Vera Lengsfeld / 13.04.2013 / 11:24 / 0 / Seite ausdrucken

Terrorismus als Lebensentwurf

Brandenburg ist die unentdeckte Perle unter den deutschen Bundesländern. Besonders seine alten Gutshäuser, die Kriege und die DDR überlebt haben, verführen zum Träumen. Wer Sehnsucht nach Brandenburg bekommen möchte, muß sich den Film „Das Wochenende“ unbedingt anschauen. Die Kamera liebt dieses Land und hat wunderschöne Bilder eingefangen.

Das ist aber schon das Beste, was man vom Film sagen kann. Denn als Kammerspiel über Lebensentwürfe und ihr Scheitern ist das Werk trotz großartiger schauspielerischer Leistungen total missglückt.

Die Zentralfigur Inga, gespielt von einer brünetten Katja Riemann, die ahnen lässt, welches Potential in dieser Mimin noch brach liegt, wird durch einen Anruf ihrer Freundin aus ihrem gewohnten Leben gerissen. Der Vater ihres Sohnes Gregor, ein ehemaliger RAF-Kader, wird überraschend vorzeitig aus der Haft entlassen. Sie wird mit ihrem Mann von der Schwester des Terroristen zu einem Wochenende auf ein entlegenes brandenburgisches Gutshaus eingeladen.
Hier soll die Entlassung gefeiert und ein alter Freundeskreis wieder zusammengeführt werden. Daraus wird nichts. Misstrauen und Missmut beherrschen die Begegnung.

Achtzehn Jahre Haft haben dem Terroristen Jens (Sebastian Koch)äußerlich kaum etwas anhaben können. Ebenso wenig hat sich sein Denken geändert. Als Erstes holt er eine in seinem Plattenspieler versteckte Pistole hervor. Er scheint zu überlegen, ob er sie gegen Henner richtet, der die RAF verließ, als sie mit dem Morden begann und den er für einen Verräter hält.

Sylvester Groth als RAF-Aussteiger und Buchautor, der über seine ehemaligen Genossen schreibt und lieber Forellen mit der Hand fängt, als Menschen zu Tode bringt, bleibt leider ziemlich blass neben dem „gradlinigen“ reuelosen Terroristen. Zweifel und Angst,  die Sebastian Koch seiner Figur in einem Interview zum Film zuschreibt, sind für den Zuschauer nicht zu bemerken, wohl aber die Aura des einsamen Kämpfers für eine „gerechte“ Sache.
Nur Ingas Mann Ulrich gelingt es, diese Attitüde als verlogen zu entlarven. „Ihr ward einfach Killer!“, hält er Jens entgegen. Es ist Tobias Morettis große Leistung, dass seine Figur die realistische Bewertung der RAF eindrucksvoll und glaubwürdig macht.

Leider wird Ulrich durch die Entscheidung Ingas gegen ihren Mann konterkariert. Warum sie ihn, der ihren Sohn wie einen eigenen angenommen hat, einen Beruf ausübt, der das Leben der Menschen bereichert und der in seiner Freizeit Unterschichtkindern das Kochen beibringt, für einen reuelosen Killer stehen lässt., kann nur erklärt werden, wenn man weiß, dass die Regisseurin Nina Grosse Terrorismus für einen „Lebensentwurf“ und die RAF für Vertreter einer ganzen Generation hält.

Deshalb muß auch Sohn Gregor, kongenial gespielt von Robert Gwisdek, der erst als angeblicher Aktivist der linksradikalen Berliner Szene seinem Erzeuger als absurden Ewiggestrigen entlarvt,  am Ende den frustrierten Sohn, dessen Schrei nach Liebe vom Knastvater nicht erhört wurde, geben.
Gwisdeks stärkster Auftritt ist, als er seinem Vater, der ihm auf seine Aufforderung, sich für sein erbärmliches, verpuschtes Leben zu entschuldigen, entgegenhält hat, an ihn würde man sich erinnern, an den Sohn nicht, die Hand auf den glühenden Grill presst, um seinem Erzeuger eine bleibende Erinnerung zu verpassen.

Kurz darauf zwingt ihn das Drehbuch, dem Mörder die Hand zu geben, nachdem der mit sanfter Stimme die angeblichen Ideale erläutert hat, für die man eben töten musste.

Fazit: die RAF hatte zwar vielleicht nicht die richtigen Mittel angewendet, aber das moralische Recht auf ihrer Seite. Ein reueloser Terrorist hat mehr Sexappeal als ein wunderbarer Ehemann. Selbst die Wut des Sohnes richtet sich nicht gegen den Mörder, sondern gegen den Vater, der sich entzieht.
Mehr verlogene RAF-Romantik und Geschichtsklitterung sind kaum möglich.

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