Hans Scheuerlein, Gastautor / 28.08.2021 / 14:00 / Foto: Unknown / 7 / Seite ausdrucken

The Beach Boys: 50 Jahre „Surf’s Up“

Vor 50 Jahren erschien „Surf's Up“, wohl eines der besten und ausgereiftesten Alben der Beach Boys – mit einem Titelsong, der eigentlich als zentrales Stück für das „Smile“-Projekt vorgesehen war.

Es hätte das größte Album der Goldenen Sechziger werden können. Größer noch als „Sgt. Pepper“ von den Beatles. Das größte in der Geschichte der Popmusik überhaupt. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Die Rede ist von dem sagenumwobenen „Smile“-Projekt von Beach Boys-Mastermind Brian Wilson. Als der Songschreiber und Bassist der Surf-Pop-Könige seine Band ohne sich auf Tour schickte, um ungestört an neuen Ideen für eine neue Beach Boys-Platte arbeiten zu können, schien die Welt für ihn noch offen zu sein. Das Album „Pet Sounds“ und die Hit-Single „Good Vibrations“ aus dem Jahr 1966 stießen die Tür zu einem neuen Verständnis von Popmusik auf und inspirierten viele Musikschaffende zu experimentelleren Herangehensweisen, die später unter den Begriffen Art- und Progressive-Rock zusammengefasst werden sollten.

Heute würde man Brian Wilsons Soundtüfteleien wohl eher als „Chamber-Pop“ bezeichnen, in Anlehnung an den aus der klassischen Musik stammenden Begriff der Kammermusik. Denn Brian Wilsons Verdienst ist es gewesen, den Rock'n'Roll aus seinem engen Band-Korsett befreit und mit Instrumenten angereichert zu haben, die man sonst nur aus dem Kontext klassischer Orchester kannte. Vielleicht vergleichbar mit George Gershwin, der die klassische Musik mit dem Jazz versöhnen wollte. Wilson war da auch gar nicht der Einzige. Allen voran hatten die Beatles durch die Einflussnahme ihres kongenialen Produzenten George Martin immer wieder mit neuen musikalischen Arrangements und Aufnahmetechniken experimentiert. Man denke etwa an das Streichquartett bei „Yesterday“ oder an das technisch beschleunigte Klaviersolo bei „In My Life“, beide von 1965.

In der Tat lieferten sich die beiden Poplegenden über den Atlantik hinweg einen regelrechten Wettstreit um die innovativsten Ideen. Während die Beatles jedoch die volle Unterstützung ihres produktiven Umfelds erhielten, stieß Brian Wilson auf Skepsis und Ablehnung, sowohl vonseiten seiner Plattenfirma als auch seiner Bandkollegen. Ihnen war das alles zu abgehoben, kein richtiger Rock'n'Roll mehr. Und so kam es, dass seine neuen Ideen und Pläne, die er zusammen mit dem Musiker und Texter Van Dyke Parks entwickelte und die unter dem Titel „Smile“ veröffentlicht werden sollten, letztlich abgewürgt wurden. Die Beatles hingegen ernteten die Früchte, die Wilson mit ausgesät hatte und verstanden es darüber hinaus auch noch glänzend, ihr neues Produkt interessant und anziehend zu verpacken. Ich denke, es ist nicht vermessen, zu behaupten, dass ihr epochales „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ ohne die visionäre Vorarbeit von Brian Wilson so nicht möglich gewesen wäre. Nicht umsonst sprach Paul McCartney von Wilsons „God Only Knows“ aus dem Album „Pet Sounds“ als dem besten Popsong, der jemals geschrieben wurde.

Hätte „Smile“ das „Sgt. Pepper“-Album toppen können?

Als die Plattenbosse der Beach Boys dann den überwältigenden Erfolg von „Sgt. Pepper“ sahen, signalisierten sie doch noch ihre Bereitschaft, „Smile“ herausbringen zu wollen. Aber da wollte Brian Wilson nicht mehr, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, es den Beatles nachzutun. Einzelne Stücke aus dem „Smile“-Projekt erschienen verstreut auf den nachfolgenden Beach Boys-Alben, wovon eines – wie zum Hohn – den Titel „Smiley Smile“ verpasst bekam und noch weniger Rock'n'Roll war, als „Smile“ jemals hätte sein können. Brian Wilson aber zog sich zunehmend in die innere Isolation zurück. Die unverdaute Enttäuschung über das „Smile“-Desaster und eine mutmaßlich durch massiven Drogenmissbrauch ausgelöste Psychose trieben ihn in den Wahnsinn. Es hieß, er habe zwei Jahre lang sein Bett nicht mehr verlassen.

Der letzte noch unveröffentlichte Song, der für „Smile“ vorgesehen war, wurde dann schließlich zum Namensgeber des im August 1971 erschienen Albums „Surf's Up“. Der Song gehörte zu den ersten und zentralen Stücken des „Smile“-Projekts, für das Wilson und Parks keine Idee verrückt genug sein konnte. Ob es um die Aufarbeitung der Geschichte des amerikanischen Kontinents und seiner Ureinwohner ging oder um die Vertonung der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft oder einfach nur um die musikalische Bearbeitung der Kraft des Lächelns, nichts war den beiden Cracks zu banal oder zu abgedreht. So wurde beispielsweise für die Aufnahme des Elements Feuer ein echter Brand im Studio entfacht, um die Musiker, die beim Spielen Feuerwehrhelme aufsetzen mussten, durch den Rauch in eine möglichst realitätsnahe Situation zu versetzen. Oder um ein authentischeres Spielgefühl zu erzeugen, ließ Wilson seinen Flügel in einen großen Sandkasten stellen, damit er darin barfuß Klavierspielen konnte. Das unverwirklichte „Smile“-Projekt wurde zur Legende und von den Bewunderern des Beach Boys-Masterminds mythisch überhöht. Bis heute kolportieren einige von ihnen die Behauptung, dass „Smile“, wenn es damals wie geplant erschienen wäre, „Sgt. Pepper“ von den Beatles getoppt hätte. Wie dem auch sei. Auf jeden Fall kann „Smile“ als das größte verlorene Album in der Geschichte der Rock- und Popmusik angesehen werden.

„Surf's Up“ wurde schon bald nach seinem Erscheinen von Fans wie auch von Musikkritikern zu einem der besten und ausgereiftesten Beach-Boys-Alben erklärt. Dazu trug bestimmt auch der assoziative Albumtitel bei, der dem „Smile“-Mythos wieder neue Nahrung gab. In der Zwischenzeit hatte sich die Popmusik allerdings sehr verändert und die altgedienten Doo-Wop-Chöre wurden längst durch individuellere und authentischere Ausdrucksformen verdrängt. Das hört man dann auch bei den Songs von „Surf's Up“, die an vielen Stellen so klingen, als wären sie von einem Singer-Songwriter gespielt und gesungen worden. Aber die Beach Boys wären nicht die Beach Boys, wenn man der Platte nicht auch anhören würde, dass sie eine der ihren ist. Und so geben sie gleich beim ersten Stück, das den im Widerspruch zum Albumtitel stehenden Namen „Don't Go Near The Water“ trägt, ihren typischen mehrstimmigen Vokalchor zum Besten, der zweifelsohne zu den schönsten Herrengesängen der gesamten Musikwelt gehört.

Der Titelsong ist eine meisterhafte, geradezu epische Komposition

Meine persönlichen Highlights sind aber das psychedelische „Feel Flows“ und das hymnische „A Day In The Life Of A Tree“ sowie das verträumte „'Til I Die“. Der bekannteste Song des Albums ist wohl die nostalgische Pop-Ballade „Disney Girls (1957)“, die von Bruce Johnston, der 1965 als Ersatz für den überbeschäftigten Brian Wilson in die Band kam, komponiert und gesungen wurde. Das Lied erfreute sich großer Beliebtheit und avancierte zu einem der meistinterpretierten Songs der Beach Boys überhaupt. Herzstück des Albums ist jedoch der Titelsong „Surf's Up“, eine meisterhafte, geradezu epische Komposition, die vielleicht nicht die Spritzigkeit eines „Good Vibrations“ besitzt, aber bei der Brian Wilson ein weiteres Mal seine geniale Kunst unter Beweis stellt. Es bildet zugleich auch den Abschluss des Albums, das als letzter Klassiker der erwachsen gewordenen Boyband gelten darf.

P.S.: „Smile“ wurde dann übrigens doch noch fertiggestellt. Allerdings nicht von den Beach Boys, dafür aber von Brian Wilson und Van Dyke Parks mit Unterstützung von Wilsons Keyboarder Darian Sahanaja, der die Songs zunächst für eine Live-Aufführung mit einer zehnköpfigen Band und Orchester arrangierte. Die Uraufführung ging schließlich im Februar 2004 in der Royal Festival Hall in London über die Bühne. Die Nachfrage war so groß, dass weitere sechs Konzerte angehängt wurden. Im Anschluss an eine Tournee durch Europa wurde das Material dann nochmal im Studio eingespielt und noch im selben Jahr – mit siebenunddreißig Jahren Verspätung – als „Brian Wilson presents Smile“ veröffentlicht. Im Unterschied zur ursprünglich geplanten Version wurden jedoch einige Veränderungen vorgenommen, ganze neun Stücke weggelassen, andere zusammengefügt und die Reihenfolge geändert. Der Mythos lebt weiter!

P.P.S.: Inzwischen sind auch die alten Originaltonbänder von den „Smile“-Sessions der Beach Boys wieder aufgetaucht, die als verschollen, respektive vernichtet galten, aber die Wilson und Parks doch noch irgendwo gebunkert hatten. So, wie es sich da präsentiert, klingt es zwar nach einem schön verspielten, aber in weiten Teilen zusammenhanglosen Herumprobieren, welches sowohl konzeptionellen Aufbau als auch musikalischen Tiefgang vermissen lässt. Mag sein, dass es sich dabei nur um weitgehend unausgegorene Ideen handelt. Aber ob das „Smile“-Material damals wirklich das Zeug gehabt hätte, die Beatles zu übertreffen, darf zumindest bezweifelt werden. Was bleibt, ist Brian Wilsons nüchterne Feststellung im Rahmen eines Interviews aus dem Jahr 2001: „The Smile trip is a legend.“

 

YouTube-Link zum Opener mit dem disparaten Titel „Don't Go Near The Water“ mit offiziellem Video von 1971 (mit zwei Gastmusikern und ohne Brian Wilson und Bruce Johnston!)

YouTube-Link zum Psyche-Popsong „Feel Flows“ mit schönem Fan-Made-Video

YouTube-Link zu einer tollen Live-Aufnahme von „Surf's Up“ im Rahmen der „Brian Wilson presents Smile“-Tour aus dem Jahr 2004

Foto: Unknown via Wikimedia Commons

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Claudius Pappe / 28.08.2021

” Sounds like a compilation of the garbled noises he heard in his head ” : Kommentar auf YouTube

Claudius Pappe / 28.08.2021

Musik ist Geschmackssache…......Fans urteilen anders als Journalisten….ist wie in der Politik…......St. Pepper wird von allen Musik-Journalisten hochgelobt. Scheint wohl ein Musik-Journalisten-muss…zu sein. Ich als Fan, finde weder St.Pepper noch Pet Sounds oder Surfs Up genial. Höhepunkt des Schaffens der Beatles war Abbey Road. God Only Knows wird überbewertet. ....Komisch, alle Musik-Journalisten scheinen voneinander abzuschreiben. PS : Charlie Watts ist diese Woche gestorben.

Burkhard Goldstein / 28.08.2021

Herzlichen Dank, Herr Scheuerlein, für den begeisternden Hinweis auf diese Platte. Sie haben mich neugierig gemacht, mich näher mit dieser Platte zu beschäftigen. Wer „ Pet Sounds“ und „Smile“ kennt, der weiß, dass die Beach Boys mehr drauf hatten als „Fun, Fun, Fun“ und „Surfin‘ USA“. Brian Wilson ist wahrlich einer der ganz Großen! Nebenbei: Gerade eben ist erschienen: „Feel Flows“: The Sunflower & Surf‘s Up Sessions 1969 – 1971, als 2 CDs, als 2 LPs mit 8 unveröffentlichten Titeln und als 4 LPs mit 44 unveröffentlichten Titeln.

Thomas Schmied / 28.08.2021

@Thilo Schneider - Wo steht eigentlich geschrieben, dass Autoren nicht kommentieren dürfen? Das macht sie eigentlich noch sympathischer. Zum Thema: Beach Boys mag ich auch. Aufs Bett legen, Augen zu - und man kann in dieser Irrsinnszeit für einige Minuten in eine heilere Welt abtauchen. “Good Vibrations” eben. Musik als Psychiater. Zu diesem Zwecke höre ich momentan wieder verstärkt Klassiker aus den 80ern. Für mich war diese Zeit voller Optimismus, Lebensfreude und voller Glaube an eine tolle Zukunft. Der totale Kontrast eben… Eine andere Zeit, eine andere Welt.

Thilo Schneider / 28.08.2021

Als Achse-Autor schreibe ich normalerweise keine Leserbriefe. Da ich aber wahrscheinlich einer der ganz wenigen bin, die Surfs-up im Plattenschrank haben, freue ich mich umso mehr, dass dieser kleinen Perle einmal eine Remineszens zuteil wird. Tatsächkch ist der Opener-Song heute etwas kitschig anzuhören und könnte auf einem Grünen-Parteitag gespielt werden, der Titelsong ist jedoch wirklich eine Minioper - und ich könnte mir vorstellen, dass er eine Art Blaupause für “Bohemian Rhapsody” war. Wie auch immer - vielen Dank fur die Erinnerung, sich das Album mal wieder anzuhören!

Volker Kleinophorst / 28.08.2021

LED ZEPPELIN: Musikschaffende. Sozialismus rockt halt nicht.

Marc Greiner / 28.08.2021

Musikschaffende = Musiker! Bitte kein DDR-, Gender oder Woke-Sprech. Danke.

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