Die Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ ist erfahrungsgemäß gut informiert, erörtert ihre Positionen ausführlich und steht dann auch zu den erarbeiteten Positionen. Mit ihrer aktuellen Unterschriftenaktion „Den Kopf frei haben!“ – laut Die Welt mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit in der Hauptversammlung beschlossen – will der Verein unter Bezug auf die UN-Kinderrechtskonvention ein Verbot der Mädchenverschleierung im öffentlichen Raum, vor allem in Schulen, bis hin zur Volljährigkeit erreichen. Begründung:
„Die Frühverschleierung konditioniert Mädchen in einem Ausmaß, dass sie das Kopftuch später nicht mehr ablegen können … Uns geht es um den Schutz der Rechte der Mädchen und ihrer freien, selbstbestimmten Entfaltung in der Gesamtgesellschaft. Die Verschleierung von Mädchen aller Altersstufen – ein zunehmendes Phänomen in vielen Schulen und sogar in Kindergärten – steht für eine Diskriminierung und Sexualisierung von Minderjährigen.“ Erst die Freiheit vom „Kinderkopftuch“ ermögliche unter anderem „spontane Bewegungen beim Spielen“, „unverhülltes, selbstbestimmtes Denken und Handeln“ sowie „ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Sexualität“. Verhüllung hingegen fördere Gesundheitsrisiken wie Vitamin D-Mangel durch Lichtentzug oder Entwicklungsstörungen durch Bewegungsmangel. Auf sozialer Ebene führe der „Drill zu einer traditionell minderwertigen Rollen-Identität als Frau“ zur Verinnerlichung des „Feindbildes Mann“ als „stetige sexuelle Bedrohung“.
Frauenrechtlerinnen wie Necla Kelek sehen die zunehmende Verschleierung von Mädchen als einen Versuch der fundamentalistischen Einflussnahme, die man nicht kleinreden dürfe. Demnach ist die Verschleierung weniger ein religiöses, als vielmehr ein politisches Symbol. Die Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam: Vor 20 Jahren habe es Mädchen mit Kopftüchern an Grundschulen noch nicht gegeben. Auch wenn genaue Zahlen fehlten: Inzwischen sei das Phänomen vielerorts zu sehen. „Die Mädchen sollen schon als Kinder lernen, sich als Frauen zu unterwerfen.“ Der CDU-Politiker Ali Ertan Toprak meint sogar, es handle sich um eine „rechtsextremistische Ideologie“, die den öffentlichen Raum immer stärker besetze. „Viele Linksliberale wollten das nicht wahrhaben.“
Nix tun, raushalten und „Dialog suchen“
Die Terre des Femmes-Initiative ist mutig angesichts der absehbaren Diffamierung, insbesondere seitens der öffentlich-rechtlichen Medien. Obwohl sich Terre des Femmes unmissverständlich von der AfD abgrenzt, verkündet die Tagesschau in einem hinterfotzig gefärbten Beitrag: „Eine Partei hat Terre des Femmes allerdings auf ihrer Seite: die AfD.“
Die Lancierung der „Kritik“ des kommissarischen Leiters der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, man müsse dann in der Konsequenz jegliche religiöse Symbolik an Schulen verbieten, verdeutlicht dessen Weigerung anzunehmen, dass Terre des Femmes sich gegen Verschleierung als politisches Symbol bei Kindern wendet. Und Ziellosigkeit offenbart der Bundesbeauftragte für Religionsfreiheit: „Ich rate Kindergärten und Schulen, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, ob das Tragen des Kopftuchs sinnvoll ist.“ Schön, wenn man mal darüber plaudert, lobhudelt die Tagesschau auch ihre Grünen und Linken, die „den Dialog suchen“ – und sich derweil dem schwierigen Prozess der Positionierung entziehen.
Dass die Unterschriftenaktion bisher schleppend verläuft, weil große Plattformen für Petitionen „aus Angst vor Beifall von der falschen Seite“ nicht für sie werben, also: weil ihnen politische Machtspiele wichtiger sind, als der Einsatz für das Menschenrecht von Kindern auf eine unbeschwerte Kindheit, lässt sich ändern: Die Petition kann hier unterschrieben werden. Zu den Erstunterzeichnern der Petition gehören neben Frauenrechtlerinnen wie Seyran Ates auch Boris Palmer und Ahmad Mansour. Die Unterschriften werden im Oktober 2018 dem Bundesjustizministerium übergeben.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Susanne Baumstarks Luftwurzel
Die Achse als große Verteidigerin der Freiheit gegen den zunehmenden Paternalismus des Staates predigt also Paternalismus, staatliche Bevormundung und die Einschränkung individueller Freiheiten, sobald es um Kopftücher geht. Das nenne ich Doppelmoral. Hier wird keine islamische Ideologie bekämpft, sondern individuelle Entscheidungen, seien es die Entscheidungen der Mädchen oder die der Eltern. Vielleicht sollte man sich besser um die Fälle kümmern, wo Kinder während des Ramadan kotzend über dem Klo hängen oder gleich ohnmächtig werden. Da hätte das Jugendamt nämlich auch nach bestehender Rechtslage eine Handhabe, wenn es denn wollte. Der Eingriff in das Erziehungsrecht von Eltern ist aus gutem Grund strikt geregelt. Oder wollen wir als nächstes eine Initiative, die Eltern dazu zwingt, ihren zehnjährigen Töchtern das Tragen kurzer Röcke zu verbieten, weil das ein überkommenes Rollenbild antizipiert? Die Diskussionen mit meiner Tochter darf dann gerne jemand anderes führen. Merke: Freiheitsrechte gelten entweder für alle, oder sie gelten gar nicht. Als Einzelfall-Gesetz wäre die angestrebte Regelung also aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso verfassungswidrig.
"Terre des Femmes" scheint ja keine Scheuklappen zu haben. Lesenswert ist dort auch der Artikel zur weiblichen Genitalverstümmelung, die nicht nur ein afrikanisches, sondern auch ein islamisches Problem ist und im Nahen Osten und in Südostasien vorkommt. Zitat: „Interessant ist, dass die Genitalverstümmelung in Asien als religiöse Pflicht oder Empfehlung für ein gutes muslimisches Leben gilt.“