Als ich 2021 anfing, über die 50 Jahre alt gewordenen Schallplatten zu schreiben, gaben die Neuerscheinungen des Jahres 1971 noch Stoff für zwei Plattenbesprechungen pro Monat her. Und selbst da hatte ich noch die Qual der Wahl. Schon bald aber trat ein paradoxes Missverhältnis zum Vorschein: Obwohl immer mehr neue Schallplatten und Künstler auf den Markt kamen, ging – zumindest für mein Dafürhalten – die Fülle an guter Musik zurück.
Schon ab dem Referenzjahr 1972 musste ich immer öfter auf jüngere oder ältere Jubilare zurückgreifen, weil im entsprechenden Monat vor 50 Jahren nichts Erwähnenswertes erschienen war. Und so geht es mir nun auch mit Blick auf den Februar 1976. Schauen wir jedoch nochmals zehn Jahre zurück in die ohnehin fruchtbarere Dekade der Sechzigerjahre, treffen wir auf das Debütalbum einer Gruppe, die wie keine andere für den sonnigen California Sound steht.
Und das, obwohl ihr bekanntester Song ein Winterlied ist. Die Rede ist von The Mamas & the Papas und ihrem Sunshine-Pop-Evergreen „California Dreamin'“. Darin geht es mitnichten um eine „Anneliese Braun“, wie so mancher zu verstehen glaubt, sondern um einen Spaziergang an einem kalten Wintertag, bei dem sich der Ich-Erzähler nach Kalifornien und dem warmen L.A. sehnt, während hier die Blätter braun und die Wolken grau sind.
Wo die Liebe hinfällt
„California Dreamin'“ wurde von John Phillips und seiner zweiten Ehefrau Michelle im besonders strengen Winter des Jahres 1963 geschrieben. In der St. Patrick's Cathedral in Midtown Manhattan hatten sie Schutz vor der Kälte gefunden, was Michelle zur zweiten Strophe des Songs inspirierte. Die Beiden hatten sich erst wenige Jahre zuvor bei einem Konzert von Phillips' Folk-Trio The Journeyman in San Francisco kennengelernt und Hals über Kopf ineinander verliebt.
Die bildhübsche Michelle war zu diesem Zeitpunkt erst sechzehn Jahre alt. John Phillips dagegen schon fünfundzwanzig, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Tja, wo die Liebe hinfällt ... Phillips verließ daraufhin seine Familie und zog mit Michelle nach New York City. Nach der Scheidung von seiner Frau gaben sich Phillips und die junge Michelle 1962 das Ja-Wort. Anfang 1964 kam es dann zur Trennung der Journeymen, denen übrigens auch der Sänger Scott McKenzie angehörte.
Ein paar Jahre später schrieb Phillips für McKenzie das wunderbare „San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)“, das 1967 zur Hymne der Hippie-Bewegung und des Summer of Love werden sollte. Aber zuvor gründete er mit Michelle, die sich als hervorragende Sängerin entpuppte, The New Journeymen. Schon bald konnten sie den kanadischen Folk-Sänger Denny Doherty gewinnen, der ihnen etwas später seine gute Freundin, die kräftige Sängerin Cass Elliot vorstellte.
Von New York nach L.A.
Bei einem gemeinsamen Trip auf die Jungferninseln beschlossen die Vier, fortan als Quartett zusammenzuarbeiten. Von Doherty hatte Phillips eine Beatles-Platte bekommen, mit dem Auftrag, Songs in dieser Art zu schreiben. Nachdem er sich auf LSD zwölf Stunden am Stück die Scheibe reingezogen hatte, war alles klar. Jetzt musste nur noch ein passender Bandname her. Jemand hatte gehört, dass die Hell's Angels ihre Frauen „Mama“ nannten ... Wie wär's dann also mit The Mamas & the Papas?!
Mitte der Sechzigerjahre begann sich das musikalische Zentrum der USA immer mehr von New York nach Kalifornien zu verlagern. Es zeichnete sich ab, dass die Zukunftsmusik von der Westküste kommen würde. Und so beschlossen auch die Mamas & Papas, sich gen Westen aufzumachen. Einen Auftrag hatten sie auch schon in der Tasche: Ein alter Bekannter aus der New Yorker Greenwich-Village-Szene hatte ihnen einen Studiojob als Backgroundchor in Los Angeles vermittelt.
Hierbei handelte es sich um den Folksänger Barry McGuire, der erst kurz zuvor mit dem Protestsong „Eve of Destruction“ überraschend einen Nummer-eins-Hit gelandet hatte. Er und sein Produzent Lou Adler suchten neue Songs für eine Nachfolgesingle sowie für McGuires Debütalbum. Phillips bot ihnen „California Dreamin'“ an, das sogleich mit McGuire im Leadgesang und den Mamas & Papas als Hintergrundchor aufgenommen wurde.
Der Traum von Kalifornien
Als Adler die Vier singen hörte, war er völlig geflasht und nahm sie kurzerhand unter Vertrag. Dabei soll er „I can't believe my eyes and ears“ ausgerufen haben, was später, in leicht abgewandelter Form, den Titel des ersten Albums der Mamas & Papas abgab. Nach der Aufnahmesession hatte Phillips geltend gemacht, eine eigene Version von „California Dreamin'“ herausbringen zu wollen. Es war ja schließlich auch sein Song.
Letztlich wurde entschieden, dass die Mamas & Papas „California Dreamin'“ selbst als Single veröffentlichen und McGuires Version lediglich als Albumtrack verwendet werden sollte. Die Mamas & Papas benutzten für ihre Version exakt dieselbe Aufnahme, außer dass Denny Doherty die Hauptstimme eine Oktave höher neu einsang und das ursprüngliche Mundharmonika-Solo durch eine jazzig angehauchte Querflöte ersetzt wurde.
„California Dreamin'“ erschien im November 1965. Im Januar 1966 erreichte die Single den vierten Platz der US-amerikanischen und den dritten der kanadischen Hitliste. Das Debütalbum der Mamas & Papas mit dem Titel „If You Can Believe Your Eyes and Ears“ folgte Ende Februar und schoss direkt an die Spitze der US-Charts. Die nächste Singleauskopplung „Monday, Monday“ sollte der größte Erfolg der Gruppe werden: Nummer eins in den USA, Kanada und Südafrika sowie vordere Chartplatzierungen rund um den Globus.
Licht und Schatten
Neben ihren beiden Megahits befinden sich auf „If You Can Believe Your Eyes and Ears“ mit „Straight Shooter“, „Somebody Groovy“, „Go Where You Wanna Go“ oder „The 'In' Crowd“ auch noch einige ihrer besten Lieder sowie ein paar Coverversionen, etwa von dem Ben E. King-Klassiker „Spanish Harlem“ oder dem eher unbekannten Beatles-Song „I Call Your Name“, die zu den gelungensten Interpretationen dieser Stücke zählen.
Ihr kometenhafter Aufstieg hatte die vier unbekannten Ex-Folkies innerhalb von weniger als einem halben Jahr zu weltberühmten Popstars werden lassen – mit allen Licht- und Schattenseiten. Insbesondere Amor schoss mit seinen Pfeilen wild zwischen den vier Bandmitgliedern umher. Michelle, die mit John verheiratet war, begann eine Affäre mit Denny, wodurch sich nicht nur ihr Ehemann verraten fühlte, sondern auch Mama Cass, die schon lange ein Auge auf Denny geworfen hatte.
Durch weitere Seitensprünge der freizügigen Michelle intensivierten sich die gruppeninternen Spannungen und führten 1966 zu ihrem Rauswurf. Jedoch mussten die Anderen schon bald einsehen, dass das Quartett nur in seiner ursprünglichen Form funktionierte, und holten die Verstoßene wieder zurück. Natürlich war nun nichts mehr wie zuvor. Und mit der Scheidung von John und Michelle im Jahr 1968 zerbrach schließlich auch die Band.
Mama Cass auf Solopfaden
In den knapp drei Jahren ihres Bestehens brachten die Mamas & Papas vier Alben heraus, die es alle in die US-Top-Ten schafften, zwei davon auf den ersten Platz. Zehn ihrer Songs konnten sich unter den ersten Dreißig der amerikanischen Single-Charts platzieren; sechs sogar unter den ersten Fünf. Ein idealer Ausgangspunkt, den Mama Cass für eine erfolgreiche Solokarriere zu nutzen wusste, die jedoch durch ihren frühen Tod im Sommer 1974 abrupt beendet wurde.
Während einer vielbeachteten Konzertreihe in London verstarb die 32-Jährige völlig unerwartet an einem Herzinfarkt (und erstickte nicht, wie die Gerüchteküche vermeldete, an einem Schinken-Sandwich). Zuvor erschien aber noch ein fünftes Studioalbum der Mamas & Papas, das sie ihrer Plattenfirma noch schuldig geblieben waren. „People Like Us“ von 1971 steht zu Unrecht im Schatten ihrer anderen Alben und enthält einige ihrer besten Songs.
Bereits 1970 hatte auch John Phillips ein Soloalbum vorgelegt. Mitte der Siebzigerjahre komponierte er die Musik zu dem Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ mit David Bowie in der Hauptrolle. In der Folgezeit nahm seine Drogensucht immer mehr überhand, von der ihn erst eine Haftstrafe erlöste, wie er selbst einmal einräumte. 1982 gründete er mit Denny Doherty, seiner Tochter Mackenzie und der Folk-Sängerin Elaine „Spanky“ McFarlane The New Mamas & the Papas; allerdings ohne größere Wellen zu schlagen.
Erste gemischtgeschlechtliche Nummer-eins-Popgruppe
Anlässlich ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 1998 sangen die drei verbliebenen Originalmitglieder der Mamas & Papas noch einmal ihr „California Dreamin'“. Papa John starb 2001 im Alter von 65 Jahren an einem Herzversagen. Papa Denny produzierte in den Achtziger Jahren ein Musical über die Bandgeschichte namens „Dream a Little Dream“. Nachdem er in den Neunzigern bei einer kanadischen Kinder-TV-Serie mitgewirkt hatte, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Anfang 2007 erlag er einem Aortenaneurysma. Er wurde 66 Jahre alt.
Und was wurde aus der reizenden Mama Michelle? Sie ging zum Film und verdrehte halb Hollywood den Kopf. 1970 war sie ganze acht Tage lang mit Dennis Hopper verheiratet. Daraufhin sah man sie an der Seite von Jack Nicholson und Warren Beatty. Im Laufe ihrer Schauspielkarriere wirkte sie in zahlreichen Filmen und TV-Serien mit, darunter Raumschiff Enterprise, Beverly Hills 90210 oder Chaos City. 1977 erschien ihr einziges Soloalbum unter dem aufschlussreichen Titel „Victim of Romance“.
Damit ist die heute einundachtzigjährige Michelle Phillips das letzte noch verbliebene Gründungsmitglied der Mamas & Papas, mit denen sie in den 60er Jahren, als erste gemischtgeschlechtliche Popgruppe, einen Nummer-eins-Hit gelandet hatte. Die Musik und das Image der Mamas & Papas stehen bis heute für den Sunshine Pop der Flower-Power-Ära und lieferten die Blaupause für nachfolgende Soft-Rock-Acts wie die Carpenters, die späteren Fleetwood Mac oder ABBA.
Beitragsbild: ABC Television - eBayfrontback, Public Domain, via Wikimedia Commons

Mein liebstes Lied von den M.& P. ist „Dream a little dream of me.“ Stimme ich ab & an selbst gerne an, natürlich eine Oktave tiefer. Bei dieser Kapelle zeigt sich wieder mal, Company Fuck – Bad Luck.
Ja, die wunderbaren Mamas und Papas! Sie entführen uns aus dem kalten, grauen und winterlichen NY in das deutlich wärmere und angenehmere LA. Es ist eine optimistische Hymne der „Flower-Power-Bewegung“ der 1960er Jahre. Unmittelbar darauf folgte der John Phillips Song „San Francisco“, den Scott McKenzie zum Welthit sang. Sonnendurchflutete Lieder voller Zuversicht und Zukunftshoffnung, die mich als damlas 16-, 17jährigen aufblühen ließen. Das Flõtensolo in der Mitte des Songs klingt sehr „mozartisch“ … na ja.
Ich versenke mich heute noch oftmals in diese Popmusik und schwelge in diesen Klängen und Gesängen.
Die Mamas und Papas gehören für mich zu den ganz Großen der Popmusik der 1960er Jahre wie die Beatles, Beach Boys, Byrds.
Live from Hat Tung Wua Laen Strand am Golf von Siam
30 Grad, blauer Himmel, Sonnenschein, leichter auflandiger Wind, baden bis der Arzt kommt …
Grüße ins kalte Dunkeldeutschland
Und , mit Verlaub , Jennifer Warnes „ Let the Sunshine in “,
– später am definitiven Ende der Hippie – Ära , mit Joe Cocker die Musik zu einem großen Film „ Up where we belong “ . Aber das nur am Rand . Also „ no offense “ !!!
Gern gebe ich selbst, wenn auch mit stimmlichen Mühen, „Dream a little dream“ auf der Ukulele zum Besten. Ich würde auch Aktuelles, heutiges Songmaterial verwursten, bin aber wahrscheinlich musiktheoretisch zu ungebildet. Ich komm da nicht ran. Es fehlt mir die „Hook line“. Mir scheint das alles so austauschbar wie die jüngeren CDU- MInisterpräsidenten. Glatt, cool, effizient und daher: Völlig uninteressant.