Gastautor / 09.03.2008 / 19:45 / 0 / Seite ausdrucken

Thea Dorn: Lasst Kunstblut fließen!

Ein Kopf fliegt durch die Luft. Rückenmark spritzt aus Wirbelknochen. Ein Geschoss durchbohrt weiße Zähne, schneidet eine Zungenwurzel ab und tritt im Nacken wieder aus.
Nein, diese Szenen finden sich nicht in meinem neusten Roman. Auch nicht im letzten Kettensägenmassaker, dass die Pixelmeister in Hollywood angerichtet haben. Sondern in der Ilias. Jenem Werk, mit dem das abendländische Erzählen seinen Anfang nahm.
Standen auch damals, als Homer über die Marktplätze zog, um sein Epos vorzutragen – gehen wir für den Moment einmal davon aus, dass der blinde Dichter tatsächlich der erste Lesereisende unserer Kultur war – standen auch damals schon die Zartbesaiteten auf, um ihn zu fragen, warum er sie mit solch einem gewalttätigen Werk belästigen müsse? Mute einem die Wirklichkeit nicht schon genügend Grausamkeiten zu?…

Die Überlieferung schweigt zu diesem Punkt, dennoch dürfen wir annehmen, dass die am Jugendschutz orientierte Empfindlichkeit in Sachen Kunst kein Kind der Früh-, sondern der Spätzivilisation ist. Zwar wollte der mächtigste Kopf der griechischen Antike, Platon, die Künstler aus seinem (totalitären) Staat allesamt hinausgeworfen sehen. Der zweitmächtigste (und deutlich ruhigere) Kopf, Aristoteles, erkannte jedoch, dass gerade die Kunst, die den Zuschauer „Schaudererregendem“ und „Jammervollem“ aussetzt, eine hohe zivilisatorische Funktion übernimmt. „Kathartisch“ wird die Kunst, wenn sie dem Menschen einen Raum öffnet, in dem er all die düsteren, extremen Affekte ungestraft ausleben kann, die er im zivilisatorischen Alltag eindämmen und verdrängen muss.
Nun sind die Gutmeinenden und Nochbesserwissenden unserer Tage schnell dabei, die Katharsistheorie mit derselben Geste wegzuwischen, mit der man Aristoteles’ Behauptung, der Bison verteidige sich, indem er seinen Kot um sich schleudere, wegwischen mag. Ihr Credo: „Gewaltverherrlichende“ Kunst führe nicht dazu, den Menschen mit den Einschränkungen der Zivilisation zu versöhnen, sondern befördere im Gegenteil die allgemeine Verrohung.
Der Vater des deutschen Missverständnisses in Sachen Katharsis ist Lessing. Humanistisch macht er kurzerhand aus dem aristotelischen „Phobos“ (Schaudern, Schrecken) und „Eleos“ (Jammern, Klagen) sein sprichwörtlich gewordenes „Furcht und Mitleid“. Die kathartische Funktion von Kunst, die man schlicht als „Reinigung des Gefühlshaushalts“ oder Trieb- bzw. Aggressionsabfuhr beschreiben kann, wird zum Prozess, aus dem der Mensch geläutert und veredelt hervorzugehen habe. Also keine über die Bühne fliegenden Köpfe mehr, die Schrecken verbreiten und den Zuschauer vor Angst (oder Lust?!) schreien lassen, sondern die Schaubühne als eine moralische Waschanlage – zu der sie endgültig Schiller machen wollte – auf der das Schreckliche nur noch geduldet wird, wenn es den Zuschauer dazu bringt, mit den Gestalten, denen das Schreckliche widerfährt, mitzuleiden.
Gern mag man an dieser Stelle einwenden: Was haben Sie denn gegen Kunst, die dem Menschen bewusst macht, dass auch er ein leidendes, verletzliches Wesen ist? Die Antwort lautet: Nichts. Das Problem beginnt dort, wo der Kunst ausgeredet werden soll, dem Menschen bewusst zu machen, dass er ebenfalls ein leidzufügendes, verletzendes Wesen ist. Wer es begrüßt, wenn der Dichter/Filmemacher das Schweigen der Lämmer zu Gehör bringt, darf nicht verlangen, dass Hannibal Lecter schweigt.
Die Utopie hinter diesen Weichspülungen entspringt der christlich-humanistischen Hoffnung, der Mensch könne eines Tages doch noch zu jenem engelsgleichen Wesen erzogen werden, dem alles „Unmenschliche“ fremd geworden ist. Kein ungerechter Zorn mehr, wie Achilles ihn empfand; kein maßloser Hass mehr, wie er in Klytämnestra tobte; keine Mordlust mehr, wie Medea sie den schockierten Zuschauern entgegen schreit. Betrachten wir die Geschichte des Abendlands – die wir trotz aller Rückfälle in die Barbarei als eine fortschreitende Zivilisationsgeschichte lesen sollten – müssen wir zu der nüchternen Erkenntnis kommen: Wir werden den Dreck nicht los. Da können wir noch so viele Pestalozzikindergärten und Waldorfschulen gründen, noch so viele „Nimm-Rücksicht-Nachbar!“-Kampagnen starten, noch so viele Therapeuten und Sozialarbeiter ins Land schicken: Neid, Hass, Wut, voyeuristische, sadistische, destruktive Triebe werden Teil der menschlichen Psyche bleiben.
Nun sollte sich eine Gesellschaft jedoch davor hüten, den Zivilisationsgedanken mit dem christlich-humanistischen Bade auszukippen. Anders als manch französisch inspirierter Psychoanalytiker oder Kulturwissenschaftler meint, kann es auch kein Weg sein, diese Negativkräfte einfach zum Zivilisationsbestandteil zu erklären und damit den Verbrecher und den Mörder auf dieselbe Stufe zu stellen wie den Bierdosensammler, Höschenfetischisten oder sonstigen Schrullenpfleger. Eine Gesellschaft muss sich gegen diejenigen, die im wirklichen Leben Wut, Hass und Gewalt verbreiten, zur Wehr setzen. Alles andere bedeutet Kapitulation. Dieses „Sich-Zur-Wehr-Setzen“ schießt jedoch übers Ziel hinaus, wenn es glaubt, die Abgründe des Menschen zuschütten zu können, wie der Zahnarzt einen hohlen Zahn füllt.
„Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden“, stellte Kant vor mehr als zweihundert Jahren fest. Gerade das vergangene Jahrhundert zeigt, dass bislang jeder Versuch, es dennoch zu tun, im totalitären Desaster endet.
Was also tun, wenn die Gesellschaft einerseits feste, gerade Stützbalken braucht – und andererseits das Krumme nicht rücksichtslos gerade hobeln darf?
Eine Möglichkeit ist es, an jeder Straßenecke einen Sandsack aufzustellen, an dem sich das explodierende Gemüt abreagieren mag. Eckkneipen und Fußballstadien leisten ebenfalls wertvolle Dienste. Noch besser wäre es, wenn wir Abendländer uns darauf besinnen würden, dass die Kunst von Anbeginn an unser nobelstes Ventil war, um den Druck im Zivilisationskessel zu regulieren. Denn es macht einen Unterschied, ob die Wut auf ein rundes Stück Leder eintritt – oder auf dreigliedrigen Versfüßen daherkommt. Und mag der nostalgisch gestimmte Bildungsbürger auch seufzen, dass die schönen Tage, in denen sich die Wut noch daktylische Zügel angelegt hat, lange vorbei sind – selbst der schlichteste Gangsta Rapper hat in dem Moment, in dem er darüber nachdenken muss, ob er „Fotze“ lieber auf „Kotze“ oder „Rotze“ reimen soll, bereits den Königsweg der Sublimierung beschritten.
Natürlich ist die Frage berechtigt, ob es dem Rapper gelingt, seine Klientel auf diesen Königsweg mitzunehmen, oder ob sie seine Texte als reale Handlungsaufforderungen missversteht. Die Fähigkeit, Kunst ästhetisch wahrzunehmen, setzt ein Minimum an ästhetischer Bildung voraus – um die es allerdings auch beim vermeintlich bildungsnahen Publikum nicht immer zum Besten bestellt ist. Welcher Autor, der einen literarischen Text in der Ich-Form präsentiert, sah sich bei Lesungen noch nicht mit der Frage konfrontiert, ob er eigentlich „von sich selbst“ erzähle?
Selbstbewusste Kunst will ästhetisch wahrgenommen werden – in ihrem eigenen abgeschirmten Reich des „als ob“, in dem die Masken der Zivilisation fallen dürfen, weil die Masken der Kunst aufgesetzt wurden. Darin ist sie dem Karneval nicht unähnlich. Kunst, die ihr Reich verlässt, um in die Wirklichkeit hineinzuregieren, hat die Schwelle zur Pornografie überschritten.
Noch nie ist es der Kunst allein gelungen, das Abgleiten einer Gesellschaft in die Barbarei zu verhindern – allerdings stellt dies auch keine Forderung dar, sondern eine Überforderung. Die brachialen bis endzeitseligen Klänge von Liszt und Wagner mögen den kongenialen Soundtrack zu Stalingrad geboten haben – dennoch ist es hilfreich, sich hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass nicht sie versucht haben, die Welt in den Orkus zu stoßen, sondern einer, der als junger Mann keine blutberauschten Völkermordgemälde auf die Leinwand brachte, sondern süßlichen Landschaftskitsch.
Trotz aller gegenteiligen Hysterien sind die heutigen demokratischen Gesellschaften in ihrem Alltag mit so wenig physischer, elementarer Gewalt konfrontiert wie nie zuvor, und – um das abgedroschene Zitat zu bemühen – das ist auch gut so. Gerade deshalb dürfen wir nicht dem Trugschluss aufsitzen, wir hätten endlich im Grandhotel „Zum ewigen Frieden“ eingecheckt – das sich bei näherem Hinsehen allerdings als straff geführtes Landschulheim entlarvt.
Jede Zivilisation braucht Rituale, in denen sie dem Verdrängten, Ausgeschlossenen sein Recht einräumt. Den Menschen der Antike war klar, dass sie auch die unterirdischen Gottheiten zu fürchten und zu ehren hatten. Einer reifen, erwachsenen Gesellschaft muss der Blick auf das, was unter dem dünnen Lack der Zivilisation verborgen liegt, zugemutet werden können. Der Satz: „Es gibt so viel Schreckliches auf der Welt – da braucht doch nicht auch noch die Kunst von Schrecklichem zu handeln“, ist infantil. Der schwarze Mann verschwindet nicht, nur weil ich mir die Augen zuhalte. Im Gegenteil: Auf diese Weise kann er mich umso leichter schnappen.
Nach sechzig Jahren „Ruhe“ breitet sich im alten Europa (wieder einmal) ein schleichender Ennui aus, wird an der Zivilisation herumgemäkelt, weil sie den Menschen, allen voran den Mann, zum Haustier mache. Ergänzt wird dieser Ennui durch Anfeindungen von außen, durch „existentiellere“ Kulturen, die einen offensiven Gewalt- und Todeskult betreiben, und uns als groteskes Tierasyl verhöhnen, in dem kastrierte Kater sich vergeblich damit abmühen, läufige Hündinnen zu bespringen.
Angesichts dieser doppelten Bedrohung sollten sich die westlichen Regierungen fragen, ob es wirklich klug ist, die Wohlstandslümmel noch fester am Händchen zu packen, indem sie ihnen nicht einmal mehr zutrauen, eigenverantwortlich darüber zu entscheiden, ob sie lieber ein Restaurant aufsuchen, in dem geraucht wird, oder eins, in dem dies nicht der Fall ist.
Wenn uns unsere Zivilisation lieb ist, dürfen wir sie nicht weiter in einen Kindergarten verwandeln. Mit verängstigten, braven bis trotzigen Zöglingen lässt sich kein Staat machen. Sondern nur mit Bürgern, die um die Abgründe der Welt – und ihre eigenen – wissen. Dafür brauchen wir die Kunst. Schonungslos. Dreckig. Befreiend.

Erschienen in „Die Literarische Welt“ am 08. 03. 2008

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