Die Schlacht von Dettingen zeigt, wie Geschichte kippt: durch Eitelkeit, Chaos, Kanonen – und einen Neffen, der den Sieg verspielt.
In der Militärgeschichte geschehen viele Male die „letzten Male“: Die letzte Phalanx, die letzte erfolgreiche oder erfolglose Kavallerieattacke, der letzte Einsatz von Trebuchets, bevor all diese militärischen Formationen und Geräte durch neuere, bessere und tödlichere Waffen und Waffengattungen abgelöst wurden. Um ein solches Ereignis soll es auch heute gehen: die letzte persönliche Teilnahme eines englischen Königs an einer Schlacht. So geschehen am 27. Juni 1743 bei der Schlacht bei Dettingen. Und das kam so:
Der österreichische Kaiser Karl VI. hatte es nicht geschafft, einen Thronfolger zu zeugen, was für seine Nachfolge grundsätzlich Pech war, die Emanzipation war eben noch nicht so weit, dass auch eine Tochter auf den Thron nachfolgen konnte. Karl war sich dessen durchaus bewusst und – ganz moderner Mann seiner Zeit – zeigte einen erstaunlichen Pragmatismus und legte mit der „pragmatischen Sanktion“ fest, dass, wenn sein Herrscherhaus im Mannesstamme ausstürbe, die Tochter des letzten männlichen Throninhabers diesem nachfolgen sollte. Im Oktober 1740 war es dann so weit: Karl schloss für immer die Augen und seine Tochter Maria Theresia folgte ihm als Thronerbin und Kaiserin nach.
Die Leiche des armen Karls war noch nicht kalt, da beschloss Friedrich der II. von Preußen, von dem noch niemand wusste, dass er später einst den Beinamen „der Große“ erhalten sollte, ebenfalls Pragmatiker und Mann seiner Zeit, dass das österreichische Schlesien auch recht hübsch zu seinem Preußen passen würde und marschierte kurzerhand in Schlesien ein. Rasch und überraschend, bevor man sich in Wien sortieren konnte.
Wie es so ist, wenn es etwas zu erben gibt, gab es Krach: Fast gleichzeitig traten Karl Albrecht von Bayern und Friedrich August von Sachsen mit etwas wackeligen Thronansprüchen in den Krieg ein und immer, wenn es im zersplitterten Deutschland unruhig wurde, waren auch die Franzosen auf dem Plan, um irgendetwas zu erobern, egal was. Die Österreicher waren jedoch auch nicht ohne Verbündete und taten sich wiederum mit dem geschworenen Erzfeind Frankreichs, den Engländern und damit auch dem mit England familienverbandelten Hannover sowie den sowieso auf die Franzosen schlecht zu sprechenden Niederlanden zusammen. Im Nu wurde an allen Fronten gekämpft, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in Übersee, Indien und auf und um ein paar schebbische Inseln, sodass der Österreichische Erbfolgekrieg durchaus auch als „erster Weltkrieg“ bezeichnet werden könnte.
Der Schlachtplan
1743 war Friedrich eifrig damit beschäftigt, Schlesien zu „preußisieren“, nachdem er Maria-Theresia seine unrechtmäßige Beute im Frieden von Berlin „bis auf Weiteres“ abgeschwatzt hatte. Im Gegenzug hatten österreichische Truppen fast ganz Bayern erobert, das der bayerische Kurfürst mit Hilfe der Franzosen zurückerobern suchte, was, wie erwähnt, Engländer und Niederländer auf den Schlachtplan rief.
Im Juni 1743 machte sich also ein englisch-hannoverisch-österreichische Armee auf, Bayern zu erreichen und sich dort mit den österreichischen Truppen zu vereinigen. Leider hatte es die „pragmatische Armee“ – wie sie sich selbst nannte – versäumt, ihre Nachschublinien ordentlich zu sichern, und so konnte diese die französische Armee bei Frankfurt am Main kappen, und plötzlich standen die Pragmatiker mit zu wenig Nahrung und Munition bei Aschaffenburg am Main herum und rätselten, wie es weitergehen – oder zurückgehen – könnte. Der formelle Oberbefehlshaber, der englische König Georg II., ließ sich von seinen Feldherren beraten, den Rückzug nach Hanau und die hoffentlich erfolgreiche Rückeroberung seiner Versorgungslinien zu versuchen.
Frankfurt, Hanau und Aschaffenburg liegen wie auf einer Perlenkette an der rechten Seite des Mains, über den zu dieser Zeit nur wenige Brücken und ein paar Fähren führten. Die Franzosen unter ihrem Feldherrn Noailles rochen natürlich den Braten, denn viel Auswahl hatte die pragmatische Armee nicht: Zwischen Aschaffenburg und Hanau befindet sich ein Engpass, der links vom Main und rechts von den Ausläufern des Spessarts gebildet wird. Durch dieses Nadelöhr würden sich die Alliierten fädeln müssen, um nach Hanau zu kommen. Der Schlachtplan des cleveren Franzosen sah also vor, seine Artillerie am linken Mainufer zu postieren, von wo sie problemlos in die alliierten Reihen würde hämmern können, ohne auch nur die geringste Gefahr durch Infanterie oder Kavallerie fürchten zu müssen, die den Fluss nicht überqueren konnten, um seiner Batterien habhaft zu werden.
Am Anfang lief es ganz gut...
Außerdem ließ er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Infanterie und Kavallerie mit Pontons und Booten – also in einer echten amphibischen Operation – über den Main in das Örtchen Dettingen übersetzen, das sozusagen den Flaschenhals, die „hohle Gasse“ versperrte, durch die die Verbündeten würden kommen müssen. Außerdem befand sich vor Dettingen sumpfiges und morastiges Gelände, was den Alliierten erschweren würde, das Dorf zu nehmen. Dies war sein erster Streich.
Seine weitere Idee war, seine Kavallerie auf der linken Mainseite nach Aschaffenburg reiten zu lassen, dort die Mainbrücke zu überqueren und so der pragmatischen Armee in den Rücken zu fallen. Dettingen wäre der Amboss, die französische Kavallerie der Hammer, mit dem die „Pragmatische Armee“ zerschmettert werden sollte. Obwohl er also mit 23.000 Mann den Verbündeten mit 35.000 Mann deutlich unterlegen war, hatte er die größere Beweglichkeit und mit dem „Amboss“ unter seinem Neffen, dem Herzog von Gramont mit der französischen Garde, die bessere strategische Position. Es schien unmöglich, dass Noialles diese Schlacht verlieren könnte. Wenn alles funktionierte und niemand patzte. Wie immer in der Kriegsgeschichte.
Am Anfang lief es ganz gut: Die Verbündeten marschierten in enger Formation nach Hanau, bis sie feststellen mussten, dass ihnen bei Dettingen der Weg durch die Franzosen versperrt war. Die „Pragmatische Armee“ nahm unter heftigem Flankenfeuer der über den Fluss stationierten französischen Artillerie ihre Schlachtreihe ein, die linke Flanke an den Main gestützt, die rechte Flanke bis zum sogenannten „Hahnenkamm“ gezogen, einer elenden Hügelkette und Ausläufer des Spessarter Mittelgebirges. Ein paar Stunden hämmerte die französische Artillerie völlig ungestört und unbelästigt in die alliierten Reihen und sorgte mit ihren Eisenkugeln für allerlei abgerissene Gliedmaßen und Verwirrung. Wie auf einem Schießstand angenagelt, standen die Engländer, Hannoveraner und Österreicher in ihrer Linie.
Was jeder Feldherr wie der Teufel das Weihwasser fürchtet
Nach vorne, durch Sumpf und Morast und den Forbach-Bach (ein Bach, wie Sie sich sicherlich schon dachten), ging es gegen die in Dettingen gut verschanzte französische Infanterie nicht weiter, nach hinten stauten sich die nachfolgenden alliierten Truppen, in ihrer linken Flanke flogen die französischen Kanonenkugeln über den Main. Wenn Noialles Kavallerie jetzt gekommen wäre… aber die brauchte zu lange. Zumindest zu lange für seinen ungeduldigen Neffenherzog Gramont, dem die Kanonade augenscheinlich langweilig wurde und der beschloss, sich ein paar Sporen und vielleicht den Marschallstab zu verdienen. Da würde der Onkel aber schauen, wenn die Kavallerie von Aschaffenburg käme und die „Pragmatische Armee“ wäre bereits besiegt. Jawohl!
Gramonts französische Gardisten marschierten also tapfer durch den Morast gegen die englischen Linien, was nicht sonderlich clever war, denn dazu mussten sie durch die Schussbahn der eigenen Artillerie auf der anderen Mainseite laufen. Die musste daher das Feuer einstellen, um die eigenen Leute nicht zu treffen. Jetzt waren die Verbündeten im Vorteil: Die Franzosen kamen zu langsam und zu beschwerlich vorwärts und nun machte sich die bessere und schnellere Feuerdisziplin der englischen Truppen bemerkbar. Im schnellen Salvenfeuer der alliierten Infanterie brach der französische Angriff zusammen. Da, wo es zu Nahkämpfen kam, waren die verbündeten Verteidiger im Vorteil, da sie weniger erschöpft waren.
Schließlich geschah das, was jeder Feldherr wie der Teufel das Weihwasser fürchtet: Die französischen Truppen zerbrachen, die für die damalige Art von Gefecht so nötige Disziplin zerschellte an den alliierten Reihen, es kam zu einer Massenpanik. Schlimmer noch: Die „Pragmatische Armee“ führte jetzt einen energischen Gegenangriff durch, die verschiedenen Truppen mischten sich „wie Salz und Pfeffer“, die französische Artillerie machtlos, die „Hammer-Truppen“ der Franzosen, die über Aschaffenburg „von hinten kamen“, wurde durch die alliierte Reiterei vertrieben, und bei den Franzosen in Dettingen machte sich die Parole „sauve, qui peut“, „rette sich, wer kann“, breit. Die zurückflutenden französischen Gardisten rissen die hinter ihnen stehenden, weiteren Truppenteile mit in die Flucht. In Panik rannten Gramonts Soldaten davon, versuchten sich nach hinten Richtung Hanau oder in den Main zu retten, unzählige Männer ertranken, während die Alliierten nun ihrerseits die Verfolgung aufnahmen.
Ein einziges trauriges Mahnmal
Als der Abend dämmerte, hatten 3.000 Alliierte und 4.000 Franzosen ihr Leben verloren. Die geschlagenen Franzosen zogen sich über Hanau und Aschaffenburg auf die linke Mainseite zurück, der Weg für König Georg II. und seine Truppen war frei.
Händel war von dem vollständigen Sieg bei Dettingen derart beeindruckt, dass er für den englischen König das „Dettinger te deum“ komponierte, das bei der glorreichen Rückkehr des englischen Königs im November nach London uraufgeführt wurde. Der Krieg war damit zwar lange noch nicht zu Ende und die „Revanche“ sollte ein knappes Jahr später bei der elenden Schlacht von Fontenoy kommen – aber zumindest elf Monate konnten sich die Alliierten in Deutschland gegen die Franzosen behaupten.
Heute gibt es ein einziges trauriges Mahnmal zu dieser Schlacht, die aufgrund ihres Volumens wohl eher als „größeres Gefecht“ eingestuft wird, was den aus den Spessarter Wäldern zurückkehrenden Dettingern, deren Höfe vollständig ruiniert waren, trotzdem egal gewesen sein dürfte. Nach der Schlacht halfen sich die Verwundeten beider Seiten gegenseitig, sich in die elenden Lazarette von Hanau zu schleppen, die Bewohner der umliegenden Ortschaften hatten nun die Aufgabe, sich 7.000 Leichen zu entledigen. Noch Monate nach der Schlacht dürften die Wasserleichen der unglücklichen Franzosen in Frankfurt angeschwemmt worden sein. Ich jedenfalls hätte das Wasser des Mains als Trinkwasser eher nicht genutzt…
(Weitere schriftliche Gemetzel des Autors unter http://www.politticker.de)
In dieser Reihe bereits erschienen:
Jahrestag: Die Schlacht von Stalingrad geht zu Ende
Jahrestag: High Noon bei Austerlitz
Jahrestag: Völkerschlacht bei Leipzig
Jahrestag: Das Ende der Türkenbelagerung von Wien
Jahrestag: Otto schlägt die Ungarn
Jahrestag: Die eigentliche Schlacht bei Tannenberg
Jahrestag: Königgrätz entscheidet den Bruderkrieg
Viel Propaganda und fast 50.000 Tote
Thilos Schlachten-Gemälde: Leuthen und die schiefe Schlachtordnung
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Belagerung von Nancy
Thilos Schlachten-Gemälde: Die Februarschlacht
Thilos Schlachten-Gemälde: Erstürmung der Düppeler Schanzen
Thilos Schlachten-Gemälde: „Skagerrak-Schlacht“
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.
Beitragsbild: John Wootton - P.M. History. Januar 2006, S. 30., Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Lieber Thilo Schneidet, sind Sie sicher, dass Karl VI. österreichischer Kaiser war? Verwechseln Sie ihn vielleicht mit Sisis Franz-Josef? Ich habe in der Schule noch gelernt, dass das österreichische Kaisertum erst 1804 begann, nachdem der letzte Habsburger die Kaiserkrone dieses vertrackten HEILIGEN RÖMISCHEN REICHES DEUTSCHER NATION niedergelegt hatte. Diese Krone, die man 1848 Wilhelm I. von Preußen anbot, und die man heute noch in Österreichs Hauptstadt Wien – und nicht im preußischen Berlin – besichtigen kann. Merken wir uns also: besagter Karl war römisch-deutscher Kaiser..
@Walter Weimar, Die preussischen/hohenzollerischen Friedriche ab 1640 waren allesamt erfolgreich. Untergegangen ist niemand von ihnen. Alles verloren hat lediglich Kaiser Wilhelm II. (erster Vorname Friedrich). Schade, dass man bei einem gut informierenden und unterhaltsamen, historischen Achse-Artikel einen Kommentar lesen darf, der von deutscher Geschichte keine Ahnung hat. Es sei denn, sie meinen Fritze Hitler (aus dem Film „Schtonk“)
Tja, Herr Schneider, der Adel Frankreichs war im Grunde ja auch Deutscher Herkunft, wie auch der Englische König, der Alte Fritz, Maria Theresia & auch deren Franzerl. Der Deutsche Adel Europas bestand schon immer aus Kosmopoliten & war gesichert woke & linksradikal. Patrioten findet man in der historischen Oberschicht Europas nur arg wenige.
Händel hat aus dem Anlass des Sieges nicht nur das Dettinger Te Deum, sondern auch die „Dettingen Anthem“ (kann man mit „Hymne“ übersetzen) geschrieben („The King shall rejoice“, der König soll sich freuen). Beides wurde im gleichen Gottesdienst November 1743 aufgeführt.
Die Konstellationen der Bündnisse in den drei „Schlesischen Kriegen“, von denen hier Ereignisse aus dem ersten Krieg geschildert werden, ist äußerst interessant. Im ersten kämpfte Frankreich auf Seite der Preußen und England auf Seiten Österreichs. Im zweiten und dritten, letzterer auch als „Siebenjähriger Krieg“ bekannt, war die Bündnislage genau umgekehrt. Während Preußen auch den zweiten gewann, bekam der „Alte Fritz“ durch das Eingreifen Russlands schwer in Bedrängnis. Er hatte Zarin Katharina ( die Große) zu sehr verspottet. Nach deren Tod wechselten die Russen die Seite und Friedrich blieb abermals siegreich. Die Nazis hofften im Januar 1945 nach dem Tode Roosevelts auf ein ähnliches Wunder.
Kaiser war der Gatte Franz Stephan von Lothringen !!!!!!!!!
In der Neuzeit hat man zwar die Nummerierung der Friedriche weggelassen, ihr Drang zur Militarisierung und Krieg ist jedoch geblieben. Alles sind sie nacheinander untergegangen. Früher undenkbar, heute möglich, die Typen nicht zu wählen. Leider bei einem Großteil des Volkes neben Denken nicht angekommen.