In der Rubrik „Schlachtengemälde“ soll es heute einmal nicht um eine Schlacht oder einen Krieg gehen, sondern um einen „Fast“-Krieg. Und das kam so: Im Jahre 1885 befand sich das deutsche Kaiserreich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Österreicher waren befreundet, die Franzosen besiegt, die Russen mit sich beschäftigt und die Engländer – nun ja – damit betraut, sich ihr Empire aufzubauen. Bismarck war Kanzler, unseren alten Kaiser Wilhelm I. brauchten wir uns nicht zurückzuwünschen, weil er noch da war und auch, wenn Bismarck Deutschland als „saturiert“ betrachtete, so strebten doch deutsche Kolonialwarenhändler danach, überall die Fahne des Kaiserreichs zu errichten, selbst, wenn es da gar nichts gab, was sonderlich lohnend wäre.
In Fernost hatte das deutsche Reich ein paar vergessene Inseln in Mikronesien – es hatte einen Grund, warum die Inselchen so hießen – kolonial erschlossen, nicht ohne dabei Spanien in die Quere zu kommen, das bereits damals nur noch „Weltmacht ehrenhalber“ war. Spanien hatte damals die Zollhoheit über die Philippinen – also, auf dem Papier. Spanien und das Kaiserreich hatten sich 1875 darauf geeinigt, dass Spanien seine ohnehin eher chaotischen und schlampig ausgeübten Hoheitsrechte nicht auf die Karolineninseln ausdehnt, auch, wenn man in Madrid die Inseln seit ihrer Entdeckung und dem Vertrag von Saragossa 1529 als seine Interessenssphäre ansah.
Das deutsche Handelsunternehmen Hernsheim & Co. war auf den Pazifikinselchen recht aktiv und führte von dort Kopra – also das getrocknete Gewebe von Kokosnüssen, aus dem sich Kokosöl gewinnen lies – nach Deutschland ein. Jenes Handelsunternehmen bat am 23. Januar 1885, den „deutschen Reichsschutz“ auf die Karolineninseln auszudehnen, bevor die Spanier das Gebiet annektieren und damit das deutsche Handels-Monopol brechen würden. Und löste damit versehentlich und unabsichtlich die „Karolinenkrise“ aus.
Landesweite spanische antideutsche Proteste
Hierzu wandte sich die Handelsgesellschaft über einen Mittelsmann an den Unterstaatssekretär Herbert von Bismarck, dessen Vater, oh Wunder und da kann man nichts machen, der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck war. Hinzu kamen Gerüchte, die Spanier hätten bereits einen Gouverneur ernannt und schließlich willigte auch der olle Kaiser Wilhelm ein, auf den Karolinen die stolze deutsche Kaiserfahne zu hissen, unter anderem auf Palau, dem heutigen Urlaubsparadies für klimaintensive Außenministerinnen.
Flankierend wurden mit den Einheimischen, die gar nicht groß gefragt wurden, „Schutzverträge“ in Form von Mafiaverträgen geschlossen, um klarzumachen, wer hier Kokospflücker und Kokosexporteur ist. Formvollendet informierte die deutsche Diplomatie am 4. August 1885 Madrid, dass die Karolineninseln, also alle rund 900 Inselchen und Felsen, nun unter dem Schutz des Deutschen Reiches stehen. In Madrid protestierte man umgehend, wegen 1529 und 1543, gestattete aber zur Gesichts- und Geschichtswahrung knurrend die Handelsfreiheit für alle Hernsheimer und Co.
Das Ergebnis waren landesweite spanische antideutsche Proteste, allein in Madrid demonstrierten über 30.000 Menschen gegen Los alemanes. Damit wiederum hatte Bismarck nun nicht gerechnet und beteuerte treuherzig am 23. August, Deutschland hege keine Absicht, in ältere Rechte einzugreifen. Und was macht der gute Diplomat dann? Richtig: Er ruft eine Schiedsstelle an, die das entscheiden soll.
Nun lief allerdings zwei Tage später das deutsche Kanonenboot Iltis in den Hafen von Yap, der Hauptinsel der Yap-Inseln, die ebenfalls zu den Karolinen gehören, ein. Nur, um dort die spanischen Kriegsschiffe San Quentin und Manila zu erwischen, die gerade einen Gouverneur, eine Handvoll Soldaten und ein paar Pfarrer ausschifften, die auch umgehend die spanische Fahne hissten.
Das wiederum fand der Kommandeur der Iltis weit weniger lustig, als es hier den Anschein hat und er ließ umgehend die deutsche Flagge auf der Insel aufziehen. So wehten auf Yap zum Amüsement der geschätzt 2.500 Einwohner jetzt zwei Anspruchsfahnen an ihrem Strand. Nachdem sich die Spanier von der überlegenen Feuerkraft der Iltis überzeugt hatten, zogen sie beleidigt wieder ab, bevor sich noch versehentlich ein Schuss lösen konnte.
Der Papst als Schiedsrichter
In Berlin war man auch nicht untätig und bat Madrid um Beweise, dass die Karolinen zu Spanien gehörten, die aber hatten leider die Dokumente von 1529 und 1543 irgendwohin verlegt und argumentierten mit einer Art „Trust me, bro“, was den bürokratisch korrekten Deutschen natürlich nicht genug war.
Das Ergebnis des Coups waren antideutsche Ausschreitungen in Madrid und Valencia rund um die deutschen diplomatischen Vertretungen, was für beide Seiten nicht schön war, vor allem für die deutsche. Unterdessen schipperte das Kanonenboot Albatros munter bis zum 18. Oktober 1885 durch die hübsche Südsee und hisste auf jedem Felsen, der eine Kokos-Palme tragen konnte, die Reichsfahne.
Die Spanier drängten auf eine Lösung und Bismarck, der im Falle eines Krieges eine Beteiligung des wegen 1870/71 nach wie vor stocksauren Frankreichs befürchten musste, gab schließlich nach. Das Handelsvolumen mit Spanien hatte sich seit 1879 verzehnfacht und das wog schwerer als die paar Kokosnussgewebe der Firma Hernsheim und Co. Nichtsdestotrotz musste es für die Deutschen dringend einen Schiedsspruch geben, um die Verhältnisse auch formal zu klären – und wer wäre als Schiri besser geeignet gewesen als der Papst Leo XIII., den die Spanier als erzkatholisches Land zwangsläufig akzeptieren mussten? Außerdem wollte Bismarck den Papst nach seinem eigenen Kulturkampf auch wieder freundlich stimmen, um die murrenden Katholiken im eigenen Land zu beruhigen.
Der Kompromiss, den die Deutschen den Spaniern über den Papst anboten, sah so aus, dass die Spanier zwar formal die Hoheit über die Karolinen behalten würden, den Deutschen allerdings Handelsfreiheit und Niederlassungsrechte auf den Karolinen zugestanden würden. Erleichtert willigte Madrid ein. Was die Einwohner der Inselchen wollten, war übrigens komplett uninteressant und nicht Gegenstand der Verhandlungen. Wer keine Kanonenboote hat, hat auch nichts zu melden.
Die Bewertungen fielen in beiden Ländern naturgemäß einigermaßen unterschiedlich aus. Während die „linksliberale deutsche Freisinnige Partei“ (kurz: DFP. Hihi.) „das Ende des deutschen Kolonialismus“ sah und Bismarck „die Niederlage“ von Herzen gönnte, lobten andere Bismarck für seine Weitsicht und Umsicht. Am besten bringt es wohl ein spanisches Theaterstück der Zeit auf den Punkt: Die Kinder Hispania und Germania streiten um die Puppe Carolina, bis ihr Vater kommt und entscheidet, die Puppe gehöre zwar Hispania, doch Germania dürfe mit ihr spielen.
1899 wurden die Inseln übrigens von Spanien an Deutschland für den Schnäppchenpreis von 16,6 Millionen Mark verkauft, die Japaner bekamen sie 1914 gratis, als sie die Inseln einfach besetzten. Vorbei, vergessen, erledigt. Eine Fußnote. Aber: Deswegen können wir heute in Spanien Urlaub machen, ohne dass uns irgendjemand mit dem Satz „Sí, pero las Carolinas!“ am Frühstücksbuffet empfängt. Andererseits wären Urlaube auf „Deutsch-Palau“ vielleicht auch nicht so schlecht. Sofern es wegen Klimer nicht abgesoffen ist.
(Weitere Anekdoten des Autors unter www.politticker.de)
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten
via Wikimedia Commons
Schade, dass Preussen nach dem 1864 gewonnenen Krieg gegen Dänemark nicht Grönland als Kriegsbeute verlangte. Dann wäre es heute richtig spannend.
@ T. Weidner „… das “gemeine Volk„ sich für den Austausch sämtlicher diplomatischer Noten zwischen zwei Nationen interessiert? …“ Ich habe mich immer für die diplomatischen Noten oder besser Fehltritte von Bärböck und Co, wie Nachfolger interessiert. So hat man ein Grund zum Fremdschämen oder bestes Kabarett über Deutschland und weiß wie die Regierung geistig aufgestellt ist. Nur die hiesigen Medien haben mich mit Zitaten und Handlungen nicht unterstützt. Das meiste kam aus den Quellen anderer Länder und entsprach der traurigen Wahrheit.
Was ist eigentlich mit Lichterfelde? Gibt es nichts Neues? Erstaunlich! Vielleicht habe ich auch etwas verpasst. Ich vermisse ein „Was bisher passierte.“
Und – betrachten wir einmal all die „Proteste auf der Straße“ einmal genauer. Wer hat sie ausgelöst – und wer glaubt, dass das „gemeine Volk“ sich für den Austausch sämtlicher diplomatischer Noten zwischen zwei Nationen interessiert?
Es sind die sensationsgeilen Massenmedien, die auch aus einer Vortragsveranstaltung eine „zweite Wannseekonferenz“ machten.
Hauptsache, die Schlagzeilen spülen Geld in die Kassen – egal ob das Geld direkt vom Rezipienten stammt oder indirekt aus dem Steuersäckel…