Statt über Napoleon, Preußen oder Tannenberg zu schreiben, widmen wir uns heute einem fast vergessenen Massaker: der Zerstörung von Neu-Ulm – dem in Minnesota.
Was hätte man über bekannte Schlachten im August schreiben können. Die Schlacht bei Groß-Jägersdorf 1757 oder die Schlacht bei Kulm, eine krachende Niederlage der Franzosen gegen die Alliierten, 1813, oder die Schlacht bei Tannenberg 1914, die eine komplette Vernichtung einer russischen Armee bedeutete oderoderoder… Nein, heute soll es ganz bewusst um die nahezu vollständige Vernichtung von Neu-Ulm gehen.
Nicht das Städtchen im Schwäbischen, sondern Neu-Ulm in Minnesota. Das heute 14.000 Seelen zählende Städtchen wurde 1854 von – Überraschung – deutschen Siedlern gegründet und war zu diesem Zeitpunkt eine Ansiedlung von Holzhütten mit einer steinernen Kirche.
Die Siedler, völlig unbeeindruckt und unsensibel gegenüber den bereits in der Gegend lebenden Indianern, hatten sich hier im Nirgendwo niedergelassen, in der Hoffnung, hier ihr Glück zu finden.
Aber ach – die Bürokratie
Natürlich war alles mit rechten und unrechten Dingen zugegangen: Die Santee-Sioux hatten 1851 ihr Land für 1,4 Millionen US-Dollar an die US-Administration verkauft, die „Lower Sioux Agency“, die die Indianer sozusagen „betreute“, sollte außerdem vom „weißen Vater in Washington“ ein Reservat am Minnesota, eine Einmalzahlung von 220.000 Dollar und jährliche Zahlungen und Waffenlieferungen bekommen. Aber ach – die Bürokratie, die Bürokratie… Lediglich 20.000 Dollar wurden an die Häuptlinge bezahlt, außerdem noch 40.000 Dollar in Waren – der Rest verschwand in den Taschen weißer Siedler, denen die Sioux angeblich noch Geld schuldeten.
Das Reservat wurde 1858 weiter verkleinert, sodass den Sioux ihre Lebensgrundlage genommen wurde und sie weiterhin von der Regierung abhingen, weitere Zahlungen verschwanden in den Taschen korrupter Stammesführer der „oberen“ und „unteren Indianerbehörde“.
1861 schließlich gab es eine Hungersnot, die die Sioux jetzt zwang, bei weißen Siedlern Kredite für Nahrungsmittel aufzunehmen, vielleicht nicht im vollen Bewusstsein, das Kredite zurückzuzahlen sind. Die Bereitschaft der US-Regierung, Zahlungen zu leisten, zögerte sich durch den Sezessionskrieg hinaus, Verhandlungen blieben erfolglos, im Gegenteil riet einer der weißen Unterhändler der „unteren Indianerbehörde“, Andrew Myrick, den Indianern charmant, sie mögen doch Gras essen. Was diese wiederum wenig erbaulich fanden.
Auf Kosten der „schon länger hier Lebenden“
Neu-Ulm hatte sich unterdessen bis 1861 zu einem ganz passablen Handelsplatz gemausert, Dampfschiffe legten an und ab und beförderten Siedler, Fracht und Vorräte nach Neu-Ulm und das unweit gelegene Fort Ridgley. Während die einen also ihren Wohlstand mehrten, taten sie dies – möglicherweise unbewusst – auf Kosten der „schon länger hier Lebenden“, denn auf die Politik im fernen Washington hatten weder die Siedler noch die Sioux großartigen Einfluss. Man lebte einfach mehr oder weniger friedlich nebeneinanderher.
Die Indianer hungerten. Auf der Suche nach Nahrung ermordeten am 17. August vier Dakota-Krieger bestialisch fünf Siedler, was zu diesem Zeitpunkt bereits unbegründet war, da die bisher ausbleibenden Zahlungen einen Tag vorher eingetroffen waren. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass die Kommunikationswege damals noch viel langsamer als heute waren – sie konnten es schlicht nicht wissen. Was die Massakrierung der Siedler nicht besser machte, die ja ebenfalls nichts dafür konnten.
Die „Native Americans“ hatten jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Jetzt wollten sie reinen Tisch machen und baten den Dakota-Häuptling Little Crow, sie anzuführen. Der wehrte ab: „Die weißen Männer sind wie Heuschrecken, wenn sie so dicht fliegen, dass der ganze Himmel ein Schneesturm ist- Tötet einen, zwei, zehn und zehn mal zehn werden kommen, um euch zu töten.“ Aber nicht mit seinen Kriegern, die ihm schließlich Feigheit vorwarfen. Das ging direkt auf die Ehre: „Ihr seid wie kleine Kinder – ihr seid Dummköpfe. Ihr werdet sterben wie die Hasen, wenn die hungrigen Wölfe sie jagen. Taoyateduta ist kein Feigling. Er wird mit euch sterben.“
Stoff für Hollywood-Filme
Hugh und am nächsten Tag zogen er und seine Krieger los und überfielen die „Untere Sioux-Agentur“ und meuchelten 20 Männer, darunter den Grasnahrungsempfehler Andrew Myrick, dessen Überresten die Indianer in einem Anflug von grimmigem Humor Gras in den Mund stopften.
Die Sioux-Krieger marodierten durch das Land und brannten alles nieder, was sie finden konnten und lieferten so Stoff für zahlreiche Geschichten und Hollywood-Filme, in denen tapfere Farmer meist vergeblich ihr Hab und Gut und ihre Familien gegen „die roten Teufel“ zu verteidigen versuchen. Die Siedler, die nicht getötet wurden, flohen nach Neu-Ulm, das die Indianer-Schwärme am 19. August erreichten. Tatsächlich kämpften die Sioux nicht ohne Geschick. Neu-Ulm grenzt im Westen an ein Plateau, von dessen Höhe die indianischen Bogen- und Gewehrschützen in die Stadt feuerten, während die „Kavallerie“ von Norden her angriff. Die Siedler hatten sich hinter hastig aufgestellten Barrikaden verschanzt und schossen mit allem, was sie hatten – was nicht viel war.
Ein Augenzeuge: „Zu bemerken ist, daß die Indianer sämmllich mit ausgezeichneten Büchsen bewaffnet waren, während zwei Drittel unserer Leute nur Doppelflinten hatten, eine bei solchem Kampfe fast ganz unnütze Waffe.“ Ein schweres Gewitter beendete am Abend die Kampfhandlungen und wenngleich es den Sioux gelungen war, in die Stadt einzusickern und einige der erbärmlichen Holzhäuser in Brand zu stecken, so beendete doch die Dunkelheit und eine frisch eingetroffene, 60 Mann starke Kavalleriekompanie der Unionstruppen den Kampf. Wenigstens vorerst. Eine Atempause.
800 Mann stürmten auf die Stadt zu
Vier Tage später, am 23sten August, tauchten die Indianer erneut auf, verstärkt durch Krieger der Chippeways, die sich mit den Sioux verbündet hatten. Insgesamt 800 Mann stürmten nun auf die Stadt zu.
Unser Augenzeuge, sichtlich geschockt: „Von dem mir anvertraueten Posten konnte ich genau mein stolz sich erhebendes Haus und den dasselbe umschließenden Garten sehen. Es war das erste, von dem die Indianer Besitz ergriffen, und wohl eine Stunde lang schossen sie darauf; als sie es darauf verließen, um weiter vorzudringen, legten sie Feuer hinein – und vor meinen Augen ging mein schönes Eigenthum in Flammen auf. Einen Augenblick schnürte der Schmerz meine Brust zusammen und Thränen umflorten mein Auge, war es doch die Frucht meines jahrelangen redlichen Strebens und Schaffens und meine und meiner Kinder Heimath.“
Diesmal lief es für die vereinigten Sioux und Chippeways besser: Unter hinhaltendem Widerstand zogen sich die Siedler langsam in die Ortsmitte von Neu-Ulm zurück und verschanzten sich, denn „drei Vierecke der Hauptstraße bildeten eine förmliche Festung, die, von uns besetzt, in ihrem Innern sämmtliche Bewohner der Stadt barg.“
Für dieses Mal hatten die Indianer gewonnen
Die gutgelaunten und plündernden Krieger steckten ein Haus nach dem anderen in Brand – allein der sich drehende Wind half den umzingelten Siedlern, nicht bei lebendigem Leib gegrillt zu werden. Im Gegenteil wehten Glut und Qualm nun den Eroberern ins Gesicht. Wieder zogen sich die Kämpfe bis zum Abend hin, bis die Indianer sich endlich unter Mitnahme von erbeuteten Vieh zurückzogen. Summa summarum gab es auf Seiten der Siedler etwa 23 Tote und 50 Verwundete, die Indianer hatten etwa 100 Verluste zu beklagen.
In der Nacht traf eine weitere Kavallerieabteilung der Unionsarmee mit 150 Mann ein. Im Kriegsrat wurde festgestellt, dass „1) Wir nur noch für vier Tage Lebensmittel hatten, 2) die wenigen Häuser, welche noch standen, dergestalt mit Frauen und Kindern überfüllt waren, daß durch die entsetzlichen Ausdünstungen schwere Krankheiten unvermeidlich waren; und so beschlossen die Anführer, die Stadt am Montag Morgen räumen“.
Die Siedler packten ihre 700 Sachen in 142 Wagen und verließen die Stadt – für viele war das, was sie am Leib trugen, der letzte und einzige Besitz. Insgesamt 1.400 Menschen machten sich auf einen 40-Meilen Marsch nach Mankato – das sie tatsächlich unbehelligt erreichten. Für dieses Mal hatten die Indianer gewonnen. Neu-Ulm war vernichtet.
Little Crow hatte recht behalten
Unser Chronist beschwert sich bitterlich: „Möge aber New-Ulms Fall in die Ohren Derer, welche die Macht haben, die Mahnung erdröhnen lassen, daß, wenn sie nicht wollen, daß der Westen von Minnesota wieder eine Wildniß werde, die Grenze bewehrt und eine Kriegsmacht zum Ausrottungskriege gegen die Rothhäute gehalten werden muß, unter deren Schutze allein das der Cultur verloren gegangene Land wieder erobert werden kaun.“
Die Revanche – oder vielmehr Rache – kam natürlich: Vom eigentlichen Kriegsschauplatz gegen die Südstaaten abgezogen, sammelte der seit der Niederlage bei Manassas eher unbeliebte General Pope machte sich auf eine Strafexpedition und fing Hunderte von Sioux und Chippeways ein. Schnellgerichte verhängten insgesamt 303 Todesurteile, tatsächlich war es die Episkopalkirche, die Abraham Lincoln um Gnade für den Feind bat – die tatsächlich gewährt wurde.
Trotzdem wurden als Exempel unter der herzlichen Anteilnahme von etwa 4.000 unsensiblen Siedlern 38 Indianer gehenkt, 1.300 Sioux und Chippeways in die Einöde von Missouri deportiert. Neu-Ulm wurde wieder besiedelt, seine Einwohner errichteten dankbar als eine der ersten Amtshandlungen ein Denkmal für „Hermann den Cherusker“, den „Befreier der Teutschen“, obwohl hier die Invasoren die Einheimischen besiegt hatten – nicht umgekehrt. Aber die Geschichte schreibt ja, wie stets, der Sieger. Little Crow hatte recht behalten.
In dieser Reihe bereits erschienen:
Jahrestag: Die Schlacht von Stalingrad geht zu Ende
Jahrestag: High Noon bei Austerlitz
Jahrestag: Völkerschlacht bei Leipzig
Jahrestag: Das Ende der Türkenbelagerung von Wien
Jahrestag: Otto schlägt die Ungarn
Jahrestag: Die eigentliche Schlacht bei Tannenberg
Jahrestag: Königgrätz entscheidet den Bruderkrieg
Viel Propaganda und fast 50.000 Tote
Thilos Schlachten-Gemälde: Leuthen und die schiefe Schlachtordnung
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Belagerung von Nancy
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Februarschlacht
Thilos Schlachten-Gemälde: Erstürmung der Düppeler Schanzen
Thilos Schlachten-Gemälde: „Skagerrak-Schlacht“
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Schlacht bei Dettingen
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Schlacht von Hattin
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.
Beitragsbild: Anton Gág - http://mn.gov/admin/images/attack-on-new-ulm.jpg, Public Domain, via Wikimedia Commons

EMMYLOU HARRIS ‚APACHE TEARS‘ 2014 (a Johnny Cash song). Wunderbar traurig. Emmylou Harris ist gestorben.
@ Jörg Themlitz – „seine Heimat, seine Familie, seine Werte ….. ist heutzutage rechtsextrem.“ – Insofern wundere ich mich schon, daß CDU-Kandidaten im aktuellen „Wahlkrampf“ zur kommenden Monat in NRW stattfindenden Kommunalwahl ihren Willen zum Bewahren von Heimat und dortig gelebten Werten behaupten, um vom „Schlafschaf“ das Kreuzchen für ihr erhofftes Mandat zu erschleichen. Wenns dem eigenen Ego helfen könnte, wird halt bei der „pöhsen rechten“ AfD kopiert, in der Hoffnung, daß es keiner merkeln möge und statt des Originals die märzsche Truppe wählen möge.
„auf Kosten der “schon länger hier Lebenden„, denn auf die Politik im fernen Washington hatten weder die Siedler noch die Sioux großartigen Einfluss.“ --- Wer jetzt noch „Washington“ durch „Brüssel“ ersetzt, wird finden, daß sich Geschichte doch wiederholt, immer mal wieder, nicht exakt, aber im großen Rahmen schon.
@Jörg Themlitz: Die Geschichte New-Ulms ist übrigens noch interessanter als hier beschrieben. Die Kolonie wurde von der deutschamerikanischen Turnsport-Bewegung als Reaktion auf Angriffe einheimischer angelsächsischer „Nativisten“ in Chicago, Cincinnatti und Lousiville auf die nach 1848 in grossen Mengen ins Land strömenden deutschen Einwanderer gegründet. Gute Frage, wer hier im Recht war: Indianer, Angelsachsen oder Deutsche? Letztere haben sich letztendlich vollkommen mit den in Minnesota überwiegenden skandinavischen Einwanderern zu richtigen Amerikanern assimiliert. Allerdings waren sie 1917 noch mehrheitlich gegen den Kriegseintritt gegen das Deutsche Reich, was sie in den Augen der Regierung suspekt machte. Der Bürgermeister wurde deshalb vom Gouverneur des Amtes enthoben. Im zweiten Weltkrieg war es mit der Verbundenheit zur alten Heimat aber bereits vorbei.
Herr Schneider, die Geschichte der USA ist voller Kriege, Grausamkeiten, Unrecht. Um mal ein Gegenbeispiel zu geben, es gab einen deutschen Siedlertreck unter Führung eines Fürsten Solm Solms, die in Texas siedelten, nachdem sie einen Vertrag mit einem dortigen Indianerstamm geschlossen hatten über die Überlassung von Land und die Gegenleistungen. Angeblich gibt es noch heute jährlich ein großes Powhow anläßlich des Vertragsschlusses. Nach Indianerangaben „der einzige Vertrag, der jemals vom weißen Mann eingehalten wurde.“ Der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Passt halt auch nicht zum gegenwärtigen antideutschem Rassismus.
„… obwohl hier die Invasoren die Einheimischen besiegt hatten.“ Dann hoffen wir mal, dass uns Einheimischen solch ein Schicksal erspart bleibt. Oder ist das als Hinweis zu verstehen, die Invasoren zu verjagen, bevor sie zu „Tötet einen, zwei, zehn und zehn mal zehn werden kommen, um euch zu töten.“ werden? Da sei mir der Hinweis erlaubt, seine Heimat, seine Familie, seine Werte gegen Invasoren zu verteidigen, ist heutzutage rechtsextrem. Andere Länder, andere Zeiten, andere Sitten. Mal sehen, wie die Menschen das in 200 Jahren beurteilen werden.
Wenn deutsche Siedler in den USA ein Neu Ulm gründen, gibt es für die ausgewanderten Bayern nebendran dann auch ein Neu Neu Ulm?