Es gibt großartige deutsche Heldensagen, von denen die bekannteste das Nibelungenlied sein dürfte, etwas weniger und nur Deutsch-Enthusiasten bekannt, dürften die Lieder über Dietrich von Bern oder das Roland-Lied sein. All diesen Sagen ist gemein, dass sie zum einen einen wahren Kern haben, außerdem aber in der Zeit des sogenannten „finsteren Mittelalters“ spielen, über das es in den Archiven nur wenig Aufzeichnungen gibt, da damals generell wenig aufgeschrieben wurde und das, was aufgeschrieben wurde, diversen Naturkatastrophen oder Plünderungen und anderen Unwägbarkeiten im Laufe von 1.500 Jahren zum Opfer fiel.
Wir schreiben das Jahr 493. Das römische Reich hat sich in das stabile Ostrom mit der Hauptstadt Konstantinopel, vorher Byzanz, später Istanbul genannt, und das wackelige, von diversen Völkerwanderungen heimgesuchte weströmische Reich geteilt. Die Sache war, wie immer, höchst kompliziert, deswegen müssen wir heute etwas weiter ausholen: Es gab 475 noch einen rechtmäßigen Kaiser in Rom mit dem niedlichen Namen Julius Nepos, aber es gab nicht mehr viel, was er bekaisern konnte. Der hatte einen Heermeister mit dem Namen Orestes, einen Typen, der am Hof des Hunnenkönigs Attila aufgewachsen war und sich jetzt, nach dem Tod Attilas, in den Dienst von Julius Nepos gestellt hatte. Jeder muss ja sehen, wie er sein Panis verdient und über den Monat kommt.
Vielleicht war Julius Nepos ein schlechter Kaiser, vielleicht war es Orestes auch einfach nur langweilig: Er vertrieb den stolzen vorletzten Kaiser nach Dalmatien, wo der dann noch bis zu seinem Tod Kaiser spielte und Orestes setzte seinen minderjährigen Sohn Romulus Augustus auf den Thron, spöttisch auch „Romulus Augustulus“ genannt. Ein Kind, das einen stolzen Titel, aber nichts anderes trug. Die eigentliche Macht übte Orestes aus. Natürlich nur, bis der Bub volljährig werden würde. Nur das Beste für das Kind. Die Macht – oder das, was davon zwischen den bröckelnden Marmorbauten und den zu Schafställen umgewidmeten Jupiter-Tempeln noch übrig war, wurde mühsam durch ein paar demotivierte römische Legionen und jeder Menge „Foederati“, also zu dieser Zeit hauptsächlich germanischen Hilfstruppen, aufrechterhalten. Und diese Foederati bemerkten nun, nicht ganz zu Unrecht, dass die nativen Legionäre besser als sie behandelt wurden und protestierten. Ihr Führer Odoaker trat in die Tarifverhandlungen mit Orestes mit der Forderung nach Land und/oder gleicher Bezahlung für seine Bediensteten ein. Orestes lehnte dies kaltlächelnd ab, sei es, dass er gar kein Land zum Vergeben hat, sei es, dass er sich auf seine Original-Legionen verließ. Sein Gegenvorschlag lautete: Nix gibt’s.
Ein Fehler: Odoaker war ebenfalls einst an Attilas Hof aufgewachsen und die beiden kannten und hassten sich. Neben der offenen Rechnung seiner Truppen schien es also zusätzlich zwischen den beiden auf einer eher zwischenmenschlichen Ebene zu knistern. Odoaker beendete die unerfreulichen Verhandlungen, indem er Orestes in einer kurzen, aber heftigen Schlacht tötete und kurz darauf dessen Bruder Paulus in Ravenna ermorden ließ. Romulus Augustulus wurde nur von etwas abgesetzt, worauf er nie angesetzt worden war und auf einem Landgut in der Nähe Neapels mit einer jährlichen Pension von 6.000 Solidi (also in etwa dem Jahresgehalt von 3.000 Soldaten) geparkt.
Warlord auf dem eigentlich nicht mehr existenten Thron
Odoaker ließ sich nun, im Jahre 476, von seinen Truppen zum „Rex“ wählen und schickte, etwas liebedienerisch und schleimig, die kaiserlichen Insignien nach Konstantinopel und erklärte das weströmische Kaiserreich für abgeschafft, es genüge ihm, sich der Hoheit von Byzanz zu unterstellen. Außerdem würde er gerne vom oströmischen Kaiser Zenon zum Patricius, also einer Art Regierungschef oder Gouverneur, ernannt werden. Durchtrieben, aber – wirkungslos. Kaiser Zenon teilte dem neuen Fürsten mit, er bedaure sehr, das sei nicht „sein Tisch“, Odoaker möge sich diesbezüglich doch an den in Dalmatien schmorenden, aus seiner Sicht aber zuständigen weströmischen Kaiser Julius Nepos wenden, was Odoaker ablehnte. Führung ist bekanntlich unteilbar.
Außerdem hatte Zenon ein ganz anderes Problem, von dem Odoaker nichts wusste: Bei sich zu Hause hatte der Kaiser jede Menge eingewanderter Goten nebst deren Armee und deren Anführer Theoderich. Der war ebenfalls ein von seinen Truppen gewählter „Rex“ und man wusste nicht, ob und, wenn ja, wann Theoderich Lust darauf bekäme, sich vielleicht beruflich zu verbessern und Imperator Ostroms zu werden. Zenon wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Gothen loswerden und einen eigenen Mann in Westroms Hauptstadt Ravenna installieren. Nahe genug, um über Westrom zu regieren, weit genug weg, um ad hoc putschen zu können. Kurzerhand ernannte Zenon Theoderich zum Patricius von Westrom, verbunden mit der kleinen Hürde, dass er sich sein Reich erst erobern müsste. Vielleicht stand das jetzt nicht so wortwörtlich im Patricius-Handbuch, aber Theoderich machte sich unverzüglich auf den Weg, um Westrom von dem Usurpator Odoaker zu „befreien“. Und fällt Ihnen was auf? Der in Dalmatien vor sich hin kaisernde Julius Nepos wurde gar nicht erst gefragt. Weil er bereits 480 verstorben war und damit hockte Odoaker sozusagen als Warlord auf dem eigentlich nicht mehr existenten Thron.
Theoderich machte sich also im Jahre des Herrn 489 mit 20.000 Kriegern (von „Soldaten“ zu sprechen, wäre zu euphemistisch) und deren etwa 80.000 Angehörigen auf, um Westrom „zu befreien“ und sich sein eigenes Fleckchen römisches Reich zu erobern. 100.000 Mann und Frau und Kind und Kegel wälzten sich von Südosteuropa Richtung Norditalien, das damals noch nicht so hieß. Während ihres Marsches fraßen 100.000 Leute alles um sich herum wie die Heuschrecken auf. 491 erreichte diese Völkerwanderung mit bewaffneter Begleitung die Grenzen von Odoakers Fantasiereich und lieferte sich mit dessen germanischen Truppen mehrere wechselhafte Schlachten, die beiden Entscheidungsschlachten bei Verona und am Fluss Adda gewann Theoderich aber und Odoaker zog sich auf das gut befestigte Ravenna zurück. Wir schrieben jetzt das Jahr 491 und während Theoderich um Ravenna seinen Belagerungsring zog, gab es schlechte Nachrichten aus Konstantinopel: Kaiser Zenon war entweder plötzlich und unerwartet in der Blüte seines Lebens oder alt und krank verstorben, so genau weiß man es nicht, denn sein Geburtsdatum ist unbekannt. Schlampige griechische Bürokratie …
Was tun? Zenons Nachfolger Anastasios, der mehr als nur gute Beziehungen zu Zenons Witwe Aelia Ariadne unterhielt, die der Greis dann kurz nach seiner durch sie initiierten Ausrufung zum Kaiser in der Blüte ihres 24-jährigen Lebens heiratete, hatte seinen eigenen, innenpolitischen Film am Laufen und so beschloss Theoderich, dass die Sache mit dem „Patricius“ noch Gültigkeit habe und setzte die Belagerung, wo er nun schon einmal da war, einfach fort.
Die Zange um Ravenna hielt
Und jetzt, im Februar 493 standen sie nun schon zwei Jahre vor Ravenna und belagerten die Stadt. Keiner kam raus – aber die Gothen kamen auch nicht rein. Es schien ihnen an schwerem Belagerungsgerät zu fehlen oder die Mauern um Ravenna waren zu dick. Außerdem hatte Ravenna einen Hafen und Theoderich hatte bisher keine Schiffe. Die Stadt wurde also irgendwie über eine „Seebrücke“ versorgt, ohne dass Theoderich etwas dagegen hätte tun können. Es musste ziemlich elend gewesen sein. Denn die Belagerer in ihren Wamsen und gelegentlichen Kettenhemden mussten ebenso versorgt werden, wie der Tross. Nach zwei Jahren war von der umliegenden Landschaft nicht mehr so viel übrig und was an Bauern noch nicht erschlagen war, dürfte eher mickrige Ernten eingefahren haben. Daneben dürften sich auch Krankheiten bei so einer hohen Zahl an dichtgedrängten Menschen verbreitet haben – die Ruhr war bis ins Jahr 1871 der Hauptkiller in den Armeen. Hüben wie drüben der Mauern von Ravenna war es also recht ungemütlich und es ist erstaunlich, dass Theoderich die Belagerung überhaupt so lange aufrechterhalten konnte. Fremde Söldner und Glücksritter kamen und gingen. Langobarden, Vandalen, Rugier, Burgunder, Ostgoten, Westgoten, Baiuvari … immer wieder stießen Kontingente zu den Belagerern oder verließen sie wieder, aber die Zange um Ravenna hielt. Irgendwie.
Erst jetzt, Ende 492, war es Theoderich, dem „Patricius“ ohne Patronat, gelungen, ein paar eigene Schiffe aufzutreiben, zu mieten oder anzuheuern und die sperrten jetzt die Zufahrt zum Hafen von Ravenna. Und endlich funktionierte es: Ravenna gingen die Vorräte aus und dort drohte eine Hungersnot. Nun tendieren Gefangene in Fallen dazu, extrem aggressiv zu sein und so entschloss sich Odoaker zu einem Ausfall. Die Schlacht, die jetzt Ende Februar im auch in Norditalien durchaus eiskalten Winter stattfand, ist zur Legende in Liedern und Gedichten geworden und verbürgt. Die Sage von Dietrich von Bern geht auf diese Schlacht zurück, die in der Überlieferung der Germanen als „Rabenschlacht“ bekannt wurde. Es existieren aber keine genauen Aufzeichnungen, wie es tatsächlich war, wie die Taktiken waren, die Aufmarschpläne, die Finessen der „Kriegskunst“ ...
Im Jahr 492 war von den disziplinierten taktischen Aufstellungen der römischen Legionen nicht mehr viel übrig und wenn auch davon ausgegangen werden kann, dass Theoderich durchaus in Konstantinopel eine militärische Ausbildung genossen hat, so hatte er trotzdem nicht die Profikämpfer zur Hand, wie sie einst die römischen Feldherren hatten. Glaubt man den Legenden, so „stritten viele tapfere Recken gegeneinander und so mancher sank in den Staub“, was übersetzt in etwa bedeuten dürfte, dass germanische Krieger mit und ohne Kettenhemden, mit hölzernen Schilden, Schwertern, Keulen und Lanzen vor der Stadt brüllend in Masse aufeinander zurannten. Vielleicht bildeten Theoderichs Goten einen Schildwall und Odoakers Foederati haben es irgendwie geschafft, diesen Schildwall zu knacken und dann wurde einfach gegenseitig aufeinander eingehackt, filigrane strategische und taktische Bewegungen dürften an diesem Tag weder Theoderichs noch Odoakers Sache gewesen sein.
Für germanische Verhältnisse ein ungeheurer Vertrauensbruch
Einfach raus aus der Stadt und losrennen, optisch vergleichbar mit der Schlacht um Gondor im „Herrn der Ringe“, allerdings ohne die Konnotierung von „Gut“ gegen „Böse“. Aufgrund der zweijährigen Belagerung ist auch davon auszugehen, dass hier eher verzweifelte und ausgemergelte Gestalten aufeinander einschlugen und es dürfte für die Feldherren hüben wie drüben schwierig gewesen sein, im Getümmel Freund und Feind zu unterscheiden. Also gab man seinem Gegenüber einfach Saures und überlebte. Es muss auf jeden Fall grausam gewesen sein. Beide Seiten hatten eine hohe Anzahl an Opfern zu beklagen, das Gemetzel selbst brachte aber letztendlich: Nichts. Odoakers Männer konnten den Belagerungsring nicht sprengen, aber Theoderich kam immer noch nicht in die Stadt hinein.
Wenn es so nicht ging, musste es anders gehen: Der Bischof von Ravenna, Johannes, machte einen geradezu salomonischen Vorschlag: Theoderich und Odoaker sollten gemeinsam regieren. Ja, super, da war ja niemand vorher draufgekommen. Am 27. Februar anno 493 schlossen die beiden Kontrahenten einen Friedensvertrag und die Ostgoten zogen am 5. März in die Stadt ein. Zehn Tage später gab es anlässlich des Friedens ein großes Festbankett, ein „Versöhnungsmal“ mit Theoderich und Odoaker. Der jetzt wieder verfügbare Wein floss in Strömen, es wurde laut, es wurde aggressiv, wie das bei Besoffenen eben üblich ist und Theoderich war zwar wegen dem Patt vor den Toren Odoaker nicht mehr böse. Allerdings hatte Odoaker einst das rugische Königspaar, die Herrscher von Theoderichs Verbündeten, bei seiner eigenen Machtergreifung vor sechs Jahren in Ravenna hinrichten lassen und diese Rechnung war laut Theoderich noch offen. Er beglich sie gleich an Ort und Stelle und machte Odoaker höchstpersönlich nieder. Bei dieser Gelegenheit wurden auch gleich die Anhänger und Parteigänger Odoakers weggemetzelt. Auch diese Episode hat sich in den Sagen und Legenden in veränderter Form erhalten. Für germanische Verhältnisse ein ungeheurer Vertrauensbruch, aber mach was dagegen .
Theoderich war nun Alleinherrscher über Ravenna und damit über Westrom. Der oströmische Kaiser sandte Theoderich die kaiserlichen Insignien zurück, die er einst von Odoaker erhalten hatte, Theoderich aber war klug genug, sich nie als Kaiser, sondern als oberster Verwalter der Kaiser in Byzanz zu verstehen. Faktisch regierte er aber wie ein Kaiser und zur Überraschung seiner Zeitgenossen tat er dies sogar so gut, dass er mit dem Beinamen „der Große“ versehen wurde. Nach 90 Jahren Krieg, Mord und Raub war Westrom endlich befriedet, vor allem auch aufgrund einer klugen Ausgleichspolitik zwischen Italikern und den diversen germanischen Stämmen. Theoderich adaptierte die Kultur der Römer und baute sowohl Ravenna als auch Rom wieder zu Zentren der Zivilisation aus und verzichtete auf die religiöse Verfolgung von Minderheiten wie Juden oder nicaeischen Christen (er selbst war Arianer). Als er 526 starb, hinterließ er ein funktionierendes Reich, das bald den Streitigkeiten seiner Nachfolger zum Opfer fiel. In der Epik schlug sich sein Wirken in der Sage des „Dietrich von Bern“ nieder.
Foto: Laurin-Brunnen in Bozen. Dietrich von Bern kämpft mit Laurin.
Beitragsbild: Herbert Ortner, Vienna, Austria - Eigenes Werk, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons

Haben Sie sich schon mal überlegt, warum die FDP untergangen ist? Ich hatte die Wahl zwischen einem konstruktiven Beitrag, oder Ihnen die Windeln zu wickeln. Die FDP ist da, wo sie hingehört. Herr Peter Hahne sagte, daß er Westerwelle mag, was ich nicht nachvollziehe kann. Jedem das seine, Herr Hahne. In einem Punkt stimme ich völlig mit ihm überein, die Kinder verbünden sich gegen ihre Eltern.
Vielen Dank, lieber Herr Schneider, für diesen Ihren und Ihre anderen geschichtsbetrachtenden Beiträge! Ich hatte gehofft, in diesem Zusammenhang nun auch noch von dem Zweikampf zu lesen, dessen Beginn im Hildebrandslied erzählt wird, von dem wir als Heranwachsende die ersten Verse lernen (und artikulieren, bitteschön, ahd. natürlich) mußten – nein, durften, ich denke mit Dankbarkeit an meinen Schulunterricht in der DDR zurück – aber der war jetzt nicht das Thema. Bitte weiter so!
Tja das Gemetzel auf dem „Versöhnungsmal“ erinnert ja etwas an das Ende des Nibelungenliedes, in dem Dietrich von Bern ja auch auftaucht. Ich habe trügerischerweise Theoderich eigentlich als König der Westgoten in Erinnerung. Da gab es doch mal einen epischen Roman „Kampf um Rom“ in dem das Geschehen wohl etwas verzerrend dargestellt wurde. Das Grabmal Theoderichs im Ravenna kann man noch besichtigen.
Nett zu lesen, Herr Schneider, aber über die Kriegskunst in den Endphasen des Westreichs despektierlich zu schreiben, wird der Historie wohl nicht gerecht. Germanen/Kelten kämpften zu diesem Zeitpunkt fast seit 500 Jahren in Römischen Diensten. Es ist, mit Verlaub, eher dämlich anzunehmen, daß die Römische Martialische Kultur bei den Germanen keinen Zugang gefunden hätte.