Am 8. Juli 2022, vormittags um 11 Uhr, war während einer Wahlkampfveranstaltung in Nara zweimal auf den 2020 von seinem Amt zurückgetretenen Ex-Premier Abe geschossen worden. Der Attentäter hatte sich bei der auf offener Straße stattfindenden Veranstaltung unter die Zuschauer gemischt und sich – wie auf mehreren Bildern dokumentiert – seit 10 Uhr am Veranstaltungsort aufgehalten. Er wechselte dabei mehrmals seinen Standplatz, um die aussichtsreichste Position für seinen Anschlag auszukundschaften.
Kurz nachdem Abe das provisorische Podium betreten hatte und das Mikrofon ergriff, um mit seiner Rede zu beginnen, näherte sich ihm der Attentäter von hinten. Er zog seine Mordwaffe aus einer Umhängetasche, machte aber, ehe er schoss, mit der Waffe im Anschlag noch einige Schritte auf Abe zu. Dies fiel keinem der Sicherheitsbeamten auf, die waren angeblich durch ein vorbeifahrendes Auto abgelenkt.
Normalerweise sind Angehörige der Security Police dazu da, ständig das Publikum zu beobachten, um zu sehen, ob sich jemand verdächtig verhält. Dies war hier offensichtlich nicht der Fall, denn der Attentäter konnte sich ungehindert mit einer Waffe, die aus zwei zusammengebundenen cirka 40 Zentimeter langen Rohren bestand, auf Abe zu bewegen. Außerdem lagen zwischen dem ersten und zweiten Schuss drei Sekunden, aber auch da war keine Reaktion zu bemerken. Weder versuchte ein Personenschützer, sich zwischen den Attentäter und sein Opfer zu werfen, noch wurde der Versuch gemacht, Abe von seiner exponierten Position auf dem Podest herunter zu ziehen.
Nach dem ersten Schuss blieb Abe noch stehen und wandte sich um. Obwohl der Knall sehr laut war, wurde er nach Angaben von Augenzeugen nicht für einen Schuss, sondern für einen geplatzten Reifen oder für die Explosion eines Feuerwerkskörpers gehalten. Der zweite Schuss traf Abe dann aber tödlich. Er soll noch bei Bewusstsein gewesen sein, als er mit Herzmassage behandelt wurde, verlor jedoch viel Blut. Abe wurde umgehend in ein Spital gebracht, verstarb dort allerdings gegen 17 Uhr.
Die Tatwaffe war ein Eigenbau des Täters, und weil es in Japan strikte Waffengesetze gibt – private Schusswaffen sind weitgehend verboten –, hatte es offenbar niemand für möglich gehalten, dass auf offener Straße geschossen werden könnte. Erst nach dem zweiten Schuss wurde der Attentäter überwältigt.
Die Identität des Täters wurde nach dem Mordanschlag in den Medien veröffentlicht, ohne Abkürzung des Nachnamens. Es hieß, dass er aus Nara stammte und 1980 geboren war. Weiters erfuhr man, dass er sich von 2002 bis 2005 in Hiroshima als Soldat bei der Marine der japanischen Selbstverteidungskräfte verpflichtet hatte. Über sein Leben danach fehlten vorläufig noch nähere Informationen.
Eine ominöse Sekte gab den Anstoß
In den ersten Tagen stand in der Berichterstattung der Medien das Entsetzen über die Tat im Vordergrund, erst später wurden die Hintergründe des Attentats aufgedeckt. Und da diese äußerst brisant waren, hielten sich die offiziellen Stellen mit Details zurück. Anfangs wurde nur berichtet, dass der Attentäter einer Sekte die Schuld für die Zerrüttung seiner Familie gab, und Abe hätte er als Anschlagsopfer ausgewählt, weil der dieser Sekte angeblich nahe stand. Um welche Sekte es sich handelte, wollten die japanischen Behörden nicht bekannt geben, denn Sekten sind in Japan ein heikles Thema.
Unvergessen sind bis heute die Saringas-Anschläge auf die Tokyoter U-Bahn im Jahr 1995 durch die Aum-Sekte unter ihrem Guru Shōkō Asahara. Auch damals hatten die Behörden lange Zeit weggesehen, obwohl es bereits im Vorfeld kriminelle Machenschaften gab, bis hin zu Morden im inneren Zirkel der Sekte. Nach außen konnte sich der Sektenführer daher als Heilsbringer inszenieren und sich über mehrere Jahre politisch betätigen. Er errang zwar keine großen Wahlerfolge, doch durch ihre Werbekampagnen gewann die Sekte landesweite Bekanntheit.
Und während die Öffentlichkeit nach dem Mord an Abe noch rätselte, von welcher Sekte die Rede war, ging ein Vertreter dieser Sekte selbst in die Offensive und lüftete bei einer Pressekonferenz das Geheimnis. Dadurch wurde bekannt, dass es sich um die berüchtigte koreanische Moon-Sekte, die in Japan sehr aktiv war, handelte. Die Zurückhaltung in der offiziellen Informationspolitik wurde damit verständlich, denn sobald der Name der Sekte gefallen war, drehte sich die öffentliche Meinung binnen kurzem um 180 Grad.
Die Moon-Sekte war seit 1964 in Japan als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Sie nannte sich Vereinigungskirche und setzte sich nach außen für den Weltfrieden ein. Nach innen verfolgte sie aber eine Doktrin, in der Japan als „Land des Satans“ galt und Japaner, die sich den Sektierern nicht unterwarfen, wurden offen als „Teufel“ bezeichnet. Der koreanische Sektengründer Sun Myung Moon gab sich als zweiter Messias aus, der das Werk von Jesus Christus vollenden müsste. Trotz seiner japanfeindlichen Tendenzen hatten immer wieder japanische Politiker Kontakt zu ihm und seiner Sekte gesucht, weil sie wussten, dass in der Sekte Mind Control geübt wurde, und sie daher hoffen konnten, die Wählerstimmen der Sektenmitglieder in geschlossener Zahl zu bekommen.
Nachdem dies alles öffentlich bekannt wurde, regten sich Proteste gegen das offizielle Staatsbegräbnis für Abe. Als es am 27. September 2022 doch stattfand, sprachen sich 60 Prozent der befragten Japaner gegen diese posthume Ehrung aus. Yamagami begegnete dagegen eine Welle der Solidarität und in der Untersuchungshaft erreichten ihn Briefe und Geschenke von Unterstützern. Die offiziellen Stellen mussten daher alles daran setzen, ihn als gewöhnlichen Kriminellen zu präsentieren, um zu verhindern, dass er in der Öffentlichkeit als Märtyrer angesehen wurde.
Die Mutter des Attentäters war Sektenmitglied
Der Vertreter der Sekte bestätigte, dass die Mutter des Attentäters seit vielen Jahren Mitglied der Sekte war. Der ermordete Abe war zwar kein Mitglied, es war jedoch bekannt, dass Abes Familie schon früh Beziehungen zu der Sekte unterhielt. Abes Großvater hatte bereits 1968 Kontakt zur Moon-Sekte geknüpft, weil er als Politiker deren antikommunistische Haltung unterstützte.
Bis zu dem Outing der Moon-Sekte war in offiziellen Verlautbarungen immer versucht worden, Tetsuya Yamagami als Spinner darzustellen, der sich alles nur einbildete und nicht wusste, was er tat. Nun kam man aber nicht mehr umhin, zuzugestehen, dass seine Vorwürfe gegen die Sekte berechtigt waren. Denn die Moon-Sekte war bekannt dafür, bei ihren Mitgliedern Gehirnwäsche zu betreiben, ihnen Schuldgefühle einzureden mit dem Zweck, sie zu hohen Spenden zu animieren, mit denen sie sich von ihrer Schuld freikaufen sollten.
Tetsuya Yamagami stammte aus einer gut situierten Familie, doch einige Jahre nach dem Selbstmord des Vaters im Jahr 1984, als Tetsuya und seine Geschwister noch klein waren, begann die Mutter nach und nach das gesamte Familienvermögen der Moon-Sekte zu spenden, und zerstörte damit letztlich die Zukunft ihrer Kinder. Das mag keine Rechtfertigung für seine Tat sein, seine über viele Jahre angestaute Wut wird jedoch nachvollziehbar.
Nach dem Freitod des Vaters kehrte die Mutter mit ihren Kindern in ihr Elternhaus nach Nara zurück, wo der kleine Tetsuya gemeinsam mit seinem um ein Jahr älteren Bruder und seiner jüngeren Schwester behütet vom Großvater aufwuchs. Doch in dieser Zeit geriet die Mutter in die Fänge der Sekte und begann große Summen aus dem Familienvermögen zu spenden. Nachdem dem Tod des Großvaters verkaufte die Mutter 1999 ihr Erbe, ein Grundstück samt Wohnhaus, und schenkte das ganze Geld der Moon-Sekte. Insgesamt soll sie 100 Millionen Yen gespendet haben.
Danach zog die Familie in eine Mietwohnung um, und die Mutter bettelte in der Folge andere Verwandte um Geld an, weil sie nicht mehr genug zum Essen für ihre Kinder hatte. Außerdem lieh sie sich noch andernorts Geld, bis sie 2002 schließlich für zahlungsunfähig erklärt wurde. Es hätte für Tetsuya und seine Geschwister noch schlimmer ausgehen können, wenn sich nicht ein Onkel eingeschaltet und sich der Kinder angenommen hätte.
Da Tetsuya nicht die Studiengebühren für eine Universität aufbringen konnte, verpflichtete er sich ab 2002 für die Marine der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Dort fiel er aber mit psychischen Problemen und einem Suizidversuch auf. Schon damals gab er als Grund für seine Probleme an, dass die Moon-Sekte seine Familie zerstört habe. Im Laufe des Jahres 2005 musterte er schließlich ab und schlug sich danach mit verschiedenen Jobs durch. Er kam als Single mit seinem Einkommen anscheinend ganz gut zurecht, denn er konnte sich eine kleine Wohnung und ein Auto leisten.
Ein schwerer Schicksalsschlag radikalisierte Yamagami
2015 beging sein älterer Bruder wie schon sein Vater Selbstmord. Dies versetzte Tetsuya einen weiteren Schlag, denn danach entwickelte er sich zum absoluten Einzelgänger. Seit 2020 arbeitete er bei einer Firma in Kyoto als Gabelstaplerfahrer, beendete aber das Arbeitsverhältnis im April 2022 unter dem Vorwand, sich gesundheitlich angegriffen zu fühlen. Abe schien er damals bereits als potentielles Mordopfer auserkoren zu haben, weil er im Internet gesehen hatte, dass im September 2021 bei einem Online-Kongress der Moon-Sekte eine Videobotschaft von Abe verbreitet worden war.
Seiner Wut auf die Sekte gab Yamagami auch dadurch Ausdruck, dass er Gebäude, die im Besitz der Sekte waren, mit seinen selbst gebauten Waffen beschoss. Dies fiel allerdings nicht gleich auf, weil die Einschusslöcher erst später entdeckt wurden. Lange Zeit plante er auch, die Witwe des Sektengründers zu ermorden, doch an die kam er nie heran. Und auch nachdem er den Entschluss gefasst hatte, Abe zu töten, ließ er noch eine Gelegenheit für einen Anschlag verstreichen. Abe hielt bereits am 28. Juni in Nara eine Wahlveranstaltung ab, doch erst am 8. Juli schlug Yamagami zu.
Nach seiner Verhaftung wurde auch ein Twitter-Account entdeckt, in dem sich Yamagami seit 2019 kritisch über die Moon-Sekte äußerte. Darin machte er auch Andeutungen über seine familiäre Situation und über das Verhältnis zu seiner Mutter. In Bezug auf Abe fand sich ebenfalls ein kritischer Eintrag, aber so vage formuliert, dass sich kein Hinweis auf einen geplanten Anschlag herauslesen ließ. Der Account fand außerdem wenig Beachtung und hatte nur zwei Follower.
Rational ist das Verhalten der Mutter nicht zu erklären
Am 28. Oktober 2025 begann schließlich nach mehr als drei Jahren Vorbereitung der Mordprozess. Es kam dabei nicht mehr allzu viel Neues zur Sprache, doch wurden noch einige interessante Details bekannt. Die ersten Zeugenaussagen bezogen sich auf das Geschehen am Tag der Tat. Ein Polizist sagte aus, dass er sich nach dem zweiten Schuss auf den Attentäter gestürzt habe und dabei hätte er gehört, wie der die Worte hervorpresste: „Habe ich getroffen?“
Ein anderer Polizist, der bei der Durchsuchung von Yamagamis Appartement dabei war, sagte, dass die Wohnung auf ihn den Eindruck eines Terroristenverstecks gemacht hätte. Es hatten sich dort in Plastikbehältern über 20 Kilogramm Schießpulver befunden. Nachbarn hatten auch in letzter Zeit oft Arbeitsgeräusche aus der Wohnung gehört. Insgesamt hatte Yamagami 10 Schusswaffen nach Anleitungen, die er im Internet gefunden hatte, hergestellt. Es waren Mordwaffen, deren Durchschlagskraft zehn Mal stärker war, als für die Tötung eines Menschen nötig gewesen wäre.
Als Zeugen der Verteidigung wurden die Mutter und Yamagamis jüngere Schwester in den Zeugenstand berufen, und es offenbarte sich in deren Aussagen die ganze familiäre Tragödie, die sich über viele Jahre hinzog. Die Mutter war 1991 von einer jungen Sektenangehörigen, die an ihre Tür geklopft hatte, als Sektenmitglied angeworben worden. Und sie zahlte schon kurz nach ihrem Eintritt außerordentlich hohe Summen an die Moon-Sekte. Gleich zu Beginn einmal 20 Millionen Yen, acht Monate später weitere 30 Millionen Yen und dann noch einmal 10 Millionen. Der Yen ist als Währung in den letzten Jahren sehr schwach geworden, doch nach damaliger Kaufkraft entsprach der Wert von 10 Millionen Yen ungefähr 70 000 Dollar. Die Mutter übergab der Sekte auch den ausbezahlten Lebensversicherungsbetrag nach dem Selbstmord ihres Mannes.
Als sie nach dem Tod ihres Vaters, des Großvaters von Tetsuya, dessen Haus und Grundstück um 40 Millionen Yen verkaufte, spendete sie den Betrag ebenfalls der Sekte. Damals belog sie aber ihre Kinder, weil sie denen erzählte, sie hätte alles verkaufen müssen, um die Schulden des Großvaters zu begleichen. Einen triftigen Grund, warum sie das gesamte Familienvermögen auf diese Weise verschwendet hatte, konnte sie vor Gericht nicht angeben, und rational ist ihr Verhalten auch nicht zu erklären.
Yamagamis jüngere Schwester sagte als Zeugin aus, dass sich die Mutter seit ihrem Beitritt zur Sekte kaum noch um ihre Kinder gekümmert hätte und nur noch tat, was die Sekte von ihr verlangte. Sie blieb nicht in Japan, sondern hielt sich längere Zeit in Südkorea auf. Yamagamis Schwester berichtete auch über eine heftige Auseinandersetzung, die sich zwischen Tetsuyas Bruder – der an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war und 2015 Selbstmord beging – und der Mutter abspielte. Dabei soll er ihr Vorwürfe wegen der hohen Spenden an die Sekte gemacht und sie mit einem Messer bedroht haben.
Entschluss, einen der Verantwortlichen der Sekte zu ermorden
Mit dem Großvater soll es zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen sein. Auch der Großvater drohte Tetsuyas Mutter einmal mit einem Küchenmesser und sagte zu ihr, er würde zuerst sie und dann sich selbst umbringen, wenn sie nicht aufhörte, Geld an die Sekte zu spenden. Konkrete Maßnahmen, um zu verhindern, dass sie die Verfügungsgewalt über sein Erbe erlangte, statt es seinen Enkeln zukommen zu lassen, ergriff er aber offenbar nicht. Oder seine Tochter setzte sich darüber hinweg, denn nach seinem Ableben verschleuderte sie auch seine Hinterlassenschaft.
Zwischen 2002 und 2005, das war die Zeit, in der Tetsuya Yamagami in den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften diente, bettelte ihn seine Mutter mehrmals um Geld an, weil sie nichts mehr zum Leben hatte. Die Moon-Sekte hatte alles aus ihr herausgepresst, was bei ihr zu holen war.
Im Jahr 2005 schloss Yamagami eine Lebensversicherung ab – die Begünstigten sollten sein Bruder sowie seine Schwester sein – und er wollte dann nach dem Vorbild seines Vaters Selbstmord begehen. Zwar misslang der Suizidversuch, doch er überlebte ohne größere gesundheitliche Schäden. Seine Mutter, die davon erfuhr, hielt sich zu der Zeit in Südkorea auf und wollte Tetsuya in Japan besuchen. Die Sektenführer verweigerten ihr aber die Erlaubnis mit der Begründung, es bestünde für ihren Sohn keine Lebensgefahr.
Damals reifte in Yamagami der Entschluss, nicht sich umzubringen, sondern stattdessen einen der Verantwortlichen der Sekte zu ermorden. Zwischen 2006 und 2018 schmiedete er mehrere Attentatspläne. Anfangs dachte er an einen Messerangriff, und jedes Mal, wenn er aus den Medien von der Anwesenheit eines hohen Sektenführers in Japan erfuhr, machte er sich auf, um ihn bei einer öffentlichen Veranstaltung zu attackieren. Doch konnte er keinen dieser Pläne realisieren, weil er nie nah genug an die Leute herankam.
2019 dachte er daran, einen Anschlag mit einem Molotow-Cocktail zu verüben, doch auch dieser Plan erwies sich als undurchführbar. Ab dem Jahr 2021 fokussierte er sich schließlich auf ein Attentat mit einer Schusswaffe. Er informierte sich im Internet, verfolgte Blogs von ehemaligen Mitgliedern der Sekte und bezog daraus Informationen. Sein Ziel war weiterhin, einen Sektenführer anzugreifen, erst Anfang Juli 2022 beschloss er definitiv, ein Attentat auf Abe zu verüben.
Die Anklage verlangte eine lebenslange Freiheitsstrafe mit der Begründung, die Ermordung eines prominenten Politikers wie Abe müsste wegen der abschreckenden Wirkung härteste Konsequenzen nach sich ziehen. Die Verteidigung forderte dagegen lediglich 20 Jahre Haft. Ein wichtiges Argument bei der Zumessung des Strafmaßes war die Frage, ob Yamagami mit seinen selbst gebauten Waffen gegen das japanische Waffenrecht verstoßen hätte, die Verteidigung verneinte dies.
Auflösung der Moon-Sekte angeordnet
Das Gericht folgte der Forderung der Staatsanwaltschaft und verurteilte Yamagami am 21. Januar 2026 zu lebenslanger Haft. Ein anderes Urteil war nicht zu erwarten, denn obwohl man zugestand, dass ihm Unrecht geschehen wäre, hätte er sich dadurch trotzdem nicht die Ermächtigung herausnehmen dürfen, ein Unrecht gegen ein anderes aufzurechnen.
Für Yamagami war aber wohl das Strafmaß gar nicht das entscheidende. Er hatte sich im Prozess zwar reuig gezeigt und sich bei Abes Ehefrau und dessen Familie für das Leid, das er ihnen zugefügt hatte, entschuldigt. Doch die Genugtuung, die Öffentlichkeit auf ein Unrecht, das nicht nur ihm, sondern auch anderen in ähnlicher Situation zugefügt worden war, aufmerksam gemacht zu haben, konnte ihm keiner nehmen.
Die Moon-Sekte hatte die Methode, Menschen in Abhängigkeit zu bringen und finanziell zu ruinieren über Jahrzehnte praktiziert. Besonders japanischen Mitgliedern wurde eine Art Erbschuld eingeredet, von der sie sich loskaufen müssten, sodass die Sekte, obwohl sie global agierte, sich zu 70 Prozent mit Geld ais Japan finanzieren konnte. Insidern waren die Missstände bekannt, doch sonst schien das in Japan niemanden gestört zu haben. Solange nichts an die Öffentlichkeit drang, ließ man die Sekte stillschweigend gewähren.
Nach Yamagamis Tat war die japanische Gesellschaft aber gezwungen, aufzuwachen und genauer hinzusehen, um das Treiben dieser Sekte zu beenden. Unter dem Nachfolger Abes, Premierminister Kishida, wurden noch 2022 mehrere Gesetze erlassen, die sowohl Sektenmitgliedern als auch deren Kindern Schutz vor finanzieller Ausbeutung durch eine Sekte gewähren sollten. Und 2023 wurde von einem japanischen Gericht schließlich sogar die Auflösung der Moon-Sekte angeordnet.
Hätte sich Yamagami bei Abes Wahlkampfveranstaltung nur mit einem Schild hingestellt, auf dem stand: „Protest gegen die Moon-Sekte!“; hätte sich wahrscheinlich gar nichts getan. Er wäre entweder ignoriert oder als Spinner abgetan wurden, und die Security-Leute hätten ihn aufgefordert zu verschwinden. So gesehen war Yamagami keine andere Wahl geblieben, als in die Fußstapfen eines Michael Kohlhaas zu treten, bis ihm doch noch späte Gerechtigkeit widerfuhr.
Beitragsbild: Ali Boutemtam78 - Own work, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Aus diesem Fall kann man folgendes ableiten: Ein scharfes Waffenrecht führt mitnichten zu einer sicheren Gesellschaft, sondern dazu, dass diese Gesellschaft einfacher gekapert werden kann, ohne dass da jemand vorzeitig den Riegel vorschiebt, weil das Volk tendenziell ja entmachtet ist und nur von oben gesteuert wird. Der Attentäter hat hier im Nachgang in einer Guerilla-Hauruck-Aktion nicht nur das ihm und seiner Familie angetane Unrecht durch die Sekte korrigiert, sondern dies sogar indirekt für die gesamte Gesellschaft geleistet. Und zwar groteskerweise durch einen Mord. Jetzt muss man sich fragen, ob es nicht besser wäre, die Gesellschaft Japans von vornherein so aufzustellen, dass eine stille Kaperung des Volkes durch eine Sekte von vornherein verhindert wird. Das würde ein im Volk dezentral verteiltes Immunsystem erfordern, wie im menschlichen Körper ja auch. Wenn jemand krank wird, schreiten die Immunzellen üblicherweise sofort zur Tat, ohne dass das Gehirn dazu die Erlaubnis erteilt. Im Volk sollte das genauso sein, denn die Führung kann ja fremdgesteuert sein. Dann braucht es im Nachgang auch keine gewaltsamen Befreiungsschläge ganz oben.
Und was hat das nun mit Michael Kohlhaas oder Hans Kohlhase zu tun ? Eben, gar nichts.
@Gerhard Schmidt: Ich mußte oft feststellen, das gerade „Progressive“ lügen wie gedruckt.
@Kischott: Kohlhaas ist nicht nur eine literarische, sondern auch eine historische Figur. In Bad Düben in der Nähe von Leipzig können Sie einen Michael Kohlhaas-Turm besichtigen, in dem er nach seiner Gefangennahme zeitweise festgehalten wurde. Dort können Sie auch dessen Fehdebrief an den sächsischen Adel in einer Replik bewundern. In von Kleists oft nur schwer erträglichem Werk gehört die Kohlhaas-Novelle zu den wenigen Lichtblicken.
So ein Quatsch aber auch ! Dieser Yamagami Tetsuya ist weder ein Michael Kohlhaas und auch seinem Namen nach auch besonders intelligent. Für mich ein gefährlicher Spinner … Und Moon-Anhänger gibt es bei meiner Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn auch keine. //°o°\\
Ich musste oft feststellen, das gerade Konservative die „Moonies“ sehr schätzen, warum auch immer…
Hochinteressant. Ein YGLer war er übrigens auch, der Abe. Eine feine Gesellschaft das. Ein alter Brunnenbauer behauptet übrigens, wenn der dritte ‚große Führer‘ ermordet wurde, wird’s laut.
Abe war nicht nur in der Moon-Sekte, sondern auch in der WEF-Sekte!