Die wachsende unabhängige Medienlandschaft ist um eine dissidente Plattform reicher: Die politische Halbjahreszeitschrift casa|blanca trägt den schönen Untertitel „Texte zur falschen Zeit“.
Laut Editorial will man „auf den Punkt (...) bringen, was gegenwärtig geschieht und wie sich die Wirklichkeit durch das, was geschieht, verändert“.
Kostprobe:
„Insofern waren die letzten vier Jahre eine Epoche kollektiv eingeübter Selbstannullierung von Geist, Erfahrung und Wirklichkeitswahrnehmung, die jedem Einzelnen die eigene Läppischkeit eingebläut hat. Vieles wurde verlernt, vieles vergessen und verramscht: fast immer das Beste statt des Schlechten. Gleichzeitig mit diesem massenhaften Verlernen grundlegender zivilisatorischer Kodizes hat sich in den vergangenen Jahren im Westen, und in spezifischer Ausprägung in Deutschland, eine antibürgerliche und asoziale Form des Regierens durchgesetzt, bei der tatsächliche ebenso wie herbeigeredete Krisen als unhintergehbarer, fraglos zu akzeptierender Mitmachappell instrumentalisiert werden. Die immer neuen Zurichtungsschikanen werden den Einzelnen, die vom Regierungspersonal wie unmündige Kinder und daher wie Untertanen angesprochen werden und sich immer häufiger auch gegenseitig so ansprechen, nicht im Namen grundlegender Bürgerpflichten, sondern eines erpresserischen Zwangs zur kollektiven Für- und Selbstsorge, also zur Entbürgerlichung, auferlegt. Jeder, der zögert, zweifelt oder sich gar verweigert, wird unter Zuhilfenahme von Psychodiagnosen, öffentlichen Schmähungen und politischer Ächtung als unmoralisch, rücksichtslos, narzisstisch, wenn nicht gar als unzurechnungsfähig diskreditiert.“
Das erste gedruckte Heft ist soeben erschienen und widmet sich Themenblöcken wie „Nach der Ansteckung“, „Verlust an Wirklichkeit“, „Hinter dem Westen“ und „Die Kultur und die Massen“. „Zum siebten Oktober“ finden sich vier Texte über Zionismus, Antizionismus, Judith Butlers Trauerkritik und die Illusion der Zweistaatenlösung. Letzterer von Thomas Maul, der die Genese des Nahostkonflikts und seine Geschichte noch einmal aufrollt und faktenreich, schlüssig und fluffig lesbar die gängigen antiisraelischen Narrative widerlegt und dabei vor allem mit dem Mythos aufräumt, dass die Besetzung der Westbank oder die Siedlungspolitik die Hauptursachen für das anhaltende Blutvergießen sind.
Wie Sie schon ahnen: Die Autorenschaft stammt aus dem linken Milieu, allerdings aus einem, das im Gegensatz zum vulgärlinken auf angenehme Weise „verkopfter“ und vor allem undogmatisch daherkommt und sich klar gegen den Antizionismus der regressiven Linken wendet. Aber auch Transhumanismus, die klima- und energiepolitische Transformation der Gesellschaft, die „vergessene Aktualität der kritischen Theorie“, die „Entwestlichung des Westens“ und die „Pathogenese der postbürgerlichen Welt“ sind Themen des Hefts. Wer keine Angst vor Horkheimer- und Adorno-Zitaten hat und mitunter auch Bandwurmsätze zu goutieren weiß, wird sich an luziden und stilistisch überzeugenden Texten laben, die der verkümmerten Debattenkultur im Land nur gut tun können.
Claudio Casula arbeitet als Autor, Redakteur und Lektor bei der Achse des Guten.

Zum Zitat: Sehr zutreffend erfasst. Aber heute feiern wir ja den „Tag des letzten Aufbäumens der Meinungsfreiheit vor ihrem sicheren Tod“, nach dem Entscheid des BVerfG zu Reichelt. Ein Jeder darf mit richterlicher Erlaubnis heute wieder jeden Einzelnen der Bundesregierung als Teil dieser, wie Journalisten immer so schön sagen „sogar mit Gerichtsurteil“, Faschisten nennen. Unsere sehr „umstrittene“ Bundesregierung, die „gesichert rechtbrechend“, also „gesichert rechtswidrig“, regiert. Man sollte es feiern und bei jeder Gelegenheit in jeden Satz einfließen lassen. Ein schöner Tag soweit.