Manchmal frage ich mich, wie es kommt, dass ich fast vier Jahrzehnte lang mit Redakteurinnen und Redakteuren deutscher Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten zusammenarbeiten konnte, und warum es plötzlich nicht mehr geht. Liegt es an meinem Alter? Verstehe ich die jungen Leute nicht mehr? Sind meine Vorstellungen von Zusammenarbeit überholt, meine Texte antiquiert? Früher hat es gut funktioniert, immerhin so gut, dass ich mich und meine Familie davon ernähren konnte.
Oder ist etwas in den Redaktionen der deutschen Medien vor sich gegangen, Veränderungen, die ich nicht mitbekommen habe? Peu a peu bin ich überall als freier Mitarbeiter untragbar geworden. Ohne, dass ich mich schlecht benommen hätte: Ich lebe tausende Kilometer entfernt in Israel, trete also persönlich gar nicht in Erscheinung. Zu den wenigen deutschen Medien, die mir noch geblieben sind, zählte die taz in Berlin. Das mag angesichts der eher Israel-feindlichen Haltung dieses Blattes überraschen. Ich werde dort auch nicht um politische Leitartikel gebeten, konnte aber bisher gelegentlich im Feuilleton veröffentlichen.
Bis zu jenem folgenschweren Tag, als ich die Idee hatte, in der taz das neue Buch von Thilo Sarrazin zu besprechen, Feindliche Übernahme. Ich schrieb deshalb an eine mir bekannte, sympathische Redakteurin, deren Name nichts zur Sache tut (weshalb ich sie im Folgenden XY nenne), denn auch mit jeder anderen wäre die Sache so oder ähnlich verlaufen:
Am 11.07.2018 um 09:15 schrieb Chaim Noll:
Liebe XY,
hat die taz genügend Humor, mich Thilo Sarrazins neues Buch „Feindliche Übernahme“ besprechen zu lassen? Ich schlage es hiermit vor. Das Buch erscheint am 30. August. Mir sind elektronische Fahnen zum 25. Juli zugesagt worden, Rezension könnte also zum Erscheinungstag im Blatt sein.
Herzliche Grüße aus Israel
Chaim Noll
Am 16.07.2018 um 13:04 schrieb XY:
Lieber Chaim Noll,
da haben sich natürlich die KollegInnen draufgestürzt. Rezension ist also schon vergeben. Aber vielleicht wollen Sie eine Art Kommentar dazu schreiben? 2700 Zeichen?
Herzliche Grüße
XY
Am 18.07.2018 um 09:41 schrieb Chaim Noll:
Liebe XY,
will es versuchen. So ein Kurztext über das sicher viel diskutierte Buch wird echte Herausforderung. Sagen wir 3000 Zeichen?
Herzlich aus Israel
Chaim Noll
Am 18.07.2018 um 12:32 schrieb XY:
Lieber Chaim Noll, ok! Herzliche Grüße nach Israel!
Am 28.08.2018 um 11:08 schrieb Chaim Noll:
Liebe XY,
Sarrazin-Buch erscheint Donnerstag. Lese jetzt die Fahnen. Wann wollen Sie meinen Text? Gleich? Oder warten wir Rezension bei Ihnen ab bzw. die ersten Reaktionen von Medien und Politikern?
Für kurze Nachricht dankbar
Herzlich, Chaim Noll
Am 28.08.2018 um 17:10 schrieb XY:
Lieber Chaim Noll,
ich dachte eher an eine Art Kommentar als an eine Rezension, 3000 Zeichen. Anfang nächster Woche reicht mir.
Herzliche Grüße
XY
Am 29.08.2018 um 10:15 schrieb Chaim Noll:
Liebe XY,
bin mit Sarrazin 2/3 durch und finde, es ist eins der intelligentesten Bücher, die bisher zum Thema Islam und Moderne geschrieben wurden. Mein Kommentar würde also sehr positiv ausfallen. Können Sie das bringen?
Für baldige Nachricht dankbar
Chaim Noll
Am 29.08.2018 um 15:49 schrieb XY:
Lieber Chaim Noll,
kann ich mir nicht vorstellen, dass die Abhandlung eines xenophoben Panikmachers, der den Islam zu seinem Hobby gemacht hat, intelligent sein kann, aber ich lasse mich gerne überraschen. Ich habe die Fahne bekommen, aber noch nicht reingeschaut, das möchte ich in dem Fall erstmal tun.
Ansonsten gilt: Für differenzierte, zurückgelehnte Kommentare bin ich aufgeschlossen, für steile Thesen ist gerade nicht die Zeit.
Sehr herzlich
XY
Am 29.08.2018 um 16:04 schrieb Chaim Noll:
Liebe XY,
ich bin kein Freund steiler Thesen. Ist nicht mein Stil, Sie finden so etwas nirgendwo in meinen Büchern oder anderen Veröffentlichungen.
Ja, machen Sie sich selbst ein Bild. Ich bin durchaus misstrauisch an diese Lektüre heran gegangen, aber er überzeugt mich mit seiner eher trockenen, immer durch Quellen und Statistiken abgesicherten Darstellung.
Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung, nachdem Sie etwas gelesen haben, und hoffe, dass die taz meinen „differenzierten Kommentar“ ertragen wird.
Herzliche Grüße aus Israel
Chaim Noll
Eine Rückmeldung ist nicht erfolgt. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, aus diesem Schweigen zu schließen, dass man bei der taz an meinem Kommentar nicht mehr interessiert ist. Ich beende nun meinerseits diese Farce „freier Meinungsäußerung“, in der die Übereinstimmung mit der vorgefassten Meinung der Redaktion offenbar als selbstverständlich angenommen wurde.
Beitragsbild: Sanchezn CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Herr Noll, ich würde mich blöd stellen und nachfragen, ob die letzte E-Mail evtl. nicht angekommen oder übersehen worden ist. Kommt bei mir öfter vor und ist ein guter Anlass, zumindest, den Schweigenden Farbe bekennen zu lassen.
Ihre Überraschung überrascht mich doch sehr. Sarrazin ist hierzulande ein Schibboleth der guten Gesinnung. Dass gerade die Taz da "Haltung zeigen" muss und keinen Raum für Relativierungen bieten kann, steht schon fest BEVOR (siehe Mail) man die Fahnen auch nur angelesen hat.
Steile These gefälligst? Das Pro-Islam der Linken ist ein Embryo der Anti-Bibel. Da hat das Messer ausnahmsweise fern zu bleiben. Es läuft auf eine Entscheidung hinaus.
Es wäre ja noch schöner, wenn jemand, der für das rechtsradikale Achgut schreibt, was in der TAZ veröffentlichen kann.
Nichts Neues unter der Sonne: Nicht sagen dürfen, was man denkt, ist Sklavenlos (Euripides) In einem freien Staate müssen auch die Rede und die Gedanken frei sein (Sueton) O seltenes Glück der Zeiten, in denen du sagen darfst, was du willst, und sagen kannst, was du denkst (Tacitus) Diejenige Regierung wird die gewaltsamste sein, wo einem jeden die Freiheit, zu sagen und zu lehren, was er denkt, verweigert wird (Spinoza) Wer immer die Freiheit einer Nation abschaffen möchte, muss damit beginnen, die Redefreiheit zu unterdrücken (Franklin) Die Regierungen, welche die Freiheit der Rede unterdrücken, weil die Wahrheiten, die sie verbreitet, ihnen lästig sind, machen es wie die Kinder, welche die Augen zuschließen, um nicht gesehen zu werden (Börne, Baruch) Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann vor allem das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen (Orwell) Unsere Republik und unsere Presse werden gemeinsam aufblühen oder untergehen (Pulitzer) … Kann man endlos fortsetzen. Fortschritt? Mit Fortschritt bezeichnen gewisse Leute die Zerstörung, die sie anrichten...
Für mich ist die taz ein deutschenfeindliches, kommunistisches Schmierblatt. Je eher die verschwinden umso besser. Aber... Aber hier würde ich taz in Schutz nehmen wollen. Die taz folgt mit der Zurückweisung des Textes von Chaim Noll nur der Blattlinie. Das würde andere genauso machen oder glaubt jemand die Junge Freiheit oder die PAZ würden positive Texte zur unkontrollierten Masseneinwanderung drucken? Das andere Kommentatoren jetzt die Pressefreiheit in Gefahr sehen kann ich ebenfalls nicht nachvollizehen. Die wäre in Gefahr, wenn es der taz staatlicherseits verboten wäre solche Meinungsstücke zu veröffentlichen oder wenn wir wieder die preußische Nachzensur des Vormärz einführen würden. Es gibt eine Verengung der Meinungsfreiheit auf einen politisch korrekten Meinungskorridor. Wer den verläßt wird diskreditiert, man unterstellt ihm per se rechtes Denken. Subtext rechts gleich rechtspopulistisch, gleich rechtsextrem, gleich rechtsradikal, gleich Nazi. Ich wundere mich eher, dass Herr Noll sich wundert. Von der taz hätte ich nichts anderes erwartet. Ich habe mir Sarrazins Buch vorgestern beim (rechtsradikalen) Antaios - Verlag Götz Kubitscheks bestellt, nachdem unbequeme Bücher bei Amazon gerne mal nicht angeboten werden. Ich befürchte Sarrazin wird recht haben.
Die Reichweite von achgut ist deutlich höher als jene der TAZ, und jetzt weiß man auch warum. Lieber Herr Noll! Zitate von Ihnen fließen mir inzwischen schon leicht aus der Hand, ich brauche sie immer häufiger. Um einander zu verstehen, müssen wir über das sprechen, was uns unterscheidet, sagte Chaim Noll. Dieser klare Satz wird heute in Zeiten der Frohen Botschaft multikultureller Toleranz völlig übersehen und die TAZ ist ein weiterer Beleg dafür. Wir alle sind auf Ihren Kommentar gespannt. Für mich ist die neue Analyse von Thilo Sarrazin das Buch des Jahrhunderts, keines wird wichtiger sein, auch weil er sich an eine Vorgabe von Karl Popper hält, nämlich klar und verständlich zu formulieren - und die TAZ schläft weiter immer lauter vor sich hin.