Salopp gesagt: Manchmal hat auch ein Kaiser kein Glück und dann kommt Pech hinzu. Es war ein elendiger, frierender und hungernder Haufen, der sich noch am 19. Oktober 1812 mit 90.000 Mann und Frau und unzähligen, fett mit Beute und „Souvenirs“ beladenen Wagen aus dem niedergebrannten Moskau Richtung Westen, Richtung nach Hause aufgemacht hatte. Es hatte, wie es immer bei erfolgsverwöhnten Feldherren so ist, eine ganze Weile und eine ganze Weile zu lange gedauert, bis Kaiser Napoleon Bonaparte zu dem Schluss gekommen war, dass sein Russlandfeldzug krachend gescheitert war. Mit rund 420.000 Mann (andere Quellen sprechen mit Hilfscorps von rund 600.000 Mann) – von denen die wenigsten Franzosen und die meisten Deutsche – aber auch Italiener, Polen, Schweizer, Holländer, Kroaten, Spanier und noch mannigfach andere „Beutefranzosen“ – waren, hatte er einst die Memel – oder, wie man in Osteuropa sagt – den Njemen überschritten. Seinen persönlichen Rubikon.
Allein schon der Einmarsch ins Zarenreich hatte den Kaiser aufgrund fehlender Verpflegung, miserabler Organisation, katastrophaler Fehleinschätzungen und der Weite und Öde Russlands bereits 300.000 Mann – etwa Dreiviertel seiner Armee – gekostet, die jetzt tot oder hungernd in der Einöde lagen oder in unangenehmer russischer Gefangenschaft waren. Napoleon, der der Ansicht gewesen war, er müsse dem Zaren nur ein- bis zwei siegreiche Schlachten liefern, damit dieser „einknickte“ und einem Friedensschluss zu französischen Bedingungen zustimmte, war stattdessen immer weiter ins Land und letztlich bis nach Moskau gelockt worden. Die kurz vor der Besetzung (von „Einnahme“ konnte keine Rede sein – Moskau war unverteidigt) Moskaus letztlich dann doch von russischer Seite „gelieferte“ Schlacht von Borodino hatte mit Tausenden von Toten auf beiden Seiten und einem strategischen Patt geendet.
Und dann hatte der Winter begonnen. Während sich tatsächlich noch etwa 90.000 Soldaten und möglicherweise die gleiche Anzahl von Zivilisten wie etwa mitgereiste Frauen, Marketender, Zuhälter und Prostituierte (ein Offizier beschrieb den Treck als „marschierendes Bordell“) in Richtung Westen, raus aus diesem scheußlichen Land, machten, purzelten die Temperaturen erst auf Null und dann auf bis zu minus 30 Grad. Die „Grande Armée“ aß zuerst ihre Pferde, dann gelegentlich ihre Kameraden, bis sie sich zum Sterben in den Schnee legte. Nichtsdestotrotz verfügte Napoleon auch zu diesem Zeitpunkt noch über kampffähige Einheiten, wenngleich aus der Kavallerie mittlerweile Infanterie geworden war, da es keine Pferde mehr gab.
Hinzu kam: Die „Grand Armee“ des Korsen bestand nicht nur aus einer einzigen Armee: Divisionen waren abkommandiert, die Depots in Smolensk und Wilna zu sichern, daneben standen – mehr wider- als freiwillig – österreichische Hilfstruppen im Süden und Preußen im Norden, die jedoch nicht ernsthaft an Napoleons Ostfeldzug interessiert waren und lediglich Flankensicherung ihrer eigenen Ländereien betrieben.
Napoleon musste auf dem Rückmarsch vorsichtig sein: Sein erstes Ziel war Smolensk, wo er die Reste seiner Trümmertruppe würde versorgen können. Allerdings war die kürzeste Route durch russische Truppen gefährdet. Außerdem hatte er den nach wie vor ungeschlagenen russischen Generalissimus Kutusow im Rücken, der zwar nicht sonderlich energisch oder sonderlich scharf darauf war, sich mit Napoleon nach den Schlachten von Austerlitz und Borodino erneut zu messen und sich damit begnügte, französische Nachzügler einzufangen, der aber durchaus allein durch die Masse seiner Truppen eine ernste Gefahr darstellte.
So marschierte die bunte Schar zurück über die trostlose Ebene der Schlacht von Borodino, auf der noch Tausende unbestatteter Leichen lagen, in Richtung Smolensk, das theoretisch durch starke Kräfte des französischen Marschalls Victor gesichert sein sollte. SOLLTE. Weitere Depots befanden sich außerdem im Norden der „Vormarsch-Rückmarsch“-Straße in Witebsk, gedeckt und bewacht durch das Armeekorps des Marschalls Saint-Cyr sowie in Minsk und Wilna. Theoretisch könnten also die Reste der „Grande Armée“ einigermaßen leidlich versorgt werden, wenn – ja wenn – diese Depots zum einen gefüllt und zum anderen in französischer Hand wären. Aber auch die Russen hatten mehr als nur eine Armee: Im Norden standen die Divisionen des russischen Generals Wittgenstein, im Süden die Truppen des waschechten Admirals Tschitschagow, der wiederum die Aufgabe hatte, die ohnehin lustlosen Österreicher von einer Vereinigung mit Napoleon abzuhalten.
Die Trümmer der „Grande Armée“ in der Mitte eines Dreiecks gefangen
Wittgenstein im Norden war couragiert genug gewesen, Saint-Cyr in der „zweiten Schlacht von Polotsk“ anzugreifen und nahezu aufzureiben, weswegen Victors Korps von Smolensk eilig nach Norden marschiert war, um den schwankenden Saint-Cyr und seinen zum Großteil bayerischen Truppen unter die Armee und Arme zu greifen. Er ließ nur schwache und regelrecht sieche Sicherungskräfte in Smolensk zurück. Aber ach – wenn es nicht läuft, läuft es nicht: Wittgenstein und seine Russen waren nicht zu besiegen und der geschlagene und verwundete Saint-Cyr zog sich gemeinsam mit Victor zurück, um sich mit Napoleons Hauptkontingent zu vereinen. Der „Siegespreis“ Wittgensteins war das knallvolle Depot in Witebsk.
Napoleon war, Kutusow eng an den Fersen, im aus der vorigen Eroberung brutal verwüsteten Smolensk eingetroffen, nur um dort so gut wie gar keine Vorräte zu finden. Smolensk war immer noch ein kokelnder Haufen niedergebrannter Holzhäuser und sollten jemals überhaupt Vorräte nach Smolensk gekommen sein, so waren diese nun weg. Tschitschagow im Süden hatte im Vorbeigehen das Depot in Minsk kassiert und begann nun, sich Richtung Norden zu begeben und sich damit mitten in den Rückzugsweg Napoleons zu stellen.
Damit waren die Trümmer der „Grande Armée“ in der Mitte eines Dreiecks, bestehend aus den Flüssen Dnjepr im Süden, der Düna im Norden und der Beresina im Westen gefangen. Und im Norden bedroht durch Wittgenstein, im Süden und Osten durch Kutusow und im Westen durch Tschitschagow. Es gab also nur einen Weg: Über die Beresina und das mitten hindurch durch die Truppen Tschitschagows, auf dem Papier wenigstens 60.000 Mann. Topographisch ist die Beresina ein blöder Fluss: Sehr sehr kurvig, mäandernd und ungefähr so sumpfig wie die Everglades Floridas. Sie konnte kaum durchschwommen oder durchwatet werden – und das bereits ganz ohne, dass ein Passant auch noch von Feinden beschossen wird. Es gab also relativ wenig Übergangsstellen. Aussichtsreich war die Brücke des ostwärts der Beresina liegenden Städtchens Borissow, das Victor besetzen ließ und dessen Korps die Aufgabe hatte, die Brücke zu sichern und zu halten. Zu Victors Pech wussten das auch die Russen und Tschitschagows Truppen schafften es, die Franzosen von der Sicherung der Brücke und dem Errichten eines Brückenkopfes bei Borissow abzuhalten.
Was also tun? Die Franzosen klärten vier Furten auf, an denen die Beresina seicht genug zum Überqueren war: Das etwas südlich von Borissow gelegene Ukuloda, nördlich von Borissow die Käffer Stachow, Weselowo und Studjanka. Napoleons bunter Zug hatte am 19. November die Stadt Orscha mit einem leidlich gefüllten Depot erreicht, wo er 36 funkelnagelneue Geschütze erhielt. Nun brauchte man aber Pferde, um Geschütze zu ziehen. Der Kaiser befahl, alle „überflüssigen Wagen“ zu verbrennen, um Pferde für die Artillerie zu bekommen und was an hübschen „Souvernirs“ der Offiziere noch übrig war, wurde gleich mit verbrannt. Dummerweise fackelten die Franzosen, da sie schon dabei waren, auch ihre Pontonbrücken ab, damit die Russen sie nicht bekämen. Und die sie leider kurz darauf so dringend brauchen sollten. Nicht sehr clever und es bleibt im Dunkeln der Geschichte, wessen „gute Idee“ das war. Leidlich versorgt mit etwas Munition machte sich die „Petite Armée“, wie sie nun wohl genannt werden konnte, auf in Richtung Beresina. Kutusow fand in Orscha nur noch rauchende Trümmer und abgefackelte Beutewagen der Franzosen und ihrer Verbündeten vor.
„Stau“ ist nur hinten doof, vorne gehts: Vorne war der Kaiser und wo der Kaiser war, gab es kampffähige Truppen. Hinten humpelten und schleppten sich die Frauen, die Verwundeten, die Erschöpften und Kranken durch den Schnee, der, surprisesurprise, jetzt etwas taute, da die Temperaturen wieder nach oben gingen. Was aus der „Straße“ nach Westen ein abgrundtiefes Matschfeld machte, in dem mehr als ein Mensch verschwand, das Ganze garniert mit den ewig den elenden Tross wie Fliegen umschwirrenden Kosaken, die lediglich mit Speeren und – man glaubt es kaum – Pfeil und Bogen ausgerüstet waren, die auch bei schlechtem Wetter schossen. Die Russen waren weiter verstreut als die Franzosen und so kam es, dass man im russischen Generalstab nicht genau wusste, wo sich die eigenen Truppen befanden. Man hatte grob eine Ahnung, wie das Gefechtsfeld aussehen konnte, aber genaue Informationen fehlten. Zumal sich Kutusow auch nicht sonderlich Mühe gab, den Franzosen eng auf den Fersen zu bleiben. Allerdings waren die Zustände seiner Armeen auch nicht sonderlich viel besser als bei den Franzosen, wenngleich die Moral seiner Truppen im „vaterländischen Krieg“ erheblich höher war.
Schließlich näherte sich Napoleon mit nunmehr noch 36.000 kampffähigen Soldaten Borissow, sehnlichst von den dort stationierten Franzosen Victors erwartet, die kurz zuvor von Tschitschagows Truppen aus der Stadt geworfen worden waren. Die wiederum waren auch „nur“ etwa 34.000 Mann stark, hatten aber nicht die Belastung eines riesigen Trosses hinter sich und räumten Borissow angesichts des Kaisers – nicht jedoch, ohne vorher die Brücke über die Beresina abgefackelt zu haben.
„Damm aus Leichen“
Bei den Franzosen wurde Kriegsrat gehalten: Die Furt bei Ukuloda war ein derart offensichtlicher Übergangspunkt, dass Napoleon eine „Scheinüberquerung“ befahl. Ein Detachement sollte dort die Vorbereitung für eine Flussüberquerung simulieren. Die Furt bei Stachow war zu nah an den Russen, schied also aus, die Furt bei Weselowo war zu tief, so blieb nur noch Studjanka, wo die Beresina aufgrund des Tauwetters allerdings auch auf etwa 1,50 Meter angestiegen war. Dort sollte die Überquerung stattfinden.
Allerdings sackten die Temperaturen jetzt, an diesem 24. November, auf etwa minus 30 Grad ab. Saublöd. Die Beresina fror trotzdem nicht ad hoc zu, Kutusow war nicht weit hinter Napoleon, Wittgenstein kam von Norden und Tschitschagow stand direkt in Front an der Beresina. Die ehemals „Grande Armée“ und ihre versammelten Korps waren wunderbar eingeklemmt und nur ein Wunder würde sie und ihren Kaiser retten können. Tschitschagow gab einen Fahndungsaufruf ähnlich denen der heutigen Berliner Polizei heraus: Napoleon sei ein kleiner, untersetzter Mann mit schwarzen Haaren und wer ihn fange, der würde eine große Belohnung bekommen. In den nächsten Tagen brachen schwere Zeiten für kleine untersetzte Männer mit schwarzen Haaren an, mit denen Tschitschagows Hauptquartier regelrecht überschwemmt wurde.
Und doch – es kam zu dem Wunder: Während sich französische Vorauskommandos nach Studjanka aufmachten, um die elenden Hütten dort zu demontieren, um Holz für eine Brücke zu bekommen, hatte Admiral Tschitschagow Napoleons Köder geschluckt und den größten Teil seiner Truppen bei dem von Studjanka etwa 25 Kilometer – oder gute 6 Marschstunden – entfernten Ukuloda postiert, in unfreudiger Erwartung des Feindes. Der 26. November brach an. Tschitschagow versuchte verzweifelt, mit Wittgenstein Fühlung aufzunehmen, die Franzosen hatten Studjanka mittlerweile in seine Einzelteile zerlegt und begannen in der Morgendämmerung mit dem Brückenbau. Es war bei der sprichwörtlichen Scheißkälte eine Arbeit aus dem siebten Kreis der Hölle und nur mit der Verzweiflung der Franzosen zu erklären, dass sich überhaupt Männer in das Eiswasser der Beresina begaben, um Brückenpfeiler zu bauen. Die Tapferen – und todgeweihten – Pioniere des Generals Eblé, die Holländer, die teilweise bis zu den Achseln in diesem arktischen Gewässer standen, leisteten schier Übermenschliches und über unsere heutige Vorstellungskraft Hinausgehendes. Niemand konnte länger als 15 Minuten in diesem Wasser stehen und wer einen Fehltritt tat oder erfror, war eben weg. Keine Rettung, kein Mitleid, keine Gnade. Die Brücken mussten fertig werden. Von den 400 holländischen Pionieren, die da im Wasser standen, kamen ziemlich exakt acht Mann wieder zu Hause an.
Napoleon hatte drei Brücken befohlen, aber dazu fehlte das Material und die Pontons, die eine Überquerung in zwei Stunden erlaubt hätten, hatte man ja in Orscha thermisch entsorgt. Doof. Hinterher weiß man es ja immer besser. Der Lohn aller Toten, Mühen und Anstrengungen waren eine Fußgängerbrücke, die aus Brettern zusammengenagelt war und eine Brücke aus massiven Bohlen für die Artillerie und die traurigen Reste der Kavallerie. Die „Fußgängerbrücke“ war gegen 13.00 Uhr fertig und die Infanterie, das zweite Korps des Generals Oudinot (das zwar angeschlagen, aber im Vergleich mit dem Rest der bunten Truppe immer noch frisch war), setzte auf die Westseite der Beresina über, um gegen eventuell auftauchende Russen Stellung zu beziehen. Gegen 16.00 Uhr, mit Einbruch der Dunkelheit, war auch die „schwerere Brücke“ aus Knüppeln und Baumstämmen fertig. Zuerst setzte die Artillerie Oudinots über und drückte durch ihr Gewicht die schwankende Brücke immer wieder unter Wasser – aber es gelang. Die ersten Geschütze waren drüben, französische Soldaten hinderten die Zivilisten daran, ebenfalls auf die Brücken zu gehen. Oudinots Artillerie folgten die ersten Soldaten der kaiserlichen Garde. Bis die Brücke um acht Uhr abends zum ersten Mal brach. Und hastig wieder in Stand gesetzt wurde.
Mittlerweile hatte auch Admiral Tschitschagow mitbekommen, dass er an der falschen Stelle herumgestanden hatte und hastete heran, ohne Nachricht von Wittgenstein oder dem vor sich hin gammelnden Kutusow über deren Standorte zu haben. Die Chance, Napoleon zwischen Tschitschagow, Wittgenstein und Kutusow in die Zange zu nehmen und endgültig zu vernichten, war vertan! Mitten in der Nacht, um zwei Uhr, brach die Artilleriebrücke ein zweites Mal. Die noch nicht erfrorenen oder ersoffenen Pioniere mussten wieder ins Wasser, weg von den Lagerfeuern der restlichen angezündeten Wägen und Karren. Im Fackelschein wurde repariert, was repariert werden konnte. Und sie schafften es erneut. Am Morgen des 27. November stand die Brücke wieder leidlich.
Gegen Mittag setzte Napoleon mit seiner Garde über. Und jetzt brach Panik auf der Ostseite der Beresina aus. In der Nähe der intakten Truppen des Kaisers war es einigermaßen sicher. Ohne Soldaten jedoch waren vor allem die Zivilisten den nachrückenden Russen hilflos ausgeliefert! Die Menschen rannten auf die Brücken, drängelten, drängten und quetschten, wer ins Wasser fiel, war so gut wie tot. Es müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben: Mütter, die ihre Kinder in die Beresina oder Soldaten zuwarfen, Menschen, die von Fuhrwerken zerquetscht wurden, Menschen, die niedergetrampelt wurden, jeder rannte nur noch rücksichtslos um sein bisschen Leben. Und dann brach die Hauptbrücke gegen 16.00 wieder zusammen. Die Masse der Flüchtenden drückte von hinten. Alles, was sich schon auf der Brücke befand, stürzte in die eisigen Fluten. Tatsächlich gab es jetzt derart viele Tote, dass sie das Wasser stauten, aber auch eine Art „Damm aus Leichen“ schufen, über den ein paar Wagemutige oder Verzweifelte Bretter legten, um über den Fluss zu kommen.
„Die Gesundheit Seiner Majestät ist niemals besser gewesen“
Tschitschagow war am 28. November endlich herangekommen und nahm den Kampf gegen Oudinots Sicherungstruppen auf, unter denen kaum noch ein Franzose zu finden war. Hier waren es vor allem Schweizer, die Angriff um Angriff der Russen abwehrten, bis ihnen die Munition ausging und sie die Situation mit dem blanken Bajonett zu bereinigen suchten. Von den 1.300 Schweizer Soldaten traten nach Beendigung der Kampfhandlungen noch 300 Mann an, von denen rund 100 verwundet waren. Gegen 10.00 Uhr morgens tauchten auf der Ostseite der Beresina nun auch die Russen Wittgensteins auf und beschossen die Brücken und die panischen Zivilisten mit Kartätschen aus ihrer leichten Feldartillerie. Aufopferungsvoll leisteten die 4.500 Polen, Badener, Hessen und Berger der Nachhut General Victors Widerstand gegen eine fünf Mal so große Übermacht und stemmten sich gegen einen russischen Durchbruch, konnten den Beschuss der Brücken jedoch nicht verhindern. Es war die Hölle. Carl von Clausewitz, der preußische General und Heeresreformer, der auf russischer Seite anwesend war, beschrieb die Szenerie so: „Man sah Berge toter Leiber von Männern, Frauen und sogar Kindern, von Soldaten aller Nationen, erfroren, zerquetscht oder von russischen Kartätschen zerfetzt.“
Die letzten Soldaten Victors überquerten am Abend die Beresina auf den Leibern der Toten. Was jetzt noch am Ostufer der Beresina war, hatte einfach Pech gehabt. Die Franzosen zündeten am Morgen des 29. November die kärglichen Reste der beiden Brücken an, wer jetzt noch schnell über den Fluss wollte, hatte die Wahl zwischen Verbrennen, Erfrieren, Ersaufen oder Erschossen werden. Die Russen Wittgensteins nahmen Studjanka – oder vielmehr das, was davon noch übrig war – ein und machten mit den Verbliebenen kurzen Prozess. Und Kutusow? Der war weit hinter Studjanka zurückgeblieben und tat so, als ginge ihn das Gemetzel vorne an den Brücken nichts an. Die Hauptschuld an Napoleons Entkommen lastete er dem unglücklichen Admiral Tschitschagow an und ließ sich als Retter Russlands feiern – sehr zum Ärger des Zaren Alexander, der ihn seit Austerlitz nicht leiden konnte und ihm weniger weit traute, als er ein Klavier werfen konnte.
Von 70.000 Franzosen und „Franzosen“ hatten es etwa 40.000 über die Beresina geschafft. Der Rest lag tot auf oder unter dem Eis der zufrierenden Beresina, verhungerte oder erfror oder wurde von den allgegenwärtigen Kosaken niedergemacht. 40.000. Eine Kleinstadt. Und doch nichts im Vergleich zu der Anzahl der Toten, die dieser gesamte Feldzug gekostet hatte. Man sagt, noch Jahre später hätte es auf der Beresina flussabwärts drei kleine Inseln gegeben, die aus den Leichen und dem Militärschrott der an diesem Tag elendig verreckten Menschen geschaffen worden wären.
Der Feldzug war vorüber, aber das Leiden derer, die diese Katastrophe überlebt hatten, noch lange nicht. 30.000 Skelette schleppten sich bei eiskalten Temperaturen durch die russische Ödnis. Wer den Zug verließ, riskierte, von den allgegenwärtigen Kosaken oder zornigen Bauern erschlagen zu werden. Eine Spur aus Toten und Material hinter sich herschleppend, erreichte der lebende Leichenzug Anfang Dezember schließlich Wilna und seine notdürftig gefüllten Depots. Dreitausend – 3 Tausend von einstmals knapp 400.000 – kampffähige Männer konnte Marschall Ney, der das Kommando des verwundeten Oudinots übernommen hatte, am 5. Dezember 1812 noch antreten lassen. Es war vorbei. Game over. Napoleon verließ seine „Morte Armee“ eilig in Richtung Paris, als es dort nach Gerüchten, er sei umgekommen, einen Putschversuch gegeben hatte. Der kümmerliche Rest musste sehen, wie er zurück nach Deutschland, nach Frankreich und nach sonst wohin kam. Ende Dezember und bis weit in das Jahr 1813 hinein schleppten sich die an Leib und Seele verwundeten letzten Geister durch das ostpreußische Grenzgebiet, tatsächlich mitleidig behandelt von ihren ehemaligen Feinden, jetzigen Verbündeten und wieder zukünftigen Feinden, der preußischen Zivilbevölkerung
Man erzählt sich, es sei um die Weihnachtszeit 1812 gewesen, als sich eine stinkende, verlumpte, verlauste und verwahrloste Gestalt in das Offizierskasino der kleinen Garnison von Gumbinnen in Ostpreußen schleppte. Auf die Frage, wer er sei und was er hier wolle, antwortete das Gespenst: „Erkennt Ihr mich nicht? Ich habe das letzte Geschütz vernagelt und das letzte Gewehr in den Njemen geworfen. Ich bin die Nachhut der Grande Armee. Ich bin der Marschall Ney.“ Falls es überhaupt einen Trost für die Franzosen in dieser traurigen Geschichte mit Hunderttausenden Tote hüben wie drüben gab, so war es der Schlusssatz des 29. Bulletins der ehemals „Grande Armée“, in der Napoleon erklärte, er sei durch den russischen Winter besiegt worden: „La santé de Sa Majesté n’a jamais été meilleure.“ „Die Gesundheit Seiner Majestät ist niemals besser gewesen.“ Na Hurra. Vive l´Empereur.
Beitragsbild: Peter von Hess - Hermitage Amsterdam, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

In München steht auf dem Carolinenplatz ein Obelis aus dem Material von Geschützen, die die wenigen Bayern, die von dem Rußland-Abenteuer lebendig heimgekehrt waren, mitgebracht wurden. 30.000 Opfer sollen in Rußland „geblieben“ sein. Im übrigen dürfte es der historischen Bewertung nicht gleichgültig sein, daß nicht Kutusow, den Tolstoj zum Helden stilisiert hat, sondern der (balten-)deutsche General Barclay de Tolly war. dessen strategisches Geschick und die dazugehörenden taktischen Fähigeiten Napoleons Niederlage entschieden hat.
Im Winter 1812 war es auch für russische Verhältnisse im Westen außergewöhnlich kalt, wie übrigens ja auch im Winter 1941/42.
Zufälle gibt’s.
Auch Laguipière, Napoleons Koch, erfror in seiner Kutsche in Russland. Rührendes Nachwort von Carême in Le cuisinier parisien: Tu suivi ton roi en Russie; mais hélas ! Par une fatalité trop déplorable dans nos fastes militaires, tu as péri misérablement, les pieds et les mains gelés par l’affreux climat du Nord. … Arrivé à Wilna, ton prince généreux prodigua l’or pour te sauver, et ton corps expirant ne pouvait plus recevoir de nourriture.
O mon maître ! …(1) Dans cette affreuse campagne de 1812, nous avons perdu un grand nombre der cuisiniers, appartenant aux maréchaux de France et aux ministres de Napoléon. Sur vingt hommes qui composaient le personnel de la maison du duc de Narbonne, deux seulement ont échappé à cette terrible catastrophe.
Eine eindrucksvolle Grafik zu diesem Feldzug hat Charles Joseph Minard erstellt, sie ist unter seinem Namen in Wikipedia zu finden. Der Übergang über die Beresina ist auf der unteren schwarzen Linie etwas links von der Mitte.
In Metz steht ein Denkmal für Marschall Ney, übrigens in Saarlouis geboren wie General von Lettow-Vorbeck, meine Wenigkeit und meine Söhne. Das Denkmal zeigt ihn neben dem zerbrochenen Rad einer Kanone mit der Muskete in der Hand, Patronentasche umgehängt und Mantel zurückgeschlagen, wie er als letzter Mann, rückwärts gehend, die Brücke über die Memel überschritt. Mit seiner zusammengewürfelten Nachhut sprach er Deutsch. An der Beresina waren es die Reste der Badischen Husaren und der Hessisch-Darmstädter Cheveaulegers, die in einer Todesattacke den Überresten der einstmals Großen Armee noch einmal Luft verschafften. Der Cousin meines Vaters ist als Legionär 1943 in Indochina gefallen. „Wer weiß, ob jener Unbekannte, der unter dem gewaltgen Bogen ruht, den Waffenruhm vergangner Zeiten mehrend, kein Fremdling ist, zu Frankreichs Sohn geworden durch das vergossne Blut und nicht durch das ererbte.“ So heißt es in dem Gedicht. Non merci!!!!
Danke für den großartigen Artikel; und aufklärerischen dazu. Nach meinem bisherigen Kenntnusstand war Kutusow DER Held der Schlacht, wenn man das Gemetzel noch als Schlacht bezeichnen kann. Verständlicherweise hat Tschaikowski „seinem Russland“ mit seiner Ouvertüre zu „1812“ ein Denkmal gesetzt. Was allerdings unverständlich ist: Eigentlich hätten nachfolgende Generationen (oder „Feldherren“) aus dem Desaster dieses napoleonischen „Russlandfeldzuges“ Lehren ziehen können. Aber sogar nach Hitler und Millionen Toten auf beiden Seiten gibt es heutzutage wieder „GröFaZ“e, die glauben, Russland könnte im Handumdrehen besiegt werden. Wann hört Dummheit auf und fängt Wahnsinn an?!
Der ganze Wahnsinnsfeldzug, einschließlich dieser Endträgodie, ist ausführlich von Adam Zamoyski in „1812“ beschrieben. Wie heute bei Putis Krieg erschrickt man über die Gleigültigkeit der politischen Führer gegenüber dem menschlichen Leben.
Spannend, und ein weiteres, eindrucksvolles und deprimierendes Beispiel dafür, wie sinnlos Kriege sind, die von kriegsgeilen Eliten angezettelt und durchgeführt wurden. Leider hat offensichtlich niemand daraus gelernt, sonst würde Deutschland heute keine Waffen und Geld für den „Stellvertreterkrieg“ an die Ukraine liefern.