Archi W. Bechlenberg / 17.01.2021 / 06:20 / Foto: Jorge Flores / 37 / Seite ausdrucken

The Oyster is my world (2)

Vor wenigen Tagen musste ich zum ersten Mal nach fast drei Wochen wieder außer Haus. Also die Austernschale verlassen. Leider unvermeidlich; das Katzenfutter war alle, und ich hatte bereits mit Kater Django eine ordentliche Portion Foie Gras teilen müssen. 

Es wurde ein kleines Abenteuer. Erst sprang das Auto nicht an, da die Alarmanlage inzwischen den Akku leer gesaugt hatte. Dank der besten Anschaffung des letzten Jahres, eine etwa zigarrenkistengroße mobile Starthilfe, die ich unter den kritischen Augen des Katers an der platten Batterie anschloss, war dieses Problem bald beseitigt, der Motor schnurrte. 

Auch tue ich mich mit allem schwer, da die rechte Hand weiterhin nicht brauchbar ist. Lenken, Schalten, Zündschlüssel drehen, Aussteigen, Maske nach dem Aussteigen aufsetzen...Zuletzt benahm ich mich im Laden derart tollpatschig... aber lassen wir das. Fürs Erste bin ich nun zurück in sicheren Gehäuse.

Autoquartett

Kennen Sie noch das Spiel Autoquartett? Zumindest wenn Sie ein alter weißer Mann sind, dürften Sie mit dem Begriff etwas anfangen können. Schulpausen ließen sich damit aktiv überbrücken, ebenso Unterrichtsstunden – einige komplette Kartensets fielen daher meinen Lehrern in die Hände. Nette Lehrer gaben die Spiele nach der Stunde zurück, andere kassierten sie ein, für immer oder zumindest bis zum Ende des Schuljahres.

Wer Autoquartett nicht kennt, kann die Regeln hier nachlesen. Das kuriose ist, dass Autoquartett nach ganz anderen Regeln gespielt wird, als nach den eigentlich vorgesehenen. Also so, als würden Sie „Mensch ärger dich nicht“ nach den Regeln von Mühle spielen. Ich fand vor einigen Jahren ein besonders schönes Exemplar auf dem Dachboden wieder, auf der Suche nach meinem Abiturzeugnis. Laut Deckel ist es von 1964. Darin findet man Kracher wie den Lotus Elite, den Porsche Super 90, den Mercedes 300 SL oder den Aston Martin DB4, allerdings auch Gurken wie den Skoda Felicia oder den Glas 1004 – Gurken, weil sie beim Spielen mit ihren doch eher bescheidenen technischen Werten nur schwer einen Maserati 3500 GT oder einen Ford Thunderbird (6400 cm³ Hubraum) übertrumpfen konnten. 

Mit Freund Joshi ließ ich das alte Spielprinzip jetzt wieder aufleben, in Form des Lockdown-Quartetts. Dank der Tatsache, dass wir in einem Dreiländereck wohnen, welches sich bei genauerer Betrachtung in ein Vielländereck um Provinzen, Bundesländern und Exklaven erweitern lässt, jonglieren wir mit einer inzwischen nicht mehr zu überschauenden Vielfalt an Lockdown-Vorschriften. Joshi kommt gerne alle paar Tage zu Besuch, was er als grenznaher Bewohner darf, allerdings nur innerhalb eines bestimmten Radius und innerhalb von max. 24 Stunden. An der Grenze macht er zur Vorsicht bei der Einreise und Ausreise ein mit Datum versehenes Selfie, um notfalls nachweisen zu können, dass er … „Vergiss es, Joshi, der Staat braucht jeden Cent.“ Und 750 Euro abgreifen oder nicht, das macht schon einen Unterschied. Oder sind es 500? 25.000? Gehe in das Gefängnis. Begib dich sofort dort hin. Ziehe nicht 4000 Mark ein,

Die Daten für das Lockdown-Quartett – analog zu Hubraum, Höchstgeschwindigkeit und Zylinder bei den Autos – sind gar nicht einfach auszubaldowern. Wenn ich ein Wallone bin, älter als 12 Jahre, aber jünger als 88, nicht in Wallonien, sondern in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens wohne, einen asthmakranken Opa mit Attest zur Maskenbefreiung in NRW wohnen habe und mit diesem dessen Bruder im südlimburgischen Maastricht besuchen will, um wie viel Uhr muss ich dann wieder zu Hause sein, um nicht gegen ein halbes Dutzend verschiedener Ausgangssperrenzeiten zu verstoßen? 18? 20? 22? Passe!

Und wenn ich so tiptop frisiert bin wie Regierungssprecher Seibert durchs Land cruise, muss ich dann zum Beispiel bei der Durchquerung Flanderns auf dem Weg nach Brüssel zwischen 22 Uhr und 6 Uhr der Polizei nachweisen, dass ich mein Haupthaar selber so präzise zu bändigen verstanden habe? Und wie komme ich die ersten 40 km durch die Wallonie? Überhaupt nicht?

So richtig Quartett gespielt haben wir bisher nicht, zu viele Fragen sind offen. Wenn für Joshi als Deutscher in Deutschland wohnend in Deutschland ein Bewegungsradius von 15 km erlaubt ist, kann er zwar gerade so bis Würselen kommen. Aber was wollte er dort? Würselen, bekannt für Martin Schulz und die als Rentnertreffs geschätzten Möbelhäuser, hat derzeit gar nichts zu bieten. Die Möbelhaus-Restaurants sind ebenso geschlossen wie die Möbelhäuser und wie das nasse Paradies Aquana, Schulzens politisches Gesellenstück. Auch die gemütlichen Eckkneipen und Trinkhallen, in denen Schulz früher so manchen Deckel machte, sind dicht, etliche vermutlich für immer.

Und was ist mit mir, darf ich wenigstens nach Würselen, als nicht in Deutschland wohnender Nichtdeutscher? Und falls doch, wo muss ich den Mittelpunkt meines Radius festlegen? An der Grenze? Auf dem Schreibtisch, an dem ich gerade sitze? Und gelten auch für mich die Abmachungen, die das deutschsprachige Ostbelgien mit NRW und RLP getroffen hat, wo ich doch im französischsprachigen Teil lebe, nur ein paar Kilometer  übrigens entfernt von Flandern, mit dem die Niederlande eine eigene Vereinbarung getroffen hat. Oder hatte? Ach, ich bleibe einfach im Haus und arbeite virtuell mit Joshi an einer wirklich spielbaren Version des Lockdown-Quartetts unter besonderer Berücksichtigung der täglich neuen Mutationen.

Superwahljahr 2021

„Der Wähler steht vor der Klemme, dass er zur freien Entscheidung eingeladen wird durch eine Macht, die sich ihrerseits nicht an die Spielregeln zu halten gedenkt. Es ist die gleiche Macht, die ihm Eide abfordert, während sie selbst von Eidbrüchen lebt. Er leistet also einen guten Einsatz bei  einer betrügerischen Bank.“ ((Ernst Jünger, Der Waldgang, Kapitel 6, 1950)

Mit Diktatoren spielen

Übrigens: es gibt dieses Quartett-Spielprinzip nicht nur mit Autos. So existiert ein hübsches MARIENERSCHEINUNGEN-Quartett („Die glanzvollsten Auftritte der heiligen Jungfrau auf 32 Spielkarten“), ein JUNKFOOD-Quartett („Die fett- und zuckerreichsten Kalorienbomben

auf 32 Spielkarten“) und ein RAUSCHGIFT-Quartett („Die einschlägigsten Substanzen aus Flora und Pharma auf 32 Spielkarten“). Das vielleicht bekannteste Quartett neuerer Prägung ist das TYRANNEN-Quartett, und ich finde, es wäre Zeit für eine aktualisierte neue Version; wenn es nicht mehr als 32 Karten sein dürfen, könnte man ja ein paar Laumänner wie Gaddafi, Castro und Kim Jong-il zugunsten neuer Erscheinungen wegfallen lassen. Oder man behält die bisher erschienenen Versionen und ergänzt sie um eine 100% German Edition. 32 Karten bekommt man locker zusammen.

Der Staat braucht dich!

Vor einigen Tagen sah ich eine interessante Dokumentation über Hitlers Gestapo. Ich lernte dabei, dass die eigentliche Gestapo, also die für den Laden amtlich Tätigen, eine personell eher kleine Behörde war. Gespeist wurde ihr verbrecherisches Tun hauptsächlich durch die Denunziation braver, gesetzestreuer Mitbürger. Die damals wie heute natürlich vollkommen davon überzeugt waren bzw. sind, dass sie das Wahre, Gute, Richtige tun.

Besonders beeindruckt hat mich eine Geschichte aus Köln. Da war eine Einwohnerin zutiefst betroffen von dem Gedanken, ihr vermisster Mann könne als Soldat gefallen sein. Nun hatte ihre Nachbarin in einem englischen Radiosender, den sie heimlich verfolgte und der die Namen von deutschen Kriegsgefangenen verlas, gehört, dass der Mann lebte, und sie eilte freudig zur Nachbarin, um ihr den Kummer zu nehmen. Am folgenden Tag wurde sie verhaftet. Die Nachbarin hatte sie wegen des Hörens von Feindsendern bei der Gestapo gemeldet.

Alles rechte Propaganda!

Ich sage mal so: Es ist vollkommen abwegig, die aktuellen Zustände mit denen in Diktaturen gleich zu setzen. Wenn Sie im besten Deutschland, das wir jemals hatten, morgens um 5 abgeholt werden, können Sie nach der Impfung spätestens zum Mittagessen wieder zuhause sein.

Rowan Atkinson

NEIN, keine Panik! Das ist nicht einer meiner so beliebten Nachrufe. Der britische Mime (Gott: „Wie viele Gesichtsmuskeln möchtest du haben?“ Rowan: „Ja!“) ist vor ein paar Tagen 66 Jahre geworden. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch seine Figur des Mr. Bean bekannt und beliebt; kein Wunder, da Bean weitgehend ohne Sprache auskommt, die Figur lebt aus ihrer Mimik und Gestik. Sprechen kann er aber auch, hier sieht man Rowan Atkinson als der Teufel („Diebe und Wegelagerer auf diese Seite! Und die Rechtsanwälte hinzu.“)   

Dass die von ihm in der gleichnamigen Serie dargestellte, gewitztere Figur des „Blackadder“ außerhalb Albions nur Atkinson-Nerds bekannt ist, liegt an ihren ausgefeilten Dialogen und den allenthalben vorhandenen historischen Anspielungen. Da muss man schon recht firm im Englischen sein und auch wissen, was Queen Elisabeth I. von Queen Elisabeth II. unterscheidet. Atkinson hat seit gut 40 Jahren immer irgendwo seine Figur im Spiel, wenn es um intelligente Comedy geht. Dass er zudem ein Liebhaber schneller, unkorrekter Autos ist, erhöht seine Sympathiewerte beträchtlich.

Rowan Atkinson fährt einen KIA.

2012 hielt Rowan Atkinson eine bedeutende Rede gegen die zunehmende Tendenz der Meinungsunterdrückung als Folge der Political Correctness. Ja, Sie lesen richtig. 2012! Da haben die meisten von uns vermutlich noch geschlafen. Zwei Kommentare unter dem Video will ich zitieren: „Er hat seine Karriere riskiert, um aufzustehen für das Recht ALLER Briten auf  Freie Rede “. Der andere Kommentator schreibt: „Wann wird Youtube das wohl als Hassrede löschen?“

Sofern Sie der englischen Sprache nicht ganz so mächtig sind, um der Rede zu folgen, können Sie sich Untertitel einstellen, sie beruhen auf automatische Übersetzung und sind nicht wirklich präzise, helfen aber ein wenig, um durch das Mitlesen die gesprochenen Worte besser zu verstehen. Wie auch immer: Nehmen Sie sich diese wertvollen neun Minuten Zeit und lauschen Sie

Von Helena nach Detroit

In der Auster kommt man auf seltsame Ideen. Zum Beispiel, wenn einen das virtuelle Fernweh packt. Ab und an sehe ich mir mit Google Street View interessante wie uninteressante Gegenden auf dieser Erde an. Letzte Woche rollte ich virtuell durch den US Bundesstaat Montana, der entgegen meiner früheren Vermutung bis auf ein eher kleines Gebiet im Westen völlig flach ist und wirklich langweilig aussieht. Andererseits: Welche Ruhe! Welches Paradies für einen, der keine Vorurteile kennt, sondern alle anderen Menschen gleichermaßen hasst!  In Montana leben auf einer Fläche größer als die BRD gerade mal etwas mehr als 1 Million Menschen. In Buchstaben: EINE Million. Die Hauptstadt Helena hat rund 28.000 Einwohner und somit 10.000 weniger als Würselen. Es mag an den dort (in Montana, nicht Würselen) lebenden Grizzliebären liegen, dass die Einwohnerzahl so gering ist, aber man kann sich ja von deren Territorien fernhalten. Australier gehen schließlich auch nicht gerade da ins Meer, wo es Haie... nein, schlechter Vergleich.

Ich weiß nicht, wie es kam: bei näheren Recherchen zu Montana (Immobilienpreise, Zuzugsbedingungen, Green Card, Wetter, Katzenfreundlichkeit, Gesundheitswesen) geriet ich völlig aus der Spur. Sie werden das kennen: eigentlich wollen Sie etwas über das Schulwesen in Kalifornien nachschlagen und landen dann bei Youtube Clips, in denen wohlgeratene junge Frauen zeigen, was sie bzw. ihre Sugardaddies sich unter „School Girl Dress“ vorstellen. 

Jedenfalls, ich geriet irgendwie aus der Kurve und somit nach Detroit. Eine Stadt, die ich verbinde mit den MC Five , mit dem Motown Label oder Lucky Thompson; kein Gangster, wie der Namen vermuten ließe, sondern ein brillanter Saxophonist

Lucky Thompson starb 2005, an Alzheimer erkrankt, obdachlos, verarmt und desorientiert und physisch nicht mehr in der Lage zu spielen, da er sein Gebiss verloren hatte. An sich und seine musikalische Karriere konnte er sich nicht mehr erinnern. Ich um so besser, Mitte der 1960er Jahre kaufte ich meine ersten Jazzplatten, darunter eine LP des Vibraphonisten Milt Jackson, auf der ein sensationelles Saxophon zu hören ist; hören Sie nur Luckys Einstieg in sein Solo (bei 2:18) sowie der später folgende Dialog mit Milt Jackson, insbesondere der Break ab 6:30, gehören für mich auch heute noch, nach Abertausenden gehörten Platten- und Liveaufnahmen, zum Coolsten, was der Jazz, vor allem Be- und Hardbop, jemals hervor gebracht haben. Nicht zuletzt auch dank der weiteren Mitwirkenden – während Hank Jones (p) und Wendell Marshall (b) eher dezent den Rhythmus regeln, spielt Kenny Clarke (unverkennbar ab dem ersten „Klook“) wie ich bis dahin noch nie einen Schlagzeuger gehört hatte.  

Obdachlos, verarmt und desorientiert und physisch zu nichts mehr in der Lage – das lässt sich auch über Detroit sagen. Ich hatte von dieser Stadt bisher wenig Ahnung, ich wusste, dass es sie gibt, dass sie mal die bedeutendste Automobil-Metropole der Welt war, dass sie einen wirtschaftlichen Niedergang erlebte und dass man sich dort am besten, egal um welche Uhrzeit, nicht auf der Straße blicken lassen sollte, und das nicht wegen eventueller Grizzliebären. 

Detroit ist etwa so groß wie die russische Autometropole Toljatti in der Oblast Samara am Mittellauf der Wolga, benannt nach einem früheren Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Italiens. Der Name Detroit hingegen hat französische Wurzeln, ein gewisser Antoine de la Mothe Cadillac (sic!) nannte die von ihm gegründete Niederlassung zwischen Eriesee und Lake St. Clair zu Beginn des 18. Jahrhunderts „Ville d’Etroit“, was, schlampig ausgesprochen, leicht nachvollziehbar zu „villll Detroit“ wurde. Heute stehen in Detroit gut 80.000 Häuser leer, die Konzentration von Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität ist recht beispiellos, zumindest für die westliche Welt. Dabei macht die Stadt auf den ersten Blick gar keinen schlechten Eindruck. Bis auf den Stadtkern besteht Detroit nämlich aus weitläufiger, kleinteiliger Bebauung, soll heißen: weitestgehend aus Einfamilienhäusern und Garagen und ab und zu Kirchen und Schnapsläden, mit viel Grün drumherum. Das hört sich gemütlich an und war es vermutlich auch mal. Allerdings nur auf den ersten Blick. Der Verfall gerät  schnell ins Blickfeld.

Für meine Trips durch Detroit per Google Street View habe ich das Männchen an beliebige Stellen abgesetzt, es sieht überall weitgehend gleich aus. Viel Grün, ziemlich bröckelige Straßen und eine vom Zustand her sehr heterogene Bebauung, denn Ruinen stehen unmittelbar neben noch bewohnten, manchmal sogar gepflegten Häusern. Verhältnis 90:10.

Nur einmal geriet ich in eine Straße, die zwar den anderen von der Bebauung her wie aufs Haar glich – nur, dass alle Häuser in einwandfreiem Zustand waren, ebenso die Gärten und Garagen, und es lag kein Müll herum. Die Fahrbahnen waren ohne Löcher, und die Autos waren keine Wracks, sondern in durchaus erfreulichem Zustand. Ich wunderte mich  und zoomte mich aus der Karte heraus, um zu sehen, in welchem Stadtteil ich mich befand. Oh, böse Falle! Ich hatte unbemerkt die Grenze überquert und war im kanadischen Windsor gelandet, gleich am anderen Ufer des Detroit River

2013 meldete Detroit Insolvenz an. 30 Prozent der Bewohner leben in Armut. 83 Prozent, der Detroiter sind  Afroamerikaner, die Kriminalitätsrate ist die höchste in den USA. Wozu nicht alleine die Straße beiträgt: Kwame Kilpatrick, Rechtsanwalt und schwarzer, demokratischer Bürgermeister von Detroit zwischen 2002 und 2008, sitzt momentan eine Gefängnisstrafe von 28 Jahren ab und kann frühestens in 17 Jahren vorzeitig entlassen werden, sofern er sich nicht daneben benimmt. Ein richtig schwerer Junge. Immerhin, er bekommt manchmal Besuch. 2015 schaute sein alter Kumpel Barack Obama vorbei. 

Durch Detroit bei Tag und Nacht

Ich sagte es eingangs, ich geriet beim Surfen durch Montana aus der Kurve und somit nach Detroit. Folgen Sie mir dorthin; virtuell natürlich. Real lieber nicht, obwohl man nach meinen Informationen leerstehende Häuser im Grünen für ungefähr 5000 Dollar erwerben kann. Man kann sie aber auch einfach so beziehen und nach einiger Zeit, wenn man vielleicht etwas netteres gefunden hat, abfackeln. So ist der Brauch. Persönlichen Anschluss wird man schnell finden; die Leute scheinen recht aufgeschlossen zu sein. Bei einem Spaziergang wird man schnell Kontakte knüpfen, ganz ohne eigenes Zutun. Und ob im Hellen oder Dunkeln macht keinen Unterschied.

(Einschub: Detroit verrottet nicht alleine. Baltimore, Cincinatti, Dallas, Atlanta, Chicago, Philadelphia... Die Liste lässt sich sehr sehr lange erweitern. Und wenn Sie noch ein wenig warten, müssen Sie, um vergleichbare Verhältnisse anzutreffen, Europa gar nicht mehr verlassen.) 

Fahrt durch Detroit 

At night in da hood 

Eastside of Detroit: Crack in da house

Detroit: The Late Night Show 

Detroit: Eingeborene im Lockdown (Englischkenntnisse nicht nötig) 

Silvester-Böller? Nein. Heavy gunfire in Detroit 

Zurück ins (noch) Abendland

Ehe ich meine Austernschale wieder komplett zuklappe: Falls Sie bei Zeitmangel oder Interessenlosigkeit keinen der oben aufgelisteten Links anklicken möchten – tun Sie es wenigstens bei diesem. Gunnar Kaiser liest Sebastian Friebel „Wie soll es weitergehen?“. Unter diesem Link  können Sie den kompletten Text als PDF herunter laden.

Ernste Worte

„Die Grundfrage […] lautet, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Das ist weit wichtiger, als ihn zu bewaffnen oder mit Medikamenten zu versehen. Macht und Gesundheit sind beim Furchtlosen. Dagegen belagert die Furcht auch die bis an die Zähne Gerüsteten — ja gerade sie. Das gleiche lässt sich von jenem sagen, der im Überflüsse schwimmt. Mit Waffen, mit Schätzen bannt man die Bedrohung nicht. Das sind nur Hilfsmittel.“ (Ernst Jünger, Der Waldgang, Kapitel 14, 1950)

The World is my Oyster

The world is my oyster

Ha ha ha ha ha ha ha ha

Welcome To The Pleasuredome 

Die 1980er waren meine Jahre, damals war die ganze Welt meine Auster, und nicht nur meine. Es gab wenig davor und nicht mehr viel danach. Die Musik, die das Jahrzehnt, „where sex and horror are the new gods“, am besten charakterisiert, wurde bereits in der ersten Hälfte der 80er produziert.  „Welcome to the Pleasuredome“ heißt das Doppelalbum, auf der Hülle steht „Frankie goes to Hollywood“ und eingespielt wurde das Meisterwerk von Trevor Horn, der offiziell als Produzent fungierte, aber nur Frankie-Sänger Holly Johnson mit ins Studio nahm, da er der übrigen Band nicht zutraute, das musikalisch umzusetzen, was ihm vorschwebte. Trevor Horn (*1949) wird beschrieben als „der Mann, der die Achtziger erfand“ und hat vieles für die Ewigkeit produziert. The Art of Noise, Grace Jones, Propaganda, Genesis, Mike Oldfield, Paul McCartney, Robbie Williams, Rod Stewart, Simple Minds... die Liste geht noch lange weiter.

Holly Johnson ist es dann auch, der den auf Shakespeare (The Merry Wives Of Windsor“) anspielenden Satz „The world is my oyster“ am Anfang des Albums deklamiert. 

Falstaff: “I will not lend thee a penny”
Pistol: “Why then the world’s mine oyster, which I with sword will open.”

Klappe zu.

Foto: Jorge Flores CC0 via Wikimedia Commons

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Bechlenberg Archi W. / 17.01.2021

@ Nils Knospe: Der Begriff “modaler Jazz” ist schwer zu erklären. Mit Free Jazz hat er nur historisch zu tun, soll sagen, der modale Jazz kam zeitlich vor der Entwicklung Richtung Free, ist aber musikalisch wenig verwandt. Im Gegenteil typisch modale Stücke können auch von Nichtjazzfans gut verdaut werden. Die bekannteste Komposition ist Miles Davis’ “So What”. Ein anderer Klassiker ist “Little Sunflower” von Freddie Hubbard, hier eine Version mit “Till Brönner - Little Sunflower” (bei Youtube bitte suchen, da Links nicht gehen)

Manni Meier / 17.01.2021

@Frances Johnson “Wenn man Sie das erste Mal auf dem Photo sieht, kriegt man zunächst gar nicht mit, was Sie drauf haben.” :-))))

Bechlenberg Archi W. / 17.01.2021

Liebe Frau Johnson, eine Fahrt durch Atlanta finden Sie (alles bei Youtube) unter “ATLANTA’S WORST LOOKING / MOST DANGEROUS HOODS”, Dallas unter “DALLAS HIGHLAND HILLS HOOD / GANG MEMBER INTERVIEW” oder auch “DALLAS TEXAS WORST AREAS” +++ Liebe Frau Schulze, Blackadders Sidekick Baldrick ist unter all den anderen schrägen Figuren meine allerliebste, zum Beispiel hier: “Teaching an idiot basic maths” +++ Und liebe Frau Schönfelder, “a night in tunisia” ist einer der größten Klassiker des Jazz, Berühmt ist die Version mit Charlie Parker, in der Charlie nach dem wiederholten Thema einen Break vor den improvisierten Soli spielt, der als “The famous brake” in die Musikgeschichte eingegangen ist (“Charlie Parker - A Night in Tunisia featuring the Famous Alto Break, bei 1:17) Es gibt so viele Versionen, ich schätze, wenn Sie bei Youtube nur “A Night in Tunisia” eingeben, bekommen Sie Links für einige Stunden Musik geliefert. Meine Empfehlungen: “Art Blakey & The Jazz Messengers - A Night In Tunisia” mit dem explosiven Drummer und mit Lee Morgan an der Trompete - er wurde übrigens (s. Felix Pappalardi letzte Woche) auch von seiner Frau erschossen, und das sogar auf der Bühne! Oder die karibisch angehauchte Version mit Jon Faddis “A night in tunisia big band” . Und herausragend die Version mit Bud Powell “Bud Powell - A Night in Tunisia”. Bud Powell war eines der früh ausgebrannten Genies des Jazz, er wurde nur 42 Jahre alt und verbrachte Jahre in Psychiatrien und Krankenhäusern. Der Clip “Parisian Thoroughfare - Bud Powell” lässt erkennen, welches Genie in Powell aktiv war. +++ Ansonsten freue ich mich wieder einmal sehr, bei manchen Lesern alte Erinnerungen geweckt zu haben!

Wolfgang Nirada / 17.01.2021

Ich habe jede Zeile mit Freude gelesen…. Herzlichen Dank dafür… Ich hab mir mal eine Dokumentation über Seattle angesehen… Der Wahnsinn!! Dort würde ich gern mal ein paar Gutmenschlein aus dem Auto “schubsen”, winkend wegfahren und “Ihr schafft das” rufen… Ach jaaa…

Manni Meier / 17.01.2021

@Andreas Rühl “Gab es denn nicht auch die Möglichkeit, den niedrigeren Wert zu wählen und anzusagen?” Klar gab es diese Möglichkeit, ebenso wie das Quartett mit Schiffen oder Flugzeugen zu spielen. Galt aber beides gewöhnlicher Weise als Sakrileg. Und wie ich später beobachten konnte, entwickelten sich solche Häretiker der heiligen Autoquartett-Regeln auch in ihrem weiteren Werdegang sehr merkwürdig. In der Oberstufe spielten sie dann Halma statt Schach und Mau-Mau statt Skat und beim Sport schlugen sie immer Völkerball oder Fangen als Abschlussspiel vor.

Dipl.-Ing. Erwin Obermaier / 17.01.2021

Noch eine kleine Anmerkung Herr Bechlenberg: Die Detroit-Videos sollten sich mal vorrangig die Wolfsburger anschauen. So zur Einstimmung was kommt, wenn VW nur noch Elektroautos baut, wenn überhaupt noch was.

Belo Zibé / 17.01.2021

@Nils Knospe: Was für ein Album! Danke! Ich kannte es nicht. Es klingt tatsächlich sehr modal und erinnert an Maiden Voyage von Herbie Hancock.

Paul Siemons / 17.01.2021

Das Gemeine beim Autoquartett war, dass es verschiedene Kriterien gab, mit denen eine Karte eine andere schlagen konnte. Zum Beispiel die Nummerierung innerhalb eines Viererblocks. Die Karten waren zu jeweils vier vorsortiert. zum Beispiel vier Autos mit Hubraum bis 1000 cm3. vier Autos mit Hubraum bis 1500 cm3 usw. Sie spielten aber alle gegeneinander. So hatte zum Beispiel der NSU Sport Prinz zwar nur 583 cm3 Hubraum in zwei Zylindern und entsprechend flauen 30 PS zu bieten, was einen Ford Thunderbird mit acht Zylindern, 6400 cm3 Hubraum und 300 PS ganz und gar nicht beeindrucken konnte,  dafür hatte der NSU aber die Block Nr. 3, während der Thunderbird an vierter Stelle stand. Ein einigermaßen gewitzter Spieler gab also als seinen Wert nicht den Hubraum an, wenn seine Karte da wenig zu bieten hatte, sondern die laufende Nummer 3 und lag damit über der 4 des Thunderbird. Schön, sich daran erinnern zu können. Der Jaguar E war quasi die Schlossallee unter den Quartettkarten.

Frances Johnson / 17.01.2021

Ist schon Ostern? Schönes Überraschungsei. So viele schöne Links. Ich hab’s genossen. Sind Sie sicher, dass Atlanta dazu gehört? Dallas? Philly und Baltimore auf jeden Fall. Nach dem Exodus aus NYC und London muss man sich auch diese Frage stellen. Wenn man Sie das erste Mal auf dem Photo sieht, kriegt man zunächst gar nicht mit, was Sie drauf haben. Handchirurgen können das übrigens ambulant, Sie müssen nicht in die MRSE-Schleuder, heute eher Doppelschleuder. Grüße

Gabriele H. Schulze / 17.01.2021

Blackadder? Blackadder! In den Neunzigern konnte man noch über Kabel holländische und belgische Sender bekommen, woselbst ich diese Serie und z. B. auch “Keeping Up Appearances” kennenlernte. Blackadders sidekick Baldrick: “I have a cunning plan” ist bei mir ein winged word bzw geflügeltes Wort geworden. Alles Gute für die Hand!

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