 13:30 Uhr war die Schlacht beendet: Die Preußen hatten die meisten Schanzen erstürmt, die Dänen zogen sich geschlagen in Richtung der Insel Sonderburg zurück. Gemessen an der Gesamtzahl der eingesetzten Soldaten – 37.000 Mann auf preußischer, 11.000 Mann auf dänischer Seite – waren die Verluste mit insgesamt rund 1.000 Soldaten auf beiden Seiten recht moderat. Strategisch aber war die dänische Hauptstreitmacht durch den Sieg bei Düppel für den Rest des Krieges isoliert und „aus dem Spiel genommen“, und die dänische Niederlage war nur noch eine Frage der Zeit.
Die Preußen und Österreicher erhielten hernach im Frieden von Wien die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Sachsen-Lauenburg und bekamen sich daher fast sofort in die Zwirbelbarthaare, was beide dann zwei Jahre später bei Königgrätz final klärten.
Die Preußen erbeuteten außerdem 109 dänische Geschütze und wenn Sie die besichtigen wollen, dann besuchen Sie die Siegessäule in Berlin. Dort wurden 20 von ihnen in der unteren Trommel verbaut. Berlin eben…
(Weitere schriftliche Gemetzel des Autors unter www.politticker.de)
In dieser Reihe bereits erschienen:
Jahrestag: Die Schlacht von Stalingrad geht zu Ende
Jahrestag: High Noon bei Austerlitz
Jahrestag: Völkerschlacht bei Leipzig
Jahrestag: Das Ende der Türkenbelagerung von Wien
Jahrestag: Otto schlägt die Ungarn
Jahrestag: Die eigentliche Schlacht bei Tannenberg
Jahrestag: Königgrätz entscheidet den Bruderkrieg
Viel Propaganda und fast 50.000 Tote
Thilos Schlachten-Gemälde: Leuthen und die schiefe Schlachtordnung
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Belagerung von Nancy
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Februarschlacht
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.
Beitragsbild: Lambiotte - Wilhelm Camphausens via Wikimedia Commons

Die Dänen Grönland verteidigen. Sagen wir mal Bornholm, dann ist aber auch Schicht.
Wenn die Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18. April 1864 stattfand, dann geschah dies nicht vor ca. 150 sondern vor 161 Jahren.
„Ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Grabenkriege.“ – Der große und tödlichere Vorgeschmack auf die kommenden Grabenkriege fand zehn Jahre vor den dümpelnden Schanzen statt: im Krimkrieg 1853-1856.
Ich hab es noch nicht verstanden. War der erste Erdwall die eigentliche dänische Feldstellung und die höheren Schanzen nur eine Art hochgelegener Artilleriestellung? Sonst würde es ja nicht viel Sinn machen, dem Angreifer mit Erdwall und Palisaden zusätzliche Schutzmöglichkeiten aufzubauen. Im Übrigen, es mag „nur“ 1.000 Gefallene gegeben haben, mutmaßlich noch die 3-4- fache Menge Verwundete, von denen viele noch mit dem Verlust von Gliedmaßen bezahlt haben werden. Für die waren die Verluste hoch genug. Ich mag den schnodderigen Tonfall der sonst interessanten Darstellung nicht.
Dänen haben Anspruch auf Grönland? Wissen das die Grönländer?
Düppel, daß Kriegstrauma der Dänen, bis heute. Realitätsverlust, wie konnte man sich nur mit Preußen als militärischen Exekutor des deutschen Bundes nebst Österreich-Ungarn. anlegen? Vermutlich ein Grund, selbst auf symbolische Gegenwehr, abgesehen von wenigen Scharmützeln, im 2. WK zu verzichten. Wenn der Gegner auf Gegenwehr verzichtet, besteht auch kein Kriegszustand. Das brachte den Dänen Vorteile, zumindest in den ersten Jahren.
Die Insel Sonderburg gibt es nicht, wohl aber die Insel Alsen mit der Stadt Sonderburg (Südburg). Eine hervorragende dänische Serie des Filmemachers Ole Bornedal von 2014 schildert recht eindrucksvoll die Ereignisse um Düppel. Ausserdem lohnt sich ein Ausflug zum Museum von Düppel (Dybbol Banke Historiecenter). Die zehn alten Schanzen gibt es zwar nicht mehr. Die alte Mühle, die fast jeder Däne einmal aufgesucht haben dürfte, steht aber noch und kann bei Bedarf sogar wieder in Betrieb genommen werden.