Stefan Frank / 09.05.2020 / 14:00 / 0 / Seite ausdrucken

Textilarbeiter in Gaza nähen Corona-Schutzmasken für Israelis

In Textilfabriken des Gazastreifens, die sonst Mode herstellen, werden seit Anfang März medizinische Schutzmasken und -kleidung genäht – vor allem für den Export nach Israel. Ein Trend, der – weil er den gängigen Vorstellungen über die vermeintliche Feindschaft zwischen Israel und Gaza widerspricht – das Interesse westlicher und arabischer Zeitungen weckt.

So berichtete die New York Times, etwas unglücklich bei der Wahl ihrer Metaphern, am 1. Mai über die „wirtschaftliche Adrenalinspritze durch das Virus“, die die Bewohner des Gazastreifens bekommen hätten, und sprach von einer „sonderbaren Wendung“ im Verhältnis zu Israel. „Ich kann wieder aufatmen“, zitiert das Blatt den 42-jährigen Schneider Ziad Qassem, dessen 25-jährige Berufserfahrung vor der Krise wertlos schien: Er war arbeitslos und wusste nicht, wie er seine Frau und seine fünf Kinder ernähren sollte.

Seit März zahlt ihm Gazas auf Herrenausstattung spezialisiertes Kleidungsunternehmen Al-Zahara umgerechnet rund elf Euro am Tag, damit er mit seiner Nähmaschine Schutzausrüstung näht. „Ich kann Dinge für meine Familie kaufen. Als ich keine Arbeit hatte, fühlte ich mich psychisch ausgeleert. Ich hatte keinen Extra-Schekel, den ich meinen Kindern hätte geben können“, sagt Qassem gegenüber den Reportern.

Gazas Kleidungsindustrie werde seit Anfang März „mit neuen Aufträgen überschwemmt“, heißt es in dem Artikel. Viele der einkaufenden Händler kämen „ausgerechnet aus Israel“.

Kleidungsbranche leidet unter Hamas

200 Kleiderfabriken mit 6.000 Angestellten gab es laut dem Palästinensischen Verband der Kleidungs-, Textil- und Lederindustrie 2019 im Gazastreifen, so die New York Times. Die härteste Phase habe die Branche zwischen der Machtübernahme der Hamas im Jahr 2007 und 2014 erlebt. Denn in dieser Zeit untersagte Israel die Einfuhr von Kleidung aus dem Gazastreifen. 2015 wurde das Verbot aufgehoben.

Die israelische NGO Gisha, die die Personen und Güter-LKW zählt, die die Grenzübergänge zwischen Gaza und Israel in beide Richtungen überqueren, zählte im Jahr 2015 20 LKW-Ladungen mit Kleidung, die von Gaza Richtung Israel fuhren, 2019 seien es 230 gewesen. Das sind also vier bis fünf pro Woche.

Die aus dem Verkauf von Kleidung und Textilien erzielten Exporteinnahmen des Gazastreifens hätten sich 2019 gegenüber dem Vorjahr vervierfacht, so Gisha. Doch die Zahl der in dem Sektor beschäftigten Arbeiter habe im letzten Jahr immer noch bei lediglich 16 Prozent des Stands von vor 2007 gelegen (wofür die Organisation die von Israel erlassenen Beschränkungen bei Reisen von Geschäftsleuten und dem Zugang zu Ausrüstung und Rohstoffen verantwortlich macht).

„Das Virus hat Leben in unsere Fabrik gebracht.“

In rund einem Dutzend Textilfabriken im Gazastreifen wird nun Schutzausrüstung produziert. Einige hätten neue Mitarbeiter eingestellt, die Arbeitszeit verlängert oder sogar überschüssige Arbeit an kleinere Nähereien vergeben, schreiben die Autoren der New York Times.

Muhammad Odeh, der Besitzer der Al-Zahara-Textilfabrik in Gaza-Stadt, sagte ihnen, er habe seine Belegschaft von 30 Männern (denn Frauen arbeiten in der Fabrik nicht) auf 55 erhöht und ihre Schichten von acht Stunden pro Tag auf zwölf Stunden verlängert. „Das Virus hat Leben in unsere Fabrik gebracht. Die Masken und Anzüge haben uns nicht nur mehr Arbeit gegeben, sie haben es uns auch ermöglicht, während dieser Krise offen zu bleiben.“

Ein größeres Unternehmen, Unipal 2000, das in der Industriezone von Gaza-Stadt ansässig ist und in normalen Zeiten vorwiegend Damenmode herstellt, produziert nun täglich 50.000 Masken und 15.000 Schutzanzüge. Es hat seine Belegschaft von 850 auf 1.250 vergrößert, sagt Bashir Bawab, der 61-jährige Mitinhaber. „Mir wäre es viel lieber, dass jeder gesund ist und das Virus verschwindet, aber die Herstellung dieser Produkte hat uns eine wichtige Chance geboten“, sagt er.

Rotem Cohanim, 37, ein Händler aus dem Jerusalemer Vorort Beit Horon, sagte der New York Times, er vergebe Aufträge für die von ihm verkauften Schutzanzüge an Unternehmen in Gaza, weil „ihre Arbeit sehr gut ist und sie schnell und kostengünstig produzieren“.

Unternehmer aus dem Gazastreifen, mit denen die Reporter gesprochen haben, sagten, Fabriken in Gaza hätten bereits „Millionen von Masken und Hunderttausende von Schutzanzügen“ hergestellt. Die Rohstoffe kämen zumeist aus Israel, wohin die fertigen Produkte dann zum großen Teil verkauft würden; auch für den Bedarf in den Palästinensischen Autonomiegebieten selbst wird produziert. „Die Ausführungen reichen von preiswerten Modellen für weniger als 50 Cent (0,45 Euro) bis zu hochwertigen Designs, die 50 US-Dollar (45 Euro) kosten.“

Sonderanfertigungen für Israel

Für den israelischen Markt werden zudem Sonderanfertigungen hergestellt, berichten die Reporter:

„Einige Fabriken haben auch stillschweigend Aufträge ihrer israelischen Partner mit Entwürfen ausgeführt, die in Gaza – gelinde gesagt – politisch riskant sind. Einige sind mit israelischen Flaggen, dem Logo eines beliebten israelischen Fußballclubs oder dem Label ‚Made in Israel’ versehen.“

Mehrere befragte Schneider sagten, sie hätten keine Probleme damit, Masken für Israelis herzustellen. „Am Ende des Tages sind wir alle Menschen“, sagt Raed Dahman, 42, der in der Modefabrik Hassanco in Gaza-Stadt arbeitet. „Wir sollten versuchen, sicherzustellen, dass alle sicher sind, ohne Ausnahmen.“

Neben der New York Times haben auch die Nachrichtenagentur Associated Press, das katarische Medienunternehmen Al-Jazeeradie in London erscheinende arabische Zeitung Asharq-Al-Awsat, die erwähnte NGO Gisha und die zum Axel-Springer-Verlag gehörende amerikanische Wirtschaftswebsite Business Insider darüber berichtet, wie Gazas Textilindustrie Schutzausrüstung für Israel produziert.

Die üblichen Verdächtigen

Doch noch längst nicht alle haben das mitbekommen: Die vor allem an amerikanischen Universitäten vertretene antiisraelische Organisation IfNotNow fordert in einer Internetpetition, die bislang 13.000 Menschen unterzeichnet haben, die israelische Regierung dazu auf, angesichts einer im Gazastreifen angeblich drohenden Covid-19-Katastrophe umgehend Schutzmasken dorthin zu liefern. Die müsste die Regierung dann wohl erst einmal dort einkaufen.

Die Petition zeigt, zu welch bizarren Forderungen man kommt, wenn man ein ideologisches Steckenpferd reitet. Dabei wäre jetzt der Moment, daran zu erinnern, dass der Gazastreifen und Israel seit 1967 ein einziger Wirtschaftsraum ohne Grenzen, Zölle und Kontrollen war, ehe der Oslo-Prozess, die damit einhergehende Terrorwelle und schließlich die Machtergreifung der Hamas dazwischenkamen.

Es wird schwer werden, einen solchen Zustand wiederherzustellen, doch einiges ist, wie man sieht, schon in Bewegung. Die Beziehungen werden zweifellos noch herzlicher und enger werden, sobald die islamistische Clique abgetreten ist, die den Gazastreifen derzeit regiert.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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